Die Geschichte mancher Städte des Landes ist nicht anders als in der Union. Vor achtzig, neunzig Jahren noch ein Indianerfort, vor einem Menschenalter ein Dorf, heute eine blühende moderne Stadt. Als typisches Beispiel mag man Bahia Blanca nehmen, aber auch dafür, wie sehr die Kurve des Erfolges in diesem Lande nicht nur für den einzelnen, sondern auch für ganze Gemeinwesen auf und ab geht, und wie auf übersteigerte Hoffnungen und Erwartungen empfindliche Rückschläge folgen.

Wenn man die Lage Bahia Blancas auf der Karte ansieht, drängt sich der Gedanke auf, daß diese Stadt, an einem natürlichen Hafen gelegen, der gegebene Mittelpunkt des Südens der Republik werden müsse. Orientiert man sich aber näher, so muß man wie überall die verschiedensten Urteile hören, die wie in allen Fragen von den größten Erwartungen bis zu dem pessimistischsten Urteil variieren, daß Bahia Blanca keine Zukunft habe und der Höhepunkt seiner Entwicklung bereits überschritten sei.

Es ist nicht leicht, sich in dem Widerstreit der Meinungen ein eigenes Urteil zu bilden. Sicher ist, daß das Übergewicht von Buenos Aires wie auf der Entwicklung jeder argentinischen Stadt auch auf der von Bahia Blanca lastet. Eine Möglichkeit, dieses Übergewicht wenigstens in etwas zu paralysieren, schien gegeben, als die Regierung der Provinz Buenos Aires aus der gleichnamigen Landeshauptstadt hinausverlegt werden sollte, um die bisherige Reibung zwischen den Verwaltungen der Provinz und des Landes zu verringern. Damals wäre Bahia Blanca die gegebene Hauptstadt der Provinz Buenos Aires gewesen. Allein den Politikern schien die Stadt wohl zu langweilig und abgelegen, und so entschloß man sich, in „La Plata“ in nächster Nähe der Metropole Buenos Aires aus dem Nichts eine Provinzhauptstadt zu schaffen, die trotz der großen Gelder, die man an sie wandte, doch nie etwas anderes werden kann als eine Vorstadt der Landeshauptstadt, und die südliche Metropole mit ihren völlig anderen Verhältnissen und Bedürfnissen wird nach wie vor vom Norden aus regiert.

Unter diesen Umständen ist es verständlich, daß sich in Bahia Blanca zeitweilig Autonomiebestrebungen geltend machten und der Wunsch, die Hauptstadt einer eigenen Provinz zu werden, die aus dem Süden der Provinz Buenos Aires sowie Teilen der Gobernacionen Pampa Central und Rio Negro bestehen sollte. In der Zeit vor dem Krieg waren diese Autonomiebestrebungen mehr wirtschaftlicher Art, und man versuchte durch direkte Schiffahrtslinien vor allem einen Teil des Auswandererstromes direkt nach Bahia Blanca zu leiten. Der Krieg jedoch und sein Ende mit seiner zeitweisen Ausschaltung der deutschen Schiffahrtslinien hat diese Bestrebungen und Hoffnungen auf lange Zeit zerstört. Der Auswandererstrom geht nach wie vor ausschließlich nach Buenos Aires, und es ist Zufall, wenn einzelne nach Bahia Blanca verschlagen werden.

Bahia Blanca ist nicht weniger langweilig und reizlos als die meisten argentinischen Städte, und auf den ersten Blick sieht man der Stadt, die weit vom Meer und den eigentlichen Hafenanlagen abliegt, ihre große wirtschaftliche Bedeutung nicht an. Die mächtige Plaza im Zentrum, die ehemals als Corral diente, in den nachts das Vieh vor räuberischen Überfällen der Indianer in Sicherheit gebracht wurde und auf der noch bis zum Jahre 1902 die Kühe einer benachbarten Molkerei weideten, ist heute allerdings durch Palmenalleen und Blumenbeete in einen Garten verwandelt. Auch sonst gibt sich die Stadtverwaltung die größte Mühe, Bahia Blanca einen möglichst großstädtischen Anstrich zu verleihen; dabei streift sie allerdings mitunter die Grenze des Lächerlichen. In Buenos Aires ist in der Hauptgeschäftsstraße, der „Florida“, von 6 bis 8 Uhr jeder Wagenverkehr verboten, da die enge Straße kaum die Masse der Fußgänger zu fassen vermag. Entsprechend ist auch hier die Hauptgeschäftsstraße in der gleichen Zeit ausschließlich für Fußgänger vorbehalten, obwohl sich die Zahl der Passanten wie der Fuhrwerke um ein Vielfaches vermehren müßte, ehe von irgendwelchem Gedränge überhaupt etwas bemerkbar wäre.

Aber kommt man in der Hauptgeschäftszeit in ein Kontor der großen Getreide- oder Wollfirmen, so gibt einem das Kommen und Gehen sowie das unaufhörliche Telephonieren doch zu denken. Es ist der Höhepunkt der Getreidebörse. Die Preise schwanken von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde, so daß das Geschäft, wie fast alles hier, in hohem Maße Spekulation ist. Die Getreidehändler stehen daher in ständiger telephonischer Verbindung mit ihren Aufkäufern in den Zentren der Getreideproduktion, teilweise haben sie sogar eigene Leitungen.

Dem Bild, das Zahlen übermitteln, fehlt immer die Anschaulichkeit. Man muß die Bahnstrecke nach Pringles und Tornquist hinausfahren, um einen Begriff von den ungeheueren Mengen des produzierten Getreides zu bekommen. Schnitt und Drusch sind zu Ende, und zu der Station bringen die zehn-, zwölf- und mehrspännigen Wagen die Säcke angefahren. Hier werden sie gestapelt und häufen sich zu gewaltigen Bergen. Auf der ersten Station sieht man staunend die erste Kette von Getreidebergen, auf der zweiten, auf der dritten und so fort das gleiche Bild. Die Menge des in den Hafenanlagen angefahrenen Getreides ist so groß, daß alle Geleise verstopft sind, und die Bahnverwaltungen die Zufuhr bis auf weiteres gesperrt haben.