"Oh Vater unser, in den Himmeln wohnend,
Du, nimmer zwar von ihrer Schrank umkreist,
Doch lieber bei den ersten Werken thronend,
Es preis deinen Namen, deinen Geist,
Was lebt, weil deinem süßen Hauch hienieden
Der Mensch nur würdig dankt, wenn er ihn preist.
Zu uns, Herr, komme deines Reiches Frieden,
Den keiner je durch eigne Kraft errang,
Und der zu uns nur kommt, von dir beschieden.
Gleichwie die Engel beim Hosiannasang
Ihr Wollen auf das Deine nur beschränken,
So opfre dir der Mensch des Herzens Hang.
Wollt unser täglich Manna heut uns schenken;
Zurückgehn ohne dies auf rauher Bahn
Die, so am meisten vorzuschreiten denken.
Wie wir, was andre Böses uns getan,
Verzeihn, oh so verzeih uns du in Hulden
Und sieh nicht das, was wir verdienen, an.
Nicht laß die schwanke Kraft Versuchung dulden
Vom alten Feinde, sondern mache los
Von ihm, des Arglist reizt zu Sünd und Schulden.
Für uns nicht, teurer Herr, für jene bloß
Geschieht, tut not die letzte dieser Bitten,
Die dort noch sind in unentschiednem Los."
So für sich selbst, für uns auch betend, schritten
Die Schatten langsam unter schwerer Last,
Wie man im Traum oft ihren Druck erlitten,
Im ersten Kreise, der den Berg umfaßt;
Sie läutern sich vom Erdenqualm und tragen
Ungleiche Bürden, matt, doch ohne Rast.
Wenn stets für uns dort jene Gutes sagen,
Was kann für sie von solchen hier geschehn,
Die Wurzeln schon im bessern Sein geschlagen?
Sie unterstütze treulich unser Flehn,
Daß sie der Erdenschuld sich bald entringen
Und leicht und rein die Sternenkreise sehn.
"Euch möge Recht und Huld Erleichtrung bringen,
Um zu dem Ziel, daß euch die Sehnsucht zeigt,
Mit freien Flügeln bald euch aufzuschwingen.
Ihr aber zeigt uns, wo man aufwärts steigt,
Weist uns den Weg, und gibt es mehr als einen,
So lehrt uns den, der minder steil sich neigt.
Denn dieser hier, mit Fleisch und mit Gebeinen
Von Adam her bekleidet und beschwert,
Muß wider Willen träg im Steigen scheinen."
So sprach mein Führer, jenen zugekehrt,
Und diese Rede ward darauf vernommen,
Doch wußt ich nicht, von wem ich sie gehört.
"Ihr könnt mit uns zur rechten Seite kommen,
Dort ist ein Paß, nicht steiler, als der Fuß
Des Lebenden schon anderwärts erklommen.
Und drückte nicht der Stein nach Gottes Schluß
Den stolzen Nacken jetzt der Erd entgegen,
So daß ich stets zu Boden blicken muß,
So würd ich nach ihm hin den Blick bewegen,
Zu sehn, ob ich ihn, der sich nicht genannt,
Erkenn, und um sein Mitleid zu erregen.
Wilhelm Aldobrandeschi, der dem Land,
Das ihn geboren, Ruhm und Ehre brachte,
Erzeugte mich, und ist euch wohl bekannt.
Das alte Blut, der Ruhm der Ahnen machte
So übermütig mich und stolz und roh,
Daß ich nicht mehr der Mutter aller dachte.
Und ich verachtete die Menschen so,
Daß ich drum starb, wie die Sanesen wissen
Und jedes Kind in Campagnatico.
Omberto bin ich; nicht nur mein Gewissen
Befleckt der Stolz, er hat auch alle schier
Von meinem Stamm ins Elend fortgerissen.
Bis ich dem Herrn genugtat, ruht auf mir
Die schwere Last, und was ich dort im Leben
Nicht tat, daß tu ich bei den Toten hier."
