Wenn Spieler sich vom Würfelspiel entfernen,
Bleibt, der verlor, betrübt und ärgerlich
Und wirft und wirft, ums besser zu erlernen
Doch alles drängt um den Gewinner sich.
Der folgt und sucht, wie er sein Kleid erlange,
Ein andrer, seitwärts, spricht: Gedenk an mich.
Doch er verweilt nicht, hört auf keinen lange,
Und wem er etwas gibt, der macht sich fort;
So kommt er los vom lästigen Gedrange.
So war ich in dem dichten Haufen dort,
Und mußte hier den Kopf und dorthin wenden
Und löste mich durch manch Verheißungswort;
Sah Benincasa, der den Wütrichshänden
Des Ghin erlag, und sah darauf auch ihn,
Des Los war, jagend in der Flut zu enden.
Novelle bat mich flehend, zu verziehn;
Auch der von Pisa dann, durch den der gute,
Der wackere Marzucco stark erschien.
Graf Orfo auch, und der im Frevelmute
Vertilgt ward, wie er sagt, aus Neid und Groll,
Nicht weil auf ihm ein schwer Verbrechen ruhte,
Den Broccia mein ich—mag sich demutsvoll
Zur Reue die Brabanterin bequemen,
Wenn sie zu schlechterm Troß nicht kommen soll.
Kaum war ich frei von allen jenen Schemen,
Die dort mich angefleht, zu flehn, daß sie
Zur Heiligung mit größrer Eile kämen;
Da sprach ich: "Du, der stets mir Licht verlieh,
Hast irgendwo in deinem Werk geschrieben,
Den Schluß des Himmels beuge Flehen nie.
Doch hörtest du, wozu mich diese trieben.
Täuscht nun vielleicht die Hoffnung diese Schar?
Ist unklar mir vielleicht dein Sinn geblieben?"
"Nicht täuscht sie Hoffnung, und mein Wort ist klar,"
So sprach er drauf, "du magst es nur betrachten
Mit hellem Geist, so wird dirs offenbar.
Ist für gebeugt das strenge Recht zu achten,
Wenn das erfüllt der Liebe heißer Trieb,
Was jenen oblag und sie nicht vollbrachten?
Da, wo ich jenen Grundsatz niederschrieb,
Da sühnte man durch Bitten keine Sünden,
Weil ungehört von Gott die Bitte blieb.
Doch kannst du jetzt so tiefes nicht ergründen,
So harr auf sie, die zwischen deinem Geist
Und ewger Wahrheit wird ein Licht entzünden.
Beatrix ists, wenn dus vielleicht nicht weißt,
Die Lächelnde, Beglückte, die zu sehen
Des hohen Berges Gipfel dir verheißt."
Und ich: "Mein Meister, laß uns schneller gehen!
Mir kehrt die Kraft, die kaum noch unterlag,
Und sieh, schon werfen Schatten jene Höhen."
"Wir gehn soweit als möglich diesen Tag,"
Entgegnet er, "doch andres wirst du finden,
Als eben jetzt dein Geist sich denken mag.
Die Sonne, deren Strahlen jetzt verschwinden,
So, daß zugleich dein Schatten flieht, sie kehrt,
Bevor wir uns empor zum Gipfel winden.
Doch eine Seele sieh, uns zugekehrt,
Allein, betrachtend, wie du dich bewegtest.
Gewiß, daß sie den nächsten Weg uns lehrt."
O Geist von Mantua, wie du lebend pflegtest,
So bliebst du stolzen, strengen Angesichts,
Indem du langsam ernst die Augen regtest.
Er ließ uns beide gehn und sagte nichts,
Gleich einem Leun, der ruht, uns still betrachtend
Mit scharfem Strahle seines Augenlichts.
Allein Virgil, nur nach der Höhe trachtend,
Befragt ihn: "Wo erklimmt man diese Wand?"
Doch jener, nicht auf seine Fragen achtend,
Fragt uns nach unserm Leben, unserm Land.
Und: "Mantua"—begann nun mein Begleiter;
Da hob der Schatten, erst in sich gewandt,
Sich schnell vom Sitz und ward teilnehmend heiter.
"Sordell bin ich, dein Landsmann!" rief er aus,
Und, selbst umarmt, umarmt er meinen Leiter—
Italien, Sklavin, Schlund voll Schmerz und Graus,
Schiff ohne Steurer auf durchstürmten Meeren,
Nicht Herrscherin der Welt, nein, Hurenhaus;
Wie sah ich jenen Schatten dort, den hehren,
Beim süßen Klange seiner Vaterstadt
Hereilen, um den Landsmann froh zu ehren.
Doch deine Lebenden sind nimmer satt,
Im tollen Kampf sich wechselweis zu morden,
Selbst die umschlossen eine Mauer hat.
Elende, such an deinen Meeresborden,
Im Innern such und keinen Winkel letzt
Des Friedens Glück im Süden und im Norden.
Was hilft dirs, da dein Sattel unbesetzt,
Daß Justinian die Zügel dir erneute?
Ohn ihn wär minder deine Schande jetzt.
