Ich war mir darüber nicht ganz im Klaren und glaubte, daß ich für Vernol keine anderen Gefühle hegte als jene, die für gewöhnlich mit dem hübschen Namen Freundschaft bezeichnet werden. Doch die Frage meines Vaters machte mich nachdenklich, und ich beobachtete mich schärfer. Bald fand ich heraus, daß Vernols Gegenwart mich erregte und daß ich ihn vermißte, wenn er nicht mit seiner Schwester gekommen war. Ich fragte dann Rose ganz unschuldig, wo ihr Bruder geblieben sei. Ich wunderte mich selbst über diese Vorliebe, die meinem Herzen so gar nicht entsprach.

Allerdings gefiel mir sein Äußeres, und ich muß gestehen, auch seine Sanftheit und die Standhaftigkeit, mit der er mich bewunderte, schmeichelte mir nicht wenig.

Aus der Miene meines Vaters hätte ich leicht bemerken können, daß er etwas in mir entdeckt hatte, daß ich mir selbst nicht einzugestehen wagte. Er sprach nicht darüber, und ich liebte ihn mehr denn je. Meine Leidenschaft und meine Vorliebe für ihn verminderten sich nicht im Geringsten. Von Kindheit an zur Wahrhaftigkeit erzogen, kannte ich nicht die mindeste Verstellung.

Man sagt, daß die Frauen von ihrer Natur her falsch seien. Aber ich glaube, daß diese vermeintliche Falschheit nur eine Folge ihrer Erziehung ist. Zu guter Letzt entschloß ich mich, alles für diesen liebenswürdigen und zärtlichen Freund zu opfern und die Nachstellungen dieses hübschen Jungen in Zukunft zu vermeiden. Ich hatte die Übereinstimmung der Gefühle, die ich für meinen Vater und auch für Vernol hegte, noch nicht begriffen. Doch die zwiespältige Verfassung, in der ich mich befand, verriet mir wohl, daß etwas in mir im Gange war. Du kannst Dir diesen inneren Zwiespalt schwer vorstellen, meine Liebe. Man muß ihn fühlen, um ihn zu kennen. Mein Vater, der meine Verfassung wohl bemerkt hatte und sich darüber Gewißheit verschaffen wollte, stellte mich auf eine Probe, ohne daß ich es bemerkt hätte.

„Laura, einige Deiner Freunde verursachen mir Unbehagen“, eröffnete er mir eines Tages. „Ich möchte, daß Du Rose und ihren Bruder nicht wiedersiehst.“ Ich zögerte keinen Augenblick, sondern warf mich in seine Arme: „Ich stimme dem gerne zu, mein Liebster. Komm, wir wollen dieses Haus aufgeben und auf das Land ziehen, dann werden wir den beiden nicht mehr begegnen. Laß uns morgen schon aufbrechen, Du wirst mich bereit finden!“

Ich beeilte mich tatsächlich, meine Koffer zu packen, und ich blieb damit beschäftigt, bis er mich rief. Er nahm mich auf seinen Schoß und sagte, während er mich umarmt hielt: „Meine liebe Laurette, ich bin von Deiner Zärtlichkeit und Zuneigung sehr angetan. Deine trockenen Augen verraten mir, daß Du sie ohne Schmerzen verlassen wirst. Doch gestehe mir, macht es Dir wirklich nichts aus? Öffne mir Dein Herz, denn ganz bestimmt ist es nicht die Furcht, die Deine Entschlüsse beeinflußt. Du hast keinen Grund, mich zu fürchten.“

Immer wahrhaft und ehrlich gegen meinen Vater, verbarg ich auch diesmal nichts vor ihm.

„Nein, ganz bestimmt ist es nicht die Furcht, die mich lenkt. Seit langem schon empfinde ich keine Furcht vor Dir. Nur das Gefühl allein leitet mich. Dieser Vernol hat es verstanden, mir eine gewisse Vorliebe für ihn einzuflößen, deren Ursache ich mir nicht erklären kann. Doch mein Herz, das dir allein gehört, zögert keinen Augenblick, sich zu entscheiden. Ich will ihn nicht wiedersehen!“

„Mein geliebtes Kind, ich kenne die Aufrichtigkeit Deiner Gefühle für mich, und ich bin darüber sehr glücklich. Vernol erweckt in Dir gewisse Vorstellungen, die Deine Phantasie bewegen. Du findest ihn deshalb angenehm. Aber Du kennst meine Zärtlichkeit für Dich und weißt, daß Du nicht aufhören kannst, mich zu lieben. Das ist alles, was ich von dir erhoffe. Geh nur, ich bin nicht eifersüchtig auf dieses Herz, dessen Besitz mir so sicher ist.“

Diese Worte beruhigten mich, und ich fühlte mich überströmen vor Zärtlichkeit für diesen wundervollen Mann, der all meine Besorgnisse zu zerstreuen verstand. Ich warf mich vor ihm auf die Knie und küßte seine Hände, die ich mit meinen Tränen benetzte. Mein Schluchzen machte es mir beinahe unmöglich, die rechten Worte zu finden.