Dem Salpeter dankt Chile seinen Reichtum, aber auch die Verschärfung seiner sozialen Frage. Gewiß, der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit durchzieht die ganze Welt. Er muß auch in der Pampa zum Ausdruck kommen, ob aber in dieser scharfen, erbitterten Form? Man hört von gestürmten Oficinen, von erschlagenen Werkleitern, von Plünderungen, aber andrerseits auch von Gewalttaten gegen streikende Arbeiter, von ganzen Belegschaften, die von den Carabineros einfach in die Wüste getrieben wurden. In die Wüste, in der kein Halm wächst, in der kein Tröpfchen Wasser zu haben ist, wo die Sonne erbarmungslos sticht.
Man sagt mir, der Arbeiter verdient gut. Aber was sind 8, 10 oder selbst 12 Peso im Tag für die Arbeit und das Leben, das er führen muß? Dabei braucht ein Mann für das nackte Leben im Tag zweieinhalb bis drei Peso. Und alles, was der Arbeiter und seine Familie benötigt an Nahrung, Kleidung, Hausgerät, muß er in der Pulperia, der Werkkantine, kaufen, und die Werkleitung setzt die Preise fest.
Jede Oficina gibt ihr eigenes Geld aus, aus Kautschuk geprägte Fichas. Sie hinterlegt dafür eine gleichwertige Summe in Bankbilletten bei der Nationalbank. Das Kautschukgeld ist handlich und praktisch, aber auch sein sonstiger Zweck liegt auf der Hand. Es hat nur in der Salpeterzone Kurswert. Und dann: „Wenn die Arbeiter die Kasse stürmen,“ meinte der Zahlmeister zu mir, „so ist eben nicht viel verloren; die betreffenden Fichas werden dann einfach für wertlos erklärt.“ Zu ihrer Charakterisierung genügt schließlich, daß ihre Abschaffung ein Programmpunkt der radikalen Partei ist, die jetzt mit dem neugewählten Präsidenten Arturo Alessandri in Chile zum erstenmal zur Herrschaft gelangt.
Von manchen Werken wird allerlei an Wohlfahrtseinrichtungen getan. Man legt Plazas an, läßt Musikkapellen spielen, richtet Kinos ein. Aber ich habe auch Werke gesehen, in denen der Eintritt ins Kino für den Arbeiter einen Peso kostet, so daß die Werkleitung auch noch mit ihrer Wohlfahrtseinrichtung ein fettes Geschäft macht. Aber auch selbst wenn es wirkliche Wohlfahrtseinrichtungen sind, es bleibt ein Almosen. —
„Wenn die Regierung, die so viel an den Salpeterabgaben verdient, wenigstens darauf dringen wollte, daß die Werke hygienische, menschenwürdige Unterkunft schüfen!“ meinte der Unterbeamte, mit dem ich durch das Campamento ging. „In einem solchen Raum schlafen, wohnen und essen oft zehn Menschen zusammen.“
Bezeichnend für die bisherigen politischen Verhältnisse in Chile ist, daß die Arbeiter wohl das Wahlrecht haben, daß aber die Ausübung des Wahlrechts sehr erschwert ist, da sie dazu nach Antofagasta fahren müssen, fünf bis acht Stunden Bahnfahrt. Und da nur täglich ein Zug fährt, bedeutet das einen Lohnausfall von zwei bis drei Tagen, ganz abgesehen von den teueren Reisekosten.
Die Sonne brennt durch die Scheiben des Zuges. Die Wüste flimmert. Der Speisewagenkellner bringt Beefsteak mit Spiegelei, Preis 3,60 Peso. Die Frau, die es bestellt hat, trägt unter ihrem ärmlichen Kleid kein Hemd. Ihr gegenüber sitzt eine Bolivianerin in bunten Tüchern mit einem Säugling. Wie sie das Kleid abhebt, um den Säugling zu stillen, tropft von der braunen Brust langsam ein schwerer weißer Tropfen zu Boden.
33. Unter Vulkanen.
Ollague (chilenisch-bolivianische Grenze).