Ihr hattet längst mit frommem Sinn, ihr Leute,
Zu Cäsars Sitz den Sattel eingeräumt,
Verstündet ihr, was Gottes Wort bedeute.
Seht, wie das wilde Tier sich tückisch bäumt,
Seit niemand es die Sporen fühlen lassen,
Und ihr es, die ihrs zähmen wollt, entzäumt.
O deutscher Albrecht, der dies Tier verlassen,
Das drum nun tobt in ungezähmter Wut,
Statt mit den Schenkeln kräftig es zu fassen,
Gerechtes Strafgericht fall auf dein Blut
Vom Sternenzelt, auch sei es neu und offen,
Dann ist dein Folger wohl auf seiner Hut.
Was hat dich und den Vater schon betroffen,
Weil ihr, verödend diese Gartenaun,
Nach jenseits nur gestellt das gierge Hoffen.
Komm her, der Philipeschi Stamm zu schaun
Leichtsinniger, komm, sieh die Cappelletten,
Die schon gebeugt, und die voll Angst und Graun!
Komm, Grausamer, die Treuen zu erretten!
Sieh, ungestraft drängt sie der schnöde Feind!
Sieh Santafior in wilder Räuber Ketten!
Komm her und sieh, wie deine Roma weint,
Und höre Tag und Nacht die Witwe stöhnen:
Mein Cäsar, ach, warum nicht mir vereint?
Komm her und sieh, wie alle sich versöhnen,
Komm her, und fühlst du dann auch Mitleid nicht,
So schäme dich, daß alle dich verhöhnen.
Verzeih, o höchster Zeus im ewgen Licht,
Der du für uns gekreuzigt wardst auf Erden,
Ist anderwärts gewandt dein Angesicht?
Wie? oder soll aus schrecklichen Beschwerden,
Ein neues Heil, von keinem Aug entdeckt,
Nach deinem tiefen Rat bereitet werden?
Wie voll Italien von Tyrannen steckt!
Will sich ein Bauer der Partei verschwören,
Gleich heißts von ihm, Marcell sei auferweckt.
Du, mein Florenz, du kannst dies ruhig hören,
Da dieser Abschweif nimmer dich berührt.
Nie ließ sich ja dein wackres Volk betören.
Gerechtigkeit hegt vieler Herz, nur spürt
Man etwas spät, wie sehr es ihr gewogen,
Indes dein Volk sie stets im Munde führt.
Wenn Bürgerämtern viele sich entzogen,
Nimmt sie dein Volk freiwillig an und schreit:
Seht her, mich hat die Bürde krumm gebogen!
Nun freue dich, wenn du verdienest Neid,
Du Reiche, du Friedselige, du Weise—
Ich red im Ernst, die Wahrheit liegt nicht weit.
Man spreche von Athen und Sparta leise!
Sollt ihr Gesetz wohl wert der Rede sein,
Wie sehr mans anpreist, neben deinem Preise?
Das, was du vorkehrst, ist gar dünn und fein;
Denn wenn dus im Oktober angesponnen,
Zerreißt es im November kurz und klein.
Wie oft hast du geendet und begonnen,
Hast über Münz und Art, Gesetz und Pflicht,
Und Haupt und Glieder anders dich besonnen;
Bist du nicht völlig blind für jedes Licht,
So mußt du dich gleich einer Kranken sehen.
Ruh findet sie auf ihren Kissen nicht
Und wendet sich, den Schmerzen zu entgehen.

Siebenter Gesang

Nachdem sie würdig und voll Freudigkeit
Drei-, viermal mit den Armen sich umgaben,
Da trat Sordell zurück: "Sprecht, wer ihr seid?"
"Eh sich zu diesem Berg gewendet haben
Die Seelen, welche Gott zu schauen wert,
Hat Octavianus mein Gebein begraben.
Ich bin Virgil.—Des Himmels Eingang wehrt
Mir Glaubensmangel nur, nicht andre Sünde,"
So sprach Virgil, als jener es begehrt.
Als ob ein Wunder plötzlich hier entstünde,
Bei dem man sagt: Es ist! dann: Es ist nicht!
Und staunend glaubt, und nicht, daß mans ergründe;
So schien Sordell—dann neigt er das Gesicht,
Worauf er zu den Knien Virgils sich beugte
Und ihn umflocht, wo man den Herrn umflicht.
"O Latiums Ruhm, du, dessen Werk bezeugte,
Wie reich die Sprache sei an Kraft und Zier,
O ewger Preis der Stadt, die mich erzeugte,
Bringt mein Verdienst, mein Glück dich her zu mir?
Und wenn ich wert mich solcher Huld erweise,
So sprich, auf welchem Wege bist du hier?"
Virgil darauf: "Ich kam durch alle Kreise
Des wehevollen Reichs in dieses Land,
Und Himmelskraft bewegte mich zur Reise.
