Bergarbeiterheim.
Salpeteroficina.
Patagonien ist für den Europäer im allgemeinen ein Begriff, unter dem er sich nicht viel vorstellen kann. Bestenfalls hat er ein unklares Bild von Wüste und Steppe, von winddurchwehter, eisiger Hochfläche, auf der Indianer und Schafe ein kümmerliches Dasein fristen. Aber auch der Argentinier der zentralen Provinzen und des Nordens besitzt, soweit er nicht geschäftliche Verbindungen nach dort unten hat, kaum eine bessere Kenntnis dieses Teiles seiner Heimat, der sich über nicht weniger als 18 Breitengrade erstreckt. Die meisten, zu denen ich von meiner Absicht sprach, Patagonien zu bereisen, meinten erstaunt: „Was wollen Sie da? Das ist die reine Wüste, höchstens für Schafzucht geeignet. Im übrigen kommen Sie da bereits bald in den Winter.“ Allerdings wird in dieses Urteil das Rio-Negro-Gebiet nicht eingeschlossen, das zwar nominell zu Patagonien gehört, aber einen Begriff für sich bildet, da die klimatischen und infolge der künstlichen Bewässerung auch die wirtschaftlichen Verhältnisse völlig andere sind als im mittleren und südlichen Patagonien.
Der Zug füllt sich. Estancieros und Chacreros, die nach kurzem Besuch in der Hauptstadt auf ihre Besitzungen zurückfahren, vor allem aber Kaufleute, Geschäftsreisende, Aufkäufer und Arbeiter, die zur Alfalfa- und Obsternte an den Rio Negro fahren. Vom Kupeefenster aus sieht man den Strom am Zug entlang streichen, und unter all den dunkelfarbigen, schwarzhaarigen tauchen mit einem Male ein paar blauäugige helle Blondköpfe auf. Junge Burschen in Lodenanzügen, die ihre Säcke schleppen. Auf den ersten Blick unverkennbar deutsche Offiziere, die mit Fahrkarten der Einwanderungsbehörde nach dem Süden fahren, um sich dort am Rio Negro oder in der Kordillere eine neue Existenz zu gründen.
Immer wieder stößt man auf das eine schwere Problem: da Frachtraum und mehr noch Valutanot es nicht ermöglicht, den gewaltigen Überschuß dieses Landes an Nahrungsmitteln dem hungernden Deutschland zuzuführen, sollte es da nicht gehen, all denen, die in Deutschland weder Brot noch Arbeit finden, hier eine neue Heimat zu schaffen?
Die Reise im Zwischendeck kostet beim heutigen Kurs 5000 Mark, der Aufenthalt in Buenos Aires selbst bei bescheidensten Ansprüchen 2–3000 Mark für den einzelnen. Es gehört also ein kleines Vermögen dazu, um nur herüberzukommen und hier mit nichts anfangen zu können. Und doch! — Wenn sich hier nur Menschen fänden, die statt zu debattieren und zu verhandeln rasch und tatkräftig helfen wollten!
Drei Richtungen stehen sich in der Siedlungs- und Kolonisationsfrage gegenüber. Jene, die den Einwandererstrom nach dem subtropischen Norden, in den Chaco, nach Formosa und Misiones, lenken wollen, die andern, die nur auf die zentralen Provinzen schwören, auf Buenos Aires, Santa Fé, Cordoba, Entre Rios und allenfalls die Pampa, und schließlich jene, die nur den Süden gelten lassen.
Auf eine kurze scharfe, aber leider im allgemeinen zutreffende Formel gebracht, kann man sagen: Die Herren in Buenos Aires halten stets die Gegend für die geeignetste zur Kolonisation, in der sie Kampe liegen haben, die sie entweder anbringen wollen, oder für die sie durch intensivere Wirtschaft fleißiger Kolonisten Wertsteigerung erhoffen. Die zentralen Provinzen haben das eine für sich, daß der Einwanderer auf gutes Land und in Verhältnisse kommt, die den europäischen verhältnismäßig am ähnlichsten sind. Da hier jedoch der Hektar 300, 400, 500 und mehr Peso kostet, ist es mir unklar, woher die Mittel hierfür aufgebracht werden sollen.