Bis vor etwa 20 Jahren das übliche Bild jener hispano-amerikanischen Republiken um den Äquator herum. Revolutionen und Revolten in stetem Wechsel. In den achtzig Jahren staatlicher Unabhängigkeit mehr als dreißig provisorische Regierungen, d. h. alle zweieinhalb Jahr bemächtigte sich ein anderer Parteiführer der Macht im Staate.
Seit der letzten liberalen Revolution im Jahre 1899 Ruhe und Aufschwung, bis auch die Liberale Partei den gleichen Fehlern erlag, die sie ehemals bekämpfte: Korruption, Machtmißbrauch, Wahlmache und Günstlingswirtschaft, so daß am 12. Juli 1920 die Republikanische Partei der liberalen Epoche in unblutigem Staatsstreich ein unrühmliches Ende bereiten konnte.
In mancher Hinsicht ist dieses Land noch so weit zurück, daß ihm gegenüber Argentinien und Chile als hochentwickelte moderne Staaten erscheinen. Das gilt vor allem von seinen sozialen Verhältnissen. Wenigstens in der Landwirtschaft ist das Arbeitsverhältnis noch rein mittelalterlich-feudal. Der Landarbeiter ist Höriger, Kolone, der Hand- und Spanndienste zu leisten hat.
Aber vielleicht ist es kaum anders möglich in einem Lande, wo eine winzige weiße Oberschicht über zwei Millionen Indianer herrscht, die weder lesen noch schreiben können, und — den einen Vorteil hat diese Zurückgebliebenheit: daß es in Bolivien keine soziale Frage gibt und daß dieses Land bisher in der Hauptsache verschont geblieben ist von Arbeiterschwierigkeiten, Streiks usw., unter denen seine entwickelteren Nachbarländer ständig zu leiden haben.
Eines allerdings wird notwendig sein: diese teilweise noch halbwilden indianischen Massen langsam zu erziehen und heranzubilden und gleichzeitig dem bisher ihnen gegenüber beliebten Ausbeutungssystem ein Ende zu machen. Sonst droht Bolivien zwar nicht die soziale Revolution — die in Argentinien und Chile immerhin schon zur Diskussion steht —, sondern etwas viel Schlimmeres: der blutige, erbarmungslose Indianeraufstand!
35. Markt in La Paz.
La Paz.
Markt. — Willst du eine fremde Stadt, ein fremdes Land kennenlernen, geh dorthin. Am gesammeltesten findest du dort noch alte Sitten, Trachten und Gebräuche.
Markt in La Paz. Man muß weit in den Orient fahren, um die gleiche Fremdartigkeit, die gleiche Farbenfreudigkeit zu finden. Aimaras vom Hochland in bunten Ponchos mit unbewegten, harten Gesichtern wie aus Coopers „Lederstrumpf“. Leute aus den Yungas, den Tälern des Innern, in kurzen Leinenpumphosen und Filzhüten mit riesenbreitem Rand, aber einem Puppenhutköpfchen. Cholas, Indianermischlinge, mit schwefelgelben Strohhüten und bunten Seidentüchern. Das erstemal ist man ganz benommen von der Buntheit der Farben, in die sich Männer wie Frauen, Indios wie Mischlinge kleiden. Dunkelviolette Überwürfe zu orangenen Röcken, oder indigoblaue zu purpurroten, grellgrüne zu leuchtend gelben. Ponchos in allen Farben gestreift. Dazu jede zweite Frau mit einem Säugling in buntgewürfelten Tüchern auf den Rücken gebunden, oder ihm ungestört und offen die Brust reichend, während sie verkauft. Und zwischen dem Menschenschwarm Esel- und Lamakarawanen, die vom Alto, dem Andenhochplateau, oder aus den Yungastälern die Lebensmittel in die Hauptstadt bringen.