Ein lebensgefährliches Gedränge herrscht vor dem Friedhof, der hoch über der Stadt liegt und einen Blick auf das Eis- und Felspanorama der Anden bietet, der sich mit dem schönsten in der Welt messen kann. Auto auf Auto rattert heran. Wo kommen sie nur alle her? Und in ihnen leuchtet es in bunten Farben. Was sonst barfüßig, lastenschleppend über das holperige Pflaster trottet oder von früh bis spät auf dem Markt oder in den kleinen Kramläden auf dem Boden hockt, kommt heute im Auto daher. Besonders die Cholas, die Mischlingsfrauen, prangen in ihrem ganzen Staat. Seidene Tücher über weit abstehenden, kurzen Brokatröcken, graue oder lichtgelbe elegante Schnürstiefel, die bis über die halbe Wade reichen, die Ohrläppchen heruntergezogen von den schweren Perlengehängen. Auch die Indianerinnen, die sonst von Schmutz starren, sind heute in neuen, bunten Tüchern. Es flimmert, leuchtet und flammt in allen Farben.
Kaum kann die Kette der Schutzleute vor dem Gittertor des Friedhofes die Masse bändigen. Man ist zivilisiert in La Paz und duldet die tollsten Orgien nicht auf dem Friedhof. So trifft man eine Auswahl unter denen, die hineindürfen.
Diese Glücklichen lassen sich zwischen den Gräbern nieder. Erst ein Gebet, dann werden die Körbe ausgepackt. Wie riesige farbige Blumen sehen die kauenden, schmausenden Frauen in ihren bauschigen Röcken zwischen den niederen Miniaturgewölben auf den Gräbern aus.
Das andere Volk aber lagert sich rings um den Friedhof. Er wäre ja auch viel zu klein, all die Tausende aufzunehmen. Bis weithin an den Rand der Puna, der Hochfläche, leuchtet es bunt wie Frühlingsblumen in den Wiesen und in den Gerstenfeldern.
In zwei in spitzem Winkel aufeinanderstoßenden Reihen sitzen sie, auf der einen Seite die Männer, auf der andern die Frauen. In der Mitte zwischen den Vorräten die einladenden nächsten Angehörigen der Verstorbenen. Eine alte Frau teilt aus. Sie häuft die Teller: Kuchen, Früchte, Zuckerrohr. Die bereits Bedachten warten mit dem Teller auf den Knien, bis alle versehen sind. Dann ein Gebet und ein Kreuzschlagen, und mit einem Ruck werden als erste die Schnapsgläser geleert, die zwischen Kuchen und Früchten standen.
Ja, Schnaps! Das ist ja das Wichtigste. In mächtigen Blechkannen wurde er heraufgeschleppt. Und ein Mädchen steht auf, macht die Runde mit solch einem Blechtopf und schenkt immer wieder ein.
Lallen und Rufen, Schwelgen und Lallen, und dazwischen das monotone Murmeln von Gebeten. Bis irgendwo die erste Flöte erklingt, und der erste Tanzrhythmus anhebt. Einer steht auf: „Unser Toter war fröhlich in seinem Leben, und er will, daß auch wir es sind.“ Das ist das Zeichen zum Tanz. Freilich die hauptstädtische Polizei schließt früh die Friedhofstore. So zieht sich der zweite Teil des Festes immer mehr auf die Felder, die Umgebung und in die Häuser zurück.
Hier aber tönen jetzt in der Dämmerung überall die Rohrflöten zu den großen Trommeln. Und wer es hat, leistet sich noch ein paar Blechinstrumente dazu.
Inkamusik! Uralte Melodie. Sie kennt nicht mehr als fünf Noten. Es ist ein monotoner, aber unheimlich aufreizender Klang. Ein Rhythmus, der das Blut peitscht.