An dieser Musterkarte sieht man, wie es um die Sitten des Volkes Gottes bestellt war; gewißlich kann man sie nicht mit unserem Lebenswandel vergleichen. Meines Bedünkens kann man nach dieser Skizze einer Parallele, die sich noch weiterführen ließe, keinen allzu lauten Einspruch gegen die Vorgänge heutiger Tage erheben.
Die Freigeister übertreiben nicht gerade viel weniger, wenn sie von unseren abergläubischen Gebräuchen reden, als die Priester, wenn sie gegen unsere Laster zu Felde ziehen.
Wir haben den traurigen Vorteil, was die Wut des Fanatismus anlangt, von keiner anderen Nation übertroffen zu werden; der Wahnsinn des Aberglaubens jedoch hat in anderen Religionen noch weiter um sich gegriffen.
Bei uns sieht man keine Menschen, die beschaulich auf einer Matte sitzend ins Blaue hinein warten, bis das himmlische Feuer ihre Seele überkommt. Man sieht keine vom Teufel Besessenen, die niederknien und die Stirn gegen die Erde schlagen, um den Überfluß aus ihr hervorzulocken, keine unbeweglichen Büßer, die stumm sind wie die Statue, vor der sie sich demütigen. Man sieht hier nicht vorzeigen, was die Scham verbirgt, unter dem Vorwande, daß Gott sich seines Ebenbildes nicht schäme; oder sich bis zum Gesichte verschleiern, wie wenn der Schöpfer Abscheu vor seinem Werke hätte. Wir drehen uns nicht mit dem Rücken gen Mittag, um des Teufelswindes willen; wir breiten nicht die Arme nach Osten aus, um dort das Strahlenantlitz der Gottheit zu entdecken. Wir sehen, wenigstens in der Öffentlichkeit, keine jungen Mädchen unter Tränen ihre unschuldigen weiblichen Reize zerstören, um die böse Lust durch Mittel zu besänftigen, die sie zu oft nur noch mehr herausfordern. Wieder andere, ihre geheimsten Reize zur Schau stellend, warten und fordern in der wollüstigsten Stellung die Annäherung der Gottheit heraus. Um ihre Sinne abzuschwächen, heften sich junge Leute einen Ring, der im Verhältnis zu ihren Kräften steht, an ihre Geschlechtsteile. Wieder andere wollen der Versuchung durch die Operation des Origines entgehen und hängen die Beute dieses gräßlichen Opfers am Altar auf . . .
Mit all diesen Verirrungen haben wir wirklich nichts zu tun.
Was würden unsere Salbaderer sagen, wenn die, wie um ihre Tempel, um unsere Kirchen gepflanzten heiligen Haine das Theater aller Ausschweifungen wären? Wenn man unsere Frauen verpflichtete, sich preiszugeben, wenigstens einmal, zu Ehren der Gottheit? Und man könnte ja sehen, ob die dem schönen Geschlechte natürliche Frömmigkeit ihm erlaubte, zu Zeiten, wo es der Brauch verlangte, sich dort ihm zu fügen.
Der heilige Augustin berichtet in seiner Gott-Stadt[36)], daß man auf dem Kapitol Frauen erblicke, die sich den Freuden der Gottheit weihten, von denen sie gemeiniglich schwanger würden. Es ist möglich, daß auch bei uns mehr als ein Priester mehr als einen Altar schändet; aber er verkleidet sich wenigstens nicht als Gott. Der berühmte Kirchenvater, den ich eben anführte, fügt in demselben Werke mehrere Einzelheiten an, die beweisen, daß, wenn die Religionen bei den Modernen viele Verführungen bemänteln, der Kult der Alten wenigstens nicht im mindesten so anständig war wie der unsrige. In Italien, sagt er, und besonders in Lavinium, trug man bei den Bacchusfesten männliche Glieder, denen die angesehenste Matrone einen Kranz aufsetzte, in feierlichem Zuge herum. Die Isisfeste waren genau so anständig.
An gleicher Stelle führt der heilige Augustinus in langer Reihe die Gottheiten auf, die bei der Hochzeit den Vorsitz führen. Wenn das Mädchen sein Versprechen gegeben hatte, führten die Matronen sie zum Gotte Priapus[37)], dessen übernatürliche Eigenschaften man kennt. Man ließ die junge Verheiratete sich auf das ungeheure Glied des Gottes setzen, dort nahm man ihr den Gürtel ab und rief die dea virginiensis an. Der Gott Subigus unterwarf das Mädchen dem Entzücken des Gatten. Die Göttin Prema befriedigte sie unter ihm, um zu verhindern, daß sie sich allzu viel bewegte. (Wie man sieht, war alles vorgesehen, und die römischen Mädchen wurden gut vorbereitet.) Schließlich kam die Göttin Pertunda, was soviel wie die Durchbohrerin heißt, deren Geschäft war es, sagt Sankt Augustinus, dem Manne den Pfad der Wollust zu öffnen. Glücklicherweise war dieses Amt einer weiblichen Gottheit eingeräumt worden, denn, wie der Bischof von Hippona sehr gescheit bemerkt, würde der Ehemann nicht gern geduldet haben, daß ein Gott ihm diesen Dienst erweise und ihm an einem Orte Hilfe zuteil werden ließe, wo man ihrer nur allzu häufig nicht bedarf.
Noch einmal: sind unsere Sitten minder anständig als die da? Und warum dann unsere Fehler und unsere Schwächen übertreiben? Warum Schrecken in die Seele der jungen Mädchen und Mißtrauen in die der Ehemänner pflanzen? Wäre es nicht besser, wenn man alles milderte, alles aussöhnte?
Die braven Kasuistiker sind entgegenkommender. Lest unter so vielen anderen den Jesuiten Filliutius, der mit einem außerordentlichen Scharfsinn sich darüber ausläßt, bis zu welchem Punkte die wollüstigen Berührungen gehen dürfen, ohne strafbar zu werden. Er entscheidet zum Beispiel, ein Ehemann habe sich sehr viel weniger zu beklagen, wenn sich sein Weib einem Fremden in einer wider die Natur gehenden Weise hingibt, als wenn sie einfach mit ihm einen Ehebruch begeht und die Sünde tut, wie sie Gott befiehlt, „weil“, sagt Filliutius, „auf erstere Weise das legitime Gefäß, über welches der Ehemann ausschließliche Rechte hat, nicht berührt wird . . .“