„Bestimmt nicht, mein teurer Vater. Aber sagen Sie mir alles darüber. Fürchten Sie nicht, ein Kind zu zeugen, wenn Sie sich einmal nicht früh genug zurückziehen? Ist es möglich, daß Sie sich in diesem Punkt völlig auf Ihre Selbstbeherrschung verlassen, können? Könnte es nicht sein, daß die Macht der Begierde die Furcht, eine Unvorsichtigkeit zu begehen, auslöscht und Sie weitergehen läßt, als Sie dies eigentlich möchten?“

„Ah, meine Kleine, wohin sich Deine neugierige Phantasie versteigt! Ich sehe wohl, ich kann Dir nichts verbergen. Wenn ich Dir nicht die ganze Wahrheit enthülle, werde ich bald die Torheit beklagen müssen, überhaupt etwas gesagt zu haben. Aber ich glaube, damit nichts zu riskieren, denn Deine Vernunft ist Deinem Alter weit voraus.

Wisse also, daß dieser Samen, wenn er nicht in die Matrix gelangt, an und für sich gar nichts ausrichten kann. Auch kann er sich dort nicht festsetzen, wenn man seinen natürlichen Fluß hemmt. Aus diesem Grund versuchen manche Frauen, durch eine innere Bewegung den Samen in dem Moment zurückzustoßen, in dem sie ihren Liebhaber in der Wonne des Genusses glauben.

Doch das bedeutet für sie selbst eine arge Verkürzung des Vergnügens und ist ganz und gar kein sicheres Mittel. Manche Männer haben geglaubt, sie hätten nichts zu fürchten, wenn sie sich nahe an den Eingang zurückziehen. Doch sie täuschen sich darin. Denn die Matrix ist eine recht lebhafte Pumpe und versucht, sich auch des Samens zu bemächtigen, der nicht unmittelbar zu ihrer Öffnung gelangte. Hinzu kommt noch, daß viele Männer sich im Augenblick der Wollust über ihre eigene Selbstbeherrschung täuschen und so den richtigen Moment versäumen. Ungewißheit und Furcht vor den möglichen Folgen behindern also häufig das Vergnügen. Doch das Mittel, das ich bei Lucette anwende, ist ziemlich sicher. Es gibt einem die Freiheit, sich ohne alle Furcht dem Feuer seiner Leidenschaft überlassen zu können. Ich habe deine hübsche Gouvernante am Tag, nachdem Du uns bemerkt hast, gebeten, sich für unsere Liebesgefechte mit einem Schwamm zu bewaffnen, der in eine bestimmte Flüssigkeit getaucht wurde. Dieser wird unmittelbar vor der Matrix am Muttermund angebracht. Mittels einer dünnen Seidenschnur kann man ihn ohne Schwierigkeiten wieder hervorholen. Selbst wenn die Samenflüssigkeit in diesen Schwamm einzudringen vermag, würde doch die Flüssigkeit, mit der er getränkt ist, seine Zeugungsfähigkeit vernichten. Man weiß ja, daß selbst die Luft genügt, seine Kraft zu vernichten. Also ist es ganz unmöglich, daß Lucette in unserer Verbindung je ein Kind empfangen könnte.“

Ich habe nichts von diesen nützlichen Gesprächen je vergessen, meine liebe Eugenie, und ich habe Dich zu deinem Nutzen davon unterrichtet, so daß auch Du Dich ohne Furcht den Umarmungen Deines Liebsten überlassen kannst. Im Übrigen machte meine Bildung gute Fortschritte. Ich bekam alle möglichen Bücher in die Hand. Es gab in dieser Hinsicht nichts, was für mich verboten gewesen wäre. Doch mein Vater lenkte meinen Geschmack besonders auf jene, die der Wissenschaft dienten und somit weit von allem entfernt waren, woran unser Geschlecht im Allgemeinen Gefallen findet. Ich will Dir nur ein kleines Beispiel dafür berichten.

Er fragte mich eines Tages: „Kannst Du, meine geliebte Laura, in der Unendlichkeit des Universums, das unseren Erdball umgibt, einen festen Punkt finden? Zu welch unermeßlichen Dimensionen wird Deine Phantasie dabei gelangen? Die Elemente der Natur und ihre Zahl sind noch immer unbekannt, und es ist unmöglich zu erkennen, ob unsere Vorstellungen von der Welt und vom Universum auch nur im Entferntesten der Wirklichkeit entsprechen. Wir wissen nicht einmal, ob diese Elemente, welche die Bausteine der Welt und des Lebens zu sein scheinen, absolut unveränderlich sind oder ob es möglich ist, ihnen eine andere Form der Existenz zu geben und sie dadurch zu verändern.

Inmitten dieser allgemeinen Unwissenheit erscheint es höchst lächerlich, daß der Mensch es versuchen sollte, die Zahl dieser Elemente festzulegen. Diese Wahrheit verdient es, daß man über sie nachdenkt, um in allem den Willen der ewigen Ordnung zu erkennen. Gleichgültig, ob es sich nun um eines oder um mehrere Elemente handelt, so bildet ihre Gesamtheit die Körper, und sie finden sich im Feuer wie in der Materie vereint, welche die törichten und voreingenommenen Geister unbewegt nennen.

Was hältst Du denn von jenen strahlenden Feuern, die wir Sterne nennen? Weißt Du nicht, mein Kind, daß sie nichts sind als wüste feurige Himmelskörper? Nimm nur die Sonne her, diesen gewaltigen Feuerball, der dazu da zu sein scheint, einer Vielzahl von erdenklichen Himmelskörpern Licht und Wärme und damit das Leben zu geben. Es ist gut möglich, daß viele dieser entfernten Welten so wie unsere eigene bevölkert sind. Früher hat man geglaubt, daß die Sterne nur dazu dienten, uns die Nacht zu erhellen. Die Eigenliebe des Menschen hat ihn glauben lassen, er sei der Mittelpunkt des Universums. Doch wozu sollten uns diese Himmelskörper dienen, wenn Nebel und Wolken sie vor unserem Blick verbergen? Der Mond ist noch am ehesten imstande, die hindernde Wolkendecke mit seinem Strahl zu durchbrechen. Er erhellt uns das Dunkel der Nacht, aber das ist nicht seine einzige Bestimmung. Man kann bis heute nicht feststellen, ob er nicht selbst eine Welt für sich darstellt, eine Welt, deren Bewohner ebenso an unserer Existenz zweifeln wie wir an ihrer, und die im Grunde ebenso töricht sind wie wir zu glauben, daß sie allein alle Herrlichkeit des Himmels bedeuten. Vielleicht sind sie ebenso anmaßend, vielleicht sind sie aber auch erfinderischer als wir und haben ein gesünderes Urteil über die Probleme des Lebens.

Die Planeten sind Welten wie die unsere und ohne Zweifel von Pflanzen und Tieren belebt, die wir nicht kennen. Denn in der Natur scheint alles möglich. Doch welche Rolle spielt, von diesem Gesichtspunkt aus gesehen, in diesem unermeßlichen Universum unsere Welt? Ist sie etwa mehr als ein belebter Punkt unter anderen belebten Punkten? Und wir selbst? Wie wäre es möglich, daß wir angesichts unserer Bedeutungslosigkeit inmitten der Unendlichkeit des Universums uns für Anfang und Ziel der Schöpfung halten könnten?“

Auf diese Weise versuchte mein Vater Tag um Tag, Gedanken der Philosophie in mich hineinzulegen und mich zum Denken anzuregen.