Ich bin jedoch überzeugt, daß es sich in solchen Fällen stets um Leute handelte, die sich zu spät auf die Schiffe zurückzogen und schon angesteckt waren, wenn sie selbst auch nichts davon merkten, so daß man in Wahrheit sagen kann: die Seuche kam nicht auf die Schiffe, sondern die Menschen brachten sie erst hin. Das waren auch immer jene Schiffe, auf denen man nicht für Vorräte hatte sorgen können, und um solche an Land schicken mußte, wodurch die Ansteckung unversehens hingelangte.

Ebenso wie die wohlhabenderen Leute auf die Schiffe flohen, hatten die Armen ihre Treckschuten, Schmacken, Leichter und Fischerboote, und viele, besonders die Bootführer, lebten vollständig auf ihren Fahrzeugen. Die letzteren gewannen allerdings nicht viel dabei, denn beim Einkaufen von Lebensmitteln wurden sie angesteckt und starben in Haufen, oft mutterseelenallein in ihren Booten, wo man sie erst auffand, als sie sich schon in einem unbeschreiblichen Zustand der Auflösung befanden.

Die Lage der Seeleute in diesem Stadtteil war wirklich höchst bejammernswert und verdiente das größte Mitleid, aber zum Unglück war das eine Zeit, in der jeder zuerst an seine eigene Sicherheit dachte und sich mit dem Elend des Nächsten nicht abgeben konnte. Alle hatten den Tod vor ihrer Türe oder schon im Hause und wußten weder, wohin zu fliehen, noch was sonst sie tun sollten. Dadurch wurde alles Mitleid erstickt und die Selbsterhaltung zum obersten Gesetz. Kinder verließen ihre Eltern, Eltern ihre Kinder, wenn das auch vielleicht nicht so häufig vorkam. Schreckliche Geschichten waren in Umlauf von Müttern, die in ihrem Wahnsinn ihre eigenen Kinder umgebracht hatten. Die eine ereignete sich nicht weit von meiner Wohnung; das arme, von Sinnen gekommene, Geschöpf lebte nicht einmal mehr so lange, um zum Bewußtsein ihrer Untat zu kommen, geschweige denn, dafür bestraft zu werden.

Wundern darf man sich darüber nicht, denn die ununterbrochene Todesgefahr zerstörte alles Mitgefühl und alle Sorge für andere. Ich rede natürlich nur im allgemeinen, denn es gab auch Beispiele einer unauslöschlichen Liebe, von Mitleid und Pflichtgefühl, von denen ich einige durch Hörensagen erfuhr. Für die Wahrheit in allen Einzelheiten kann ich freilich nicht einstehen.

Ehe ich näher darauf eingehe, möchte ich noch bemerken, daß das ärgste Schicksal von allen Menschen in dieser Unglückszeit die schwangeren Frauen traf. Kam ihre Stunde und stellten sich die Wehen ein, so blieben sie ohne jede Hilfe. Weder Hebammen noch mitleidige Nachbarinnen kamen zu ihnen. Die meisten Hebammen waren schon gestorben, besonders jene, die unter den Armen ihren Beruf ausübten; die besseren waren geflohen, so daß es den armen Frauen, die nicht einen unerhörten Preis zahlen konnten, so gut wie unmöglich war, eine zu bekommen. Die man haben konnte, waren meistens ungeschickte und unwissende Weiber, und die Folge war, daß eine unglaubliche Anzahl von Schwangeren in das haarsträubendste Elend gerieten. Viele wurden bei der Entbindung durch die Dummheit jener sogenannten Hebammen zugrunde gerichtet, und zahllose Neugeborne, ich möchte sagen, ermordet, wobei sie sich darauf hinausredeten, sie hätten auf Kosten des Kindes die Mutter retten wollen. Oft genug starben Mutter und Kind, besonders, wenn die Mutter schon verseucht war, und nun niemand sich in ihre Nähe wagte. Viele starben während der Geburt, in anderen Fällen lebte das Kind, hing aber noch durch die Nabelschnur mit der toten Mutter zusammen. Man konnte wirklich damals von ihnen sagen: Wehe in diesen Tagen den schwangeren Müttern und jenen, die ihre Kinder säugen.

