Solange die Seuche am ärgsten wütete, ließen sich nur sehr wenige Ärzte zu Krankenbesuchen bereitfinden. Die berühmtesten waren tot, wie auch viele von den Wundärzten, denn durch einen ganzen Monat starben täglich 15–1700 – Tag aus Tag ein.

Zu dieser Zeit war die Arbeit, die Leichen auf Karren wegzuschaffen, so widerwärtig und gefährlich geworden, daß Klagen ergingen, die Träger gäben sich keine Mühe mehr, sie aus den Häusern zu bringen, die ganz ausgestorben waren, sondern ließen die Leichen darin liegen, daß die Nachbarn es vor Gestank nicht mehr aushalten konnten und angesteckt wurden. Diese Pflichtvergessenheit nahm so zu, daß die Kirchenvorsteher und Polizisten beauftragt wurden, der Sache nachzugehen. Selbst die Friedensrichter mußten sich dazu herbeilassen, den Leuten Mut zuzusprechen, denn zahllose Träger starben an der Ansteckung durch die Leichen, und wäre nicht die Anzahl jener, die Arbeit und Brot um jeden Preis suchten, so groß gewesen, würde man kaum noch jemand zu solcher Arbeit gefunden haben, und die Leichen wären überall halb verfault herumgelegen.

Man kann den Behörden nicht genug Dank wissen, für die Art und Weise, wie sie sich des Beerdigungswesens annahmen. Sobald einer der Leichenträger der Seuche erlegen war, füllten sie seinen Platz sogleich mit einem anderen aus, was, wie gesagt, bei der Masse der Arbeitslosen nicht allzu schwer war, so daß man alles in allem niemals sagen konnte, die Lebenden wären nicht imstande gewesen, ihre Toten zu begraben.

Je weiter die Seuche fortschritt, desto mehr nahm auch die Verwirrung der Bevölkerung zu. Was die einen in ihrem Fieberwahn, andere in der Qual der Krankheit alles taten, ist nicht zu sagen. Einige trieben sich schreiend und weinend mit gerungenen Händen in den Straßen umher, andere betend mit zum Himmel erhobenen Händen, um Gottes Barmherzigkeit anzuflehen. Ich glaube, daß man sich noch des berüchtigten Salomon Eagle erinnert, der, zwar nur im Kopfe angesteckt, manchmal völlig nackt, eine Pfanne mit glühenden Kohlen auf dem Kopfe, durch die Straßen rannte und der Stadt das Gericht des Herrn verkündete.

Ich will ja nicht entscheiden, ob dieser Geistliche wirklich verrückt war oder nicht, und alles nur aus Mitleid mit den armen Leuten tat, die jeden Abend durch Whitechapel zogen und mit aufgehobenen Händen immer wieder flehten: »Verschone uns, lieber Gott, verschone dein Volk, das du durch dein heiliges Blut erlöst hat.« Ich kann nicht gut über all diese Dinge sprechen, weil ich sie nur aus meinem Fenster sah, denn ich öffnete selten die Läden, solange die Pest am ärgsten wütete, und viele glaubten, daß kein einziger übrigbleiben würde. Ich selbst glaubte das auch und hielt mich über zwei Wochen im Hause. Aber dann konnte ich nicht mehr. Übrigens gab es immer Leute, die trotz aller Gefahr den Gottesdienst nicht versäumten, sogar in der ärgsten Zeit. Freilich hatten manche Pfarrer ihre Kirchen geschlossen und waren geflohen wie die anderen Leute auch, aber doch nicht alle. Einige übten ihr Amt aus und hielten Gebetsversammlungen ab mit kurzen Predigten oder Ermahnungen zur Buße und Besserung, solange man sie nur hören wollte. Die Dissenters machten es gerade so, auch in den Kirchen, deren Pfarrer tot oder geflüchtet waren, und es war auch wirklich keine Zeit für Religionsstreitigkeiten.