Ich horcht und ging gesenkten Blicks daneben,
Ein andrer aber, unterm Steine, fing
sich an zu winden, um den Blick zu heben.
Er sah, erkannt und nannte mich und hing,
Kaum fähig, doch den Blick vom Grund zu trennen,
An mir, der ganz gebückt mit ihnen ging,
"Du Odrisl" rief ich, froh, ihn zu erkennen,
Scheinst Gubbios Ruhm, der Ruhm der Kunst zu sein,
Die Miniaturkunst die Pariser nennen."
"Ach, Bruder, heitrer sind die Schilderein,"
Versetzte jener, "Franks, des Bolognesen,
Sein ist der Ruhm nun ganz, zum Teil nur mein.
So edel war ich, lebend, nicht gewesen,
Dies zu gestehn, denn ach! vor Ruhmgier schwoll
Damals mein stolzes Herz, mein ganzes Wesen.
Fürs solchen Stolz bezahlt man hier den Zoll.
Wo ich, weil ich bereute, durch Beschwerden
Von seinem finstern Dampf mich läutern soll.
O eitler Ruhm des Könnens auf der Erden!
Wie wenig dauert deines Gipfels Grün,
Wenn roher nicht darauf die Zeiten werden.
Als Maler sah man Cimabue blühn,
Jetzt sieht man über ihn den Giotto ragen,
Und jenes Glanz in trüber Nacht erglühn.
Den Ruhm der Sprache nahm in diesen Tagen
Ein Guid dem andern, und ein andrer lauscht
Vielleicht versteckt, auch ihn vom Nest zu jagen.
Ein Windstoß nur ist Erdenruhm. Er rauscht
Von hier, von dort, um schleunig zu verhallen,
Indem er Seit und Namen nur vertauscht.
Wird lauter wohl dereinst dein Ruhm erschallen,
Wenn du als Greis vom Leib geschieden bist,
Als wenn du stirbst beim ersten Kinderlallen,
Eh tausend Jahr entfliehn?—wohl kürzre Frist
Zur Ewigkeit, als zu dem trägsten Kreise
Des Himmels deines Auges Blinken ist.
Ganz Tuscien scholl einst laut von dessen Preise,
Der dort vor mir so träg und langsam schleicht,
Jetzt flüsterts kaum von ihm in Siena leise.
Dort herrscht er, als, von dem Geschick erreicht,
Fiorenzas Wut erlag, der stolzen, kühnen,
Der Stadt, die jetzt der feilen Hure gleicht.
Dem Grase gleicht der Menschenruhm, dem Grünen,
Das kommt und geht, und durch die Glut verdorrt,
Die erst es mild hervorrief, zu ergrünen."
Und ich: "Mir dämpft den Stolz dein wahres Wort
Und weiß mir trefflich Demut einzuprägen;
Doch sprich: Wer geht so schwer belastet dort?"
Silvani," sprach er, "ist es, hier deswegen,
Weil sich so weit sein toller Stolz vergaß,
Dem freien Siena Ketten anzulegen.
Drum ging er so und geht ohn Unterlaß,
Seitdem er starb—der Zoll wird hier erhoben
Von jedem, der sich dort zu hoch vermaß."
Und ich: "Weilt jeder, welcher aufgeschoben
Bis zu dem Rand des Lebens Reu und Leid.
Dort unten erst und dringet nicht nach oben,
Wenn ihm nicht Hilfe gläubig Flehn verleiht,
Bis so viel Jahr, als er gelebt, vergangen,
Wie kam denn er herauf in kürzrer Zeit?"—
Und er: "Er ist auf Sienas Markt gegangen
Zur Zeit, da er den höchsten Ruhm erstrebt,
Hat dort gestanden, nicht von Scham befangen,
Und, weil sein Freund in Carlos Haft gelebt,
Um Hilf ihm und Befreiung zu gewähren,
Als Bettler dort an jedem Puls gebebt.
