„Bist Du verrückt, mein liebes Kind? Glaubst Du wirklich, daß meine Achtung und meine Freundschaft von irgendwelchen Vorurteilen abhängen könnten? Was macht es schon aus, eine geliebte Frau in den Armen eines anderen Liebhabers zu sehen, wenn die Qualitäten ihres Herzens, wenn ihr Geist und Charakter und all die Vorzüge ihrer Person sich nicht im Mindesten geändert haben, und wenn sie noch immer empfänglich ist für eine zärtliche Bindung? Höre meine Grundsätze, meine Liebste. Ich werde glücklich sein, wenn sie Dich beruhigen und überzeugen können, daß ich Dich nach wie vor zärtlich liebe und daß ich Dich nicht im Mindesten weniger schätze als zuvor. Nichts kann mich so wenig beunruhigen, als Dich untreu zu sehen. Denn das ist bei einem Menschen, der aufrichtig und zärtlich liebt, nicht möglich. Ich will Dir ein einfaches Beispiel geben. Ich liebe Dich, meine Laurette, und meine Liebe ist beinahe mit Dir aufgewachsen. Ich glaube, ich habe Dich schon geliebt, als Du kaum sieben Jahre alt warst. Du füllst mein ganzes Herz aus. Und doch — war ich Dir etwa nicht untreu mit Lucette, mit Rose und selbst mit Vernol?
Glaube mir, diese Handlung, die von der Konstitution unserer Organe abhängt, ist zu natürlich, um nicht verzeihlich zu sein. Dem Gegenstand unserer Begierden gilt nur diese. Doch dem unseres Herzens sind wir darüber hinaus auch mit unserer Achtung, mit unserem guten Glauben und unzähligen zärtlichen Gefühlen verbunden. Natürlich gibt es Menschen, die zu ernsthaft sind, um diese Unterscheidung vorzunehmen. Aber ich habe eine glücklichere Wahl getroffen. Die Unbeständigkeit enthüllt ein leichtes Herz, das undankbar und treulos ist. Ich machte sie mir niemals zum Freund. Denn ich glaube, daß jeder Mann, der im Herzen unbeständig und treulos gegenüber einer Frau ist, die delikat in ihren Gefühlen ist, einen kultivierten Geist hat und sich aus Liebe seiner Diskretion ausgeliefert hat, daß jeder solche Mann auch gegenüber seinen Freunden unbeständig und treulos sein wird. Doch die vorübergehende Treulosigkeit der Sinne ist nichts weiter als die Frucht eines leicht beeinflußbaren Temperaments. Verlockt von Begierde, Gelegenheit und allen möglichen unvorhergesehenen Ereignissen, nützt es die Möglichkeiten, die sich ihm bieten. Der Mensch ist aus Widersprüchen zusammengesetzt, mein Kind. Nicht immer stimmt der Wille mit unseren Handlungen überein, und diese hängen nicht immer von ihm ab. Jene Leute, die von einem sechsten Sinn im Menschen sprechen, haben die Natur recht scharf beobachtet. Hängt es etwa von unserem Willen ab, ob wir ihn in Tätigkeit setzen oder nicht? Nein, er selbst ist nicht im Geringsten seinen eigenen Gesetzen unterworfen. Alles an uns ist vielmehr von unserer Konstitution und der Zusammensetzung und Bewegung unserer Säfte abhängig. Nichts kann sich diesen widersetzen, nichts sie ändern als die Zeit, die alles zerstört. Meine Sinne wachsen in der Vereinigung des Geschlechts. Sie wachsen an Eindrücken, deren wir nicht Herr werden können. Warum berührt, verführt und inspiriert der eine Sinneseindruck das Begehren eines bestimmten Menschen, während er auf einen anderen überhaupt nicht wirkt? Wir sind einer Person besonders zugeneigt?
Wohlan, so erscheinen uns sogar ihre Fehler liebenswert. Sowohl solide Bindungen als auch vorübergehende Leidenschaften finden sich in dem Lebenskreis, den wir zu durchschreiten haben. Wenn wir bei unseren Bestrebungen auf Widerstand stoßen, wird sich die Eigenliebe erheben und all ihre Kräfte einsetzen, um diesen Widerstand zu überwinden und jene, die wir am meisten schätzen und lieben, an uns zu fesseln. Schließlich werden Begierde, Ehrgeiz und Habsucht — Eigenschaften, die alle Menschen während ihres Lebens verfolgen — unsere Handlungen bestimmen und sie notwendigerweise in eine Kette von Umständen zwingen, die das Muster ausmachen, das unser Leben formt. Diese drei Beweggründe, die man mit den schmeichelhaftesten Namen zu umschreiben und auf das vollkommenste zu verschleiern sucht, sind die einzigen, die den Menschen in Bewegung halten und ihn regieren. Bei einem Individuum wird nur eines dieser Motive bei seinen Handlungen im Vordergrund stehen, bei einem anderen vielleicht zwei oder auch alle drei, je nach den Anlagen und ihrer Entwicklung. Wenn man von der Natur ein Herz bekommen hat, das für starke und dauernde Leidenschaften, für eine zarte und innige Bindung empfänglich ist, wird die Ähnlichkeit des Temperaments und der Charaktere eine Vereinigung bewirken. Man ist weniger von der Wonne leiblicher Vereinigung erfüllt als vielmehr von der süßen Zufriedenheit, welche aus der Harmonie von Geist und Geschmack entspringt. Es ist verächtlich, aus eigener Schuld das Blumenband der Freundschaft zu zerstören. Mag diese zarte Kette auch noch so leicht zu brechen sein, so ist der Verlust, der aus dieser törichten Handlung folgt, doch unersetzlich. Es ist allerdings richtig, daß man die Sensationen der Lust in diese intimen Bindungen der Menschen gemischt hat. Doch glaube mir, ihr Ursprung ist völlig anderer Natur.