Nicht Tun, nein. Nichttun nur, hat mich verbannt,
Hinab verbannt von hoher Sonne Strahlen,
Die du ersehnst, die ich zu spät erkannt,
Zu jenen tiefen nachterfüllten Talen,
Zum Ort, wo leises Seufzen nur ertönt,
Nicht Weheruf, noch Angstgeschrei von Qualen;
Wo um mich her die Schar der Kindlein stöhnt,
Die ungetauft aus jener Welt geschieden,
Mit Gott für Adams Schuld noch unversöhnt.
Wo die sind, die mit irdschem Wert zufrieden,
Die Tugenden, bis auf die heilgen Drei,
Sämtlich geübt und jede Schuld gemieden.
Doch, wenn du kannst, so bring uns Kunde bei,
Um schneller uns zu unserm Ziel zu leiten,
Wo wohl der Läutrung wahrer Anfang sei."
Und er: "Ich darf umher und aufwärts schreiten,
Denn kein gewisser Ort ist uns bestimmt.
Soweit ich gehn darf, will ich dich begleiten.
Doch sieh, wie schon des Tages Licht verglimmt,
Drum ist auf guten Aufenthalt zu sinnen,
Weil man bei Nacht nicht in die Höhe klimmt.
Dort rechts sind Seelen, nicht gar weit von hinnen;
Zu diesen, wenn du einstimmst, führ ich dich,
Und denke wohl, du wirst dabei gewinnen."—
Virgil: "Wenns Nacht wird, steigt man nicht? So sprich,
Erliegt vielleicht die Kraft dann der Beschwerde?
Wie, oder widersetzt dann jemand sich?"
Mit seinem Finger streifte nun die Erde
Sordell und sprach: "Nicht hoffe, daß bei Nacht
Dein Fuß den Strich nur überschreiten werde.
An Steigen hindert sonst dich keine Macht
Als Dunkelheit, die, wie sie uns ermattet,
Verwirrt durch Ohnmacht unsern Willen macht.
Hinabzugehn und rückwärts ist gestattet,
Und irrend ringsumher zu gehn am Bord,
Wenn auch ihr Schleier noch die Welt umschattet."
Mein Meister stand erst wie bewundernd dort;
"Wie du versprachst," So hört ich drauf ihn bitten,
"Geleit uns an den angenehmen Ort."
Wir waren eben noch nicht weit geschritten,
Da war ein hohler Raum am Berg zu sehn,
Ein Tal, das dort den Felsenrand durchschnitten.
"Dorthin", So sprach der Schatten, "laß uns gehn,
Seht dort den Berg von einer Höhlung teilen,
Dort sehen wir den Morgen auferstehn."
Ein krummer Fußpfad führte zwischen steilen
Felshöhn und Ebene zum Rand der Schlucht,
Da hieß Sordell am Abhang uns verweilen.
Gold, feines Silber und des Coccums Frucht,
Bleiweiß und Indiens Blau in hellster Reine,
Smaragd, zerbrochen kaum—in dieser Bucht,
Bei dieses Grases, dieser Blumen Scheine
Schwänd ihrer Farben ganzer Glanz dahin,
Wie seinem Größern unterliegt das Kleine;
Nicht war Natur allein hier Malerin,
Mit laufend wunderbar gemischten Düften
Ergötzte sie auch des Geruches Sinn.
Salve, Regina, tönt es in den Lüften
Von Seelen auf dem blumenreichen Beet,
Versteckt hierinnen zwischen Felsenklüften.
"Bevor die Sonne ganz zu Rüste geht,
Gehn", sprach Sordell, "wir nicht hinab zu ihnen,
Denn, wenn ihr hier auf diesem Felsen steht,
Erkennt ihr besser aller Art und Mienen,
Als sie im Tale selber, im Gedrang
So vieler großer Schatten euch erschienen.
Der höher sitzt und scheint, als hätt er lang
Versäumt, wozu ihn seine Pflicht verbunden,
Und nicht den Mund regt bei der andern Sang,
Jst Kaiser Rudolf, der Italiens Wunden
Zu heilen zwar vermocht, doch nicht geheilt,
So daß es spät durch andre wird gefunden.
Der, dessen Anblick jetzt ihm Trost erteilt,
Einst Herr des Landes, das der Fluß durchschneidet,
Der in die Elb, in ihr zur Meerflut eilt,
Hieß Ottokar—mit Windeln noch umkleidet,
Weit besser doch, als Wenzeslaus, sein Sohn,
Der Bärtge, der an Üppigkeit sich weidet.
Der Kleingenaste dort—von Reich und Thron
Scheints, daß er mit dem andern, Gütgen spreche—
Starb fliehend, zu der Lilien Schmach und Hohn.
Er schlägt die Brust, als ob das Herz ihm breche.
Den andern fehl—es ruhet sein Gesicht
In seiner aufgestützten Linken Fläche.
An Frankreichs Aussatz, an den Bösewicht,
Den Sohn und Eidam, denken sie, des Leben
Voll Schmutz und Schmach sie feindlich quält und sticht
Den Gliederstarken sieh! Mit dem daneben,
Dem Adlernasgen, singt er im Akkord
Und ragt einst hoch in jedem wackern Streben.