Ich red unklar, doch wirds nicht lange währen,
So handelt also deine Nachbarschaft,
Daß du vermagst, dir alles zu erklären—
Die Tat hat jene Schrank ihm weggeschafft."
Zwölfter Gesang
Gleichmäßig, wie zwei Stier im Joche ziehn,
Ging ich dem schwerbeladnen Geist zur Seiten,
Solang es gut dem süßen Lehrer schien.
Doch als er sprach: "Laß ihn, um vorzuschreiten,
Hier gilts. soviel man immer kann, den Kahn
Mit Segeln und mit Rudern fortzuleiten!"
Da richtet ich mich auf zur weitern Bahn
Mit meinem Leib, obwohl gebeugt und bange
Des Geistes Blicke noch zu Boden sahn,
Und folgte meinem Hort im regen Drange
Der Wißbegier, und beide zeigten wir,
Wie leicht wir waren, schon im raschen Gange;
Bis daß er sprach: "Zu Boden blicke hier,
Um, was dein Fuß beschreitet, zu gewahren,
Denn zu des Weges Kürzung frommt es dir."
Wie, um der Freund Erinnrung zu bewahren,
Auf irdschen Gräbern dargestellt erscheint,
Was, die drin ruhen, einst im Leben waren,
So daß bei diesem Anblick jeder weint,
Gereizt vom Schmerz der aufgerißnen Wunde,
Ders gut und fromm mit ihnen einst gemeint;
So wies der Vorsprung mir, der in der Runde,
Den Pfad dort bildend, jenen Berg umschloß,
Manch Bild, doch trefflicher, auf seinem Grunde
Ihn, edler, als was je der Erd entsproß,
Erschaffen, sah ich, welcher mit der Eile
Des Blitzes hier vom Himmel niederschoß.
Dort aber auf des Weges anderm Teile,
In starrem Todesfrost und träg und schwer,
Lag Briareus, durchbohrt vom Himmelspfeile.
Mars, Phöbus, Pallas standen hoch und hehr,
Auf die zerstreuten Riesenglieder sehend,
Bewaffnet noch, um ihren Vater her.
Am Fuß des großen Werks den Nimrod stehend,
Erblickt ich dann, und wie verwirrt und toll
Nach den Genossen seiner Arbeit spähend.
Dich Niobe, dich sah ich jammervoll,
Hier sieben Kinder tot, dort andre sieben;
Wie jedem Aug ein Tränenstrom entquoll.
Saul, du schienst, ins eigne Schwert getrieben,
Tot, wie auf Gilboa, das seit der Zeit
Von Tau und Regen unbenetzt geblieben.
Arachne, Törin, einst voll Eitelkeit,
Halb Spinn itzt, auf den Fetzen vom Gewebe,
Das du, o Arme, wobst zu deinem Leid.
Rehabeam—es schien, als ob er bebe,
Als ob er, statt wie immer sonst, zu drohn,
Im Wagen flüchtig, unverjagt, entschwebe.
Man sah Eriphylen und ihren Lohn,
Wie teuer das unselige Geschmeide
Ihr hier bezahlt ward von dem eignen Sohn:
Den Sanherib, den seine Söhne beide
Im Tempel töteten voll Frevelmut
Und liegen ließen in dem letzten Leide.
Des Cyrus Tod und der Tomyris Wut—
Sie schien zum abgeschnittnen Haupt zu sagen:
Dein Durst war Blut, nun füll ich dich mit Blut.
Dann der Assyrer Heer—es floh, geschlagen,
Nach Holofernes Tod, und hinterdrein
Sah man mit grimmer Wut die Feinde jagen.
O Ilion, wie niedrig und wie klein!
Wohl standest du auf Trojas Fluren dreister
Als hier, in Asch und Schutt, auf dem Gestein!
Wer war des Griffels und des Pinsels Meister,
Der Formen und Gebärden ausgedrückt
Selbst zur Bewunderung der feinsten Geister?
