Moses ließ den Männern kaum die Freiheit, sich zu verheiraten oder nicht. Lykurgos bedeckte die mit Schimpf, welche sich nicht verheirateten. Es gab sogar eine für Lacedaemon eigentümliche Feierlichkeit, bei der die Weiber sie mutternackt zu Füßen der Altäre führten und sie der Natur eine ehrenwerte Buße zahlen ließen, die sie mit einem sehr strengen Verweise begleiteten. Diese so berühmten Republikaner waren in ihren Vorsichtsmaßregeln so weit gegangen, daß sie gegen die sich zu spät Verheiratenden[81)] und gegen die Ehemänner, die ihre Weiber nicht gut behandelten, Verordnungen veröffentlichten[82)]. Man weiß, welche Aufmerksamkeit Ägypter und Römer aufwendeten, um die Fruchtbarkeit der Ehen zu begünstigen.
Wenn es wahr ist, daß in den ersten Zeiten der Welt Weiber vorhanden waren, die Unfruchtbarkeit vorgaben, wie aus einem angeblichen Fragmente eines angeblichen Buches Enoch hervorgeht, so können auch Männer dagewesen sein, die sich ebenso ein Geschäft daraus machten: die Anzeichen dazu sind aber nichts weniger als günstig. Damals war es vor allem nötig, die Welt zu bevölkern. Das Gebot Gottes und das der Natur legten beiden Arten von Personen die Verpflichtung auf, zur Vermehrung des Menschengeschlechtes beizutragen, und man hat allen Grund zur Annahme, daß die ersten Menschen es sich eine Hauptangelegenheit sein ließen, diesem Gebote Folge zu leisten. Alles, was uns die Bibel von den Patriarchen meldet, ist, daß sie Weiber nahmen und gaben, daß sie Söhne und Töchter in die Welt setzten, und dann starben, wenn sie nichts Wichtiges mehr zu tun hatten. Ehre, Ansehen, Macht bestanden damals in der Zahl der Kinder; man war sicher, sich durch Fruchtbarkeit große Hochachtung zu erwerben, sich bei seinen Nachbarn Geltung zu verschaffen, selbst einen Platz in der Geschichte zu haben. Weder die der Juden hat den Namen Jairs vergessen, der dreißig Söhne im Dienste des Vaterlandes stehen hatte, noch die der Griechen die Namen Danaus und Egyptus, berühmt durch ihre fünfzig Söhne und fünfzig Töchter. Unfruchtbarkeit galt damals für beide Geschlechter als eine Schande und für einen unzweideutigen Beweis des Fluches Gottes. Man sah es hingegen für einen authentischen Beweis seines Segens an, eine große Kinderschar um seinen Tisch herum zu versammeln. Die nicht heirateten, wurden als Sünder wider die Natur angesehen. Plato duldet sie bis zum Alter von fünfunddreißig Jahren, verweigert ihnen aber die Ämter und weist ihnen die letzten Plätze bei den öffentlichen Zeremonien an. Bei den Römern waren die Zensoren hauptsächlich damit beauftragt, diese einsame Lebensweise zu verhindern[83)]. Die Zölibatäre konnten weder ein Testament machen noch Zeugenschaft ablegen[84)]. Die Religion unterstützte darin die Politik. Die heidnischen Theologen belegten sie mit außergewöhnlichen Strafen im anderen Leben; und in ihrer Doktrin war es das größte der Übel, aus dieser Welt zu gehen, ohne Kinder zu hinterlassen, denn dann wurde man der grausamsten Dämonen Beute[85)].
Doch gibt es keine Gesetze, die einer vollendeten Ausschweifung Einhalt zu gebieten vermögen. Auch trotz der Einschärfungen der Gesetzgeber ging man im Altertum recht häufig den Zielen der Natur aus dem Wege. Die Geschichte sagt nicht, wie und durch wen die Liebe zu jungen Knaben entstanden ist, die so allgemein wurde. Aber eine so eigenartige und dem Scheine nach krause Geschmacksrichtung trug den Sieg über die Strafgesetze, die außerordentlichen Steuern, die Beschimpfungen und über die Moral und die gesunde Physis davon. Demnach muß dieser Reiz ja allgebietend gewesen sein. Diese krause Leidenschaft hat einen Ursprung, der mich sehr eigentümlich anmutet.
Ich glaube, daß das Unvermögen, mit dem manchmal die Natur jemanden schlägt, sich mit zügellosen Temperamenten verbündete, um sich zu kräftigen und fortzupflanzen. Nichts ist einfacher.
Unvermögen ist immer ein sehr schimpflicher Makel gewesen. Bei den Orientalen hatten die mit diesem Stempel der Schande bezeichneten Männer den brandmarkenden Titel: Eunuchen des Himmels, Eunuchen der Sonne, von Gottes Hand erschaffene Eunuchen. Die Griechen nannten sie Invaliden. Die Gesetze, die ihnen Frauen zusprachen, erlaubten diesen Frauen auch, sie zu verlassen. Die zu diesem zweideutigen Zustande, der in seinen Anfängen sehr selten aufgetreten sein muß, verdammten Männer, die von beiden Geschlechtern in gleicher Weise verachtet wurden, sahen sich verschiedenen Demütigungen ausgesetzt, die sie zu einem finsteren und zurückgezogenen Leben zwangen. Die Notwendigkeit gab ihnen mancherlei Mittel ein, all die zu beseitigen und sich schätzenswert zu machen. Losgelöst von den unruhigen Regungen der fremden Liebe, der Physis, der Selbstachtung, unterwarfen sie sich dem Willen anderer und wurden als so ergeben, so bequem erfunden, daß jedermann sie haben wollte. Der wütendste der Despotismen vermehrte ihre Zahl sehr bald; Väter, Herren, Herrscher maßten sich das Recht an, ihre Kinder, ihre Sklaven, ihre Untertanen diesem zweideutigen Stande zuzuführen. Und die ganze Welt, die seit Anbeginn nur zwei Geschlechter kannte, sah die zu ihrem Erstaunen unmerklich in drei beinahe gleiche Teile geteilt.
