Auf steiniger, isolierter Kuppe liegt das Städtchen über 1700 Meter hoch, und man übersieht von ihm weithin das Gewirr der am Fuß des Berges mündenden Täler. Das dunkle Grün der Wälder hat sich unten an den Ufern der Flüsse, deren Spiegel sich hier schon auf 1000 Meter senkt, in lichte Farben gewandelt. Zuckerrohr, deren dichte Wedel wie niederer Palmenwald wirken.
Unten im Städtchen ist Markt. Markt?, möchte man fragen. Wozu? Wenn irgendwo, kann hier der Landmann erzeugen, was er braucht. Trägt ihm sein Feld doch alle Nahrungs- und Genußmittel, gibt es doch Holz in überreichen Mengen, Baumwolle und alle Faser- und Textilpflanzen, sogar Farbpflanzen, während der Boden Ton und Schiefer enthält.
Gestern abend schon sind vom Alto die Hochlandsindianer mit ihren Maultieren und Eseln in die Stadt gekommen, stumm und ernst hinter ihren hochbeladenen Tieren. Und heute sieht man auf allen Wegen die Yungeños dem Pueblo zuströmen, Menschen der gleichen Rasse, die das mildere Klima doch so ganz anders formte. Neben dem ernsten, schweigsamen Aimara vom Hochland mit seinen harten Zügen wirkt der Yungeño frauenhaft weich, wozu allerdings viel das reiche, tief den Rücken hinunterfallende Haar beitragen mag, das im Nacken ein Band zusammenhält.
Aus den großen Bündeln, die die Indianer des Alto vor sich liegen haben, schälen sich, in Heu verpackt, Korn, Gerste, Kartoffeln und Fleisch, das in seiner trockenen, braunen Steifheit mehr wie Leder erscheint als wie ein Nahrungsmittel. Und die Yungeños kaufen, kaufen, daß am Mittag bereits fast der ganze Markt leer ist. Es ist eine merkwürdige wirtschaftliche Erscheinung. Der Yungeño pflanzt wohl seine Banane, die sein hauptsächlichstes Nahrungsmittel darstellt, und vielleicht auch noch etwas Juca und Racacha, dicke, wurzelartige Knollen. Aber was er darüber hinaus braucht an Fleisch, Brot und Kartoffeln, kauft er vom Hochland, und für die Städter, denen die Banane nicht als Nahrungs- sondern als Genußmittel dient, kommt fast der ganze Lebensbedarf vom Alto herunter.
Was der Yungeño erzeugt, ist Luxus: Früchte, Kaffee, Alkohol (nicht zum Brennen, sondern zum Trinken) und Coca. Letztere Pflanze, deren getrocknete Blätter in ganz Bolivien, Peru und Nordargentinien als Nervenstimulans gekaut werden und ohne die der bolivianische Indianer nicht leben kann, sind das A und O aller Yungaskultur.
Der Gewinn, den die Coca abwirft, ist so hoch, daß da, wo der Boden einigermaßen geeignet ist, ihr Anbau jede andere Kultur verdrängt. Es gibt indianische Kleinbauern, die auf ihrem Grund und Boden nicht einmal die für den Lebensunterhalt wichtigsten Pflanzen, nicht einmal ein paar Bananen bauen, sondern die alles, bis auf das letzte Fleckchen, mit Coca bestellen und den gesamten Lebensunterhalt in der Stadt kaufen. Und die Einnahme aus dem Cocaverkauf ist so hoch — mitunter selbst für den Kleinbauern, der nicht mehr als ein paar Hektar bestellt, bis zu 9000 Peso —, daß er unbedenklich die durch die Fracht enorm hohen Preise für alle Lebensmittel, die höher sind als in La Paz, zahlen kann.
Freilich nötig wäre es nicht, selbst bei intensivster Coca-, Kaffee- und Rohrzuckerkultur nicht, daß das Alto die Yungas ernährt; denn von den weiten Yungas ist erst ein winziger Teil kultiviert, und oberhalb der Cocafelder und Bananenpflanzungen sind die Berge noch alle bedeckt mit undurchdringlichen Wäldern, an deren Stelle sich Weizen- und Gerstenfelder dehnen könnten, mehr als ausreichend, die ganze Yungasbevölkerung zu ernähren, und endlose Weiden für Viehherden, die die Hauptstadt des Landes mit Butter zu versorgen vermöchten, statt, wie es heute geschieht, sie mit hohen Kosten aus Peru oder Chile kommen zu lassen.
Wenn man nach dem Grund frägt, immer die gleiche Antwort: „falta de brazos“, „Mangel an Arbeitskräften“, und so sind die Yungasprovinzen, die sich wie eine köstliche Blume an die Hänge des Hochlandes schmiegen, heute fast nichts als Parasiten. Was sie erzeugen, ist Luxus, schlimmer noch — Gift. Über die Coca kann man ja zweierlei Meinung sein; sicher ist, daß der seit unzähligen Generationen daran gewöhnte Indianer nicht ohne sie leben kann. Aber auch aus dem Zuckerrohr wird nicht Zucker gewonnen — und Zucker braucht das Land; denn heute wird er noch zu hohen Preisen aus Peru und Argentinien eingeführt —, sondern lediglich Alkohol, vierziggradiger Alkohol, der bei den Indianern unverdünnt das Hauptgetränk für Mann und Frau bei ihren Festlichkeiten ist.