Mir schien, wie ich dahinging, tiefgebückt,
Was tot war, tot, was lebend war, zu leben,
Nicht besser hats, wers wirklich sah, erblickt.
Stolziert nur hin, fahrt fort, das Haupt zu heben,
Senkt nicht den Blick, ihr, Evens Söhn, er weist
Euch sonst den schlechten Weg, das eitle Streben!—
Schon hatten wir vom Berge mehr umkreist,
Schon war die Sonne weiter fortgegangen,
Als ich bemerkt mit dem befangnen Geist;
Als er, des Fuß und Seele vorwärts drangen,
Begann: "Blick auf, erhebe Haupt und Sinn!
Nicht ists mehr Zeit, den Bildern anzuhangen.
Ein Engel naht—drum blick empor, dorthin!
Schon kehrt, von schnellen Fittichen getragen,
Zurück des Tages sechste Dienerin.
Schmück itzt mit Ehrfurcht Antlitz und Betragen,
Dann führt er wohl mit Freuden uns empor.
Denk, nie wird dieser Tag dir wieder tagen."
Und da er mich ermahnt schon oft zuvor,
Die Zeit zu nutzen, kam es, daß ich nimmer
Den Sinn, den solch ein Wort verschloß, verlor.
Das schöne Wesen naht—ein weißer Schimmer
War sein Gewand; dem Stern des Morgens war
Sein Antlitz gleich an zitterndem Geflimmer.
Die Arm erschloß er, dann das Flügelpaar,
Und sprach: "Kommt jetzt, denn nahe sind die Stufen
Und leicht erklimmt ihr sie und ohne Fahr.
Nur wenge nahn von vielen, die berufen.
O Mensch, du fällst bei jedes Windes Wehn,
Du, den zum Aufflug Gottes Händ erschufen."
Bald ließ er uns des Felsen Öffnung sehn.
Dort schlug er meine Stirn mit seinem Flügel
Und hieß mich dann gesichert weitergehn.
Wie ob der Stadt, die ihrer Herrschaft Zügel
So wohl zu führen weiß wie Recht und Pflicht,
Am Weg zur Kirche, rechts am steilen Hügel,
Den kühnen Schwung des Bergs die Treppe bricht,
Die man gebaut in jenen guten Zeiten,
Wo sicher war das Maß und das Gewicht;
So war der Fels, durch Stufen zu beschreiten,
Obwohl er jäh sich senkt als steile Wand,
Doch streift man das Gestein von beiden Seiten.
Laut klangs, indem ich dort mich aufwärts wand,
"Den geistlich Armen Heil!"—mit einem Sange,
Wie ich so süß noch keinen je empfand.
Wie anders war es hier, als bei dem Gange
Ins Höllenreich! Bei Liedern klomm ich auf,
Und dort hinab bei wildem Jammerklange.
Die heilgen Stiegen klommen wir hinauf,
Und leichter schien mirs hier, emporzukommen,
Als erst auf ebner Bahn der leichtste Lauf.
Sprich, Meister, welche Last ist mir entnommen,"
So rief ich, da ich dies bemerkt, zuletzt,
"Daß ich fast mühelos emporgeklommen?"
Und er: sind diese P, die zwar noch jetzt
Dein Antlitz trägt, doch die schon halb verschwunden,
Erst, wie das eine, völlig ausgewetzt,
Dann wird den Fuß dein Streben überwinden,
So daß ihm Klimmen keine Mühe macht,
Ja, Wonne wird er dann im Steigen finden."
Da tat ich jenen gleich, die, sonder Acht,
Etwas mit sich am Haupte tragend, gehen,
Bis sie bemerkt, daß man sich winkt und lacht;
Drum sie die Hand gebrauchen, um zu spähen,
Mit dieser suchen, finden und damit
Zuletzt erschaun, was nicht die Augen sehen.
Denn mit den ausgespreizten Fingern glitt
Ich an der Stirne hin, und sieh, vergangen
War eins der Zeichen, das der Engel schnitt.
