5. Alle schränkten sich soviel als möglich ein, sowohl die Geflohenen als jene, die in der Stadt geblieben waren, so daß eine Unmenge Dienstpersonal, Tagelöhner, Buchhalter und besonders Dienstmädchen entlassen wurden und ohne Hilfe auf der Straße lagen – und das war wirklich eine schlimme Sache.
Ich könnte noch ausführlicher werden, aber es mag genügen, im allgemeinen festzustellen, daß jedes Geschäft aufhörte und damit den Armen die Arbeit und alle Möglichkeit, ihr Brot zu verdienen, abgeschnitten war. Im Anfang war denn auch ihre Lage schrecklich, bis die Wohltätigkeit sie ein wenig milderte. Viele flohen gleich hinaus aufs Land, die meisten aber blieben in London, bis der äußerste Mangel sie wegtrieb. Aber der Tod folgte ihnen auf ihrem Wege, und wirklich konnten sie als Boten des Todes gelten, denn sie trugen die Ansteckung hinaus und verbreiteten sie bis in die entferntesten Orte des Reiches.
Von den entlassenen Dienstmädchen dagegen kamen viele als Pflegerinnen unter.
In gewisser Weise muß man, so traurig es klingt, es als eine Erlösung bezeichnen, daß die Pest in der schlimmsten Zeit 30–40 000 dieser armen, arbeitslosen Leute hinwegraffte, die sonst eine unerträgliche Last bedeutet hätten. Die ganze Stadt hätte sie weder erhalten noch mit Nahrung versorgen können, und so wären sie dazu gezwungen worden, in der Stadt selbst oder der Umgegend zu plündern, um sich durchzubringen, was früher oder später das reinste Chaos herbeigeführt hätte. Die meisten starben im August und September, in welchen beiden Monaten die Sterberegister fast 50 000 Opfer verzeichneten. Genau waren diese Register freilich nicht, soviel ich glaube, und es konnte auch nicht wohl anders sein bei der allgemeinen Verwirrung. Die Leichenkarren arbeiteten doch nur bei Nacht, und in einigen Kirchspielen wurden die Toten überhaupt nicht eingetragen, da Küster und Schreiber wochenlang fehlten.
Wenn ich sage, daß die Kirchspielbeamten in ihren Angaben nicht zuverlässig waren, so muß man anderseits berücksichtigen, daß das auch in einer solchen Zeit kaum möglich gewesen wäre. Viele von ihnen erkrankten selbst und starben vielleicht zur gleichen Stunde, als sie ihre Listen fertig hatten. In Stepney allein wurden während des Jahres 116 Küster, Totengräber, Leichenwagenkutscher und Träger von der Seuche hinweggerafft.
Die Arbeit, die sie auszuführen hatten, erlaubte ihnen auch wirklich nicht, genaue Listen von den Toten aufzunehmen, die in der Nacht alle durcheinander in die Gruben hineingeworfen wurden, denen niemand ohne die äußerste Gefahr nahe kommen konnte. In Aldgate, Cripplegate, Whitechapel und Stepney gaben die wöchentlichen Listen 5, 6, 7 und 800 Tote an, während nach meiner Überzeugung und der meiner Mitbürger manchmal an 2000 in der Woche in diesen Kirchspielen starben. Von einem, der es wissen mochte und mich unter der Hand Einsicht in seine Aufzeichnungen nehmen ließ, erfuhr ich, daß er die Anzahl, der in einem Jahre an der Seuche Verstorbenen, auf 100 000 berechnete, während die offiziellen Totenregister sie nur mit 68 590 angaben.
Und nach dem, was ich mit eigenen Augen sah und von anderen hörte, die auch Augenzeugen waren, glaube ich auch, daß 100 000 nicht zu hoch gegriffen war, außer denen, die auf den Landstraßen, auf freiem Feld oder in verborgenen Schlupfwinkeln zugrunde gingen. Es war allgemein bekannt, daß eine Menge armer verseuchter Geschöpfe, die schon halb blödsinnig durch ihr Elend geworden waren, aufs freie Feld oder in die Wälder wanderte, um hinter einem Busch oder einer Hecke das Ende zu erwarten.
Die Bewohner der anliegenden Dörfer brachten ihnen aus Mitleid Nahrung, die sie in einiger Entfernung hinstellten, damit jene sie holen konnten, wenn sie dazu noch imstande waren, was oft genug nicht der Fall war. Kamen sie dann das nächste Mal, so fanden sie den armen Teufel tot und die Nahrung unberührt. Ich weiß von vielen, die auf diese Weise zugrunde gingen, und könnte die Stellen so genau bezeichnen, daß ich mich anheischig machen wollte, ihre Gebeine dort auszugraben. Die Bauern gruben nämlich etwas entfernt davon ein Loch und zogen mittels langer Stangen, an denen ein Hacken befestigt war, die Leichen hinein, worauf sie von weit her, so gut es gehen wollte, Erde darauf warfen. Dabei beobachteten sie genau, woher der Wind kam, um nicht durch den Geruch angesteckt zu werden. Viele, viele Leute verließen so die Welt, ohne daß es jemals bekannt wurde.
Ich weiß das hauptsächlich vom Hörensagen, denn ich selbst kam selten soweit hinaus, außer nach Bethnalgreen und Hackney. Geschah es aber einmal, so sah ich immer aus der Entfernung eine Menge dieser armen Leute. Näheres konnte ich freilich nicht über sie in Erfahrung bringen, denn ob in der Stadt oder draußen wich man stets jedem aus, den man herankommen sah.
Und da ich gerade vom Ausgehen spreche, muß ich doch erwähnen, was für ein gottverlassener Ort die Stadt in jener Zeit war. Die Straße, in der ich wohnte, ist eine der breitesten in den Vorstädten, aber die ganze Seite, wo die Fleischer wohnten, besonders außerhalb der Schlagbäume, glich eher einer grünen Wiese als einer gepflasterten Straße. Es ist richtig, daß sie am äußersten Ende, gegen Whitechapel zu, nicht gepflastert war, aber auch auf dem gepflasterten Teile wuchs das Gras ganz dicht. Das darf nicht weiter wundernehmen, wenn man hört, daß auch in den großen Straßen in der inneren Stadt, wie der Leadenhall und Bishopsgate-Straße, in Cornhill und sogar vor der Börse große Grasflecken waren. Kein Wagen, keine Kutsche war von morgens bis abends auf den Straßen zu sehen, höchstens einige Bauernkarren, die Bohnen, Erbsen, Heu und Stroh auf den Markt brachten. Aber auch diese waren sehr spärlich. Droschken wurden nur gebraucht, um Kranke ins Pesthaus zu schaffen oder von Ärzten bei ihren Krankenbesuchen. Denn diese Droschken waren unheimliche Dinger, und die Leute hatten wenig Lust, sie zu benutzen, weil man nie wußte, wer zuvor damit befördert worden war. Wie gesagt: man brachte damit die Kranken ins Pesthaus und andere Krankenhäuser, und manchmal kam’s vor, daß sie während der Fahrt darin starben.