Welch ein Verlust für mich, Eugenie, meine liebe Eugenie! Meine Augen starren blicklos auf das Papier, auf dem ich darüber berichte. Ich war ihm tausendmal mehr zugetan, als wenn er mein wirklicher Vater gewesen wäre. Er hatte mich einst mit dem Comte de Norval bekannt gemacht, dessen Vergnügungen ich mein Leben verdanke. Ich habe ihn ohne die geringste Bewegung, ohne ein anderes Interesse als dem einer gewissen Neugier betrachtet.
Wo ist nur diese innere Stimme, habe ich mich gefragt, die uns denen in die Arme führt, die uns das Leben gegeben haben? Welch eine nutzlose Chimäre! Unser Herz spricht aber nur für jene, die unser Glück und unsere Zufriedenheit geschaffen haben.
Der Schatten des Schmerzes, der auf mir lag, die Verzweiflung und Zerrissenheit meines Herzens machten es mir unmöglich zu schlafen. Schließlich wurde ich selbst schwer krank. Ich wollte sterben. Doch meine Stunde war noch nicht gekommen, und meine Jugend fand Mittel und Wege, um mich zu retten. Doch selbst als ich meine Kräfte wiedergewonnen hatte, fand ich nur einen Gedanken: Den, mich lebendig zu begraben. Ich hatte alles verloren. Das Leben war mir hassenswert geworden. So schien nun das Kloster das einzige Ziel meines Verlangens. Ach, wie hatte ich jemals glauben können, dort meine Leiden zu enden?
Mein Schmerz wäre heute noch so stark wie je zuvor, wenn Du ihn nicht gelindert hättest. Erlaube mir, meine schöne und zärtliche Freundin, daß ich zu meiner eigenen Genugtuung vor Deinen Augen das Bild jener süßen Augenblicke ausbreite, die ich bei Dir verbrachte und durch die Du einen heilsamen Balsam in mein wundes Herz gegossen hast. Diese starke Erregung, die man Sympathie nennt, dieses Interesse, das man am Unglück eines anderen nimmt, dem man sich verwandt weiß, ließ Dich für mich fast vom ersten Augenblick an Freundschaft empfinden. Du durchschautest den Zustand meines Herzens, ohne die Gründe zu kennen. Du ließest meinen Tränen freien Lauf, Du hast deine Zelle verlassen, um meinen Schmerz zu lindern. Deine Jugend, Deine Grazie, Deine Reize und dein Geist verliehen Deinen Gesprächen Gewicht. Du hast meinen Kummer und mein Bett geteilt.
Wie erstaunt war ich über die Schätze, die Dein Nonnengewand und Dein Schleier mir verbargen! Dieser Anblick rührte ein lebhaftes Gefühl, und damit auch die Erinnerung an meine Leiden wieder auf. Du hast meine Tränen fließen sehen, Du warst darüber erstaunt. Du wolltest die Ursache meines Kummers kennen lernen und ein Geheimnis enthüllen, das ich vor aller Welt verborgen sehen wollte. Ich reagierte kaum auf Deine Fragen, so sehr befand ich mich in einem Zustand innerer Abgestumpftheit. Ohne die Empfindung des Schmerzes, die mich ganz ausfüllte, wäre ich tot gewesen. Doch da empfing ich die Zuneigung einer Freundin. Ich hatte nicht geglaubt, daß ich überhaupt noch für ein menschliches Gefühl empfänglich sein würde. In diesem Augenblick merkte ich wohl, wie sehr Lucette mir fehlte. Ich glaubte nicht, daß jemals irgendjemand sie ersetzen könnte. Wie hätte ich annehmen können, daß ich diese Freundin just unter der Maske finden würde, die Du trägst? Doch Dein Charakter, Dein Temperament, Deine Seele offenbarten sich mir bald in all ihren Reizen. Ich begann Dich zu beobachten, und diese Beobachtungen fielen sehr zu Deinen Gunsten aus. Deine Freundschaft und Dein Vertrauen weckten schließlich auch meine Gefühle für Dich. Dein Geständnis ließ auch mich Dir gegenüber Offenheit üben, und so fand ich in Deinen Armen den Trost, dessen ich so sehr bedurfte.
Mit welcher Genugtuung erinnere ich mich an jene Nacht, da Du mir sagtest: „Meine liebe Laurette, ich habe Grund zu vermuten, daß Du einen schweren Kummer mit Dir herumträgst. Doch vielleicht kann ich Dir helfen, indem ich Dir die Ursache des meinen enthülle. So habe ich vielleicht die Genugtuung, Deinen Schmerz durch den meinen zu heilen.“
Du dachtest mit Recht, daß ich, die ich das Geheimnis meines Herzens so strikt zu bewahren vermochte, auch Deines so hüten würde. Und Du hast Dich nicht getäuscht. Ich glaube Dich noch reden zu hören, als Du mir sagtest: „Hör zu, mein Herz! ja, auch ich liebe, so zärtlich wie eine Frau nur zu lieben vermag. Aber ach, ich habe das grausame Unglück, dem Leben einer Nonne ausgeliefert zu sein. Diese honigsüßen, betrügerischen Beguinen haben meine unerfahrene Jugend hier eingemauert und meine Hoffnungen in diesem elenden Gefängnis begraben. Meine Unwissenheit ließ mich die ewigen Gelöbnisse ablegen. Ach, seither foltern mich meine Begierden, deren Opfer ich bin. In der Nacht flieht der Schlaf meine Augen, und während des Tages ödet alles mich an. Meine Seele ist wie abgestorben. Urteile selbst über meinen Zustand. Frei wie Du bist, kannst Du Dich wenigstens einem Liebhaber überlassen, der Deine Reize zu schätzen wissen wird, die ich sehe und berühre.“
Deine Hand, die sich bei diesen Worten auf meine Brust gelegt hatte, ließ mich zusammenschauern. „Ah, liebste Eugenie“, rief ich mit Leidenschaft, „das ist ja der Grund meines Kummers. Ich habe einen Geliebten verloren, den ich anbetete, und der Tod hat mich selbst verschont. O Himmel, warum bin ich nicht statt seiner gestorben?“
Aber da ist er . . . ja, er ist es, den ich halte . . . Ich reiße Dich in meine Arme. Du hast mir eine süße Illusion gegeben. Doch ach, der Teil Deiner Reize, den meine Hände erfassen, bringt mich zu mir selbst zurück. Das, was Dir fehlt, zerstört das holde Phantom, das meine Phantasie sich geschaffen hat. Dabei sollten Deine Reize meine Zunge doch zu wahren Elogen anspornen. Deine Brüste, Deine Schenkel, Dein Haar, Deine Liebesgrotte, alles bot sich meinen bewundernden Augen. Schließlich erlöste mich der Anblick so vieler Vorzüge von meinem Schmerz.
„Ah, welche Wonne für Dich und Deinen Liebhaber“, rief ich, „wenn er Dich in seinen Armen hielte wie ich Dich jetzt halte.“