Das Leben heftet sich an alle Formen, behauptet sich jedoch mehr in den einen als in den anderen. Die widernatürlichen menschlichen Produkte haben mehr oder weniger Leben, die aber, die es in allzu ungewöhnlicher Weise sind, gehen bald zugrunde. So wird die so weit wie möglich aufgeklärte Anatomie entscheiden können, bis zu welchem Punkte man Ungeheuer sein, will sagen, von der seiner Art angemessenen Gestaltung sich entfernen kann, ohne die Fortpflanzungsfähigkeit zu verlieren, und bis zu welchem Punkte man es sein kann, ohne die, sich selbst zu erhalten, zu verlieren. Das Studium der Anatomie ist selbst noch nicht auf dieses Feld gelenkt worden, wozu man diesen Irrtum der Natur oder vielmehr diesen Mißbrauch seiner Begierden und Fähigkeiten, die viehische Handlungen veranlassen, benutzen könnte.

Die widernatürlichen Produkte verschiedener Tiere bewahren eine besondere Übereinstimmung mit beiden Arten, indem sie allmählich die Fortpflanzungsfähigkeit verlieren. Die widernatürlichen Produkte der Menschheit sollten uns überdies lehren, bis zu welchem Punkte die vernunftbegabte Seele sich, wenn man so sagen kann, auf die sinnliche Seele überträgt oder sich in ihr entwickelt. Es ist merkwürdig, daß die Wissenschaft solche Nachforschungen außer Acht gelassen hat.

Der wesentlich begründende Teil unseres Seins, der uns in der Hauptsache vom Tier unterscheidet, ist, was wir Seele nennen. Ihr Ursprung, ihre Natur, ihre Bestimmung, der Ort, wo sie ihren Sitz hat, sind ein unerschöpflicher Quell für Probleme und Meinungen. Die einen lassen sie beim Tode zugrunde gehen, andere trennen sie von einem Ganzen, mit dem sie durch Ausgießung vereinigt, wie das Wasser einer schwimmenden Flasche, deren Inhalt, wenn man sie zerbricht, sich mit der Wassermenge vereinigen wird. Diese Ideen sind ins Unendliche abgeändert worden. Die Pythagoräer gaben die Ausgießung nur nach den Wanderungen zu; die Platoniker vereinigten die lauteren Seelen und reinigten die anderen in neuen Körpern. Von da gehen die beiden Seelenwanderungsarten aus, die diese Philosophen lehren.

Was die Streitigkeiten über die Natur der Seele anlangt, so sind sie ein weites Feld der menschlichen Narrheiten; Narrheiten, die selbst ihren eigenen Autoren unverständlich sind. Thales behauptet, die Seele bewege sich in sich selber, Pythagoras, sie sei ein Schatten, der mit der Möglichkeit des in sich selbst Bewegens begabt sei. Plato hält sie für eine geistige Substanz, die sich mit harmonischer Regelmäßigkeit bewege. Aristoteles, mit seinem barbarischen Worte Entelechie bewaffnet, erzählt uns von dem Einklang der Gefühle insgesamt. Heraklit hält sie für eine Ausdünstung, Pythagoras für eine Absonderung der Luft, Empedokles für ein Gemisch der Elemente, Demokrit, Leukipp, Epikur für eine Mischung von, ich weiß nicht welchem Feuer, ich weiß nicht welcher Luft, von, ich weiß nicht welchem Wind und einem anderen Vierten, dessen Name mir nicht bewußt ist. Anaxagoras, Anaximenes, Archelaus setzten sie aus dünner Luft zusammen. Hippones aus Wasser, Xenophon aus Wasser und Erde, Parmenides aus Feuer und Erde, Boetius aus Feuer und Luft, Critius brachte sie ganz einfach im Blute unter, Hippokrates sah in ihr nur den im ganzen Körper ausgedehnten Geist, Mark-Antonin hielt sie für Wind, und Kritolaus, durchschneidend, was er nicht auflösen konnte, nahm eine fünfte Substanz an.

Man muß zugeben, daß eine derartige Nomenklatur nach Parodie aussieht, und möchte beinahe glauben, daß diese großen Geister sich über die Majestät ihres Stoffes lustig machten, wenn man sieht, daß das Resultat ihres Nachdenkens so lächerliche Definitionen waren, wenn man, nur die berühmtesten Modernen lesend, hinsichtlich dieser Materie klarer sähe als durch die Träumereien der Alten. Das bemerkenswerteste Resultat ihrer Meinungen in dieser Art ist, daß man bis auf unsere modernen Dogmen niemals die geringste Idee von der Geistigkeit der Seele gehabt hat, ob man sie gleich aus unsäglich zarten Bestandteilen zusammensetzte[94)]. Alle Philosophen haben sie für materiell gehalten, und man weiß, was beinahe alle über ihre Bestimmung dachten. Wie dem auch sein möge, theoretische Narrheiten, selbst geistvolle Hypothesen werden uns nimmer ebensogut unterrichten wie gut geleitete physische Experimente.

