Hier bei Puerto Montt endigt für den Durchschnittschilenen sein Land. Früher war dies an der Frontera der Fall, bis die deutschen Einwanderer die Grenze des Kultur- und Machtbezirkes Chiles um einige hundert Kilometer nach Süden verschoben.

Chiloé, die nördlichste und größte der dem Festland vorgelagerten Inseln, ist noch bekannt. Hier führt eine Bahn von Ancud bis Castro, und vor einer Reihe von Jahren versuchte die Regierung auf Grund eines großangelegten Kolonisationsplanes die Insel zu kolonisieren. Trotz der guten Erfahrungen, die mit der deutschen Einwanderung gemacht waren, fürchtete man doch das allzu starke Überwiegen einer fremden Nationalität in geschlossener Siedelung und siedelte deshalb auf Chiloé Deutsche, Engländer, Franzosen und Holländer durcheinander an, möglichst fremdartige Nationen einander benachbart. Der Erfolg war, daß die meisten der Kolonisten, die sich gegenseitig weder verstanden noch helfen konnten, wieder abwanderten. Nur ein paar Deutsche und Holländer blieben.

Berühmt ist Chiloé wegen seiner Kartoffeln. Aber man klagt über die geringe Verwertungsmöglichkeit infolge der hohen Frachten.

Auf dem gegenüberliegenden Festland aber hört tatsächlich die Welt auf. Man sagt sich verstandesmäßig, daß die Täler dieses Gebietes wenigstens in ihrem nördlichen Teile von den blühenden Kolonien am Llanquihue nicht so sehr verschieden sein können und die gleichen Siedlungen, die gleichen Kolonisations- und ackerbaulichen Möglichkeiten bieten müssen, und daß auch in dem weiter südlich gelegenen Gebiet des Territoriums Magallanes, das klimatisch und landschaftlich norwegischen Fjords gleicht, infolge seines Holz- und Fischreichtums sich große Möglichkeiten eröffnen müssen.

Bei meinem ersten Besuch auf dem Kolonisations- und Einwanderungsamt in Santiago erkundigte ich mich sofort nach Plänen und Angaben über dieses Gebiet. Pläne gab es nicht, und im übrigen bekam ich die verblüffende Antwort: „sirve para nada“ (das hat überhaupt keinen Wert).

Die fraglichen Gebiete sind durchweg mit altem Hochwald bestanden, zum Teil mit dem wertvollen Holz der Alerce, eines in Chile einheimischen Nadelbaums. Die Golfe, Kanäle und Flüsse sind ebenso reich an Fischen wie an Choros, den Seemuscheln, die überall in Chile gern gegessen und hochbezahlt werden. Auch die Möglichkeiten für Ackerbau und Viehzucht können nicht ganz von der Hand gewiesen werden.

Aber in gewissem Sinne hatte der Beamte doch recht. Das Land ist wertlos, wenn auch nur gegenwärtig, und zwar um der verwickelten Besitzverhältnisse willen, die dort unten herrschen. Ich erlebte in der Folge bald selbst ein schlagendes Beispiel dafür.

Auf Grund eines Interviews, das in der größten chilenischen Zeitung, dem „Mercurio“, stand, in dem auch die Rede war von meiner Aufgabe, die Kolonisationsmöglichkeiten zu studieren, erhielt ich eine ganze Reihe von Antworten und Zuschriften. Einer derselben, die ganz besonders verlockend erschien, ging ich nach. Es handelte sich um eine ganze Halbinsel gegenüber Chiloé in der Größe von 50000 Hektar. Der Kaufpreis schwankte zwischen 5 und 30 Peso der Hektar. Der Besitztitel, ein ganzes Buch mit einem Vermögen von Stempeln darauf, war ordnungsmäßig ausgefertigt. Als ich jedoch die Unterlagen mit einem Regierungsingenieur, der die Gegend genau kannte, überprüfte, stellte sich heraus, daß dieses Land zwei Besitzer hatte, die beide ordnungsgemäße Titel in Händen hatten. Ein neuer Käufer müßte sich also zum mindesten mit den beiden bisherigen Besitzern auseinandersetzen, wobei keineswegs ausgeschlossen wäre, daß mit der Zeit nicht noch weitere Besitzer auftauchten.

So kam ich dazu, mich mit der Frage der Besitztitel in Südchile näher zu befassen. Hier liegen die Verhältnisse besonders verwickelt. Wer, sei es von der Regierung, sei es von Privaten, Land kauft, dessen Titel nicht ganz einwandfrei und siebenmalsiebenmal geprüft sind, riskiert einen Rattenkönig von Prozessen mit einem Dutzend plötzlich neu aufgetauchter Besitzer, die alle Rechte auf sein Land geltend machen.