Ich spreche jetzt von der Zeit, als die Pest im östlichsten Teile der Stadt wütete. Die Leute dort hatten gehofft, daß sie verschont bleiben würden, und waren nun entsetzt, als die Seuche wie ein geharnischter Mann auf sie eindrang. Dabei fallen mir wieder die drei Gesellen von Wapping ein, der Bäcker, Zimmermann und Segelmacher, von denen ich schon erzählt habe. Als sie sahen, daß sie nirgends mehr Arbeit bekommen könnten, entschlossen sie sich, sich vor der Seuche davon zu machen, und da sie haushälterisch angelegt waren, wollten sie versuchen, solange als möglich von ihren Ersparnissen zu leben und dann zusehen, wie sie weiterkämen. Aber zuerst wurde noch viel hin und her geredet wegen der Ausrüstung und der Straße, die sie einschlagen wollten. Besonders waren sie wegen eines Unterkommens zur Nachtzeit besorgt, aber dabei hatte der Bäcker, der, wie man sich erinnern wird, früher Soldat gewesen war, einen guten Einfall, indem er vorschlug, der Segelmacher solle ihnen ein kleines Zelt verfertigen. Der einzige Einwand, der dagegen gemacht wurde, war der, daß es zu schwer zum Tragen wäre, da sie ja schon alles mögliche mitzuschleppen hatten und das Wetter recht heiß war, denn es war um Mitte Juli. Aber auch in dieser Sache kam ihnen das Glück zu Hilfe. Der Meister, bei dem der Segelmacher gearbeitet hatte, besaß ein kleines elendes Pferd, und da er den drei ehrlichen Gesellen wohl wollte, überließ er es ihnen, zusammen mit einem alten Topbesansegel, das zwar nicht mehr viel wert, aber zu einem Zelt noch recht gut zu gebrauchen war. Nach den Anweisungen des gewesenen Soldaten war es bald fertig, und so konnte also die Reise angetreten werden. Ihre Ausrüstung bestand aus dem Zelt, dem Pferde, einer Flinte, da der Bäcker sich seines früheren Standes erinnerte und nicht ohne Waffe ausziehen wollte, einem kleinen Sack mit Werkzeugen für den Zimmermann und ein wenig Geld, das in eine gemeinsame Kasse zusammengelegt wurde.

Da der Wind bei ihrem Ausmarsch aus Nordwesten blies, so entschlossen sie sich, in dieser Himmelsrichtung vorzugehen. Dabei gab’s gleich die erste Schwierigkeit, weil sie stark verseuchte Stadtteile hätten berühren müssen. Sie machten daher einen weiten Umweg und erreichten die Landstraße gerade bei Bow. Die Wache auf der Bowbrücke hätte sie nicht durchgelassen, so waren sie gezwungen, einen schmalen Nebenweg einzuschlagen, auf dem sie bis Oldford kamen. Auf allen Straßen standen Konstabler, nicht so sehr, um die Leute anzuhalten, als um dafür zu sorgen, daß sie sich nicht in den Orten, die sie zu bewachen hatten, niederließen. Außerdem war auf dem Lande das Gerücht verbreitet, daß die Bevölkerung Londons, aus Verzweiflung über den Mangel an Arbeit und an Lebensmitteln, sich bewaffnet hätte und ausziehen wollte, um die Orte in der Umgegend mit Gewalt zu plündern.

In Oldford wurden die drei Wanderer nur ausgefragt, und da sie eher vom Lande als aus der Stadt zu kommen schienen, benahmen sich die Leute ganz freundlich gegen sie, ja führten sie sogar in ein Wirtshaus und setzten ihnen zu essen und zu trinken vor. Dabei hatten die Drei den guten Gedanken, von jetzt ab nie zu sagen, sie kämen von London, sondern aus Essex. Um diesen kleinen Betrug wahrscheinlicher zu machen, bewogen sie den Konstabler, ihnen ein Zeugnis auszustellen, daß sie von Essex kämen und nichts mit London zu tun hätten, was übrigens ja auch dem Buchstaben nach wahr war, da Wapping nicht mehr zu London gehörte.

Diese Bescheinigung war ihnen von großem Nutzen. Mit ihrer Hilfe wurden sie nicht nur in Hackney durchgelassen, sondern erhielten auch vom dortigen Friedensrichter ohne viel Schwierigkeit ein richtiges Gesundheitsattest. So hatten sie denn bald Hackney hinter sich und wanderten weiter, bis sie bei Stamfordhill auf die große Heerstraße gelangten.

