Solange als es sich um die eheliche Pflicht handelte, hatten die Zyniker immer noch einige Sophismen anzuführen. Als aber Diogenes, der wenigstens mit einiger Vernunft faselte, diese Moral auf den Grund seiner Tonne beförderte, was konnten da seine Sophismen sein? Der Hochmut, den Vorurteilen zu trotzen, die Art Ruhm — der sklavische Mensch ist in allem und stets ein Freund der Unabhängigkeit —, die sich daran knüpfte, waren allem Anscheine nach die wirklichen Beweggründe. Der Makel des Geheimnisses, der Schande, der Finsternis, würde ihm beleidigende Namen und Nachstellungen eingetragen haben, seine Schamlosigkeit bewahrte ihn davor. Wie kann man sich einbilden, daß ein Mensch denkt, was er tue und am hellen Tage sagt, sei schlecht in Worten und in Werken? Wie kann man einen Menschen verfolgen, der kalt behauptet: „Es ist das ein sehr mächtiges Bedürfnis; ich aber bin glücklich in mir selber zu finden, was andere Menschen zu tausenderlei Ausgaben und Verbrechen veranlaßt. Wenn alle Welt wie ich wäre, würde weder Troja gefallen, noch Priamus auf Jupiters Altar die Kehle abgeschnitten worden sein!“ Diese und sehr viele andere Gründe scheinen einige seiner Zeitgenossen verführt zu haben.
Galienus sucht ihn mehr zu rechtfertigen als zu verdammen. Wahr ist’s, daß die Mythologie in gewisser Weise den Onanismus geheiligt hatte. Man erzählt, daß Merkur, da er Mitleid mit seinem. Sohne Pan hatte, der Tag und Nacht durchs Gebirge streifte, von heftiger Liebe zu seiner Geliebten[39)] gepackt, deren er nicht froh werden konnte, ihm diese fade Erleichterung bezeichnete, die Pan dann die Hirten lehrte.
Noch merkwürdiger als des Galienus Duldsamkeit ist die der Lais, die an Diogenes, diesen Diogenes, der sich durch so viele ungeteilte Freuden befleckte, ihre Gunst verschwendete, die ganz Griechenland mit Gold aufgewogen haben würde, und um seinetwillen den liebenswürdigen und weisen Aristipp betrog. Würde Lais, wenn ihm dasselbe Abenteuer wie dem Mädchen zugestoßen wäre, die, nachdem sie den Zyniker allzu lange hatte warten lassen, merkte, daß er sie sich aus dem Kopf geschlagen hatte und ihrer nicht mehr bedurfte, sich dem Onanismus gegenüber etwa strenger bezeigt haben?
Woher das Wort Onanismus stammt, weiß man: In der heiligen Schrift läßt Onan seinen Samen auf die Erde fallen[40)], seine Gründe jedoch dürften denen des Diogenes vorzuziehen sein. Juda hatte von Sua drei Söhne: Her, Onan und Sela. Er wollte Nachkommenschaft haben, führte sich seltsam dabei auf, kam aber zum Ziele. Seinen ältesten Sohn Her ließ er Thamar heiraten; als Her ohne Kinder gestorben war, wollte Juda, daß Onan seine Schwägerin beschlafe unter der Bedingung, daß er seinem Bruder Samen erwecke, der nach dem Namen des Ältesten Her genannt werde. Onan weigerte sich, und um den Zweck der Natur ein Schnippchen zu schlagen, hub er, jedesmal wenn er bei Thamar lag, an, sein Trankopfer beiseite zu schütten. Er starb. Juda ließ Thamar seinen dritten Sohn Sela heiraten, der auch kinderlos starb. Juda wurde halsstarrig und nahm das Geschäft, dessen er sehr würdig gewesen zu sein scheint, auf sich, denn er schwängerte seine Tochter „derartig, daß Zwillinge in ihrem Leibe erfunden wurden“. Der erste wies seine Hand vor, um welche die Wehenmutter einen roten Faden band, weil er der ältere sein mußte. Aber der kleine Arm zog sich wieder zurück und das andere Kind erschien zu erst und man nannte es Perez[41)].