Und könnt, als er verstarb, der Jüngling dort,
Der hinten sitzt, den Königsthron ererben,
So ging von Stamm zu Stamm die Tugend fort.
Jakob und Friederich, die andern Erben,
Sie sollten zwar des Thrones Herrlichkeit,
Doch nicht des Vaters bessres Gut erwerben.
Denn selten nur soll Menschenredlichkeit,
Nach Gottes Schluß, neu aus der Wurzel Schlagen,
Weil er sie nur auf frommes Flehn verleiht.
Dem Adlernasgen ist dies auch zu sagen,
So gut als feiern, welcher mit ihm singt,
Weshalb Provence und Puglien sich beklagen,
Weil so viel schlechtem Keim sein Same bringt,
Als höher sich Konstanzas Gatt im Preise
Vor Beatrixens und Margretens schwingt.
Den König seht von schlichter Lebensweise,
Der einsam sitzt, Heinrich von Engelland,
Vergnügt, daß sich ihm gleich sein Sproß erweise.
Der tiefer sitzt, den Blick emporgewandt,
Ist Markgraf Wilhelm, welchen noch die Seinen
In Montferrat, in Canaveser Land
Und Alessandrias Tück und Krieg beweinen.

Achter Gesang

Die Stunde war es, die zu stillem Weinen
Vor Heimweh den gerührten Schiffer zwingt,
Am Tag, da er verließ die teuren Seinen,
Die Liebesleid dem neuen Pilgram bringt,
Wenn fernher, klagend ob des Tags Erbleichen,
Der Abendglocken Trauerlied erklingt.
Jedweder Laut schien mit dem Licht zu weichen,
Und eine von den Seelen trat hervor
Und heischt Aufmerksamkeit mit einem Zeichen
Und naht und hob die beiden Händ empor,
Als sagte sie: Du, Gott, nur bist mein Trachten!
Indem ihr Blick im Osten sich verlor.
Te Lucis Ante—diese Worte brachten
Dann ihre Lippen vor. So fromm, so schön,
Daß sie mich meiner Selbst vergessen machten.
Mit andachtsvollem lieblichem Getön
Stimmt ein der Chor zu reicher Wohllauts Fülle,
Den Blick emporgewandt zu Himmelshöhn.
Die Wahrheit liegt hier unter leichter Hülle;
Ist, Leser, jetzt dein Blick nur scharf und klar,
So wirst du leicht erspähn, was sie verhülle.
Demütig, bleich, sah ich die edle Schar
Nach oben schaun, erwartungsvoll und schweigend,
Und sah aus himmlischem Gewölb ein Paar
Von Engeln durch die Luft herniedersteigend,
Zwei Flammenschwerter zwar in ihrer Hand,
Allein mit abgebrochnen Spitzen zeigend;
Grün wie das Laub, das eben erst entstand,
Und, von der grünen Flügel Wehn getrieben,
Nach hinten zu leicht flatternd das Gewand.
Der eine blieb nah über uns, und drüben,
Jenseit des Tales, blieb der andre stehn,
So, daß die Schatten in der Mitte blieben.
Ich konnte wohl die blonden Häupter sehn,
Doch am Gesicht verging mein Blick, geblendet,
Wie oft die Sinn am Übermaß vergehn.
"Dies Paar ist aus Marias Schoß gesendet,
Zur Hut des Tales, weil die Schlange naht."
So sprach Sordell, uns beiden zugewendet.
Und ich, der ich nicht wußt, auf welchem Pfad,
Ich schaut umher, indem ich starr vor Grauen
Fest an des treuen Führers Rücken trat.
Sordell begann aufs neu: "Geht mit Vertrauen
Jetzt zu den Großen hin und sprecht sie an,
Denn lieb wirds ihnen sein, euch hier zu schauen.
Ich war im Grund, wie ich drei Schritt getan,
Und nach mir forschend spähn sah ich den einen,
Als sah er ein bekanntes Antlitz nahn.
Schon schwärzte sich die Luft, doch zwischen seinen
Und meinen Blicken ließ sie, nah, was sich
Vorher durch sie verschlossen, klar erscheinen.
Nun ging ich auf ihn zu und er auf mich.
"Mein edler Richter Nin, o welch Vergnügen!
Hier—nicht bei den Verdammten—find ich dich!"
Kein schöner Gruß ward zwischen uns verschwiegen.
Und er: "Wann bist du aus dem weiten Meer
Am Fuße dieses Berges ausgestiegen?"
"Heut morgen kam ich aus der Hölle her",
Entgegnet ich, "und bin im ersten Leben,
Doch suche hier des künftigen Gewähr."
Und wie ich ihnen den Bescheid gegeben,
Da fuhr Sordell und er zurück, verstört,
Als halt ein Wunder plötzlich sich begeben,
Der dem Virgil, der einem zugekehrt,
Der dorten saß, am grünen Talgestade:
"Auf, Konrad, sieh, was uns der Herr beschert."
Und drauf zu mir: "Erwies besondre Gnade
Dir der, des erster Grund verborgen ruht,
Wohin kein Geist je findet Furt und Pfade,
So sag einst jenseits dieser weiten Flut
Meiner Johanna, daß sie für mich flehe,
Zu ihm, der nach dem Flehn der Unschuld tut.
