Dampfer „Taltal“ im Pazifik.

Es sind andere Bäume und sie tragen andere Namen — roble, quila, alerce —, die die dichten Wälder Südchiles bilden, aber oft könnte man doch meinen, es sei deutsches Land, schwermütiger, träumerischer deutscher Wald.

In diesem Wald hängt fremdartig wie ein Märchen die Blume, die Chiles Volk sich als Nationalblume erkor: die Copihue. In dichten Dolden schlingt sie sich um die Äste und tropft in schweren roten Blüten herab mit langen, schmalen, purpurnen Kelchen gleich Tropfen heißroten Blutes, die langsam und schwer aus tödlich getroffenem Herzen sickern.

War es die Erinnerung an die mit Blut geschriebene Eroberungsgeschichte ihres Landes, welche die Chilenen diese Blume zur Lieblingsblume wählen ließ? Oder ist sie dem Andenken des tapferen stolzen Volkes geweiht, das den Spaniern den zähesten Widerstand in ganz Amerika entgegenstellte, den sie erst nach unerhörtem Kampfe besiegen konnten, eigentlich erst nachdem sie seine Kraft durch den Alkohol gebrochen, und dessen Überreste jetzt einem tragischen Ende entgegengehen?

Auf dem Marktplatz von Temuco sieht man die ersten Araukaner. In der sonst so biederen, sauber blanken Stadt wirken die kleinen schwarzen Gestalten wie ein Faschingsscherz. Der Mann im bunten Poncho, die Frau mit Stirnbinde, Bänder in den straffen schwarzen Zöpfen, und die ganze Bluse mit reichem Silberschmuck behängt. Es sind keine schönen Frauen und Mädchen, aber sie haben märchenhaft kleine, schmale Hände und Füße.

Auf dem Wege, der von Las Casas hereinführt, begegnet man ihnen in langen Zügen, wie sie auf uralten Ochsenkarreten, mit Baumstammscheiben als Rädern, ihr Gemüse und Korn nach der Stadt fahren. Oft der Mann hoch zu Pferd, die Frau lastenbeladen, mit ihren kleinen Füßen im Schlamm daneben trippelnd. In den Straßen von Santiago sieht man die gleichen kleinen Hände, die gleichen Füße, die gleichen Züge, wie sie der Mann auf dem Pferde hat. Fließt doch ein gut Teil araukanisches Blut im heutigen chilenischen Volk, und es sind nicht die schlechtesten Eigenschaften, die die Chilenen der araukanischen Blutmischung danken.

Sie haben es ihnen schlecht vergolten. Die Araukaner, die eigentlich nie ganz unterworfen waren, wurden mit List und Gewalt um ihren Besitz gebracht. Es gab eine Zeit, wo es ein einträglicher Sport war, Araukaner betrunken zu machen, um ihnen dann in der Trunkenheit um ein Spottgeld ihr Land abzunehmen. Leider blieben auch die eingewanderten Deutschen daran nicht unbeteiligt, und mancher deutschchilenische Millionär in Osorno und Valdivia dankt solch unsauberem Landgeschäft seiner Vorfahren Besitz und Stellung.

Endlich besann sich die chilenische Regierung darauf, welch wertvolles Volkselement sie in den Araukanern besaß. Es wurden Vormunde für die Indianer eingesetzt und Geschäfte mit den Indianern ohne deren Zustimmung für ungültig erklärt. Zu spät! Überdies kehrte man sich vielfach nicht an die gesetzlichen Bestimmungen, und um für alle Fälle sicher zu sein, überfiel man die Indianer und schlug sie einfach tot. Die Rasse stirbt.

Bayerische Kapuziner sind es, die sich ihrer Rettung gewidmet haben. Draußen in Las Casas ist ihr Stammhaus. Schon sieht man ihre Spuren. Die Straße, die bisher ausgefahren, voller Löcher, unergründlich war, wird mit einem Male eben und glatt. Ein sauberer Zaun. Dahinter ein Blumengarten, dann Kirche und Kloster.