Die Väter wollen Noah in Perez sehen, Noah das Bild Jesu Christi, der erschienen ist wie der kleine Arm und dessen Leib nur für das neue Gesetz geboren werden durfte. Was aber die Väter klarer als all das sahen, ist, daß durch die Begebenheit mit dem Samen, den Onan beiseite warf, Jesus Christus von der fremden Ruth, der Courtisane Rahab, der Ehebrecherin Bathseba und von Vater auf Tochter von der blutschänderischen Thamar abstammen muß[42)]. Doch zur Sache zurück.
Man sieht, daß dem Onanismus, wenn er auch nicht geheiligt wurde, immerhin durch große und alte Beispiele das Wort geredet worden ist.
Die moralischen Gründe, die ihn am häufigsten herausfordern, sind entweder die Furcht, Wesen, die der besonderen Umstände halber unglücklich werden würden, das Leben zu geben, oder die Angst vor Seuchen erzeugenden Berührungen. Denn ohne daß es durchaus bewiesen ist, meint man, daß das Gift auf die Teile des Körpers, die vollkommen mit der Haut bekleidet sind, nicht, sondern nur auf die von ihr entblößten, einwirkt.
Diese und viele andere Umstände verleiten dazu, dem so lebhaften Triebe, der den Menschen zur Fortpflanzung seines Ichs drängt, nur nachzugeben, indem er die Absicht der Natur außer Acht läßt; und die Mittel sie zu täuschen, sind bei den einen zur Leidenschaft, bei vielen anderen zum Bedürfnis geworden. Der Schlaf erregt in den Zölibatären die wollüstigsten Träume. Die Einbildung, geschärft und geschmeichelt durch diese trügerischen Illusionen, die zu einer verstümmelten Wirklichkeit führen, die aber wieder der Unannehmlichkeiten entbehrt, welche ein vollkommeneres Glück oft so gefährlich machen, hat eifrig nach dieser Weise gegriffen, ihr Begehren hinters Licht zu führen. Beide Geschlechter, auf solche Art die Bande der Gemeinschaft zerreißend, haben diese Vergnügungen nachgeahmt, die sie sich ungern versagen und indem sie sie durch ihre eigenen Anstrengungen ersetzten, haben sie gelernt, sich selbst zu genügen.
Diese einzelnen und erzwungenen Vergnügungen sind dank der Bequemlichkeit, sie zu stillen, zur heftigen Leidenschaft geworden, welche die Macht der der Menschheit so gebietenden Gewohnheit zu ihrem Nutzen ausgebeutet hat. Dann sind sie sehr gefährlich geworden, gefährlicher als so lange sie nur durch das Bedürfnis geregelt wurden, da sie eine mehr wollüstige als hitzige Einbildungskraft erzeugt haben. Kein Unfall ist die Folge gewesen, kein physisches Leiden hat dieser Hang gezeitigt, und die Moral würde ihm gegenüber in gewissen Fällen einige Duldsamkeit obwalten lassen können[43)]. Die alten Richter, vielleicht weniger ängstlichen, aber philosophischen Richter, dachten, wenn man ihm in diesen Grenzen genüge täte, würde man die Enthaltsamkeit nicht verletzen. Galienus behauptet, wie man gesehen hat, daß Diogenes, der öffentlich seine Zuflucht zu diesem Hilfsmittel nahm, sehr keusch wäre; er wendete dies Verfahren nur an, sagt er, um den Übelständen der Samenverhaltung zu entgehen.
Doch kommt es wohl sehr selten vor, daß man in dem, was man den Sinnen einräumt, das richtige Maß einhält. Je mehr man sich seinem Verlangen überläßt, desto mehr schärft man es; je mehr man ihm gehorcht, desto mehr reizt man es. Dann bestimmt die von Schwäche vergiftete und ständig in wollüstige Gedanken versunkene Seele die tierischen Triebe, sich der Ausschweifung hinzugeben. Die Organe, die das Vergnügen hervorrufen, werden durch die wiederholten Berührungen beweglicher, den Abschweifungen der Einbildung gegenüber gelehriger; ständige Erektionen, häufige Pollutionen und die Folgen eines unmäßigen Lebens stellen sich ein.