Damit will ich noch nicht glauben, daß sie uns lehren können, welches die Natur der Seele oder der Ort ist, wo sie haust; aber die Abstufungen ihrer Schattierungen können unsäglich seltsam sein, und das ist das einzige Kapitel ihrer Geschichte, das uns zugänglich zu sein scheint.

Unendlich kühn würde die Behauptung sein, daß Tiere nicht denken können, obwohl der Körper unabhängig von dem, was man Seele nennt, das Prinzip des Lebens und der Bewegung besitzt. Der Mensch selber ist oft Maschine: ein Tänzer macht die verschiedensten, in ihrer Gesamtheit geordneten Bewegungen in sehr genauer Weise, ohne im geringsten auf jede dieser Bewegungen im einzelnen acht geben zu können. Der ausübende Musiker tut fast ein gleiches: der Willensakt spricht nur mit, um die Wahl von dieser oder jener Weise zu treffen. Der Anstoß wird den tierischen Gemütern gegeben, das übrige vollzieht sich, ohne daß sie dabei denken. Zerstreute Menschen, Somnambulen verharren oft in einem wahrhaft automatischen Zustande. Die Bewegungen, die für die Bewahrung unseres Gleichgewichts sorgen, sind gewöhnlich ganz unwillkürlich, Geschmacksrichtungen und Abneigungen gehen bei Kindern dem Urteile voraus. Ist die Wirkung äußerer Eindrücke auf unsere Leidenschaften, ohne Hilfe eines Gedankens, einzig durch die wunderbare Übereinstimmung der Nerven und Muskeln nicht sehr unabhängig von uns? Und doch verbreiten all diese körperlichen Bewegungen einen sehr entschiedenen Ausdruck im Gesichte, das in ganz besonderem Einklange mit der Seele steht.

Die vom einfach mechanischen Gesichtspunkt aus betrachteten Tiere würden also schon denen, die ihnen die Gabe des Denkens absprechen, eine große Zahl Aufschlüsse verschaffen; und es würde nicht sehr schwer zu beweisen sein, daß ein großer Teil ihrer selbst erstaunlichsten Handlungen der Denkkraft nicht bedürfte. Wie aber soll man begreifen, daß einfache Automaten einander verstehen, verabredetermaßen handeln, demselben Zwecke nacheifern, mit Menschen im Einklang stehen, für Erziehung empfänglich sind? Man richtet sie ab, sie lernen, man befiehlt ihnen, sie gehorchen, man droht ihnen, sie fürchten sich, man schmeichelt ihnen, sie sind zärtlich: kurz, die Tiere zeigen uns eine Menge spontaner Handlungen, bei denen sie sich als Abbilder der Vernunft und Ungezwungenheit zeigen, um so mehr als sie minder gleichförmig, abwechslungsreicher, eigentümlicher, weniger voraussehend, an momentane Gelegenheit gewöhnt sind; ja es gibt ihrer, die einen entschlossenen Charakter haben, die eifersüchtig, rachsüchtig, lasterhaft sind.

Eins von beiden muß richtig sein: entweder hat es Gott Vergnügen bereitet, lasterhafte Tiere zu bilden und uns in ihnen recht hassenswerte Beispiele zu geben, oder sie haben gleich dem Menschen eine Erbsünde, die ihre Natur verdorben hat. Der erste Satz steht im Widerspruch mit der Bibel, die sagt, daß alles, was aus Gottes Hand hervorgegangen ist, gut und vortrefflich war. Wenn aber die Tiere so waren, wie sie heute sind, wie könnte man sagen, daß sie gut und vortrefflich waren? Oder ist es gut, daß ein Affe bösartig, ein Hund neidisch, eine Katze falsch, ein Raubvogel grausam ist? Man muß sich an den zweiten Satz halten und eine Erbsünde bei ihnen vermuten; eine grundlose Vermutung, die Vernunft und Religion empört.

Nochmals: es ist also durchaus unmöglich, durch theoretische Schlüsse die Demarkationslinie zwischen Mensch und Tier zu ziehen. Unsere Seele hat zu wenige Berührungspunkte, als daß es selbst für die Naturlehre leicht, wäre, bis zu ihr durchzudringen, nur ihre Substanz und ihre Natur zu streifen; man weiß nicht, wo man ihren Sitz festlegen soll. Die einen haben angegeben, sie sei an einem besonderen Orte, von wo aus sie ihre Herrschaft ausübt. Descartes nahm die große Zirbeldrüse an, Vicussens das eirunde Zentrum, Lancifi und Herr de la Peyronie den Rauhkörper, andere die ausgekehlten Körper.