Da schwebt ein Lächeln um des Meisters Wangen.
Dreizehnter Gesang
Wir waren auf dem Gipfel jener Stiegen,
Wo sich des Berges zweiter Abschnitt zeigt,
Des Bergs, der läutert, die hinaufgestiegen.
Hier, wo man auf den zweiten Vorsprung steigt,
Der, gleich dem ersten, rings die Höh umwindet,
Nur daß ein Bogen noch sich schneller beugt,
Hier ist kein Bild, und jedes Zeichen schwindet,
Daher man glatt den Weg und das Gestad
Von des Gesteins schwarzgelber Farbe findet.
"Dafern wir harrten, bis der Führer naht,"
So sprach Virgil darauf, "hier säumig stehend,
So wählten wir zu spät wohl unsern Pfad."
Dann macht er, festen Blicks zur Sonne sehend,
Für die Bewegung seinen rechten Fuß
Zum Mittelpunkt, sich mit dem linken drehend.
"O süßes Licht, du flößest den Entschluß
Zum neuen Weg mir ein, du führ uns weiter,"
Begann er, "wie ein treuer Führer muß.
Du wärmst die Welt, du machst sie hell und heiter;
Nie wandle man, wenn sich dein Glanz verhehlt,
Drängt nicht die Not, und er sei unser Leiter."
Soviel man hier auf eine Miglie zählt,
So weit schon gingen wir auf jenen Pfaden
In wenig Zeit, vom regen Trieb beseelt.
Ein Geisterzug flog längs den Felsgestaden,
Gehört, doch nicht gesehn, herbei und schien
Zum Tisch der Lieb uns freundlich einzuladen.
Der erste Geist rief im Vorüberfliehn:
Sie haben keinen Wein! Die Worte klangen
Dann nochmals hinter uns im Weiterziehn.
Und eh sie, sich entfernend, ganz verklangen,
Da rief: Ich bin Orest!—ein zweiter Geist,
Und war im schnellen Flug vorbeigegangen.
"O", sprach ich, "Vater, sage, was dies heißt?"
Da klang die dritte Stimm in meine Frage
Und rief: Liebt den, der Böses euch erweist.
Und er: "Du findest hier des Neides Plage!
Gegeißelt wird er hier, doch Liebe schwingt
Der strengen Geißel Schnur zu jedem Schlage.
Doch wisse, daß der Zügel anders klingt.
Du wirst ihn hören, eh im Weitergehen
Dein Fuß zum Passe der Verzeihung dringt.
Versuch es jetzo, scharf dorthin zu spähen,
Und vor uns wirst du Leute, langgereiht,
An dieser Wand des Felsens sitzen sehen.
Da öffnet ich sogleich die Augen weit
Und sah die Schatten an der Felsenhalle,
An Farbe dem Gesteine gleich ihr Kleid.
Und näher hört ich sie mit lautem Schalle
"Bitte für uns, Maria!" brünstig schrein,
"Michael und Petrus und ihr Heilgen alle!"
Möcht einer noch so hart und grausam sein,
Vor Mitleid wäre doch sein Herz entglommen,
Hält er, wie ich, gesehn der Armen Pein.
Denn als ich nun so nahe hingekommen,
Daß ich Gebärd und Angesicht erkannt,
Da ward mein Herz durchs Auge schwer beklommen.
Ihr Anzug war ein schlechtes Bußgewand;
Sie lehnten sich an sich und ihren Rücken
Sie allesamt an jene Felsenwand;
Den Blinden gleich, die Not und Hunger drücken,
Und die an Ablaßtagen bettelnd stehn,
Und, Kopf an Kopf gedrängt, sich kläglich bücken,
Indem sie, um das Mitleid zu erhöhn,
Nicht minder mit den jämmerlichen Mienen,
Als mit den lauten Jammerworten flehn.
Und, gleich den armen Blinden, war auch ihnen
Den bangen Schatten, welchen ich genaht,
Der Glanz des Himmelslichts umsonst erschienen.