Nicht liebt die Mutter wohl mich noch wie ehe,
Da sie den Witwenschleier abgelegt,
Nach dem sie bald sich sehnt in ihrem Wehe.
An ihr sieh, wie ein Weib zu lieben pflegt,
Wenn ihre Liebesglut nicht um die Wette
Jetzt Anschaun, jetzt Betastung, neu erregt.
Gewiß wird einstens ihre Grabesstätte
Von Mailands Schlange nicht so schön geschmückt,
Als sie geschmückt der Hahn Galluras hätte."
Er sprachs, und ihm im Antlitz ausgedrückt
War ein gerechter Eifer, der dem Weisen
Wohl durch das Herz, doch nur gemäßigt, zückt.
Ich blickte sehnlich nach des Himmels Kreisen
Dorthin, wo träger ist der Sterne Lauf,
So wie, der Achse nah, des Rades Kreisen.
Mein Führer sprach: "Was blickst du dort hinauf?"
Und ich: "Nach den drei Lichtern, denn mit ihnen
Geht ja am ganzen Pol ein Feuer auf."
Und er: "Die vier, die dir heut morgen schienen,
Sind tief jetzt unterm Horizont versteckt,
Und diese sind an ihrer Stell erschienen."
Hier ward ich durch den Ruf Sordells erschreckt:
"Den Widersacher seht!" Er sprachs und zeigte
Zur Gegend hin, den Finger ausgestreckt,
Wo sich das kleine Tal geöffnet neigte;
Dort war die Schlange, die wohl jener glich,
Die Even einst die bittre Speise reichte.
Wie sie daher durch Gras und Blumen strich,
Hob sie von Zeit zu Zeit den Kopf zum Rücken
Verdreht empor und leckt und putzte sich.
Nicht sah ich und vermags nicht auszudrücken,
Wie die zwei Engel sich bewegt zum Flug,
Doch deutlich sah ich sie herniederzücken.
Und wie ihr Flügelpaar die Lüfte schlug,
Entfloh die Schlang, und jene beiden flogen
Zu ihrem Platz zurück in gleichem Zug.
Der Schatten, der von Ninos Ruf bewogen
Sich uns genähert, hatte bei dem Strauß
Die Blicke nimmer von mir abgezogen.
"Die Leuchte, die dich führt zu Gottes Haus,
Sie find in deinem Willen und Verstande
Ihr Öl und gehe bis zum Ziel nicht aus."
So sprach er, "doch wenn von der Magra Strande
Du wahre Kunde hast, so gib sie mir,
Denn wiss, ich war einst groß in seinem Lande.
Corrado Malaspina spricht mit dir,
Der Alte bin ich nicht, doch ihm entsprungen;
Die Meinen liebt ich stets, doch reiner hier."
"Oh," sprach ich, "nimmer noch ist mirs gelungen,
Dies Land zu sehn, allein sein Nam und Wert
Ist, wo man in Europa sei, erklungen.
Der Ruf, der euer Haus erhebt und ehrt,
Schallt zu der Herrn, schallt zu des Landes Preise,
So daß, wer dort nicht war, davon erfährt.
Ich schwör es dir beim Ziele meiner Reise,
Daß dein Geschlecht in voller Blüte steht,
Des Muts, der Gastlichkeit, der edlen Weise.
Und wenn die Tollheit alle Welt verdreht,
Sitt und Natur wird ihm den Vorzug schenken,
Daß es allein den schlechten Weg verschmäht."
Und er: "Jetzt geh, nicht siebenmal versenken
Wird sich die Sonn im Bett an jenem Ort,
Den ringsumher des Widders Füß umschränken,
So wird dir diese gute Meinung dort
In deinem Kopfe festgenagelt werden,
Mit bessern Nägeln als mit andrer Wort,
Wird nicht des Schicksals Lauf gehemmt auf Erden."

Neunter Gesang

Schon Thithons Buhlerin, entgleitend
Dem Arm des süßen Freunds und einen Kranz
Von weißem Licht im Orient verbreitend,
Geschmückt die Stirn mit der Demanten Glanz,
Die jenes kalten Tiers Gestaltung zeigen,
Das tödlich sticht mit seinem giftgen Schwanz.
Zwei Schritte hatte, wo ich war, im Steigen
Die Nacht getan, um sich beim dritten jetzt
Mit ihren Fittichen herabzuneigen,
Als meine Sinne, da ich herversetzt
Mit Adams Erbschaft war, dem Schlaf erlagen
Und ich ins Gras sank, wo wir uns gesetzt.
Zur Stunde war es, wo mit bangen Klagen,
Wenn sich der Morgen naht, die Schwalbe girrt,
Vielleicht gedenkend ihrer ersten Plagen,
Und wo der Geist, vom Leibe nicht verwirrt,
Frei und entledigt von den Sorgen allen,
Im Traumgesicht beinahe göttlich wird.
Da sah ich, träumend, an des Himmels Hallen
Mit goldenem Gefieder einen Aar,
Gespreizt die Flügel, um herabzufallen.
