Ich fragte ihn eines Tages: „Was ist das schöpferische Sein, aus dem alles hervorgegangen ist?“
Denn ich dachte bei mir, daß ich allzuwenig über dieses wunderbare, alles belebende Wesen wisse. Mein Vater antwortete mir: „Dieses wunderbare höchste Wesen ist unfaßbar! Man fühlt es, aber man kann es nicht erkennen. Es entzieht sich unseren Spekulationen. Wenn es die verschiedenartigsten Elemente gibt, so ist es seine Hand, aus der sie hervorgegangen sind. Er hat sie durch seinen Willen und seine Kraft geschaffen. Es ist die Seele des Universums, ohne die nichts von all dem bestehen könnte, was ist. Kennen wir etwa die Quelle seiner Macht? Sehen wir nicht tagtäglich, wie sich die Materie unter seinem Einfluß verändert, ohne daß wir die Ursache dieser Veränderungen erkennen könnten? Und kann etwa das, was für eine beschränkte Zeit geschaffen ist, nicht noch viel wunderbarer für die Ewigkeit geschaffen sein? Doch genug für heute, mein Kind. Wenn Du etwas älter geworden bist, werde ich versuchen, soweit ich es kann, dir die ewige Wahrheit zu enthüllen, die sich für uns Menschen immer unter dem Schleier des Geheimnisvollen verbirgt.“
Mein Vater gab mir häufig moralische Schriften zu lesen, welche die Dinge nicht unter den gewöhnlichen Gesichtspunkten behandelten, sondern sie vielmehr vom Standpunkt ihrer natürlichen Existenz aus betrachteten. So lernte ich in allem die Gesetze der Natur zu erkennen, die dem menschlichen Herzen unauslöschlich eingeprägt sind. Er lehrte mich in diesen Gesetzen die einzige Norm des menschlichen Handelns zu erkennen. Denn alle anderen Gesetze sind nur Verfremdungen von diesen. Die Regeln, die er mir gab, waren ebenso einfach wie verständlich: „Tu für die anderen das“, sagte er, „was Du möchtest, daß sie für Dich tun, und füge ihnen niemals etwas zu, das Dir selbst unerwünscht wäre. Du siehst, meine Teure, daß diese Wissenschaft, von der alle Welt in so hohen Tönen spricht, eigentlich ganz einfach zu beherrschen ist. Und wenn jedermann sich an diese sittlichen Grundsätze hielte, wäre das Glück aller Menschen auf dieser Welt gesichert.“
Romane verbannte mein Vater fast gänzlich aus meinem Gesichtskreis. Ich lernte es, dank seiner Bemühungen, in ihnen eine Ansammlung von Gemeinplätzen und menschlicher Dummheit zu sehen. Es gab nur ganz wenige Ausnahmen von dieser Regel. Zumeist erlaubte mir mein Vater jene, die einen moralischen Hintergrund hatten. Nur wenige von ihnen zeichneten die Menschen in ihren natürlichen Farben, mit ihren Fehlern und Vorzügen. Die meisten Romanautoren scheinen pausenlos damit beschäftigt, ihre Helden in den anziehendsten Farben zu malen.
Ach, meine Liebe, wie weit sind sie von der Wirklichkeit entfernt! Betrachtet man die einen und die anderen, wie viel Unwirklichkeit entdeckt man in diesen Darstellungen. Ich finde viel mehr Gefallen an den Büchern der großen Weltreisenden, denn in ihnen lerne ich den Charakter und die Sitten anderer Völker kennen. Ich begriff bald, daß sie im Grund nur ein Spiegel unserer eigenen sind. Ich fing an, die Menschheit in ihrer Gesamtheit zu verstehen, aber auch die Rolle zu begreifen, welche die Gesellschaft bei der Bildung der einzelnen Charaktere spielt. Sodann beschäftigte ich mich auch mit historischen Schriften. Indem diese die Sitten und Gebräuche der Antike wiedergaben, erkannte ich aus ihnen, wie nach und nach ein bestimmtes Weltbild entstanden ist, um nach einer Weile neuen Erkenntnissen zu weichen. Am meisten liebte ich allerdings die Werke unserer Poeten. Diese erschienen mir sehr amüsant, und einige von ihnen sind für ewige Zeiten in meinem Gedächtnis haften geblieben.
