Es dauerte eine Weile, bis wir uns beruhigten. Dann sagte ich zu meinem Vater: „Du wirst vielleicht erstaunt sein über Roses Betragen. Ich selbst war nicht weniger verwundert. Ich habe sie gebeten, mir zu erzählen, woher sie ihr Wissen hat, und ich werde Dir alles darüber sagen. Oder nein, noch besser sollst Du es aus ihrem Mund erfahren. Die Vertraulichkeit, die ihr einander erwiesen habt, wird es ihr unmöglich machen, Dir etwas von dem zu verbergen, was sie mir gestanden hat.“
Wir beruhigten ihre aufkeimenden Proteste durch Küsse und Liebkosungen.
„Nun gut“, sagte sie schließlich, „ich willige ein. Nachdem ich Laurette schon alles gesagt habe, riskiere ich nichts durch meine Offenheit. Schließlich habt ihr ein Recht darauf, alles zu erfahren. Mein Vertrauen ist nicht kleiner als jenes, das ihr mir bewiesen habt. Wirklich, es ist nur angemessen, daß ich euch alles erzähle.“
5. Kapitel
Rose begann ihre Geschichte folgendermaßen:
„Ich war etwa zehn Jahre alt, als mich meine Mutter zu ihrer Schwester schickte, die damals in der Provinz lebte. Ich blieb über sechs Monate dort. Meine Tante hatte nur eine einzige Tochter, die etwa sechs Jahre älter als ich selbst war. Bis dahin hatte ich immer bei meiner Mutter gelebt, deren Frömmigkeit es mir nicht erlaubt hatte, mich irgendjemandem anzuschließen. Meine Brüder waren damals auf der Schule, und so war ich immer allein, wenn ich meine Mutter nicht in irgendeine Kirche begleitete. Ich kannte mich selbst nicht mehr und langweilte mich entsetzlich. Die Kirche erschien mir damals noch als das kleinere Übel. Da gab es wenigstens das eine oder andere menschliche Wesen, das ich beobachten konnte.
Es dauerte lange, bis sich meine Mutter entschloß, den Wünschen meiner Tante, die mich gerne bei sich haben wollte, zu entsprechen und mich zu ihr zu schicken. Ich sehnte diese Reise mit einer Ungeduld herbei, die ich meiner Mutter nicht verbergen konnte. Und schließlich kam meine Zeit.
Mein Bruder hatte die Windpocken bekommen, und Mama beeilte sich demzufolge, mich aufs Land zu schicken, damit ich nicht ebenfalls angesteckt würde. Meine Tante und meine Cousine empfingen mich mit tausend Beweisen ihrer Freundschaft. Vom ersten Augenblick an verlangte Isabelle, daß ich bei ihr schlafen sollte.
Am Abend, wenn wir uns zur Ruhe begaben, umarmte sie mich jedes Mal innig, und ich erwiderte ihre Zärtlichkeiten ebenso. Nach vierzehn Tagen waren wir schon so vertraut, daß wir nicht die geringste Scheu mehr voreinander hatten.
Eines Abends verfiel sie auf den tollen Einfall, unsere Hemden zu schürzen, so daß wir vor dem Spiegel unsere Hinterteile vergleichen konnten, die in der Tat recht anmutig gerundet und lieblich anzusehen waren. Sie fiel mir vor lauter Wohlgefallen um den Hals und küßte mich, wie es vier Schwestern gleichzeitig nicht getan haben würden. Ich meinerseits konnte darauf lange nicht einschlafen. Doch da sie mich entschlummert glaubte — ich verhielt mich nämlich ganz ruhig —, bemerkte ich, wie sie ihren rechten Arm ein wenig bewegte. Ihre linke Hand lag auf meinem Schenkel. Ich spürte, wie sie heftig atmete. Sie hob und senkte ihren Hintern ganz sacht. Endlich stieß sie einen leidenschaftlichen Seufzer aus und versank dann in einen tiefen, ruhigen Schlummer.