Mir schiens der Ort, wo Ganymedes war,
Als er, indem die Seinen ihn umfingen,
Entrückt ward zu der ewgen Götter Schar.
"Er pflegt vielleicht sich hier herabzuschwingen",
So dacht ich, "und verschmäht, von anderm Ort
In seinen Klauen uns emporzubringen."
Ein wenig kreist er erst im Bogen dort,
Dann schoß er, schrecklich, wie ein Blitz, hernieder
Und riß mich bis zum Feuer aufwärts fort.
Mir schien, ich brenn, auch brenne sein Gefieder,
Und ganz erglüht von dem erträumten Brand,
Erwacht ich jäh aus meinem Schlummer wieder.
So fuhr Achill empor im fremden Land
Und drehte dann die wachen Blick im Kreise,
Weil er nicht wußte, wo er sich befand,
Als Thetis ihn im Schlaf dem Chiron leise
Entführt und ihn nach Skyros hingebracht,
Von wo Ulyß ihn rief zur großen Reise;
Wie ich emporfuhr, da ich aufgewacht;
Doch fühlt ich Frost sich über mich verbreiten,
Gleich einem, den der Schreck erstarren macht.
Mein treuer Hort allein war mir zur Seiten—
Zwei Stunden aufwärts stieg die Sonne schon
Und vor mir lagen frei des Meeres Weiten.
Da sprach mein Herr: "Nicht fürchte dich, mein Sohn.
Mut, denn uns ist das Schwerste nun gelungen,
Drum halte fest die Kraft, die fast entflohn.
Zum Fegefeuer bist du nun gedrungen.
Den Felsen sieh, ders einschließt—sieh das Tor
Dort, wo, wies scheint, der Stein entzweigesprungen,
Noch glänzt Aurora nicht dem Tage vor,
Du aber lagst, den Geist vom Schlaf befangen,
Im Tale dort auf jenem Blumenflor,
Da kam ein Himmelsweib dahergegangen.
Lucien seh—den Schläfer nehm ich fort,
Und leichter soll er so zum Ziel gelangen.
Sordell blieb mit den andern Seelen dort;
Sie faßte dich, und als der Tag begonnen,
Stieg sie empor mit dir an diesen Ort.
Ich folgt ihr; und als mir ihr Blick voll Wonnen
Das Tor gewiesen, legte sie dich hin
Und ging, und mit ihr war dein Schlaf entronnen."
Gleichwie wir, wenn uns offenen Gewinn
Die Wahrheit zeigte. Sorg und Furcht verjagen,
Von Mut und Lust erfüllt den freien Sinn,
So ich—und da mich frei von Angst und Zagen
Mein Meister sah, so schritt er zu den Höhn,
Und ich auch stand nicht an, den Gang zu wagen.
Sieh, Leser, hier sich meinen Stoff erhöhn,
Drum staune nicht, wenn größre Kunst die Worte,
Dem Stoff gemäß, sich aussucht, hoch und schön.
Wir gingen fort und nahten einem Orte,
Der erst als Felsenspalt erschien; doch nah
Erkannt ich in der Öffnung eine Pforte.
Drei Stufen von verschiednen Farben sah
Ich unter ihr, um zu ihr aufzusteigen;
Dann auch erkannt ich einen Pförtner da,
Der auf der höchsten saß in tiefem Schweigen,
Doch wie ich auf sein Antlitz hingewandt
Mein Auge hatte, mußt ichs wieder neigen.
Er hatt ein nacktes Schwert in seiner Hand,
Und wollt ich auf dies Schwert die Blicke kehren,
So blitzt es her der Sonne Glanz und Brand.
"Von dorten sprecht: Was mögt ihr hier begehren?"
Sprach er. "Wer bracht euch bis zu mir empor?
Habt acht, sonst wird das Kommen euch beschweren."
Mein Meister drauf: "Uns sagte kurz zuvor
Ein Weib, vom Himmel selbst dazu berufen:
Kehrt dorthin euren Schritt, dort ist das Tor!
Da hört ich gleich den edlen Pförtner rufen:
"So mögt ihr denn durch sie zum Heile ziehen;
Kommt, schreitet weiter vor zu unsern Stufen!"
Wir kamen hin—die erste Stufe schien
Von Marmor, weiß, von höchster Glätt und Reine,
Drin spiegelt ich mich ab, wie ich erschien.
Die zweite schien mir von verbranntem Steine,
Rauh, lang und quer geborsten und zerschlitzt,
Und ihre Farbe schwärzlichdunkle Bräune.
Die dritte höchste Stuf erschien mir itzt
Wie Porphyr, flammend, gleich des Blutes Quelle,
Die frisch und warm aus einer Ader spritzt.
Dem Pförtner diente sie zur Ruhestelle
Für seine Fuß, und höher saß er dann
Auf der durchsichtgen diamantnen Schwelle.
Gern folgt ich meinem Führer dorthinan,
Der sprach: "Jetzt geh, ihn flehend zu begrüßen,
Denn er ists, der das Schloß dir öffnen kann."