Das Elend der stillenden Mütter war fast ebensogroß. Viele Kinder gingen zugrunde, weil ihnen die Amme fehlte. Man fand Kinderleichen bei der toten Mutter, die an nichts als Nahrungsmangel gestorben waren. Andere wurden durch die Ammen angesteckt, ja selbst durch die eigene Mutter, die ohne es zu wissen, ihnen das Gift mit der Milch einflößte. Sollte jemals wieder solch eine Seuche auftreten, so meine ich, daß alle schwangeren oder stillenden Frauen die Stadt verlassen sollten, denn ihr Elend ging wahrhaftig über alles menschliche Maß hinaus.

Ich könnte manche Schauergeschichte erzählen von noch lebenden Kindern, die an der Brust ihrer bereits erkalteten Amme oder Mutter saugten. In meinem Kirchspiel geschah es, daß eine Mutter, deren Kind nicht ganz wohl war, zum Apotheker schickte, er möchte sich’s ansehen. Als er kam, stillte sie gerade und schien völlig gesund zu sein, aber wie er sich näherte, sah er die Merkmale der Seuche auf derselben Brust, die dem Kinde Nahrung bot. Er wollte die arme Frau nicht zu sehr erschrecken und bat sie, ihm das Kind zu geben. Als er’s nun in die Wiege legte und dabei sein Kleidchen öffnete, gewahrte er die gleichen Merkmale auch auf seinem Körper. Beide starben, noch ehe er nach Hause gekommen war, um ein Gegenmittel zu senden. Ein anderes Mal wurde ein Kind zu seinen Eltern wieder nach Hause gebracht, da die Amme an der Pest gestorben war. Trotzdem ließ es sich die zärtliche Mutter nicht nehmen, den Säugling an die eigene Brust zu legen. Dadurch wurde sie angesteckt und starb, das tote Kind in ihren Armen.

Von einem Handelsmann in Ost-Smithfield hörte ich, dessen Frau zum erstenmal gebären sollte und in die Wehen kam, während sie schon angesteckt war. Er konnte ihr weder eine Hebamme noch eine Pflegerin verschaffen. Die zwei Dienerinnen waren geflüchtet, und er rannte wie ein Verrückter von Haus zu Haus, fand aber keine Hilfe. Endlich versprach ihm ein Wächter, der vor einem verseuchten und abgesperrten Hause seinen Posten hatte, ihm bis zum Morgen eine Pflegerin zu schicken. Der arme Teufel ging verzweifelt heim, leistete seiner Frau Beistand, so gut es gehen wollte, und brachte ein totes Kind zur Welt. Auch die Frau starb eine Stunde später, und er hielt die Leiche noch in seinen Armen, als der Wächter mit der Pflegerin erschien. Er hatte das Haus offen gefunden, war die Treppe heraufgekommen und fand nun den Mann, wie er sein totes Weib umschlungen hielt, und so sehr drückte ihn der Kummer nieder, daß er einige Stunden später seinen Geist aufgab, ohne irgend ein Zeichen der Ansteckung zu zeigen. So war er wirklich an gebrochenem Herzen gestorben.

Von andern habe ich gehört, die der Kummer über den Tod ihrer Angehörigen blödsinnig machte. Einer insbesondere wurde von seinem Trübsinn so völlig überwältigt, daß nach und nach sein Kopf förmlich zwischen die Schultern hineinsank. Er verlor allmählich Stimme und Empfindung, das Gesicht lehnte sich gegen das Schlüsselbein und konnte nur mit Gewalt aufgerichtet werden. Der arme Teufel kam nie mehr wieder zu sich, sondern blieb fast ein Jahr in diesem Zustande, ehe er starb. Niemals schlug er die Augen auf oder richtete seinen Blick auf einen der ihn umgebenden Gegenstände. –