Nach Überschreitung der Küstenkordillere führt die Bahn plötzlich ans Meer, und an den reichen Villen des Seebades Viña del Mar vorbeigleitend baut sich unmittelbar das Panorama Valparaisos überwältigend auf. Die Stadt scheint zwischen dem blauen Pazifik und den steilen Felsen kaum Platz zu haben, und so klettert Haus um Haus terrassenförmig die Felsen hoch. Einige Straßen sind asphaltiert, andere muß man bergmäßig über Geröll und Gerinne ersteigen, und an Regentagen mögen sie sich in wahre Sturzbäche wandeln, wie die Sandsacksicherungen vor den Fenstern an der Rückseite der gegen den Fels gelehnten Häuser zeigen.
Valparaiso ist nichts als Hafen, Stadt am Meer, im Meere fast. Stadt der Reeder, Stadt der Großkaufleute. Mochte im Weltkrieg, als der Verkehr durch die Magalhãesstraße aufgehört hatte und die Nordamerikaner den Panamakanal gesperrt hielten, hier auch vieles tot gelegen haben, heute ist es auf der offenen Reede, deren unbeweglicher Bläue man an stillen Tagen nicht ansieht, wie gefährlich hier der „Norder“ wüten kann, voll von kommenden und gehenden Schiffen. Fast jede Woche geht einer der großen Passagierdampfer durch den Panamakanal nach Europa oder den Vereinigten Staaten, und außerdem gibt es einige chilenische Dampfergesellschaften für den Lokalverkehr.
Die Zeiten sind gut für die Dampfergesellschaften. Der „Taltal“, der kleine schmucke Dampfer, von dessen Heck die chilenische Flagge weht und dessen tadellose Sauberkeit überrascht, liegt mit vielstündiger Verspätung noch immer im Hafen, als längst der volle Mond, einer riesigen Bogenlampe gleich, über der Bucht hochgezogen war. Kisten auf Kisten, Faß auf Faß, Alfalfabund auf Alfalfabund, und noch immer ist die Hauptladung noch nicht eingenommen, liegt in großen Prahmen wartend längsseits des Schiffes: einige hundert Kühe und Ochsen, die nach Antofagasta sollen.
Bei so viel Ladung bleibt für die Menschen kein Platz. Freilich die erste Kajüte mit bequemen Kabinen, Rauch- und Damensalon ist kaum halb voll. Aber die Zwischendecker werden von Fracht und Vieh immer enger zusammengepreßt. In dem Raume, der sonst bei jedem Schiff als Zwischendeck dient, steht in langen Reihen Ochse an Ochse, und immer mehr kommen vom Kran hochgezogen brüllend und strampelnd durch die Ladeluke in den Raum hinunter. Auf- und übereinander drängen sich die Tiere, die Ladeluke wird noch voll gestellt, und von den Peonen mit ihren Frauen und Kindern, die sich unten ein warmes Plätzchen sichern wollten, muß eins nach dem andern aufs offene Deck wandern, wo bereits eine Schicht Männer, Frauen und Kinder so enggedrängt aneinanderliegt, daß man kaum den Fuß dazwischen setzen kann. Auf dem breiten, bequemen Promenadedeck der ersten Kajüte schlendern ein paar einsame Nordamerikaner auf und ab.
Wie eine hohe Festungsmauer, die jedem Fremdling den Weg wehren will, baut sich die Küstenkordillere längs des Meeres auf, steil, steinig und unfruchtbar. Ein unfruchtbares, unzugängliches Land von Fels und Stein täuscht sie vor, und die Überraschung der ersten Spanier muß groß gewesen sein, hinter dieser Küstenmauer das frucht- und blütenreiche Längstal zu entdecken.
Allerdings wird diese reiche Vegetation immer spärlicher, je weiter man nach Norden kommt. In Coquimbo, wo der Dampfer am nächsten Tag gegen Abend einläuft, scheint das reiche Mittelchile im Elquital noch einen Ausläufer zu entsenden. Zwar die Felsen sind hier nicht weniger steinig drohend und laufen längs des Kammes in so scharfe Zacken aus, daß diese fast Baumwuchs vortäuschen. Allein die Dutzende von Booten mit Früchten, die ein Wettrudern nach dem Schiff veranstalten, zeigen an, wie gesegnet das Elquital ist.
Im Handumdrehen wimmelt das ganze Deck. Früchte werden ausgebreitet, unter den Zwischendeckern werden ganze Speiseanstalten aufgetan, aus großen Kesseln wird Hühnersuppe verteilt, einen Peso der Teller, gierig gekauft von den Zwischendeckern, deren Verpflegung nur dünne Bohnensuppe bildet. Dazu Früchte, Früchte in großen Mengen, Früchte, die man nicht kennt, die wie Mischung von Zitrone und Melone schmecken, oder mehr wie Gurke oder Kürbis.
Früchte und Überfluß an Lebensmitteln zum letztenmal. Am nächsten Tag in Taltal kommt kein Boot. Die kurzen, staubigen Straßen des kleinen Städtchens enden nur zu bald in Stein und Wüste. Dankt doch dieses selbst seine ganze Existenz nur dem Salpeter, der im Hinterland gefunden wird.
Copacabana am Titicacasee.