Der Junge klagt beweglich, er sei Waise und sein ganzes Gehalt bestehe in Schlägen, bis er ein entsprechendes Trinkgeld erhalten hat. Dann richtet er das Zimmer für die Nacht her, indem er das schmutzige Tischtuch fortnimmt. Sonst braucht er vor etwaigen diebischen Gästen nichts zu sichern; denn außer dem wackligen Tisch und einem dreibeinigen Hocker steht im Zimmer nichts als das leere Bettgestell, ein Rahmen auf vier Pfosten und darauf ein paar Riemen gespannt. Das Lager ist hart, die Nacht kalt. Schlafsack, Decke und Mantel genügen kaum. Draußen wiehern die Mulas. Ein Tier hat sich losgerissen und galoppiert über den Hof.

Ich trete noch einmal unter die Tür. Eine schmale Mondsichel steht am Himmel, und die Cumbre ragt in sie hinein. Und es ist wie scheues Wundern, daß ich noch vor wenigen Stunden auf jener senkrechten Wand stand und in eine unbegreifliche, märchenhafte Eis- und Felswelt sah.

37. An einem Tag aus Nordland in die Tropen.

Bella Vista.

Welch ein Kontinent! Immer neue Überraschungen und neue Szenen. Verblüffte schon in Chile das nahe Nebeneinander der verschiedensten klimatischen Zonen, so ist das nichts gegen Bolivien. Hier ist es die reine Hexerei. Hier ist Kälte und Hitze, Nordland und Tropen dicht beieinander. Mit einem Sprung etwa von Nordrußland nach den Kanarischen Inseln, weiß Gott, mit einem Sprung. Nicht etwa derart, daß man von vereinzelten eisstarrenden Höhengipfeln ins warme Tal hinunterstiege. Das kann man in Italien auch haben. Nein, in Bolivien liegen zwei gewaltige Gebiete, das eine kaum kleiner als Deutschland, das andere so groß wie Bayern, dicht beieinander. Wand an Wand kann man sagen: das Altiplano und die Yungas.

Die Wand der Kordillere, die beide voneinander scheidet, ist bei La Paz so schmal, daß man sie in einem Tag übersteigt, und kaum daß man von Pongo abwärts zieht, sieht man mit Verblüffung, wie das kümmerliche kurze Gras, das den genügsamen Lamas kaum dürftige Nahrung bietet, sich unversehens in kurzes Buschwerk wandelt. Schon geht man in niederem Wald. Saftiges Grün, bunte Blätter, wucherndes Schlingwerk und darüber wie Märchenvögel blaue, violette und rote Blüten.

Aber noch phantastischer ist der Wechsel, wenn man in San Felipe, trotzdem man hier schon auf 2000 Meter und einiges hinabgestiegen ist, die bequeme Karawanenstraße nach Coripata und Chulumani verläßt und nochmals aufsteigt auf die steilen Hänge, die zu beiden Seiten Weg und Fluß begleiten.

Nochmals hinauf auf 3600 Meter. Aber diesmal in steiler Steigung. Fast muß sich das Maultier ständig um sich selber drehen, wie es jetzt mühsam die engen Windungen der sich den Berg hinanwindenden Spirale aufwärtskriecht.

Der Gipfel des Berges ragt in die Wolken. Bald ist man mitten drin im Nebel, man sieht nichts mehr und erkennt nur an den niedriger und kümmerlicher werdenden Bäumen, wie langsam wir steigen.