Gebohrt war durch die Augenlider Draht,
Ihr Auge, wie des Sperbers, ganz vernähen;
Der, wild, nicht nach des Jägers Willen tat.
Mir aber schien es unrecht, daß ich sehend,
Doch ungesehn dort ging, drum wandt ich mich
Zum weisen Rat, nach seiner Meinung spähend.
Er, der sogleich erriet, weswegen ich
Noch stumm, auf ihn die Blicke fragend lenkte,
Sprach: "Rede jetzt, doch kurz und sinnig sprich."
An jener Seite, wo der Fels sich senkte,
Ging mir Virgil, wo leicht zu fallen war,
Weil kein Geländer dort den Rand verschränkte;
Zur andern Seite saß die fromme Schar,
Und durch die grause Naht gepreßte Zähren,
Die ihre Wangen netzten, nahm ich wahr.
"Ihr, sicher, euch im Lichte zu verklären,"
Begann ich nun, "das einzig euer Traum,
Das einzig euer Wunsch ist und Begehren,
Die Gnade lös euch des Gewissens Schaum
Und mache drin auf reinem lauterm Grunde
Der Seele klaren Fluß zum Strömen Raum.
Doch bitt ich euch, gebt mir gefällig Kunde:
Ist eine Seel aus Latium hier?—Ich bin
Für sie vielleicht dann hier zur guten Stunde."
"O Bruder, jede Seel ist Bürgerin
Von einer wahren Stadt—doch willst du fragen,
Ob ein in Welschland lebt als Pilgerin."
So schiens, von mir noch etwas fern, zu sagen,
Daher ich, weil ich fast das Wort verlor,
Sogleich beschloß, mich weiter vor zu wagen.
Und eine wartete, so kam mirs vor,
Auf Antwort, und, ums deutlicher zu zeigen,
Hob sie, dem Blinden gleich, das Kinn empor.
"Du," sprach ich, "die sich beugt, um aufzusteigen,
Warst dus, die Antwort gab, so magst du mir
Jetzt deinen Ort und Namen nicht verschweigen."
"Ich war von Siena, und mit diesen hier",
So sprach sie, "läutr ich mich vom Lasterleben,
Und weinend flehn um Gottes Gnade wir.
Sapia hieß ich, ob ich gleich ergeben
Der Torheit war, denn mir schien andrer Leid
Weit größre Lust, als eignes Glück zu geben.
Doch zweifelst du an meinem tollen Neid,
So höre nur!—Die Jugend war verflossen,
Und abwärts ging der Bogen meiner Zeit,
Als nah bei Colle meine Landsgenossen
Den kampfbereiten starken Feind erreicht;
Da bat ich Gott um das, was er beschlossen.
Drauf wird ihr Heer geschlagen und entweicht,
Und ich, erblickend, wie der Feind es jage,
Fühl eine Lust, der keine weiter gleicht,
So daß ich kühn den Blick gen Himmel schlage
Und rufe: Gott, nicht fürcht ich mehr dich jetzt!
Der Amsel gleich am ersten warmen Tage.
Nach Gottes Frieden sehnt ich mich zuletzt
Am Rand des Lebens, aber meine Schulden,
Durch Reue wären sie nicht ausgewetzt,
Wenn Pettinagno meiner nicht in Hulden
Gedacht in seinem heiligen Gebet;
Noch müßt ich vor dem Tore harrend dulden.
Doch wer bist du, der offnen Auges geht,
So scheints, um unsern Zustand zu erkunden,
Und dessen Atem noch beim Sprechen weht?"—
"Mit Draht wird einst mein Auge hier durchwunden,"
So sprach ich, "doch ich hoffe kurze Frist,
Weil mans nur selten scheel vor Neid gefunden.
Mehr als das Leid, ob des du traurig bist,
Hat Sorge mir die untre Qual bereitet.
Schon fühl ich, wie die Bürde drückend ist."
Und sie: "Wer also hat dich hergeleitet,
Daß du, um rückzukehren, hier erscheinst?"
