Die Kolonisten bei der Bodenbestellung.
»Anfänglich herrschte zwischen uns und den Engländern«, so berichtete er, »das beste Einvernehmen, und es hatte den Anschein, als ob die Niederlassung in erfreulicher Weise gedeihen solle. Die Engländer aber mochten sich zu keiner Arbeit bequemen; lieber streiften sie auf der Insel umher, schossen zu ihrem Vergnügen Papageien, wendeten Schildkröten um, und wenn sie des Abends nach Hause zurückkamen, ließen sie sich das von uns bereitete Nachtessen vortrefflich munden. Nur um des lieben Friedens willen hatten wir sie gewähren lassen. Aber nicht damit zufrieden, keine Arbeit zu thun, hielten uns die Engländer von unsern eignen Geschäften ab. Die ersten Zwistigkeiten waren geringfügiger Art, bald jedoch führten sie einen offenen Krieg herbei. Die zwei Engländer, welche kurz vor Ihrer Abreise in das Innere der Insel entwichen waren, kamen später in die Burg, um die Vorräte mit verzehren zu helfen. Allein sehr bald wurden sie von den drei rohen Insassen vertrieben. Nach unsrer Ankunft beklagten sie sich beide über die erlittene Behandlung, worauf wir versuchten, sie zu versöhnen, was aber nicht gelang, da jene rohen Burschen ihnen den Aufenthalt in der Burg beharrlich verweigerten. Den armen Zurückgestoßenen blieb nichts übrig, als sich von uns zu trennen und die nördliche Gegend der Insel zu ihrem Wohnplatze zu wählen. Hier erbauten sie zwei Hütten, die eine zur Wohnung, die andre zum Vorratshause. Wir gaben ihnen Getreide und Reis zum Säen, Gefäße, Werkzeuge und etliche Ziegen. Zwar konnten sie nur ein kleines Stück Land bebauen, doch fiel die Ernte günstig für sie aus, und bald befanden sie sich auf dem besten Wege bescheidenen Fortschritts. Jene drei böswilligen Burschen indessen ließen ihre Landsleute nicht in Ruhe, sondern suchten sie in ihrem neuen Besitztum auf und forderten unter dem Vorgeben, daß ihnen der Besitz der Insel von dem Gouverneur übertragen sei und niemand sich ohne ihre Einwilligung niederlassen dürfe, Pacht für ihr Land. Da sie sich nun dieser Aufforderung nicht fügten und darüber spotteten, vergaß sich der eine ihrer Gegner so sehr, daß er die Hütte in Brand steckte. Zwar gelang es, das Feuer alsbald zu löschen, doch kam es zu einem heftigen Streit, wobei der Brandstifter schwer verwundet wurde. Da diese Burschen sahen, daß sie es mit entschlossenen Leuten zu thun hatten, so begannen sie Unterhandlungen und baten, ihren verwundeten Kameraden mitnehmen zu dürfen. Am Abend trafen zwei unsrer Landsleute jene rührigen Engländer im Walde, welche sich bitter über die ihnen zugefügten Unbilden beklagten. Als meine Spanier darauf heimkehrten, thaten sie den Engländern Vorhalt ob ihres Benehmens, worauf der eine, Atkins, barsch antwortete: »Jawohl, wir wollen euch beweisen, daß ihr Spanier auch unsre Sklaven werden müßt!«
»Die Feindseligkeiten zwischen den Engländern unter sich dauerten noch fort, und so kam es, daß eines Morgens die beiden Kolonisten im Norden aufgebrochen waren und vor unsrer Burg erschienen. Die drei Strolche hatten unterdessen auf Rache gesonnen, waren auch aufgebrochen, jedoch in der Absicht, die zwei Kolonisten im Schlafe zu überraschen, ihre Hütten einzuäschern und dieselben zu ermorden. Zum Glück erreichten jene ihren Zweck nicht ganz und begnügten sich damit, die Hütten niederzureißen und den gesamten Viehstand zu töten. Frohlockend über den gelungenen Streich kehrten sie dann nach der Burg zurück.
»Die beiden Kolonisten eilten mit trüben Ahnungen ihren Hütten zu und sahen das Werk ihrer fleißigen Hände als einen wüsten Trümmerhaufen vor sich. Sie werden begreifen, welch wehmütiges Gefühl sie da beschlich und wie die Thränen des Unwillens in ihre Augen traten. Hierauf schritten sie der Festung zu, um uns zu erzählen, was vorgefallen.
»Unterdessen waren aber die drei Frevler in der Burg eingetroffen und prahlten gegen die Spanier mit dem verübten Bubenstück. Ja ihr Übermut ging so weit, daß einer der schlimmen Gesellen einem Spanier den Hut vom Kopfe warf und ihm sagte: »Und Ihr, Herr Hans von Spanien, seid künftig höflicher, und wenn ihr Herrchen nicht Respekt vor uns habt, so wird es euch gerade so ergehen wie den beiden Kolonisten!« Empört schlug der Spanier den Frechen mit einem Faustschlag nieder. Der andre Engländer wollte seinen Freund rächen und feuerte sein Pistol auf den Spanier, wobei er ihn leicht am Ohr verwundete. Letzterer ergriff sein Gewehr und würde unfehlbar den Engländer niedergestreckt haben, wären die übrigen Spanier nicht dazwischengetreten und hätten die drei entwaffnet.
