Denkbar einfach spielt sich das Marktgeschäft ab. Es gibt zwar eine Markthalle, ähnlich dem Basar des Orients, allein sie faßt nicht den zehnten Teil der Verkäufer, und so sitzt die Mehrzahl in den umliegenden Straßen einfach auf dem Boden, vor sich die Ware ausbreitend.
Bunt wechseln hier alle Erzeugnisse der kalten, gemäßigten und heißen Zone miteinander ab. Fällt doch das Andenhochplateau mit seinen fast 4000 Meter Höhe dicht bei La Paz steil zu subtropischen und tropischen Gebieten ab. So liegen Gerste und Kartoffeln vom Hochland dicht neben Apfelsinen, Mandarinen und Ananas aus den Yungas, Äpfel neben Zuckerrohr und Kaffee, in gleicher Weise Produkte aus der Umgebung von La Paz.
Die ersten Male steht die einkaufende Europäerin hilflos vor der Menge von Gemüsen und Früchten, die ihr völlig unbekannt sind. Zunächst einmal die zirka 200 Kartoffelarten, die es hier in der Heimat der Kartoffel gibt, dazu die Chunos, auf Eis und in der Sonne zu Steinhärte getrocknete Knollen, die, dann wieder in Wasser geweicht, das Lieblingsgericht der Indios bilden, die Tuntas, durchs Wasser gezogene und an der Sonne getrocknete Kartoffeln, und dergleichen mehr. Eine Delikatesse, auch für Europäer, sind die Ocas, die in gefrorenem Zustand zusammen mit Miel de Caña, dem Saft des Zuckerrohrs, gegessen werden. Dazu die Fülle fremder Früchte, deren Königin die Chirimoya ist, eine mitunter kindskopfgroße Frucht mit herrlich süßem, weißem Fleisch.
Wie mit Gemüse und Frucht ist es mit Fleisch; denn auch alle inneren Teile, wie Kaldaunen, Magenwände und dergleichen, was in Deutschland Anrecht der Hunde beim Schlachten ist, liegt hier aus, und Stier- und Hammelhoden sind beispielsweise gesuchte Leckerbissen.
Besonders Sonntags, dem Hauptmarkttag, flammt und leuchtet die ganze Calle Recreo in buntesten Farben. Die Indias und Cholas, auf den Boden gekauert, blühen in ihren weiten, bunten Röcken und Tüchern gleich farbigen Blumen aus dem Boden. Zwischen goldenen Orangen, blassen Limonen, gelben Bananen liegt in bunten Lappen ein schreiender Säugling. Dazwischen gackern Hühner, schnattern Enten und blähen sich Truthähne, während die vollgepackten Lamas mit unglaublich dummen und arroganten Mienen durch die Menge schieben.
In einem unterscheiden sich die Marktfrauen von La Paz wohl von allen der Welt. Man kann alles nachprüfen, alles anfassen und dann weitergehen, ohne etwas zu kaufen, und man wird doch kein unfreundliches Wort hören. Überhaupt spielt sich das ganze Geschäft sehr eigenartig ab. Feste Preise gibt es nicht. Die Eingeborenen fordern zunächst so viel, wie sie meinen, daß der Gringo, der Ausländer, dumm genug ist zu bezahlen. Das ist in andern Ländern ähnlich, aber eine bolivianische Spezialität mag sein, daß der Weiße, wenn das Geschäft nicht anders zustande kommt, sich einfach die Ware nimmt und bezahlt, was er für angemessen hält. Nur in den wenigsten Fällen wird der Indianer dagegen aufzumucken wagen.
Er ist es ja auch nicht anders gewöhnt. Bereits am Eingang der Stadt erwarten die Zwischenhändler, meist Cholos, die Indianerkarawanen und nehmen ihnen ihre Lasten ab zu Preisen, die sie selbst ziemlich einseitig und willkürlich festsetzen. Auch der Weiße, der von den Indios ganze Lasten kauft, Gerste, Futter oder Brennmaterial, macht das Geschäft meist derart, daß er zunächst durch sein Dienstpersonal die Lasttiere, Esel oder Lamas in seinen Hof treiben und abladen läßt. Wenn er dann den Preis bietet, großes Jammern des Indianers, der aber doch meist zufrieden abtrollt, wenn man ihm noch ein paar Centavos für Coca drauflegt. Mitunter helfen allerdings ein paar Fußtritte nach.
An diese ganz anderen sozialen Verhältnisse muß man sich überhaupt erst gewöhnen. Vielleicht muß man sehr weit nach Afrika hineingehen, um noch diese Unterwürfigkeit des Farbigen dem Weißen gegenüber anzutreffen. Selbstverständlich, daß kein Weißer etwas trägt. Kauft man nur die geringste Kleinigkeit auf dem Markt, so ist man von einem halben Dutzend Indianerbuben umdrängt, die das Paket tragen wollen. Sollte aber gerade keiner Lust dazu haben, und der Weiße sieht sich suchend um, so mahnt ein eingeborener Polizist mit ein paar sanften Püffen den nächstbesten Indio an seine Pflicht dem Weißen gegenüber. Der Begriff „Blanco“, „Weißer“ ist dabei übrigens nicht wie in den Südstaaten der Union eine Rasse, sondern ein sozialer Begriff. Auch der Mischling und der Indio haben auf das gleiche Vorrecht Anspruch, wenn sie zu Stellung und Vermögen gekommen.
Mitunter kann man es auf dem Markt auch erleben, daß ein paar Polizisten mit Besen erscheinen, sich die nächsten Indios aufgreifen, den Widerstrebenden die Besen in die Hand drücken und sie erst einmal unter Aufsicht der Polizei den Platz kehren lassen, ehe die armen Betroffenen ihren beabsichtigten Geschäften weiter nachgehen können.
„Mamita“ oder auch „niña, niñita“ — „Mütterchen“ oder auch wohl „Schönes Kind“ — schallt es den über den Markt gehenden Europäerinnen entgegen. Fleisch, Früchte, Bauerntöpfe, bunte Tücher werden entgegengewinkt. Es ist ein fröhliches, buntes Bild unter dem leuchtend klaren Himmel von La Paz, und man könnte fast vergessen, daß hinter der fröhlichen Fassade ein armseliges, gedrücktes Volk steht, und im Hintergrund all dieser Unterwürfigkeit und sklavenhafter Demut lauert das eine — Haß gegen den weißen Herrn.