Bei den Männern ist das etwas anderes. Im Allgemeinen mangelt es ihnen nicht an Frauen, und es ist für sie nicht halb so gefährlich wie für jene, ihren Wünschen nachzugehen. Sie haben also recht wenig Grund, sich mit ihresgleichen einzulassen. Übrigens scheint es mir im Ganzen als pervers, und Du darfst mir glauben, daß es damals mit Vernol das einzige Mal war, daß ich etwas dergleichen getan habe. Doch wenn mir diese Methode der Lust auch bei den Männern höchst bizarr erscheint, so finde ich es doch ganz natürlich, eine Frau gelegentlich von hinten zu nehmen. Ja, ein schlecht ausgerüsteter Mann ist in einer weiten Vagina so gut wie verloren und daher beinahe gezwungen, es mit einem engeren Weg zu versuchen, um auf dem Feld, das er beackert, die Lust zu empfangen, nach der er strebt. Und übrigens gibt es sogar eine ganze Anzahl von Frauen, die nicht anders erregt werden können als auf diesem Weg.

Doch um auf die Gründe zurückzukommen, die mich damals veranlaßten, Vernol zu nehmen: Meine Liebe und mein Begehren galten Dir, und nur dir allein. Aber ich habe, wie Du weißt, keine Vorurteile. Dazu kam ein lebhaftes Verlangen, Dich von allen Seiten zu befriedigen und all Deine Gefühle zu wecken. Auch wollte ich, daß Du die Verschiedenheit des Genusses kennen lernen solltest. Dazu kam, daß ich Vernol seinen Genuß nicht allein zu gönnen vermochte, ich wollte daran teilnehmen. Auf welch andere Weise hätte ich dies erreichen können, ohne in Deinem Herzen als ein eifersüchtiger Tyrann zu gelten? Hätte ich mich Deinem Verlangen nach Vernol widersetzt, würde ich vielleicht Deine Zärtlichkeit und Dein absolutes Vertrauen verloren haben. Das konnte ich nicht riskieren, umso weniger, als ich nur auf Dein Herz eifersüchtig bin. Anderseits konnte ich Dich nicht in den Armen Vernols sehen, der sich meine Gefühle für Dich anmaßte, nur um eine Eroberung, die mir so viel bedeutete, dann als ein hübsches Abenteuer zu betrachten. Ich wollte, daß er sich, ebenso wie Rose, nicht dieser Lust erinnern könne, die er in deinen Armen empfing, ohne zur selben Zeit daran zu denken, daß er dafür mit seiner eigenen Person hatte bezahlen müssen. Und ich hoffte, daß diese Erinnerung seinen Gedanken und seiner Zunge einen Zaum auferlegen würde. Ich habe ihn mit umso mehr Grund in der Art der Frauen benutzt, weil Männer kaum je klug und diskret genug sind, das Gute, das ihnen widerfahren mag, für sich zu behalten. Um Dir die Ehrlichkeit meiner Gründe zu beweisen, erinnere ich Dich daran, daß Rose von mir nicht auf diese Weise behandelt wurde, obwohl das bei einer Frau doch um vieles natürlicher erschiene als bei einem Mann. Doch sie war mir dazu nicht wichtig genug. Und obwohl dies das erste Mal gewesen wäre, sie auf diese Weise zu besitzen, habe ich es doch Vernol überlassen, ihre zweite Jungfernschaft zu brechen. Urteile nun selbst, ob ich Dich täusche.“

Seine Antwort überzeugte mich. Ich umschlang ihn mit meinen Armen, ich drückte ihn an mein Herz, ich erstickte ihn beinahe mit den Beweisen meiner Liebe.

„Mein Liebster, nie, nie wieder werde ich Deine Güte und Deine Liebe für Deine Laurette bezweifeln. Glaube mir, von nun an soll jeder Atemzug meines Lebens Dir geweiht sein. Ich will Dich zum Gefährten meiner Lust wie meiner Sorgen, ja selbst meiner geheimsten Gedanken machen. Die Beständigkeit und Treue meines Herzens sollen Dir die Innigkeit eines Herzens beweisen, das nur für Dich schlägt.“

Ich genoß in der Folge vier köstliche Jahre, die erfüllt waren von Frieden und süßem Glück. Er war all meine Seligkeit. Behütet und behütend, liebend und wiedergeliebt genoß ich das Glück seiner innigen Zuneigung jeden Tag aufs neue. Nichts trübte mein Glück außer dem Tod unserer lieben Lucette. Ihr Andenken ist mir für immer teuer. Dies ist die Frucht der tiefen Zuneigung, die wir für einander empfanden. War nicht ihr ganzes Verhalten von der zärtlichen Liebe erfüllt gewesen, die sie meinem Vater und mir entgegengebracht hatte? Ich hatte den Unterschied zwischen ihr und Rose wohl erkannt und die Verbindung mit ihr viel höher eingeschätzt als jene mit der flatterhaften Rose. Doch ach, der Verlust, den ich durch sie erlitt, war nur ein schwacher Vorgeschmack jener Qualen, jener nachtschwarzen Kümmernisse, die gar bald über mich hereinbrechen sollten. Ach, meine Eugenie, wozu diese Wunde aufs Neue aufreißen? Wozu meinen Schmerz erneuern?

Die Erinnerung an mein Unglück zerreißt mein Herz. Nein, ich will nicht noch einmal darüber sprechen . . .

9. Kapitel

Und doch, meine teure Freundin, muß ich dieses schreckliche Gemälde des Schmerzes vor Dir ausbreiten. Ah, Deine Laurette ist nicht mehr sie selbst, mein Herz blutet, erschüttert läßt meine Hand die Feder sinken, ein wildes Schluchzen schnürt mir die Kehle zu. Meine Augen sind eine Quelle der Tränen geworden. Vielleicht hätte Deine Freundschaft sie trocknen können, wenn ich bei Dir gewesen wäre. Endlich, nach einem neuen Ausbruch der Verzweiflung finde ich die Kraft, mein Unglück vor Deinen Augen auszubreiten.

Du weißt, daß ich gerade zwanzig Jahre alt geworden war, als mein Vater, der zärtlichste und liebenswürdigste aller Väter und zugleich der wundervollste und anbetungswürdigste Liebhaber, dessen Leben ich nur zu gern mit meinem eigenen erkauft hätte, dessen Verlust für mich unersetzlich ist, durch eine Lungenkrankheit hinweggerafft wurde.

Ach, alle Kunst der Ärzte war an ihm vergeblich. Ich verließ ihn niemals, ich weilte Tag und Nacht an seinem Bett, das ich heimlich mit meinen Tränen benetzte. Ich versuchte sie vor ihm zu verbergen, doch mein bebender Mund verriet ihm meine Verfassung. Er war gerührt und wollte mir seinen Zustand verbergen. Er bat mich, ihn für etliche Stunden zu verlassen, um auszuruhen, aber ich brachte es nicht übers Herz. Kaum, daß ich auf die Ratschläge hörte, die er mir gab. Denn er erkannte die Situation und begegnete ihr mit Entschlossenheit. Schließlich traf mich der entsetzliche Schlag. Ach, meine Lippen empfingen seine letzten Seufzer.