Auch könnte ich Dir, meine liebe Laura, noch eine Reihe von anderen Beweisen dafür geben, daß die Natur den Frauen nicht dasselbe Recht auf Untreue gegeben hat wie den Männern. Doch anderseits ist es sicher, daß sie in ihr Herz und ihren Charakter mehr Unbeständigkeit gelegt hat als in unser Geschlecht. Ah, wie glücklich sind wir, wenn ein Liebesobjekt unser wahres Gefühl erweckt! Sollten wir da nicht ein kleines Opfer bringen, um einen großen Verlust zu vermeiden?“
Gerechter Himmel, wie tief war doch seine Erkenntnis des menschlichen Herzens! Du wirst mir das ohne Zweifel zugestehen. Durch dieses Gespräch nahm er mir eine Last von der Seele. Er gab mir meine Ruhe wieder und erfüllte mich mit vollkommener Freude.
Ich wollte allerdings noch einen gewissen Verdacht klären, den unsere ländliche Orgie damals in mir erweckt hatte. Zwar zögerte ich anfangs, ihn danach zu fragen, aber schließlich wagte ich es doch.
„Ich möchte Dich noch etwas fragen, mon cher, und ich bitte Dich, mir offen darauf zu antworten.“
„Wie? Meine Laurette, könnte ich Dir das unwürdige Beispiel der Verstellung geben, nachdem ich mich immer bemüht habe, in aller Aufrichtigkeit mit Dir zu reden? Sprich offen, und ich werde Dir offen antworten.“
Ich rückte also unbefangen mit meinen Zweifeln heraus.
„Als wir damals jenen Landausflug machten und Du eine gewisse Bedingung stelltest, um meiner Torheit Vorschub zu leisten, habe ich mir eingeredet, daß die Reize dieses hübschen Jungen dein Verlangen ebenso erweckt hätten wie meines und daß Du, um Dich daran zu ersättigen, diese Bedingung gestellt habest. Habe ich mit dieser Vermutung recht gehabt?“
„Ah nein, wie Du Dich täuschst, meine Liebste! Ich war begehrlich, das stimmt. Du hast das untrügliche Zeichen dieses Verlangens ja gesehen. Wer hätte in einer Situation wie dieser nicht ähnlich empfunden? Aber in erster Linie waren die Vorzüge Deiner eigenen Person die Ursache dieser Empfindungen. Ich muß Dir gestehen, daß mir die Vorliebe mancher Männer für ihr eigenes Geschlecht immer bizarr erschien, wenn man sie auch bei allen Nationen finden mag. Diese merkwürdige Leidenschaft erscheint mir vor allem deshalb extravagant, weil sie alle Gesetze der Natur verletzt, es sei denn, daß ein akuter Mangel an Frauen uns unsere Zuflucht zu unserem eigenen Geschlecht nehmen läßt. Man kann dies in Schulen, Klöstern, Gefängnissen und überall dort, beobachten, wo die Frauen aus dem Leben der Männer ausgeschlossen sind. Doch werden diese Unglücklichen, welche die Reize der Frauen entbehren müssen, immer wieder zu diesen zurückkehren, wenn sie die Möglichkeit dazu haben.
Etwas anderes ist es mit der Neigung der Frauen für ihr eigenes Geschlecht. Diese scheint mir nicht so unnatürlich. Ich glaube vielmehr, daß die Zärtlichkeit ihres Betragens untereinander sie sehr leicht verführt, mit ihren Geschlechtsgenossinnen eine intime Bindung einzugehen. Auch stört diese Neigung zumeist ihre Vorliebe für unser Geschlecht nicht im Geringsten. Tatsächlich werden diese armen Geschöpfe doch zeitlebens einem gewissen Zwang unterworfen. Man sperrt sie in Klöster ein, bei nahezu allen Nationen macht man aus ihrem Heim ein Gefängnis.
Diese Abgeschlossenheit erzeugt in ihnen die Illusion, daß sie wenigstens in den Armen ihrer Geschlechtsgenossinnen jene Wonne suchen und finden könnten, nach der ihre Natur verlangt, wenn ihnen schon der natürlichere Umgang mit Männern verwehrt ist. Und da dieses unzweifelhafte Vergnügen, in dem sich Schönheit, Grazie und Jugendfrische mischen, für sie völlig ungefährlich ist, geben sie sich ihm nach den ersten schüchternen Versuchungen mit einer gewissen Leidenschaft hin. Sie riskieren nichts und sie gewinnen viel in einer solchen zärtlichen Bindung.