O, welche köstliche Himmelsgabe ist ein friedsames Gemüt!

Die Thalaba

Eines der schönsten Denkmäler der Weisheit der Alten ist ihre Gymnastik. Besonders dadurch scheinen sie begieriger gewesen zu sein, vorzubeugen als zu strafen. Eine große Klugheit in politischer Beziehung! Die Feinde, sagten die Athener, sind dazu geschaffen, die Verbrechen zu bestrafen, die Bürger die Sitten hochzuhalten. Daher die voraussehende und heilsame Aufmerksamkeit der Jugenderziehung gegenüber. Der erste Ausbruch der Leidenschaften und ihr Ungestüm verursachen diesem heftigen Alter die stärksten Erschütterungen; es bedarf einer männlichen Erziehung, deren Strenge jedoch durch bestimmte Vergnügungen gemildert sein muß, die mit dem großen Gegenstande, Männer zu bilden, im Einklang stehen. Nun gab es dort nur körperliche Übungen, bei denen Arbeit und Freude glücklich vermischt waren, die zum Teil ständig den Körper und infolgedessen auch die Seele beschäftigten, erfreuten und kräftigten.

In Ländern, wo die Glücksgüter recht ungleich verteilt sind, werden stets die niedrigen Schichten der Gesellschaft einigermaßen von der Bedürftigkeit gequält, von der man nicht zu befürchten braucht, daß sie Betäubung durch Müßiggang und Verweichlichung zur Folge hat. Fast unvermeidlich fallen ihr aber die Reichen zum Opfer, wenn eine allgemeine und öffentliche Einrichtung sie nicht einer tätigen Erziehung unterwirft, die beständig zum Wetteifer anfeuert und ein Schutzwall gegen das ist, was im Reichtum, in seinem Genuß und seiner Entartung unaufhörlich zu entnerven sich bestrebt. Kräftige und edelmütige Gefühle können selten in geschwächten Körpern leben, und die Seele eines Spartiaten würde übel in einem Sybaritenleibe untergebracht sein. Alle Völker, die reich an Helden waren, sind ebenso die gewesen, deren kriegerische Erziehung, kräftige Einrichtungen, vollkommene, und gemäß den politischen Ansichten geleitete Gymnastik Kraft und Wetteifer stärkten.

Diese kostbaren Einrichtungen sind heute fast ins Vergessen geraten. In Paris zum Beispiel gibt es gut und gern vierzigtausend von der Polizei zur Erziehung der Jugend eingeschriebene Mädchen, aber es gibt in dieser ungeheuren Hauptstadt nicht eine einzige gute Reitschule, wo man lernen kann, wie man zu Pferde sitzen soll; keinerlei Übungen pflegt man da, wenn es sich nicht um Fechten, Tanzen, Ballspielen handelt, und die haben wir schädlich genug sich auswachsen lassen.

Daraus, und aus recht vielen anderen Dingen, die ich nicht alle anzuführen beabsichtige, folgt, daß unsere Leidenschaften oder vielmehr unsere Verlangen und Geschmäcker (denn wir haben keine Leidenschaften mehr) vor allem über jede moralische Tugend den Sieg davontragen.

Das heftigste unter diesen Verlangen ist zweifellos das, welches ein Geschlecht nach dem anderen trägt. Diesen Hunger haben wir mit allem, was da beseelt oder unbeseelt erschaffen worden ist, gemein. Die Natur hat als zärtliche und fürsorgliche Mutter an die Erhaltung all dessen, was da ist, gedacht. Doch unter den Menschen, diesen Wesen der Wesen, die zu oft nur mit Vernunft begabt zu sein scheinen, um sie zu mißbrauchen, ist das eingetreten, was man niemals bei den anderen Tieren bemerkt hat: sie täuschen nämlich die Natur, indem sie sich der Lust erfreuen, die mit der Fortpflanzung der Art verbunden ist, und lassen dabei das Ziel dieses Reizes außer Acht. So haben wir den Zweck von den Mitteln getrennt; und der Drang der Natur, durch die Bemühungen unserer Einbildungskraft verlängert, lastet auf uns ohne Rücksicht auf Zeiten, Orte, Umstände, Gebräuche, Kult, Sitten, Gesetze, kurz alle Fesseln, die dem Menschen auferlegt sind. Er hat sich nicht länger um die Gewohnheit der Staaten und der Alter gekümmert; denn die Greise werden enthaltsam, doch selten keusch.

Die Art und Weise, die Zwecke der Natur zu vereiteln, hat verschiedene Gründe gehabt: den Aberglauben, der mit seiner häßlichen Maske fast alle unsere Laster und Narrheiten deckt, verschiedene moralische Ursachen, selbst die Philosophie.

Ketzer in Afrika enthielten sich ihrer Weiber und ihr unterschiedliches Verfahren bestand darin, keinen Handel mit ihnen zu haben. Sie stützten sich erstens darauf, daß Abel rein gestorben sei, und nannten sich Abelianer, und zweitens darauf, daß der Apostel Paulus predigte, man sollte mit seinem Weibe sein, wie wenn man keins hätte[38)]. Ein abergläubischer Wahnsinn kann nicht weiter verwundern; der Mißbrauch der Philosophie in dieser Hinsicht aber ist sehr sonderbar und ein Werk der Zyniker.

Es ist seltsam, daß unterrichtete Menschen von geübtem Verstande, nachdem sie in der menschlichen Gesellschaft die Sitten des Naturzustandes haben einführen wollen, nicht bemerkt oder sich so wenig Sorge darum gemacht haben, wie lächerlich es ist, verdorbenen und schwachen Menschen die bäurische Grobheit der Jahrhunderte tierischen Lebens aufpfropfen zu wollen. Selbst durch eine so groteske Philosophie oder durch die Liebe, welche die Urheber dieser Doktrin einflößten, verführte Frauen opfern ihr die Schande und die Scham, die tausendmal tiefer im weiblichen Herzen wurzelt als die Keuschheit selber.