Herrera meldet, daß man bei den Mexikanern, wo man übrigens weder Mohammedanismus noch Judentum kennt, den Kindern gleich nach der Geburt Ohren und Vorhaut abschneidet, woran viele sterben.

Das ist das Bemerkenswerteste, was sich über diese Materie anführen läßt. Man weiß nicht, ob Furcht vor Reibung und Reizung, die sie zur Folge haben, die Juden der Bequemlichkeit beraubte, was wir Hosen nennen, zu tragen, sicher ist’s aber, daß die Israeliten keine trugen, worin unsere nicht reformierten Kapuziner das Volk Gottes nachgeahmt haben. Da indessen die Erektionen bei gewissen Zeremonien in Verwirrung hätten setzen können, war es vorgeschrieben, sich dann eines Wärmtuches zur Aufnahme des Geschlechtsteils zu bedienen[71)]. Aron hat den Befehl dazu erhalten.

Indem ich dieses Stück beende, fällt mir ein, daß die Geschichte der Vorhäute nicht recht anakreontisch ist; wenn man sich jedoch in den heiligen Büchern unterrichten will, was gewißlich eines jeglichen Christen Pflicht ist, muß man einen kräftigen Magen haben; denn man stößt da auf Stellen, die von ungleich derberer Kost sind als die von mir aufgetischten. Wenn man zum Exempel den David verfolgenden König Saul seinen Leib[72)] in einer Höhle erleichtern, in deren Tiefe ersterer versteckt war, und den recht leise herausschleichen und mit der größten Gewandtheit das Hinterteil von Sauls Kleide abschneiden, dann sobald der König sich wieder auf den Weg gemacht, ihn ihm nacheilen sieht, um ihm zu beweisen, daß er ihn leichtlich hätte pfählen können, daß er aber zu edel war, um ihn von hinten zu töten, wenn man das sieht, sage ich, ist man erstaunt. Aber man fällt von einem Erstaunen ins andere, man sieht Zug um Zug auf diesem ungeheuren und heiligen Theater Menschen, die sich von ihren Ausscheidungen[73)] nähren und ihren Urin[74)] trinken. Tobias wird durch Schwalbendreck blind. Esther bedeckt sich das Haupt mit dem Schmutzigsten, was es auf Erden gibt[75)]. Die Faulen bewirft man mit Kuhdreck[76)]. Jesaias sieht sich genötigt, die ekelhaftesten Ausscheidungen des Menschenkörpers zu vertilgen[77)]. Reiche gibt’s, die mit Kot beworfen werden[78)], andere wieder besudelte man gar im Tempel mit diesem Unrat; endlich stößt man auf Ezechiel, der dies seltsame Ragout, das durch ein Wunder Gottes, welches nicht jedermann seiner Güte würdig erscheint, sich in Kuhmist verwandelte[79)], auf sein Brot strich[80)] . . . Wenn man all das sieht, dann erstaunt einen nichts mehr.

Kadhesch

Die Macht der Gesetze hängt einzig von ihrer Weisheit ab, und der Volkswille erhält sein größtes Gewicht durch die Vernunft, die sie diktiert hat. Um deswillen hält es Plato für eine überaus wichtige Vorsichtsmaßregel, Edikten eine vernünftige Einleitung vorauszuschicken, die auf ihre Gerechtigkeit und gleichzeitig auf den Nutzen, den sie bringen, hinweisen.

Tatsächlich ist das erste Gesetz, die Gesetze zu respektieren. Die strengen Bestrafungen sind nur ein eitles und strafbares Zufluchtsmittel, die von beschränkten Köpfen und bösen Herzen ersonnen sind, um den Schrecken an die Stelle des Respektes, den sie sich nicht verschaffen können, zu setzen. Auch ist es ganz allgemein bekannt und durch die ausgedehnteste Erfahrung nicht widerlegt, daß Strafen in keinem der Länder so häufig sind wie in denen, wo es ihrer fürchterliche gibt, so daß die Grausamkeit der Leibesstrafen untrüglich die Menge der Missetäter bezeichnet, und daß man, indem man alles mit gleicher Strenge ahndet, die Schuldigen, die oft nur schwache Menschen sind, Verbrechen zu begehen zwingt, um der Bestrafung ihrer Fehler zu entgehen.

Nicht immer ist die Regierung Herr des Gesetzes, stets aber ihr Gewährsmann; und welche Mittel stehen ihr nicht zur Verfügung, um sie beliebt zu machen! Die Gabe zu herrschen ist demnach nicht unsäglich schwer zu erwerben, denn sie besteht nur darin. Wohl weiß ich, daß es noch leichter ist, alle Welt zittern zu machen, wenn man die Macht in den Händen hat, aber sehr leicht ist es auch, die Herzen für sich einzunehmen, denn das Volk hat seit langen Zeiten gelernt, große Stücke auf seine Häupter zu halten all des Übels wegen, das sie ihm nicht tun, und sie anzubeten, wenn es von ihnen nicht gehaßt wird.

Wie dem auch sein möge, jeder gehorsame Tropf kann wie ein anderer die Missetaten bestrafen, ein wahrer Staatsmann aber weiß ihnen zuvorzukommen. Mehr auf den Willen als auf die Tat sucht er seine Macht auszudehnen. Wenn er es durchsetzen könnte, daß jedermann Gutes täte, was bliebe ihm da zu tun? Das Meisterwerk seines Wirkens würde es sein, dahin zu gelangen, daß er in Untätigkeit verharren könnte.

Daher gibt es keine größere Ungeschicklichkeit als Prahlerei und Mißbrauch der Macht. Die höchste Kunst besteht darin, sie zu verheimlichen (denn jede Machtäußerung ist dem Menschen unangenehm) und vor allem nicht nur die Menschen so zu gebrauchen zu wissen, wie sie sind, sondern es dahin zu bringen, daß sie sind, wie man sie nötig hat. Das ist sehr leicht möglich; denn die Menschen sind auf die Dauer so, wie sie die Regierung gemacht hat: Krieger, Bürger, Sklaven; sie bildet alles nach ihrem Willen, und wenn ich einen Staatsmann sagen höre: „Ich verachte dieses Volk,“ so zucke ich die Achseln und antworte bei mir selber: „Und ich verachte dich, weil du es nicht schätzenswert zu machen verstanden hast.“

Darin bestand die große Kunst der Alten, die uns in den moralischen Kenntnissen ebenso überlegen gewesen zu sein scheinen, wie wir ihnen in den physikalischen Wissenschaften über sind. Ihr höchstes Ziel war es, die Sitten zu lenken, Charaktere zu bilden, vom Menschen zu erlangen, daß es ihm, um zu tun, was er tun sollte, zu denken genügte, daß er es tun müßte. O, welch ein Triebrad der Ehre, der Tugend, des Wohlstandes würde die also durch ein einziges Prinzip vollkommene Gesetzgebung sein! Die alten Gesetze waren dergestalt die Frucht hoher Gedanken und hoher Vorsätze, in einem Wort das Produkt des Genies, daß ihr Einfluß die Sitten der Völker, für welche sie gemacht worden waren, überlebt haben. Wie lange, zum Exempel, hat nicht das von den alten Gesetzgebern eingeprägte Vorurteil gegen unfruchtbare Ehen nachgewirkt?