Demütig sank ich zu des Engels Füßen,
Schlug dreimal erst auf meinen Busen mich
Und bat ihn, aus Erbarmen aufzuschließen.
Mit seines Schwertes scharfer Spitze strich
Er sieben P auf meine Stirn und machte
Sie wund und sprach: "Dort drinnen wasche dich."
Noch, wenn ich Asch und Erdenstaub betrachte,
Seh ich des Kleides Farb, aus welchem er
Mit seiner Hand hervor zwei Schlüssel brachte.
Von Gold war dieser und von Silber der.
Den weißen sah ich ihn, den gelben drehen,
Und sieh, verschlossen war das Tor nicht mehr.
Er sprach darauf: "Trifft einer von den zween
Im Schloß beim Umdrehn irgend Widerstand,
So bleibt die Türe fest verschlossen stehen.
Mehr Wert hat der von Gold, doch mehr Verstand
Und Kunst wird jener, eh er schließt, bedürfen,
Denn er nur löst das vielverschlungne Band.
Beim Öffnen sollt ich eher irren dürfen,
Sprach Petrus, der sie gab, als beim Verschluß,
Wenn nur, die kämen, erst sich niederwürfen."
Er stieß ans heilge Tor und sprach zum Schluß:
"So geht denn ein, doch daß euchs nie entfalle,
Daß, wer rückblickt, nach außen kehren muß."
Beim Öffnen drehte mit so lautem Schalle
Die heilge Pfort in ihren Angeln sich,
Gemacht von starkem, klingendem Metalle,
Daß es dem Knarren jenes Tores glich,
Vom Schloß Tarpeja, dessen Riegel sprangen,
Als der Gewalt Metell, sein Wächter, wich.
Ich horcht aufmerksam hin, denn Stimmen sangen,
Und ein Tedeum schien mir, was man sang,
Zu welchem volle süße Tön erklangen.
Denn das, was jetzt zu meinen Ohren drang,
War, wie wenn zu Gesängen Orgeln gehen,
Und wir vor ihrem vollen hellen Klang
Die Worte halb verstehn, bald nicht verstehen.

Zehnter Gesang

Kaum war ich innerhalb der Tür der Gnade,
Die selten aufgeht durch den schlechten Hang,
Der grad erscheinen läßt die krummen Pfade,
Da hört ich, wie sie beim Verschließen klang.
Wie wards auch wohl entschuldigt, wie verziehen,
Wenn nach ihr umzuschaun mich Neugier zwang?
Wir mußten durch gespaltnen Felsen ziehen,
Der vor- und rückwärts sprang vor unsrer Bahn,
Wie Wogen sich anwälzen erst, dann fliehen.
"Jetzt gilt es", also fing mein Führer an,
"Wohl etwas Kunst, um hier und dort den Seiten,
Da, wo sie rückwärts weichen, uns zu nahn."
Wir durften drum nur Iangsam vorwärts schreiten,
Und schon war Lunas Rand dem Meer genaht,
Schon sah ich sie hinab ins Bette gleiten,
Eh wir zurückgelegt den engen Pfad;
Doch blieben wir an seinem offnen Rande,
Da, wo der Berg etwas zurücke trat,
Ich matt, und fremd wir beid in diesem Lande,
In Zweifeln stehn auf einem ebnen Ort,
Der öd war wie ein Berg in Lybiens Sande.
Von wo sein Rand ans Leere grenzt, bis dort
Zum Fuß der Felsen, die sich jenseits heben,
Ging ebner Raum drei Menschenlängen fort.
Soweit gradaus der Blicke Flügel schweben,
schien solch ein Raum zur recht und linken Hand
Den Berg, gleich einem Kranze, zu umgeben.
Wie ich dort still mit meinem Führer stand,
Erkannt ich, daß der Felsrand, uns entgegen,
Der steil sich hob, gleich einer schroffen Wand,
Von weißem Marmor war und allerwegen
Voll Bildnerei, um Polyklet zur Scham,
Ja die Natur zum Neide zu erregen.
Der mit dem Friedensfchluß, den längst in Gram
Die Welt ersehnt, aufs irdische Gefilde,
Den lang verschloßnen Himmel öffnend, kam,
Der Engel war dort eingehaun, und Milde
Und Liebe tat so wahr sein Wesen kund,
Daß niemand glaubt, es sei ein stumm Gebilde.
Man schwor, ein Ave schweb auf seinem Mund,
Denn sie war dort, durch die des Himmels Riegel
Der Höchste löst im neuen Liebesbund.
Es zeigte der Gebärde reiner Spiegel
Das Wort: Sieh Gottes Magd, so ausgeprägt,
Wie sich im Wachs ausprägt das schöne Siegel.
"Was schaust du", sprach Virgil, "so unbewegt,
Als ob nur diesem Bild dein Blick gebührte?"—
Ich ging zur Seit ihm, wo das Herz uns schlägt,
Daher sich jetzt dorthin mein Auge rührte;
Und hinter der Maria war der Stein,
Zur andern Seite dessen, der mich führte,
Geschmückt mit andern schönen Schilderein.
