La Paz.

Sie wollen nach Bolivien? Und gar, um dort Einwanderungs- und Kolonisationsmöglichkeiten zu studieren? Nein, das lohnt wirklich nicht die Mühe. Minen, ja; wenn Sie Minengeschäfte machen wollen. Aber sonst, nichts als unfruchtbare Hochfläche oder fieberschwangere Tropen. Nein, es lohnt wirklich nicht die Mühe!

Das war das Urteil über Bolivien in Buenos Aires, und in Santiago lautete es nicht anders. Wenn so geurteilt wird, geschieht es nicht einmal so sehr aus Böswilligkeit als aus Unkenntnis. Was weiß man im allgemeinen von Bolivien? Ein Land im Herzen Südamerikas, ohne Küste, mit der Hauptstadt La Paz. Das ist so ziemlich alles. Vielleicht gibt es wenig Länder, die gleich unbekannt und die kennenzulernen doch derart der Mühe wert, wie dieses Land, das nach seinem Befreier Bolivar den Namen wählte.

Freilich, es war immer Stiefkind. Schon zur Kolonialzeit. Damals gehörte es als Alto Peru zum Vizekönigreich Peru. Allein obgleich die Metropole Lima nicht gar so fern war, blieb es doch Hinterland, Provinz, hinterste Provinz.

Und später, nach seiner Befreiung, hatte es auf allen Seiten neidische Nachbarn. Kein Staat an seinen Grenzen, mit dem es nicht einmal Krieg geführt, der ihm nicht einmal eine Provinz abgenommen hätte. Und als ihm gar Chile im Salpeterkrieg seine Küste entriß, wurde es völlig von der Welt abgeschlossen. Seine Waren gingen nicht mehr als bolivianische in die Welt, sondern je nach dem Verschiffungshafen als peruanische oder chilenische oder brasilianische. Und alle seine Nachbarn bauten gleicherweise eine unsichtbare chinesische Mauer um das abgeschiedene Hochland; alle machten es gleicherweise schlecht, wie es noch heute geschieht. Denn jeder hatte ein Interesse daran, daß nicht etwa fremdes Kapital oder Einwanderer weiter zögen in das Land der Andenhochfläche. Und so blieb es bis zu einem gewissen Grade, hätten nicht seine Minenschätze die Fremden ins Land gelockt — ein Tibet im Herzen Südamerikas.

Der Zug fährt über das Altiplano, das vielgeschmähte Andenhochplateau. Eine steinige breite Fläche wie eine ungeheure Tischplatte. Am Horizont verschwimmende braune Schatten, die Ketten der Kordillere. Wessen Herz gesund, der merkt an nichts, daß wir hier 4000 Meter über dem Meere sind.

Auf den ersten Blick sieht es freilich unwirtlich genug aus. Aber bald entdeckt man da und dort weite gelbe Flächen: Gerste, Kartoffeln, und selbst wo scheinbar nur Wüste und Steppe, ist der Boden doch überall bedeckt mit einem spärlichen Grün. Spärlich, aber doch immerhin genug, daß große Rinder-, Schaf-, Esel- und Lamaherden auf ihnen ihre Nahrung finden.

Und Bolivien ist schließlich nicht nur Hochland und Gummizone. Zwischen den Schneeketten der Kordillere und der fieberheißen Gummigegend an den Rios Beni und Mamoré erstrecken sich je nach der Höhenlage alle Klimate. Keine Pflanze, die hier nicht wächst, von den harten Gräsern arktischer Region bis zu der wuchernden Pracht der Tropen. Kein Mineral, das fehlt, von Eisen, Kupfer, Zinn und Gold in den Bergen bis zu Petroleum in den Niederungen.

Aber der größte Teil seiner Schätze liegt ungehoben. Keine Verkehrsmittel. Dazu die politischen Verhältnisse.