"Kardinal", sagte er, "was ich sündigte, habe ich mir gesündigt. Und ich weiß nicht, ob ein frei Genießender nicht schuldlos ist neben einem Staatsmanne, der, wie ein Giftmischer, das Böse berechnend und wissenschaftlich zu seinen Zwecken braucht und verarbeitet."
"Diese Gedankenlosigkeit ist gerade, was ich dir vorwerfe, du trauriger Gegenstand!" versetzte der Kardinal, "und daß du ohne jede geistige Freude dem gemeinsten Genusse frönst. Und darum, weil ich weiß, was du, Verworfener, Liebe nennst, verbiete ich dir Donna Angela! Berühre sie nicht mit dem leisesten Atem, mit dem flüchtigsten Gedanken, denn—pfui deine Gedanken!"
Mit Tränen erwiderte Don Giulio: "Warum stößest du mich in den Schlamm, daß ich darin ersticke, während du mich früher emporheben wolltest? Warum hassest du mich so wild, der du einst den Knaben väterlich geliebt hast?"
"Das will ich dir sagen, Julius. Als ich, der zehn Jahre Ältere, dich als Kind neben mir sah, freute ich mich deines offenen Antlitzes und deines hellen Geistes. Herzgewinnend, schön, aufmerksam und begabt, schienest du mir ein unter günstigen Sternen geborener Este, uns geschenkt zum Gedeihen unseres Hauses und Staates, ein Labsal, eine Stütze für Tausende, und es war mein stolzes Bemühen in einer Zeit des Zerfalles, wo die Persönlichkeit alles ist, die deinige zu entwickeln. Jetzt, nach deinem kindlichen Aufglänzen, standest du, ein Jüngling, am Scheidewege; da wandtest du dich ab von den Zielen der Ehre und Arbeit und verlorest dich völlig in Spiel und Lust. Dir gelang, deinen ganzen reichen Hort nutzlos und schädlich zu vergeuden. Nicht der Staat, nicht die Wissenschaft, nicht einmal der die Jugend entflammende Kriegsdienst vermochte dich zu gewinnen. Du tötetest deine Tage mit großen und kleinen Freveln… ein kleinlicher und niedriger Geist. Du hast Raub begangen an deinem Hause, und da du ihm, Wechselbalg, keine Ehre mehr machen kannst, sondern es mit lauter Schande bedeckst, sähe ich dich wahrlich lieber tot als lebendig. Hast du dich doch selbst von uns losgesagt, als du dein Pratello, an das du grenzenlose Summen verschwendet hast, nicht mit unserem erlauchten Wappen, sondern mit leeren und sinnlosen Larven verziertest, wie du selbst eine bist."
"Bruder", erwiderte niedergeschlagen Don Giulio, den sein Gewissen strafte, "höre auf, mich zu zertreten, weil ich meine Lebensfreiheit gebraucht habe. Es sind genug Este da, die dem Staate dienen! Glaube mir, die Tugendlehre steht deinem Geiergesicht übel an!—Über eines aber, Ippolito d'Este, beruhige dich gänzlich",—und Don Giulio ermannte sich, einen Boden erreichend, wo er sich schuldlos fühlte—"über meinen Stand zu Donna Angela! Ich schwöre dir", er suchte nach einer gültigen Beteuerung, "so wahr unser Fürst und Bruder hier lebt! Angela Borgia, die der Grund ist deines grausamen Hasses gegen mich, gehört nicht zu mir, sie geht mich nichts an, sie ist mir feind! Ich biege ihr aus, so schlank ich kann. Wuchs und Gebärde dieser Virago sind nicht mein Stil. Auch kann sie mich nicht lieben, denn sie denkt über mich wie du. Und mit Recht, denn ich weiß nichts davon, daß ich mich geändert hätte, seit sie mich vor allem Volke bejammert hat!"
Weit entfernt, daß dieses Geständnis den Kardinal beruhigt hätte, blies es vielmehr anfachend in die Flamme seiner Eifersucht. Er traute den Worten Don Giulios, denn er wußte, daß dieser trotz seiner Übertretungen eine innerlich unverfälschte und wahrhafte Natur geblieben war, und er sagte sich, daß dieser Wunderquell, in dessen Tiefe man durch seine leuchtenden Augen hinunterblicken konnte, für die wahrheitsdurstige Angela eine geheime Anziehungskraft haben mußte, ohne welche sie nicht hingerissen worden wäre, den aus dem Kerker Steigenden auf offenem Markte zu mißhandeln und zu beklagen. Seine Eifersucht wurde zur Wut, als Don Giulio unschuldig fortfuhr:
"Nein, Bruder, ich rede nicht aus Neigung!" Er legte beteuernd die Hand aufs Herz. "Bei Bacchus! Das Mädchen ist mir so gleichgültig wie Göttin Diana! Nur hat man sein Erbarmen mit jedem weiblichen Geschöpfe—was soll aus ihr werden bei deiner rasenden Liebe zu ihr? Heiraten kannst du sie nicht—du bist ein Priester! Gewinnen noch weniger, denn sie ist keusch und tapfer! Was bleibt? Was bereitest du ihr? Du wirst sie töten!"
Seine Stimme hatte einen so warmen, mitleidigen Klang, daß der
Kardinal darüber in Raserei geriet.
"Wer sagt dir, Bube", wütete er, "daß ich sie töten werde! Was hindert mich, dies hier", er packte mit beiden Fäusten den Purpur über seiner Brust, "in Fetzen zu reißen und Angela als mein Weib an das Herz zu drücken? Ich bin jung genug dazu, und ich speie auf das kirchliche Gaukelspiel!…"
"Gelassen, Bruder!" mischte sich endlich der Herzog in den Zweikampf. "Das tust du nicht. Daß du ein Weib bis zur Raserei liebst, darf dir begegnen. Es ist eine menschliche Plage—eine Krankheit—ein Unglück! Eine verspätete Verweltlichung aber zum Behufe einer Heirat wäre ein Ärgernis—ein Spott! Und du darfst dich nicht verhöhnen lassen, du Stolzer! Was Donna Angela betrifft, die ein wertvolles Mädchen ist, so wird die Herzogin sich damit beschäftigen, sie standesgemäß zu versorgen, wozu sie als Verwandte verpflichtet ist. Und du, Kardinal, wirst Donna Angela unter dieser Obhut in Ruhe lassen, aus Ehrerbietung für Donna Lukrezia, die du scheust und achtest."