„Ah, das verspreche ich für mich selbst wie auch für ihn“, versicherte Rose eifrig.
„Ich muß euch noch etwas Wichtiges sagen, Dir und ihm“, fuhr mein Vater fort, „Laura ist nur in der Öffentlichkeit meine Tochter, nicht aber dem Blut nach. Doch siehst Du wohl, sie ist mir deshalb nicht weniger lieb. Im Übrigen soll kein Mensch in dieses Geheimnis eingeweiht werden außer euch beiden. Sag Deiner Mutter, daß wir Vernol und Dich gern auf eine Landpartie mitnehmen würden, und bitte sie um ihre Einwilligung. Aber ihr müßt über alles, was geschehen wird, Stillschweigen bewahren.“
Keines von all diesen Worten war mir entgangen. Rose erreichte natürlich mit Leichtigkeit, daß sie und Vernol sich uns anderntags anschließen konnten. Ich selbst verbrachte den Rest des Tages in größter Aufregung bei einer Bekannten, während mein Vater jene Vorbereitungen traf, die ihm notwendig erschienen.
Am anderen Nachmittag fanden wir einen geschlossenen Wagen vor unserem Haus. Er führte uns zu einem sehr hübschen Landsitz, der in einiger Entfernung von der Stadt gelegen war. Das Haus war mir bis dahin unbekannt gewesen. Vermutlich gehörte es einem Freund meines Vaters, der es diesem zur Verfügung gestellt hatte. Vernol hatte seine natürlichen Vorzüge noch zu erhöhen versucht, Rose und ich trugen beide sehr elegante Deshabilliés. Wir kamen gegen vier Uhr an.
Welch eine wundervolle Zeit! Eine Weile ergingen wir uns in dem Garten, der in den prächtigsten Farben des Herbstes prangte. Sein phantastischer Schmuck hob sich bunt aus dem grünen Rasen. Das war nicht einer jener Gärten, in denen Regelmäßigkeit und Symmetrie alle Natur ersticken. Vielmehr war er großzügig angelegt und brachte so den Reiz der Natur auf das vollendetste zur Geltung. Wir genossen die liebliche Landschaft, die so recht mit unserer festlichen Stimmung harmonierte. Waren wir nicht dabei, ein Fest zu feiern, wie es die Natur nur den glücklichsten ihrer Geschöpfe gewährt?
Nach diesem Spaziergang, den unsere Küsse und Vertraulichkeiten doppelt reizvoll gemacht hatten, betraten wir das Haus. Mein Vater führte uns in einen schönen Salon, wo für uns eine leichte Mahlzeit angerichtet war. Wir sprachen dem köstlichen Wein und den Früchten zu, und sei es nun durch das natürliche Feuer des Weines oder durch ein Mittel, das mein Vater hineingemischt hatte — er kannte ja deren genug —, fühlten wir uns darauf merkwürdig erregt. Wir warfen uns spielerisch die Blumenkränze zu, mit denen wir uns geschmückt hatten. Ach, es gab noch andere Blumen zu pflücken! Wir befanden uns in einem reizenden Gemach, das mit prächtigen Girlanden bekränzt und von Kerzen erleuchtet war. Kostbare Venezianerspiegel warfen das Bild dieses festlichen Raumes in unzähligen Varianten zurück. Wir bewunderten die ausschweifenden Gemälde, welche die Wände schmückten.
O Himmel, was für Gemälde! Der göttliche Aretino hätte keine wollüstigeren erfinden können. Außer diesen war der Raum noch von etlichen wundervollen Skulpturen geschmückt, die ebenso wie die Bilder der Inspiration der Lust dienten.
Es dauerte auch nicht lange, so befanden wir uns in einem Delirium der Begierde. Bacchus und Amor hatten sich verbündet, ihre Triumphe zu feiern. Rose, die sich von diesen beiden reizenden Gottheiten am lebhaftesten angeregt fühlte, eröffnete den Reigen der Lust. Sie warf sich meinem Vater an den Hals, sie umarmte Vernol. Ah, wie leidenschaftlich küßte sie mich und verführte mich dadurch dazu, dasselbe zu tun. Sie raubte mir mein Taschentuch, das sie ihrem Bruder zuwarf, während sie ihr eigenes meinem Vater gab. Sie hieß ihn ihre Brüste küssen und brachte Vernol dazu, daß er dasselbe mit den meinen tat. Unsere Lippen verschmolzen schließlich miteinander. Diese Spiele, die sich in den Spiegeln vervielfältigten, erhitzten unsere Leidenschaften. Unsere Wangen glühten, unsere Augen sprühten, und unser Atem ging heftig. Vernol befand sich schon im Zustand halber Auflösung, seine Augen waren voll Feuer. Er erschien mir schön wie der helle Tag. Ich betrachtete ihn in diesem Augenblick mit einem göttlichen Vergnügen, und sein Anblick verdoppelte meine Begierden. Er war seiner selbst kaum mächtig. Rose wollte, daß ich mich auf eine Bergère legte, und ich tat es. Sie rief Vernol zur Hilfe. Zusammen schürzten sie meine Röcke, und dann versetzte Rose mir etliche leichte Schläge. Kurz, sie tat alles, damit Vernol zu sehen bekam, wonach er seufzte. Ich wollte mich rächen, aber sie ließ mich gar nicht erst in diese Lage kommen. Augenblicklich warf sie sich auf einen Diwan und reckte bereitwillig ihre Beine in die Höhe, so daß all ihre natürlichen Reize sich meinem Blick boten. Natürlich benutzten wir die Gelegenheit, sie zu liebkosen, doch kaum daß wir sie berührten, begannen schon die Fontänen der Lust zu sprühen. Wir waren im Nu überströmt, denn sowohl Vernol als auch mein Vater erwiesen sich als höchst freigebig, ohne daß ihr Verlangen dadurch gemildert worden wäre, wie wir uns bald überzeugen konnten.
Rose sprang auf die Beine und warf sich auf meinen Vater.
„Mein Lieber, ich habe Dir das Taschentuch zugeworfen. Du wirst mein Gatte sein, ich Deine Frau. Komm, gib mir die Hand!“