Das ist eine große Wahrheit, die zur Genüge fühlbar macht, von welcher Wichtigkeit eine klug ausgedachte nationale Erziehung für die Gesellschaften sein würde!

Vielleicht wäre es vor allem für das verführerische Geschlecht notwendig, daß es Arbeit leiste; denn bei fast allen zivilisierten Völkern, wo es dem Anscheine nach geknechtet ist, gebietet es in Wirklichkeit dem herrschenden Geschlechte. Es gibt Weiber, und das in sehr großer Zahl, bei denen die Wirkungen der Empfindlichkeit die Spannkräfte jedes Organes umsomehr heben, als dies Wesen, für das die Natur erstaunliche Kosten aufgewandt hat, vervollkommnungsfähig ist! Die venerischen Krämpfe, die das Wesen der Geschlechtsfunktionen ausmachen, die fruchtbaren Trankopfer werden besser noch vom moralischen als mechanischen Standpunkte aus ins Auge gefaßt. Zweifelsohne hängen sie von der mehr oder minder großen Empfindlichkeit des wunderbaren Zentrums[56)] ab, das periodisch aufwacht und sich wieder beruhigt. Welchen Einfluß aber hat es nicht auch auf alle Teile des Wesens! Wenn das Vergnügen dort wohnt, scheint die empfindsame, angenehm erregte Seele sich ausdehnen, aufblühen zu wollen, um die Wahrnehmungen inniger in sich aufnehmen zu können. Dieses Aufschwellen verbreitet überall das köstliche Gefühl einer Vermehrung des Seins; die auf den Ton dieser Empfindung gestimmten Organe verschönen sich, der an die süße Gewalt, die in den gewöhnlichen Grenzen seines Seins entsteht, gekettete Mensch will nichts weiter, weiß nichts weiter als zu fühlen. Setzt den Kummer an die Stelle der Freude, und die Seele zieht sich in ein Zentrum zurück, das zu einem unfruchtbaren Kerne wird und alle Körperfunktionen verschmachten läßt. Ebenso wie Wohlbefinden und des Geistes Zufriedenheit, Freude, Aufblühen der Seele, Lebhaftigkeit, Verschönerung des Körpers, Genugtuung, Lächeln, Frohsinn oder die süße und zarte Freude der Empfindsamkeit und ihre wollüstigen Tränen und ihre kraftvollen Umarmungen, und ihre heißen Freuden, die der Trunkenheit gleichkommen, erzeugen, ebenso lassen das Mühen des Geistes und seine Beunruhigungen die Seele sich in sich selber zurückziehen, lähmen den Körper, erzeugen moralische und physische Schmerzen und Schwäche und Niedergeschlagenheit und Trägheit. — Der wäre folglich weder närrisch noch strafbar, welcher nach dem Beispiele eines asiatischen Despoten, aus anderen Beweggründen freilich, den Philosophen und Gesetzgebern vorschlüge, neue Vergnügen ausfindig zu machen, und ausriefe: „Epikur war der Männer weisester: Wollust ist und muß die allmächtige Triebfeder unserer ganzen Art sein.“

Es gibt Spielarten unter den erschaffenen Wesen, die außergewöhnlich sein würden, wenn man die Resultate einer beständigen, unermüdlichen, authentischen Beobachtung[57)] bekämpfen könnte, doch die aufgeklärte Naturlehre muß ein ewiger Führer der Moral sein. Und daraus ergibt sich, daß fast alle Zwangsgesetze schlecht sind, daß die Lehre der Gesetzgebung nur nach allen übrigen Lehren ausgebildet werden kann.

Der Mensch aber, der der Erbfeind, der eifrigste Parteigänger, der große Förderer und das bemerkenswerteste Opfer des Despotismus ist, hat zu allen Zeiten alles richten, alles lenken, alles reformieren wollen. Daraus ergibt sich die Menge der so ungerechten und so krausen Gesetze, der unerklärlichen Einrichtungen und Gebräuche jeglicher Art. An ihrem Platze, in solcher Zeit, zu solchen Umständen, an dem und dem Orte aber hat der Tyrann der Natur die Natur ohne Rücksicht auf Zeiten, auf Örtlichkeit und auf Umstände fortpflanzen und verzögern wollen. Unserer Ansicht nach ist die Beschneidung eines der ungewöhnlichsten Gebräuche, die er sich ausgedacht hat.