Es gab eine Zeit, meine liebste Laurette, wo man alles, was ich Dir über diese Dinge sagen kann, für eine Fabel gehalten hat, während es doch der Gesetzmäßigkeit der Natur entspringt. Früher oder später kommt die Gewohnheit, welche, ohne die liebenswürdigen Bindungen der Gefühle zu zerstören, doch die Lebhaftigkeit der Begierden, die Feinheit der Wollust erlahmen läßt, so daß diese nur durch ein neues Objekt wieder zum Leben erweckt werden können. Diese Begierden aber scheinen mit unserer Existenz unlösbar verbunden und lassen uns den Reiz und Wert des Lebens erst richtig bemerken. Doch hier gilt es eine schwierige Entscheidung zu treffen.
Hat man genügend Vernunft und Festigkeit, um ein Gebilde der Phantasie zu opfern, eine Laune, einen augenblicklichen Einfall, der die Harmonie einer innigeren Bindung zerstören könnte, so soll man nicht zögern, dies zu tun. Aber zerstört die Eifersucht nicht noch viel mehr als eine vorübergehende Untreue? Ist es nicht viel klüger, sich ohne Groll und Widerwillen den Gesetzen der Natur zu überlassen, deren Macht doch unbesiegbar ist? Hören wir ihre Stimme, die aus allem spricht! Schließen wir unsere Augen nicht vor ihr, haben wir Verständnis für das, was sie uns zeigen und sagen will! Sie verkündet in allem den Wandel, ja noch mehr, das Ende.
Warum sollten wir uns über ein Gesetz beklagen, das wir nicht ändern können, dem wir absolut unterworfen sind, und das nicht weniger mächtig ist als das der Zerstörung, dem alles Sein ausgeliefert ist? Unsere Eigenliebe und unser Egoismus sträuben sich dagegen, und doch entspricht diese Erkenntnis den Gesetzen der Natur.
Betrachten wir nur die Tiere, meine liebe Laurette. Sieht man etwa die Weibchen mit jenen Männchen verbunden, die sie im Vorjahr gehabt haben? Selbst die Turteltaube, von der wir ein ebenso rührendes wie grundfalsches Bild gezeichnet haben, bleibt nur so lange im gleichen Nest, als ihre Brut ihrer bedarf. Und noch im selben Sommer sucht sie sich einen anderen Liebsten. Suche nach anderen Beispielen in der Natur, Du findest ihrer genug. Denn was ist der oberste Zweck der Natur? Die Vermehrung des Seins. Nur um die Geschöpfe dadurch zur Vermehrung anzuregen, hat sie so viel Lust in die Geschlechtsvereinigung gelegt. Diese Lust ist so groß, daß sie uns sogar gegen unseren Willen zu Handlungen treibt, welche sie hervorrufen. Wenn wir beide dieses Ziel der Natur umgangen haben, so sind es unsere Sitten und Vorurteile, die uns dazu gezwungen haben. Grundsätzlich jedoch ist dieser Plan der Natur so offensichtlich, daß ein Mann von guter Konstitution sogar mit einer Frau zu fruchtbarer Vereinigung kommen kann, die er überhaupt nicht kennt.
Wenn es zuweilen unter beiden Geschlechtern Leute gibt, die dem Willen der Natur gegenüber unempfindlich erscheinen, so ist das nur ein Fehler in der Veranlagung, der die allgemeinen Gesetze nicht zu zerstören vermag.
Ich muß allerdings gestehen, daß der Vorzug der Fruchtbarkeit, den die Männer genießen, den Frauen nicht gegeben ist. Zumeist können sie nur ein einziges Lebewesen hervorbringen. Es gibt Männer, die daraus einen Vorteil ziehen, ohne die bedauerlichen Wirkungen einer Mischung der Samenflüssigkeit zu bedenken. Wenn sich nämlich ein Keim in den Tiefen der Matrix festgesetzt hat und nach einiger Zeit derselbe Mann oder auch ein anderer einen neuen Keim befruchtet und ins Leben ruft, kann die Matrix eine zweite Frucht hervorbringen und selbst eine dritte. Doch liegt dies nicht im Sinne der Natur.
Hat die Natur die Männer mit allen möglichen Vorzügen ausgestattet, so hat sie sich doch auch den Frauen gegenüber nicht ganz und gar als Rabenmutter erwiesen. Diese tragen nämlich ein lebhaftes und immerwährendes Verlangen, einen unersättlichen Appetit in sich, eine Frucht des Lebens zu empfangen und zu tragen. Wenn der eine Mann dieses Verlangen nicht stillen kann oder will, so führt sie ein Gefühl, das stärker ist als alle Vorurteile, zum nächsten. Doch die Wahl hängt von ihrem Geschmack ab. Warum sollten sie auch die Umarmungen und Liebkosungen eines Mannes dulden, den sie verabscheuen? Was könnte aus einer Verbindung Gutes hervorgehen, gegen die sie sich auflehnen? Wie viele Beispiele hat man dafür gesehen? Solche unglücklichen Bindungen, die leider nur zu häufig sind, haben die Möglichkeit einer völligen Trennung bitter notwendig.