Die damals hart und schwer um des Lebens Notdurft ringen mußten, sind heute müde und alt. Aber sie sind alle reich geworden. Nach deutschen Begriffen zum Teil Millionäre.
Noch ist San Geronimo deutsch, aber es gilt einen harten Kampf, es deutsch zu erhalten. Gibt es auch Familien, in denen noch die Enkel deutsch sprechen, so doch auch andere, in denen bereits die zweite Generation nur Spanisch kann. Als Kaufleute sind Argentinier ins Dorf gekommen, die Peone sind Eingeborene, der Schulunterricht ist spanisch. Halten die Eltern nicht streng darauf, daß im Hause deutsch gesprochen wird, so lernen die Kinder nur das ihnen viel leichter fallende Spanisch. Der Pater klagte mir sein Leid. Er kämpft tapfer für das Deutschtum und unterhält eine Privatschule, in der in Deutsch unterrichtet wird. Sie wird immerhin von 140 Knaben besucht, während die Mädchen deutschen Unterricht von — man höre und staune! — französischen Schwestern erhalten. So gibt es also doch noch Inseln, denen der Haß fernblieb.
Die Grundlage des Wohlstandes in San Geronimo wie in allen andern Kolonien ist der Weizenbau. Heute wird jedoch nach und nach die Ackerwirtschaft durch reine Viehwirtschaft ersetzt. Eine ganze Reihe von Gründen sprechen mit: einmal die Erschöpfung des Bodens, die Unsicherheit des Getreidebaues, bei dem einige schlechte Jahre mit Trockenheit und Heuschrecken um jeden Gewinn bringen können, während Viehzucht einen ständigen und sicheren Ertrag gewährt. Je weniger Getreide gebaut wird, desto weniger lohnt es sich für Dreschmaschinenunternehmer zu kommen. Mit ihrem Fernbleiben geht der Körnerbau weiter zurück, und heute baut San Geronimo nicht einmal mehr so viel Getreide, um den eigenen Bedarf zu decken.
So sind heute die Bauern zu dem Betrieb der Estancien, zur Viehhaltung, zurückgekehrt, allerdings einer wesentlich intensiveren, deren Grundlage die Milchwirtschaft ist. Nötig ist dies ja bereits durch die viel geringere Bodenfläche, über die die Chacra, das Bauerngut, verfügt.
Ursprünglich erhielten die Kolonisten von der Regierung nur eine Konzession, kinderreiche Familien zwei. Diese alten Konzessionen messen 33 Hektar, die neuen 25. Fast alle Kolonisten aber konnten ihren Besitz durch Kauf erweitern. Es gibt heute Kolonisten mit 20 Konzessionen. Die Regel aber sind vier bis sieben. Eine Familie kann etwa vier noch ohne Hilfe bewirtschaften. Die Kinder gehen sämtlich wieder in die Landwirtschaft. Der Besitz wird unter sie geteilt. Durch Zukauf sucht man eine allzu weitgehende Verkleinerung der Chacras zu verhindern.
Auf einer alten Konzession lassen sich zirka 60 Stück Rindvieh halten, so daß selbst ein kleiner Kolonist über größere Herden verfügt als ein deutscher Gutsbesitzer. Die Milch wird an Molkereien verkauft, für 6 bis 7 Centavos das Liter. Es gibt eine genossenschaftliche Molkerei am Ort, andere liefern nach Rosario oder Santa Fé oder direkt nach Buenos Aires. Die Magermilch dient der Schweinemast. Mit einer Kaseinfabrik ist der Anfang landwirtschaftlicher Industrie gemacht. Dazu kommen Hühnerzucht und Obstbau.
Infolge dieses intensiven Betriebes sind die Landpreise außerordentlich hoch. Eine alte Konzession von 33 Hektar kostet 12–14000 Peso. So kommt diese Gegend für Einwanderer nicht in Frage, höchstens um zu lernen, oder allenfalls als Pächter.
Einer der Kolonisten zeigt mir eine seiner Chacras, eine halbe Autostunde vom Ort. Die fünf Konzessionen, die sie mißt, sind an einen Italiener, einen ehemaligen Österreicher, verpachtet. Er ist als Medianero auf halben Gewinnanteil gesetzt. Aus der Milch allein zieht er als seinen Anteil im Jahr 3000 Peso. Daneben hat er aber auch von einer halben Konzession 326 Zentner Mais geerntet.
Ein großer Obst- und Blumengarten umprangt das Haus. Kaum eine Fruchtart fehlt da: Pfirsiche, Aprikosen, Äpfel und Birnen, von denen man im allgemeinen behauptet, daß sie hier nicht kämen, Quitten, Orangen, Mandarinen, Pflaumen, Feigen und selbst Dattelpalmen. Die meisten Bäume, die dicht voll Früchte hängen, sind 30 bis 40 Jahre alt, aber in einem Teil des Gartens steht auch eine Hecke dünner, doch immerhin übermannshoher Stämmchen. Sie ist aus Pfirsichkernen entsprossen, die im vorigen Jahr in den Boden gelegt, und an einem und dem andern der ein Jahr alten schmucken Bäumchen hängt bereits seidenweich und rund ein großer Pfirsich. Wäre nicht die Heuschreckenplage, das Land wäre das Paradies!
Auf der andern Seite ist der Corral, in den die Kühe zum Melken getrieben werden. Er ist besser eingerichtet und sauberer als die Tambos der Estancien. Die eine Seite nimmt eine offene Halle ein, in der die Kühe bei schlechtem Wetter gemolken werden. Weiterhin ist eine Einzäunung für Schweine, und gackernd laufen über den Hof Hunderte von Hühnern, bei dem billigen Futter und den hohen Eierpreisen — hier draußen 50 Centavos das Dutzend — sicher kein schlechtes Geschäft.