Es ist spät geworden, als ich mich verabschiede. Schon ist der die Luft füllende Staub golden von der sinkenden Sonne.
„Buenas noches, caballeros!“ Mit vollendeter Ritterlichkeit ziehen die braunen Gestalten, von denen mehr als einer aussieht wie ein Strolch, die Hüte und schütteln mir kavaliermäßig die Hand. Es ist wohl nicht nur das alte stolze Indianerblut in jedem von ihnen, sondern auch ihre ritterliche, reiterliche Tätigkeit, die ihnen nur das Leben im Sattel, die Arbeit mit Peitsche, Lasso und Messer als die einzig manneswürdige erscheinen läßt.
9. Deutsche Kolonien in Santa Fé.
San Geronimo.
Der leichte Fordwagen jagt hüpfend und stoßend über die löchrige Straße, die sich neben den Drahtzäunen hinzieht. Zwischen den kleinen Weiden, auf denen das Vieh enger beisammen steht, Felder mit Korn und Mais. Der Charakter der Landschaft wird fast norddeutsch. Darüber ein blauer Himmel mit getürmten Haufenwolken, wie man ihn oft im bayerischen Hochland sieht. Dabei aber sitzt es auf den Wegen gelb und grünlich und orangerot von Schmetterlingen, wie Blütenfall.
Die erste Kolonie, die wir passieren, ist San Carlos. Es bedürfte nicht der Worte des Begleiters, um zu wissen, daß hier Italiener wohnen. Im nächsten Ort, der Anklänge an die Normandie zeigt, wohnen Franzosen, bis wir in San Geronimo ankommen, das Schweizern und Deutschen gehört. Friedliche, saubere Häuser mit großen Blumengärten, mit Sträuchern und Obstbäumen. Beides kennt der Eingeborene nicht. Es ist ihm zu mühsam. „Obst kommt nicht“, antwortet er, wenn man ihn frägt, oder: „Die Heuschrecken fressen es ja doch.“ Aber die Deutschen und Schweizer pflanzen es, und es gedeiht, trotzdem gerade hier die Heuschreckenplage besonders groß ist, wie die rings um das Dorf gleich Wällen aufgestellten Bleche künden, die vor der anmarschierenden Brut schützen sollen.
An der weiten grünen Plaza die Kirche. Daneben blütenumrankt das Pfarrhaus. Der Pater, der seit dem Kriege keinen Deutschen von drüben sprach und dessen Fragen, wie alles kam, kein Ende nehmen wollten, blätterte in der Chronik: Vor etwa 60 Jahren, im März 1857, kamen die ersten Deutschen herüber, 80 Familien aus der Gegend von Mainz, die das benachbarte Esperanza gründeten, heute eine blühende Stadt. Ein Jahr später kamen Schweizer aus dem Wallis und legten den Grund zu San Geronimo.
Später sitze ich bei alten Kolonisten, die jene Zeit noch als Kinder erlebten, und lasse mir erzählen, wie hart der Anfang war. Wohl hatte die Regierung das Land umsonst gegeben. Aber der erste Weizen mußte mit Hacken und Rechen in den Boden gelegt und mit der Sichel geerntet werden. An Nahrung gab es nur Fleisch von den benachbarten Estancieros. „18 Monate hatten wir kein Brot,“ erzählte der alte Kolonist aus dem Hessischen, „und unmittelbar vor dem Hause konnte man die Rehe schießen.“