Wunderlichkeit, Überdruß, Ausschweifung, Gewohnheit, besondere Gründe, eine geheuchelte oder kühne Philosophie, Armut, Habsucht, Eifersucht, Aberglaube wirkten bei dieser ungewöhnlichen Umwälzung mit. Aberglaube, sage ich, weil die herabwürdigendsten, lächerlichsten, grausamsten Handlungen stets von gallsüchtigen Fanatikern ausgedacht sind, die traurige, düstere, unbillige Gesetze diktieren, bei denen Beraubung Tugend und Verstümmelung Verdienst ausmacht.
Bei den Römern wimmelte es von Eunuchen. In Asien und Afrika bedient man sich ihrer noch heute zur Bewachung der Weiber; in Italien hat diese Scheußlichkeit die Vollendung eines eitlen Talents zum Gegenstande. Am Kap schneiden die Hottentotten nur eine Testikel aus, um, wie sie sagen, Zwillinge zu vermeiden. In vielen Ländern verstümmeln die Armen sich, um keine Nachkommenschaft zu haben, damit ihre unglücklichen Kinder nicht eines Tages das doppelte Elend verspüren: des Hungertodes zu sterben oder die Ihrigen ihn sterben zu sehen. Es gibt so viele Arten von Eunuchen!
Wenn man nur die Vollkommenheit der Stimme in Betracht zieht, entfernt man lediglich die Testikeln; die Eifersucht aber in ihrem grausamen Mißtrauen schneidet alle zur Fortpflanzung dienenden Teile fort. Mit ziemlich sicherem, gutem Ausgange kann man das nur vor der Geschlechtsreife tun; dabei gibt’s doch noch viele Gefahren. Nach dem fünfzehnten Lebensjahre kommt kaum der vierte Teil mit dem Leben davon. Welch schreckliche Wunde hat man der Menschheit beigebracht! Die berühmtesten sind Aetiopier; sie sind so häßlich, daß Eifersüchtige sie mit Gold aufwiegen. Die vollkommen Unfähigen nennen sich Kanaleunuchen, weil sie, ihrer Rute beraubt, die den Wasserstrahl nach draußen führt, sich genötigt sehen, sich einer Ergänzungsröhre zu bedienen, da sie den Strahl nicht wie die Weiber loslassen können, deren Vulva im Besitz ihrer vollen Spannkraft ist. Die hingegen nur ihrer Testikeln beraubt sind, erfreuen sich jeglicher Heizung, die die Begierde entflammt, und können sich in gewissem Sinne sehr fähig nennen (besonders wenn man sie erst operiert, nachdem ihr Organ sich vollkommen entwickelt hat)[86)], doch mit der betrüblichen Nebenerscheinung, daß, da sie sich niemals befriedigen können, die venerische Hitze bei ihnen in eine Art Wut ausartet; sie beißen die Weiber, die sie mit kostbarer Beständigkeit lieben.
Wie man sieht, hat diese Eunuchenart den doppelten Vorteil, ohne Gefahr den Freuden der Weiber und den entarteten Geschmacksrichtungen der Männer zu dienen. Ehedem wurden alle Knaben Georgiens an Griechen verkauft und die Mädchen bevölkerten die Serails. Man versteht, daß man in diesem schönen Klima ebenso viele Ganymede wie Venusse findet; und wenn irgend etwas diese Leidenschaft in den Augen derer, die ihr nicht frönen, entschuldigt, wird es zweifelsohne die unvergleichliche Schönheit dieser Modelle sein.
Bekanntlich versteht man heute unter dem Worte: die Sünde wider die Natur alles, was auf die Nichtfortpflanzung der Art Bezug nimmt, und das ist weder richtig noch gut gesehen. Sodomie, in ihrer Übereinstimmung mit der Stadt der heiligen Schrift, zum Exempel ist sehr verschieden von einer einfachen Pollution. Obwohl dieser seltsame Geschmack, den man gleich vielen anderen mit dem Worte: Entartung bezeichnet, hauptsächlich in den zivilisiertesten Ländern verbreitet gewesen ist, bringt die Geschichte nichts Stärkeres vor, als in der heiligen Schrift berichtet worden ist. Alle die Städte der Pentapolis wurden derartig unsicher von ihm gemacht, daß kein Fremdling dort erscheinen konnte, der nicht seinen Begierden zur Beute fiel. Die beiden Engel, welche Loth besuchen wollten, wurden augenblicks von einer Volksmenge überfallen[87)]. Vergebens gab Loth ihr seine Töchter preis. Diese ungewöhnliche Handlung gastfreundschaftlicher Tugend hatte keinen Erfolg. Die Sodomisten hatten Männerhinterteile nötig[88)] und die Engel entrannen ihnen nur der plötzlichen Finsternis zufolge, welche die Zuchtlosen daran hinderte, einander zu erkennen.