»Um so schlimmer,« warf ich ein, »denn Ihr müßt doch die Lebensmittel von irgend jemand haben, und da dieser ganze Stadtteil aufs ärgste verseucht ist, ist es schon gefährlich, nur mit jemand zu sprechen, und auch dieses Dorf ist viel zu nah an London, um sicher zu sein.«

»Wohl wahr,« meinte er, »aber Ihr versteht mich nicht recht. Hier kaufe ich nichts ein, sondern ich rudere nach Greenwich hinauf, um frisches Fleisch zu kaufen, und manchmal auch bis nach Woolwich hinab. Dann gehe ich in einzelne Bauernhöfe auf der Kentischen Seite, wo ich bekannt bin, und kaufe Geflügel, Eier und Butter und bringe sie zu den Schiffen, welche mir gerade den Auftrag geben. Hierher komme ich nur selten, um von meinem Weib zu hören, wie es allen geht, und ihnen das Wenige zu bringen, das ich in der vorigen Nacht verdient habe.«

»Armer Kerl,« sagte ich, »und wieviel habt Ihr diesmal bekommen?«

»Vier Schillinge, was heutzutage für einen armen Teufel schon etwas heißen will. Und außerdem haben sie mir noch einen Sack Brot, einen gesalzenen Fisch und etwas Fleisch mitgegeben, das kommt auch noch dazu.«

Während wir noch weiter uns unterhielten, öffnete sich die Türe seiner Hütte, die Frau kam heraus und rief: »Robert, Robert!« Er bat sie, einen Augenblick zu warten, lief die Treppe hinunter und kam wieder mit einem Sack, der die Lebensmittel enthielt. Dann ging er zu dem großen Stein, den er mir gezeigt hatte, leerte den Sack aus und zog sich wieder zurück. Als darauf die Frau hinging, einen kleinen Buben an der Hand, um alles zu holen, erklärte er ihr, von wem jedes einzelne Stück herstamme, rief den Schutz des Himmels auf sie herab und ging dann weg.

Ich fragte ihn dann, wie es käme, daß die Leute auf den Schiffen sich nicht mit genügenden Vorräten alles Nötigen versehen hätten? Er sagte, einige hätten das schon getan, andere aber hätten sich erst später an Bord geflüchtet, als es schon zu gefährlich war, in den Läden herumzukaufen. Er selbst bediene zwei Schiffe, auf denen sie fast nichts hatten als Schiffszwieback und schlechtes Bier, alles sonst müsse er besorgen. Ich fragte ihn darauf, ob es noch mehr Schiffe gäbe, die sich so abgeschlossen hielten? »Gewiß,« sagte er, »den ganzen Weg von einem Punkt gegenüber Greenwich bis Limehouse und Redriff ist der ganze Fluß voll, wo immer es Raum genug für zwei Schiffe gibt, nebeneinander zu liegen. Manche haben mehrere Familien an Bord.« Darauf wollte ich noch wissen, ob niemals die Seuche hingekommen wäre? Er meinte, er hätte nichts davon gehört, außer auf zwei oder drei Schiffen, die aus Nachlässigkeit die Seeleute an Land hätten gehen lassen.

Als er sagte, er würde wieder nach Greenwich fahren, sobald die Flut einsetze, fragte ich ihn, ob er mich nicht mitnehmen und wieder zurückbringen wolle, denn ich hatte große Lust zu sehen, wie die vielen Schiffe auf dem Wasser lagen. Er sagte, wenn ich ihm als Christ und ehrlicher Mann mein Wort geben wolle, daß ich nicht angesteckt sei, so würde er mich fahren. Ich versicherte ihm, daß ich durch die Gnade Gottes bisher verschont geblieben war, daß ich in Whitechapel wohnte und nur durch das Bedürfnis nach frischer Luft herausgetrieben worden wäre, und daß niemand in meinem Hause auch nur die leiseste Spur einer Ansteckung gezeigt habe.

»Nun,« sagte er, »da Ihr Mitleid mit mir und meinen armen Leuten gezeigt habt, könnt Ihr nicht so unbarmherzig sein, in mein Boot zu steigen, wenn Ihr nicht gesund wärt. Denn das würde für mich und meine Familie den Untergang bedeuten.« Seine Angst rührte mich so sehr, daß ich ihm sagte, ich wolle lieber meine Neugierde unterdrücken, als ihn in Unruhe versetzen, obwohl ich so gesund wäre wie nur irgendeiner auf der Welt. Aber davon wollte er nichts wissen und redete mir jetzt selbst zu, mit ihm zu kommen. So stieg ich denn, als die Flut einsetzte, ins Boot, und er fuhr mich nach Greenwich hinüber. Während er seine Besorgungen machte, ging ich auf die Spitze des Hügels, an den sich die Stadt anlehnt, um einen Blick über den Fluß zu haben. Es war auch wirklich ein erstaunlicher Anblick: die vielen Schiffe, die je zwei und zwei manchmal, wo es die Breite des Flusses erlaubte, zwei oder drei Reihen bildeten, und das nicht nur bis weit in die Stadt, sondern flußabwärts bis zum Knie von Long-Reach, also soweit man sehen konnte.

Die Anzahl der Schiffe war nicht zu erraten, aber es mögen wohl an 300 gewesen sein, und ich mußte diesem Auskunftsmittel meinen Beifall spenden, durch das mehr als 10 000 Menschen sich hier vor der Ansteckung geschützt hatten und in völliger Sicherheit lebten.

Später erfuhr ich, daß die Schiffe, als die Seuche noch heftiger wurde, ihren Platz veränderten. Einige stachen sogar in See und suchten die Häfen an der Nordküste auf, wo sie eben am besten unterkommen konnten. Aber ganz sicher war man freilich auch an Bord der Schiffe nicht, eine ganze Anzahl Leute starb und wurde in den Fluß geworfen, manche in Särgen, andere ohne solche, die noch lange die Flut auf der Oberfläche des Wassers hin und wider trieb.