Die Gnade Gottes hatte mich bisher noch immer verschont, und ich fühlte mich völlig wohl, nur machte mich der lange Aufenthalt zu Hause in der geschlossenen Luft allmählich ungeduldig. Endlich hielt ich’s nicht mehr aus und machte mich auf, einen Brief an meinen Bruder auf die Post zu tragen. Auf der Straße war kaum ein Laut zu hören. Als ich zur Post kam, sah ich einen Mann in einem Winkel des Hofes stehen und zu einem Fenster hinauf mit einem zweiten sprechen. Ein dritter stand an der offenen Tür des Amtsraumes. In der Mitte des Hofes lag ein kleiner Geldbeutel aus Leder, der Geld zu enthalten schien und an dem zwei Schlüssel hingen. Aber keiner wollte ihn anrühren. Ich fragte, wie lange er schon dort gelegen habe, und der Mann sagte mir aus dem Fenster, vielleicht eine Stunde, aber sie hätten sich nicht drum gekümmert, weil sie dachten, die Person, die ihn verloren habe, würde wieder zurückkommen. Ich war gerade beim Weggehen, als der Mann an der Tür meinte, er würde den Beutel doch aufheben, aber nur, um ihn dem rechtmäßigen Besitzer wieder zurückzugeben, falls er kommen sollte. Er holte also einen Eimer voll Wasser und stellte ihn neben den Beutel, dann warf er einen Haufen Schießpulver auf den Beutel und streute es in einer Linie noch etwa zwei Ellen weit, holte darauf eine rotglühende Feuerzange, die er offenbar schon vorbereitet hatte, und setzte das Pulver am äußersten Ende in Brand, um den Beutel und die Luft zu reinigen. Aber auch damit war er noch nicht zufrieden, sondern nahm den Beutel mit der Feuerzange auf, bis sie sich durch das Leder gefressen hatte, schüttelte das Geld ins Wasser aus und trug es erst dann mit dem Eimer hinein. Es waren, soweit ich mich erinnere, 13 Schillinge und einige Kupferpfennige und Heller.

Ungefähr um dieselbe Zeit machte ich einen Spaziergang über die Felder gegen Bow, denn ich war sehr neugierig zu erfahren, wie die Sachen auf dem Flusse und bei den Schiffen standen, und dachte, es wäre eigentlich das beste Mittel, sich vor der Seuche in Sicherheit zu bringen, sich auf einem Schiffe einzuquartieren. Unter solchen Gedanken war ich vom Wege etwas abgekommen und fand mich plötzlich an den Landungstreppen bei Blackwell. Hier traf ich einen armen Teufel, der ganz allein auf der Flußmauer auf und ab ging. Ich ließ mich mit ihm in ein Gespräch ein und erfuhr, daß seine Familie nicht weit entfernt lebte. Eins von seinen Kindern war bereits an der Pest gestorben, die Frau und eins der beiden anderen Kinder war krank, und er erhielt sie als Bootsführer, indem er jeden Abend, was er verdient hatte, auf einen Stein in der Nähe der Wohnung niederlegte. Das Boot diente ihm nicht nur als Mittel, den Lebensunterhalt für sich und die Seinen zu gewinnen, sondern zugleich als Schlafstätte während der Nacht.

Ich fragte ihn dann weiter, wie er denn in der jetzigen Zeit zu Gelde käme, da doch niemand ein Boot brauche. »Doch Herr,« antwortete er, »ich kann mich schon nützlich machen. Seht Ihr dort, unterhalb der Stadt, die fünf Schiffe vor Anker liegen und dort oben weitere acht oder zehn? Sie alle haben Familien an Bord, von den Reedern und Besitzern, die sich dort aus Angst vor der Ansteckung hingeflüchtet haben. Ich besorge für sie, was sie brauchen, ihre Briefe, und was sonst nötig ist, damit sie nicht an Land kommen müssen. Nachts mache ich mein Boot dann an einem von ihren Schiffsbooten fest und übernachte darin, und Gott sei Dank, bin ich bis jetzt verschont geblieben.«

»Ja, läßt man Euch denn an Bord,« fragte ich, »wenn Ihr aus diesem so schrecklich verseuchten Orte kommt?«

»An Bord komme ich auch nur selten,« sagte er, »sondern lasse, was ich gebracht habe, in ihrem Beiboot oder sie ziehen es auch hinauf. Übrigens wäre ich auch dann wohl keine Gefahr für sie, denn ich gehe niemals in ein Haus, nicht einmal mein eigenes, noch komme ich jemand in die Nähe, außer um Lebensmittel einzukaufen.«