Wenn das Herz immer dasselbe ist, wenn es von den beständigsten Gefühlen belebt und erfüllt wird, wie ist es dann möglich, daß die leidenschaftlichsten Begierden einem Phantom nachjagen, das wir uns selbst geschaffen haben? Ist es möglich, daß unser Verlangen uns vorwärts treibt, einem unbekannten Ziel entgegen, ohne daß wir uns zurückzuhalten vermöchten? Ich bin ein erstaunliches Beispiel dafür. Soll ich Dir dieses Geständnis überhaupt machen? Ja, ich will es tun, denn es gibt nichts, was ich der Freundin meines Herzens verbergen möchte.
Zwar erröte ich dabei, doch immerhin! Du wirst daraus die tiefe Güte und das lebhafte Verständnis ersehen können, das mein väterlicher Liebster für mich hegte. Die Gerechtigkeit seines Geistes und seine Seelenstärke sind in gleicher Weise bewundernswert. Ich habe erst damals begriffen, wie sehr dieser wundervolle Mann meine Liebe und Zuneigung verdiente. In demselben Haus, in dem wir lebten, vegetierte eine alte, verwitwete Betschwester, die glaubte, sie könne ihre Tage nicht besser verbringen, als wenn sie sämtliche Kirchen im Umkreis besuchte.
Sie hatte drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Der älteste war in der schlechten Gesellschaft, in der er zu verkehren pflegte, ganz entartet. Wir kannten ihn kaum vom Sehen. Er spielte mit dem, was er von seinem Vater geerbt hatte, den Verschwender. Sein Bruder, der viel jünger war, hatte sein sechzehntes Lebensjahr gerade vollendet, als er die Schule verließ, um bei seiner Mutter zu leben. Er war ein hübscher Junge, frisch wie Amor persönlich, dazu immer heiter und von einem liebenswürdigen Charakter. Die beiden hatten eine reizende Schwester, die damals etwa fünfzehn Jahre alt war.
Teure Eugenie, stell Dir eine hübsche kleine Brünette vor, von lebhaftem Teint und mit strahlenden Augen. Ein reizendes Näschen, ein lieblicher Mund und eine schlanke Taille vervollständigen ihre Reize. Sie war, wie gesagt, klein von Wuchs, aber von einer überquellenden Lebendigkeit, ein wenig närrisch und unter einer sanften Oberfläche den Leidenschaften der Liebe zugetan. Dazu war sie höchst diskret in allem, was ihr Vergnügen anging.
Sie machte sich jeden Tag über die Belehrungen lustig, die ihre frömmlerische Mutter ihr gab. Ich hatte mich bald nach Lucettes Abreise mit ihr angefreundet und dadurch auch die Bekanntschaft des jüngeren ihrer Brüder gemacht. Die beiden begannen mich ziemlich regelmäßig zu besuchen, und bald verging kein Tag, an dem wir nicht zusammen waren. Ihre Mutter schien darüber recht zufrieden. Ich weiß, daß sie mich — in Verkennung der Tatsachen ihrer Tochter beständig als ein Beispiel hinstellte.
Es stimmt allerdings, daß ich dank der ausgezeichneten Erziehung, die ich genossen hatte, einen recht gesetzten Eindruck machte. Es ist schon sehr merkwürdig, meine teure Eugenie, aber unsere Leidenschaften vermindern unsere Reputation, wenn die Unklugheit sie erraten läßt. Nichts schadet dem guten Ruf einer Frau mehr als ihre Koketterie und Freizügigkeit. Hingegen kann sich eine vorsichtige Frau, die nach außen hin die Fromme und Gesetzte spielt, so gut wie alles erlauben. Sie wird ihren guten Ruf ohne jeden Makel behalten, wenn sie ihre Liebesabenteuer mit dem Schleier des Geheimnisses bedeckt. Noch besser, wenn sie ihrer Zunge einen Zaum anlegt und sich über das Benehmen ihrer Mitschwestern ausschweigt. Kurz und gut, nicht die Taten, sondern die Manieren einer Frau entscheiden darüber, ob sie als ehrbar gilt oder nicht.
Ich bemerkte natürlich, daß mein Vater meine neuen Freunde mit Aufmerksamkeit beobachtete, und zwar sowohl den jungen Vernol als auch dessen Schwester.
Er sagte mir, daß Rose für ihr Alter viel zu wissen scheine. Wenn sie auch unzweifelhaft noch keine Gelegenheit gehabt hatte, die Genüsse voll auszukosten, die ich kennen gelernt hatte, so würde sie doch höchst begierig sein, sie kennen zu lernen. Davon konnte ich mich leicht überzeugen. Wir scherzten von da an häufig zusammen und trieben allerlei Neckereien. Ich kam zu derselben Erkenntnis wie mein Vater, soweit es Rose betraf. Über Vernol sagte er wenig.
Meine Talente hatten sich inzwischen immer mehr vervollkommnet. Ich war musikalisch und verstand ausgezeichnet auf der Harfe zu spielen, ich sang mit Geschmack, deklamierte mit Intelligenz und hatte einen geselligen Kreis um mich, in den ich Rose und Vernol aufnahm. Der Junge fand bezeichnenderweise zahlreiche Gelegenheiten, mir seine Vorliebe für mich zu beweisen. Er suchte mich und folgte mir unablässig. Wir spielten Theater, und er brachte seine Rolle mit Leidenschaft zu Gehör. Ich sprach mit meinem Vater darüber, und ich machte mich ein wenig über ihn lustig, aber in einem Ton und mit einem Lächeln, welches diesem großen Menschenkenner deutlich verraten mußte, daß ich an meinem neuen Verehrer Gefallen fand.
„Das habe ich vom ersten Augenblick an bemerkt“, sagte mein Vater, als ich wieder einmal davon sprach. „Seine Augen, seine geröteten Wangen verraten ihn, wenn er in Deiner Nähe ist. Nun, meine Liebe, aber wie steht es mit Dir? Da Du weißt, daß er in Dich verliebt ist, welches Gefühl hegst Du für ihn?“