Dann eines Tages gab mir mein Vater ein Buch, das seine besondere Aufmerksamkeit erregt zu haben schien. „Lies es, meine liebe Laura“, sagte er. „Ein Genie, wie unsere Zeit nur wenige hervorbringt, hat es geschrieben. Es wird leicht in Deinem Gedächtnis haften. Seine Philosophie und elegante Sprache wird Dir gefallen. Der Mann, der es geschrieben hat, ist ein Meister seines Fachs, und die Ideen, die er unter dem Vorwand einer Fabel zu Papier gebracht hat, werden Dich faszinieren.“
Zu welchem Irrtum führt uns unsere Eigenliebe und Eitelkeit doch oft! Dies kann nur ein aufmerksamer und gedankenvoller Beobachter erkennen. Dabei ist es doch eine ebenso einfache wie unveränderliche Wahrheit, daß sich alles in diesem Leben zu einer Kette fügt, um einer gewissen Ordnung zu folgen, die sowohl für die Gesamtheit des Seins als auch für den einzelnen gilt. Unvorhergesehene Umstände zwingen die Ideen und Handlungen der Menschen. Entfernte und daher kaum bemerkbare Ursachen führen zu einer Kette von Beziehungen, die fast immer willkürlich erscheinen. Der einzelne meint, daß alles von seiner Entscheidung abhänge, von der Wahl, die er für sich oder andere trifft, doch in Wirklichkeit entwickelt sich alles fast ohne sein Zutun. Natur, Charakter und Temperament sind nur das Material, aus dem der Ewige Beweger die Rollen formt, die er jedem einzelnen von uns zugedacht hat.
Wenn man manche unerfreulichen Ereignisse verhindern kann, so ist das nichts anderes als ein gewisser Weitblick, eine Klugheit, die den Blick für diese Kette von Umständen schärft, die man doch nicht ändern kann und die selbst für jene eine unwiderstehliche Macht ist, die das Übel schaffen. Am weisesten ist jener, der sich dem natürlichen Lauf der Dinge überläßt. Dir, meine liebe Eugenie, läßt Dein Geist alles leicht erscheinen. Deine Sanftheit wird Dich glücklich erhalten, und Du verstehst es, Deine Freiheit zu bewahren, trotz der Fesseln, die man Dir auferlegt. Du genießt die Vergnügungen, die Du Dir erfindest und beklagst Dich nicht über jene, die Dir fehlen. Doch höre meine Geschichte weiter!
Ich wurde älter, und gegen Ende meines sechzehnten Jahres veränderte sich meine Situation. Ich sah damals schon recht erwachsen aus. Meine Formen waren voller geworden, meine Brüste hatten an Umfang zugenommen, und ich bewunderte ihre reizenden Rundungen jeden Tag. Auch Lucette und meinen Vater ließ ich diese wundervolle Entwicklung bestaunen. Sie küßten die knospenden Hügel um die Wette, ich nahm ihre Hände und führte sie an meinen Busen, damit sie sich von der schwellenden Herrlichkeit überzeugen könnten. So gab ich ihnen tausend Zeichen meiner Ungeduld.
Ohne jedes Vorurteil aufgewachsen, hörte ich nichts anderes als die Stimme der Natur. Sie allein lehrte mich. Selbst wenn ich in Lucettes Gegenwart badete, fühlte ich mich erregt. Ich lebte in einer sehr intimen Gemeinschaft mit ihr. Meistens schlief ich mit ihr; immer tat ich dies, wenn mein Vater abwesend war. Dann übernahm ich bei ihr seine Rolle, so gut dies eben möglich war. Ich umarmte sie, saugte an ihrer Zunge und ihren Brustspitzen, ich küßte ihre Lenden und ihren Schoß, ich liebkoste und kraulte ihre Liebesgrotte. Meine Finger nahmen die Stelle jenes wunderbaren Werkzeugs ein, mit dem ich ihr nicht dienen konnte. Dennoch gelang es mir, sie durch diese Bemühungen in jene lange währende wollüstige Agonie zu stürzen, in der sie mir so schön erschien.