Mittlerweile waren sie rechtschaffen müde geworden und beschlossen, ein wenig abseits von der Straße ihr Zelt aufzuschlagen. Dies taten sie denn auch, und zwar mit dem Eingange gegen einen Heuschober, den sie zuerst gehörig durchsuchten, ob niemand dort versteckt wäre. Dort legten sie sich schlafen, aber dem Zimmermann gefiel es nicht, daß sie so gleichsam schutzlos die Nacht zubringen sollten, er nahm die Flinte und ging als Wache vor dem Heuschober auf und ab. Bald hörte er das Geräusch von Stimmen, die lauter und lauter wurden, bis auch der Bäcker aus dem Zelt gekrochen kam. Die Leute gingen gerade auf den Heuschober zu, bis ihnen der Bäcker ein martialisches »Wer da?« zurief. Auf das hin hielten sie an und besprachen sich untereinander, woraus hervorging, daß sie alle zusammen 13 waren, darunter auch einige Frauen. Außerdem erfuhren unsere Freunde auf diese Weise, daß sie gleich ihnen auf der Flucht vor der Seuche waren und eine große Angst verrieten, von ihnen angesteckt zu werden, was wohl bewies, daß sie selbst gesund waren. Auf dies hin sagte der Bäcker zum Zimmermann, man solle die Leute doch herrufen, und nach längerem Hin- und Herreden kamen sie auch herbei und krochen in den Heustadel, der bis oben voll Heu war, so daß sie sich’s ganz bequem machen konnten. Ehe sie sich schlafen legten, hörte man sie noch beten und den Schutz Gottes auf sich herabrufen.

Als der Tag angebrochen war, machten sie sich näher miteinander bekannt und erfuhren, daß die Leute auch aus London kamen und den Plan hatten, über den Fluß und durch die Sümpfe in den Wald von Epping zu wandern, wo sie hofften, sich länger aufhalten zu können. Sie hatten genug Vorräte für 2 oder 3 Monate bei sich, und dann, meinten sie, würde bei Eintritt kalter Witterung wohl die Seuche erlöschen, wenn auch vielleicht nur deshalb, weil kein Lebender mehr in der Stadt zurückgeblieben wäre.

Die Absichten unserer drei Freunde waren eigentlich nach einer anderen Richtung gegangen, aber nun entschlossen sie sich doch, mit den anderen gemeinsame Sache zu machen und ihnen nach Essex zu folgen. So wurde denn das Pferd mit dem Zelt beladen und dann gemeinschaftlich der Marsch angetreten.

An der Fähre über den Fluß gab es den ersten Aufenthalt, da der Fährmann Angst vor ihnen hatte. Aber endlich verständigten sie sich aus der Entfernung, und der Fährmann willigte ein, ein Boot etwas weiter flußaufwärts zu bringen und es dort zu lassen, damit sie sich selbst übersetzen könnten. Er zeigte ihnen, wo sie das Boot drüben lassen sollten, damit er’s mit seinem anderen wieder abholen könne, was er übrigens erst nach mehr als acht Tagen getan haben soll. Der Fährmann brachte ihnen auch Lebensmittel und Getränk ins Boot, nachdem man ihm das Geld dafür zuvor hingelegt hatte. Zum Schluß machte es noch nicht geringe Schwierigkeit, das Pferd hinüberzubringen, und da die Fähre dafür zu klein war, mußte man es abpacken und über den Fluß schwimmen lassen.

Vom anderen Ufer aus marschierten sie gegen den Wald zu, aber als sie nach Walthamstow kamen, verwehrte ihnen die Bevölkerung den Zutritt, wie es jetzt überall geschah. Die Konstabler und Wächter hielten sich in einiger Entfernung und unterhandelten mit ihnen. Sie wiederholten, was sie schon das vorige Mal gesagt hatten, aber hier fanden sie keinen Glauben, da schon 2 oder 3 Gesellschaften unter denselben Vorwänden sich durch mehrere Orte durchgeschmuggelt und eine ganze Anzahl von deren Bevölkerung angesteckt hatten. Darauf war man, wenn auch gerechtermaßen, so unbarmherzig gegen sie vorgegangen, daß einige von ihnen auf freiem Felde zugrunde gegangen waren, ob an der Pest oder aus Mangel an Lebensmitteln, ließ sich nicht sagen.

Daher waren die Leute in Walthamstow sehr argwöhnisch geworden und hatten den Entschluß gefaßt, niemand mehr aufzunehmen, von dessen Gesundheitszustand sie nicht überzeugt wären.