»Da diese sahen, daß sie nichts ausrichten konnten, baten sie, man möchte ihnen doch ihre Waffen wiedergeben. Selbstverständlich konnten die Spanier hierauf nicht eingehen, sondern sicherten ihnen ihren Beistand zu, wenn sie in Nöten wären, was aber jene nicht annehmen wollten. Als aber die beiden Engländer hinzugekommen waren und strenge Bestrafung forderten, gaben sie nach und baten um Milde. Infolgedessen wurden die Ruhestörer aufgefordert, das Zertrümmerte wiederherzustellen, worein sie willigten. Dies führten sie auch aus, gingen aber alsdann wieder ihrem Nichtsthun nach. So verstrichen drei Monate ohne Unterbrechung, und da wir glaubten, die drei seien endlich zur Einsicht gekommen, so gaben wir ihnen die Waffen zurück, damit sie durch Erlegung von Wild uns nützlich sein könnten. War nun dieser Streit endlich beigelegt, so hatte uns eine andre Gefahr gedroht, und zwar von den Kariben –«
»Von den Kariben?« unterbrach ich den Bericht meines Stellvertreters. »O, so erzählen Sie doch, welche Bewandtnis es mit diesen gehabt.«
»Eines Abends«, so fuhr Caballos fort, »war eine ganze Flottille, 28 Barken stark, an der Nordküste, zwei Stunden von unsern äußersten Pflanzungen entfernt, in die östliche Bucht eingelaufen. Die Bemannung der fremden Pirogen mochte sich wohl auf 250 Köpfe belaufen und war mit Bogen, Pfeilen, großen Wurfspießen und hölzernen Schwertern ausgerüstet. Solch eine feindliche Macht versetzte natürlich die Kolonisten in Furcht und Schrecken. In aller Eile wurden die neuerbauten Hütten abgebrochen und alles Vieh wie die Werkzeuge und Gerätschaften nach der Höhle geschafft. Die Streitmacht der Kolonisten war gegenüber der großen Zahl der Wilden nur sehr gering; denn sie bestand im ganzen aus nur dreißig Mann. Die Europäer behielten die Feuergewehre für sich, und jeder nahm auch noch eine Axt an sich. Ich kommandierte die kleine Armee und ernannte Atkins zu meinem Unterbefehlshaber. Dieser befand sich hier vollkommen an seinem Platze, denn an Tapferkeit, Mut und Entschlossenheit that es ihm niemand zuvor. Er hatte sich mit sechs Mann vorwärts in einem Gebüsch aufgestellt, auch den übrigen ihren Stand am Saume des Waldes unter dem Schutze des Gesträuches angewiesen. Die Wilden rückten in einem übel geordneten, etwa 50 Mann starken Haufen gegen die kleine Streitmacht heran, während größere Scharen in dichten Massen folgten. Atkins ließ den Trupp vorüberziehen, dann befahl er dreien seiner Leute, die jedes ihrer Gewehre mit mehreren Kugeln geladen hatten, auf den zusammengedrängten Haufen zu feuern. Die Zahl der Getöteten und Verwundeten mußte erheblich gewesen sein, denn Schreck und Verwirrung überkamen die Indianer. Diesen Umstand benutzte Atkins und ließ eine zweite Salve folgen, die eine ähnliche Wirkung hervorrief. Nachdem sich indes der Überrest der Kannibalen etwas erholt, stürmten sie ihrerseits auf die Spanier los. Letztere zogen sich unter fortwährenden Salven vorsichtig zurück, aber die Pfeile der Indianer schwirrten oft genug unheildrohend durch das Laubwerk des Gebüsches, und wie Löwen stürzten bald nachher die Wilden auf ihre Feinde ein. Drei Männer des Trupps: ein Spanier, ein Brite und ein Sklave, wurden getötet, Atkins selbst leicht verwundet. Zum Glücke rückte das Hauptkorps der Europäer in drei Zügen zu je sechs und acht Mann näher, zunächst ein mörderisches Feuer eröffnend, so daß viele der Wilden verwundet niederstürzten, die Masse derselben aber ratlos durcheinander wogte.
»Nachdem die Feuerwaffen hinreichend vorgearbeitet hatten, drang auch der Rest unsrer Streitmacht aus dem Waldesdunkel hervor, und die sämtlichen Europäer fielen nun über die Feinde mit den Handwaffen her. Im ersten Augenblicke wie gelähmt, ließen sie sich leicht niederwerfen. Dann aber rafften sie sich wieder auf und setzten sich mannhaft von neuem zur Wehr. Wütend schlugen sie mit ihren Keulen und Schwertern drein, schossen einen Hagel von Pfeilen auf uns ab und verwundeten mehrere unsrer Mannschaft, darunter Freitags Vater. Doch die Kolonisten hieben erbarmungslos mit ihren Äxten, Piken, Schwertern und Gewehrkolben auf die Feinde los, so daß binnen kurzer Zeit 180 Indianer, teils getötet, teils schwer oder leichter verwundet, die Walstatt bedeckten. Die Feinde sahen nach solchem Verluste, daß hier jeder weitere Widerstand vergeblich sei, und suchten in wilder Flucht das Ufer zu gewinnen, um sich in ihre Barken zu retten. Die Europäer waren zu sehr ermüdet, als daß sie die Flüchtigen hätten verfolgen können. Doch das Maß des Unglücks war für die Besiegten noch nicht voll; ein fürchterlicher Sturm, der vor Anbruch der Nacht zu toben begonnen, hatte ihre Kanoes hoch auf den Strand geschleudert, so daß sie trotz aller Anstrengungen nicht wieder flott gemacht werden konnten. Den größten Teil fanden sie bereits an den Felsen zerschellt vor. In dumpfem Hinbrüten lagerten sich die Wilden, die sich noch etwa auf 70 Mann belaufen mochten, in einem Kreise, das Kinn auf die Kniee gestützt, starr aufs Meer hinausschauend – ein Bild unsäglichen Jammers!