Sie tanzen. Ein einförmiges Stampfen und wildes Drehen. Die Röcke fliegen. Die Köpfe schaukeln im Takt. Nicht Ordnung noch Regel gibt es bei diesem Tanz. Da tanzen Mann und Weib, erhitzen sich immer mehr, greifen sich, fassen sich bei den Händen, wirbeln eng aneinandergepreßt. Da tanzt ein Mann allein oder eine Frau. Oder einer greift sich zwei Frauen oder ein Mädchen zwei Männer.
Die Nacht fällt. Unermüdlich quäkt die Rohrflöte, dröhnt die Trommel. Das Blut brennt, die Leiber taumeln. Aus dem lehmgestampften Hof schwankt ein Paar hinaus. Männer werfen Mädchen zwischen den grünen Halmen der jungen Gerste zu Boden. „Ya bailó“, „sie tanzte schon“, sagt man von dem Mädchen, das seine Jungfernschaft verlor. Es ist keine Schande, im Gegenteil. Es ist Bestimmung und Wunsch der Toten. Tod fordert Zeugung. Die Flöte quäkt. So sproßt aus dem Fest der Toten neues, junges Leben.
44. Indianerwallfahrt.
Copacabana (bolivianisch-peruanische Grenze).
Sobald der Dampfer die Enge von Tiquina hinter sich hat, beginnt der Tag zu sinken. Wie eine dunkle Masse hebt sich bald über die Flut die Sonneninsel des Titicacasees, deren Zacken eben noch scharfe Konturen in den Horizont schnitten.
Dämmer und Nebel weben. Es ist, als stiegen Gestalten aus dem See, dessen Inseln und Ufer Sitz und Wiege der Urvölker des Kontinents waren. Seine Wasser spülen an die Kaimauern der längst versunkenen Metropole Tiahuanacu. Von der Sonneninsel aus traten die Inkas ihren Eroberungszug an. Schatten vergangener Zeiten umwallen das Schiff. Das Herz klopft lauter.
Plötzlich erklingen Glocken hell und stark. Der volle Mond steigt auf, die Nebel versinken, die Schatten zerreißen. Unmittelbar aus dem See erheben sich steile Felsen, dazwischen öffnet sich ein weites Tal, aus dem die Glocken tönen. Licht schimmert.
Copacabana, die Wallfahrtskirche, die als kostbaren Schatz die „heilige Jungfrau vom See“ birgt, nimmt jetzt den Platz ein, wo ehemals Inkapriester opferten. Die Glocken klingen lauter, der Spuk versinkt.