Drum trat ich, vor Virgil vorbeigeschritten,
Ihm näher, um zum Schaun bequem zu sein.
Der Wagen war, in Marmor eingeshnitten,
Die stierbespannte Bundeslade da,
Drob ungeheischtes Dienen Straf erlitten.
Das Volk voraus, in sieben Chören, sah
Ich jubelnd ziehn und sagt ich: Ob sie singen?
So sagt ein Sinn mir nein, der andre ja!
Sah Weihrauchduft sich in die Lüfte schwingen,
Und auch bei diesem Bilde ließen schwer
Geruch sich und Gesicht zum Einklang bringen.
Im Tanze vor der heilgen Lade her,
Sah ich erhöht in Demut den Psalmisten,
Der minder hier, als König, war, und mehr,
Und, wie erfüllt von Ränken und von Listen,
Am Fenster des Palasts mit schnödem Wort
spöttisch bewundernd sich die Michal brüsten.
Darauf bewegt ich mich von meinem Ort,
Um weiterhin ein andres Bild zu schauen,
Und sah den edlen Römerherrscher dort
Zu hohem Ruhm in Marmor eingehauen,
Ihn, der zum großen Siege den Gregor
Beseelt mit Kraft und gläubigem Vertrauen.
Trajan, den Imperator, stellt es vor,
Und eine Witw, ihm in die Zügel fallend,
Die, schmerzerfüllt, mit Flehen ihn beschwor.
Rings Reiterei gedrängt. Trompeten schallend,
—so schiens dem Aug—im goldenen Panier
Die Adler drüberhin im Winde wallend.
Die Arme schrie mit Macht, so schien es mir:
"Verweile, Herr, mir ward der Sohn erschlagen,
Du räche mich, die Rache ziemet dir."—
So warte, bis ich kehre!" Dies zu sagen
schien er, und sie darauf: "Und wenn du nun"
(Und ihre Worte schien der Schmerz zu jagen)
"Nicht wiederkehrst?"—So wirds mein Folger tun!"
"Vertraust du, was dir obliegt, fremden Armen,
Mag auch indes die Pflicht vergessen ruhn?"—
"So tröste dich," entgegnet er der Armen,
"Bevor ich ziehe, lös ich meine Pflicht,
Gerechtigkeit gebeuts, mich hält Erbarmen!"—
Sichtbar macht er die Red, er, des Gesicht
Von Ewigkeit nichts Neues noch gesehen,
Doch uns ists neu, weil uns die Kunst gebricht.
Indes ich mich ergötzte, hinzuspähen
Nach solcher Demut Bildern, deren Wert
Noch er erhöht, durch welchen sie entstehen,
Da lispelte Virgil, mir zugekehrt:
Sieh jene dort, die langsam, langsam schreiten,
Von diesen wird uns wohl der Weg gelehrt."
Ich ließ, da immer hier nach Neuigkeiten
Mein ganzes Streben war, voll Ungeduld
Nach dieser Seite hin die Blicke gleiten,
Vernimmst du, Leser, wie sich Gott die Schuld
Bezahlen läßt, nicht denke drum zu weichen
Vom guten Pfad und trau auf seine Huld.
Mag diese Qual auch der der Hölle gleichen,
Denk an die Folg—im schlimmsten Falle wird
Nur bis zum großen Spruch die Marter reichen.
Ich sprach: "Nur unklar seh ich und verwirrt,
Was dort sich naht. Sinds menschliche Gestalten,
Was unstet itzt vor meinem Auge flirrt?"—
"Kaum seh ich selbst ihr Bild sich klar entfalten,"
Entgegnet er, "weil erdwärts tiefgebückt
Vor schwerer Last sie Haupt und Schultern halten.
Sieh, was dort unter Steinen näher rückt,
Sieh scharf, und du entwirrst gequälte Schatten
Und siehst genau, was jeden niederdrückt."—
Stolze Christen, o ihr Armen, Matten!
Der Fuß schlüpft rückwärts, doch, an Geiste blind,
Glaubt ihr, vortrefflich geh eur Lauf vonstatten.
Bemerkt ihr nicht, daß wir nur Würmer sind,
Bestimmt zu jenes Schmetterlings Entfaltung,
Des Flug nie der Gerechtigkeit entrinnt.
Was tragt ihr hoch das Haupt in stolzer Haltung?
Gewürm, das öfters, wenns der Pupp entflieht,
Verkrüppelt ist zu schnöder Mißgestaltung;
Wie man zuweilen wohl Gestalten sieht,
Anstatt des Simses tragend Dach und Decken,
Gekrümmt, daß sich das Knie zum Busen zieht,
Die im Beschauer wahres Leid erwecken
Durch falschen Schmerz—so könnt ich jetzo klar
Bei schärferm Hinschaun jene dort entdecken,
Den mehr, den minder tiefgebogen zwar,
Als ob die Last hier mehr, dort minder wiege,
Doch der auch, der am meisten duldsam war,
Schien tränenvoll zu sagen: Ich erliege!

Elfter Gesang