Mehrere Völker haben sie aus Gründen, die ihrer Ordnung und Natur entsprechen, vollzogen, und das ist natürlich und klug. Andere haben sie ohne Notwendigkeit als eine religiöse Observanz angenommen, und das scheint vernunftwidrig. Die Ägypter sahen sie als eine Sache des Gebrauchs, der Sauberkeit, der Vernunft, der Gesundheit und der physischen Notwendigkeit an. Tatsächlich behauptet man, es gäbe Männer, die eine so lange Vorhaut hätten, daß sich die Eichel nicht von selber entblößen könnte, woraus sich eine speichelnde Ejakulation ergäbe, die ein beträchtliches Übel für das Schöpfungswerk bedeute. Eine Vorhaut solcher Art zu verkleinern, ist gewißlich ein vernünftiger Grund. Daß aber diese Vorhaut ein Gegenstand hoher Verehrung bei dem auserwählten Volke Gottes gewesen ist, scheint mir sehr sonderbar.

Tatsächlich ist Abrahams Vorhaut[58)] das Siegel der Versöhnung, das Zeichen des Bundes, der Pakt zwischen dem Schöpfer und seinem Volke; eine Vorhaut, die hart geworden sein mußte, denn Abraham zählte neunundneunzig Jahre, als er sich die Schnittwunde beibrachte; er tat desgleichen dann an seinem Sohne und an allen Männern usw. Moses Weib beschnitt ebenfalls ihren Sohn; das ging nicht ohne Hader vor sich, und sie entzweite sich mit ihrem Gatten, der sie darnach nie wieder sah[59)]. Diese Zeremonie nahm man damals nur für einen bildlichen Ausdruck, denn man sprach von beschnittenen Früchten[60)], von der Beschneidung des Herzens usw.[61)] Und sie wurde während der ganzen Zeit aufgehoben, welche die Juden in der Wüste waren. So ließ denn Josua beim Ausgange aus der Wüste eines schönen Tages das ganze Volk beschneiden. Vierzig Jahre über hatte man die Vorhäute nicht beschnitten, und nun gab’s ihrer auf einen Schlag zwei Tonnen voll[62)].

Als das Volk Gottes Könige hatte, tat man noch sehr viel mehr: man heiratete für Vorhäute. Saul versprach David seine Tochter und forderte hundert Vorhäute als Leibbeding[63)]. David aber, der ein Held und edelmütig war, wollte sich bei dieser köstlichen Gabe keine Grenzen setzen lassen und brachte Saul zweihundert Vorhäute[64)], dann heiratete er Michal. Man wollte sie ihm streitig machen, aber seine Forderung war gerecht, und er erhielt sie für seine Vorhautsammlung[65)].

Große Streitigkeiten sind dieser Vorhäute wegen entstanden. Man betrachtete die Beschneidung nicht nur als ein Sakrament des alten Glaubens, indem sie ein Zeichen des Bundes Gottes mit Abrahams Nachkommenschaft war, man wollte auch, daß dieser Hautlappen, den man vom männlichen Gliede abschnitt, den Kindern die Erbsünde erlasse. Die Kirchenväter sind geteilter Ansicht hierüber gewesen. Der heilige Augustinus, der diese Meinung vertritt, hat alle die gegen sich, die ihm vorausgingen, und nach seiner Zeit den heiligen Justinus, Tertullian, den heiligen Ambrosius usw. Deren Hauptbeweisgrund leuchtet sehr ein. Warum, sagen sie, schneidet man den Weibern nichts ab? Die Erbsünde befleckt sie alle genau so wie die Männer; man müßte ihnen mit gutem Recht ja mehr abschneiden als denen, denn ohne Evas Neugierde hätte Adam nimmer gesündigt.

Die Patres Conning und Coutu haben nach Herrn Huet behauptet, nichts wäre weniger vernünftig, als daß man die Weiber beschnitte. Tatsächlich erklärt Huet nach Origines klipp und klar, man beschnitte fast alle Ägypterinnen[66)] und schnitte ihnen einen Teil der Clitoris ab, die bei der Annäherung des männlichen Geschlechts im Wege wäre; überdies erlitten sie dieselbe Operation aus Religionsprinzip, um den Wirkungen der Üppigkeit Einhalt zu tun, weil Kitzel und Erregung minder zu fürchten sind, wenn die Clitoris weniger hervorragt.

Paul Jove und Münster versichern, daß die Beschneidung bei den Weibern der Abessinier gebräuchlich sei. In diesem Lande ist sie sogar ein Zeichen des Adels für das Geschlecht; auch nimmt man sie dort nur bei denen vor, die von Nicaulis, der Königin von Saba, abzustammen behaupten. Die Frage der Weiberbeschneidung ist also noch sehr wenig entschieden, und die Gelehrten können sich noch darüber auslassen.