"Er, der dort schweigend steht, hat mich begleitet.
Ich leb, erwählter Geist, und wenn ich einst
Jenseits als Sterblicher für dich bewegen
Die Füße soll, so fordre, was du meinst."
"So Neues sagtest du," sprach sie dagegen,
"Daß es dir sicher Gottes Huld bewährt.
Verwende drum dein Flehn zu meinem Segen.
Ich bitte dich, bei allem, was dir wert,
Wirst du dich je im Tuscierland befinden,
So sei zum Bessern dort mein Ruf gekehrt.
Beim eiteln Volk wirst du die Meinen finden,
Das Talamon verlockt zum Hoffnungswahn;
Und wie bei Dianas Quelle wird er schwinden,
Doch setzen mehr die Admirale dran."
Vierzehnter Gesang
"Wer ist der, welcher unsern Berg umgeht,
Eh ihn der Tod beschwingt—dem, nach Behagen,
Das Auge bald sich schließt, bald offen steht?"
"Daß er allein nicht ist, das kann ich sagen,
Nicht wer er ist. Da ich ihm ferner bin,
Magst du, damit er red, ihn höflich fragen."
So redeten, von mir zur Rechten hin,
Zwei Geister dort, sich zueinander neigend,
Dann, um zu sprechen, hoben sie das Kinn.
"O Seele, die, empor zum Himmel steigend,"
Sprach dann der eine, "noch im Körper steckt,
O sprich, dich hold und trostreich uns erzeigend,
Woher? Wer bist du? Denn solch Staunen weckt
Die Gnade, die wir an dir schauen sollen,
Wie wenn, was nie geschehn, sich uns entdeckt."
Und ich: "Ein Fluß, der Falteron entquollen,
Lustwandelt mitten durch das Tuscierland,
Dem hundert Miglien Laufs nicht gnügen wollen.
Ich bringe diesen Leib von seinem Strand.
Doch sagt ich, wer ich sei—nicht würd euchs frommen,
Da wenig Ruhm bis jetzt mein Name fand."
"Bin ich auf deiner Meinung Grund gekommen,
Meinst du den Arno und sein Talgebiet?"
So sprach jetzt, der zuerst das Wort genommen.
Der zweite sprach darauf: "Warum vermied
Er, jenes Flusses Namen zu verkünden,
Wies sonst nur mit Abscheulichem geschieht?"
Und jener sprach: "Nicht kann ich dies ergründen,
Doch wert des Untergangs ist jenes Wort,
Das nur Erinnrung weckt an Schmach und Sünden.
Denn von dem Ursprung im Gebirge dort,
Von dem sich einst Pelorum trennen müssen,
Dort wasserreich, wie sonst an keinem Ort,
Bis dahin, wo der Fluß mit ewgen Güssen
Das, was dem Meer die Sonn entsaugt, ersetzt,
Was Nahrung gibt den Bächen und den Flüssen,
Wird, seis durch schlechte Sitt und Neigung jetzt,
Seis, daß der Ort an einem Fluche leide,
Die Tugend, gleich den Schlangen, fortgehetzt.
Denn was im Tal, gedrückt von schwerem Leide,
Nur irgend wohnt, hat die Natur verkehrt,
Als hätt es mitgeschmaust auf Circes Weide.
Zu garstgen Schweinen, mehr der Eicheln wert
Als dessen, was Natur den Menschen spendet,
Ist erst sein wasserarmer Lauf gekehrt.
Dann, wie er weiter seine Wogen sendet,
Trifft er ohnmächtge kleine Kläffer an,
Von welchen er die Stirn unwillig wendet
Je mehr er schwillt in seiner tiefern Bahn,
Sieht der unselge maledeite Graben
Die Hund an Art sich mehr den Wölfen nahn.
In tiefen Tümpeln scheint er drauf vergraben
Und trifft dann Füchs, in List so eingeweiht,
Daß sie nicht scheu mehr vor dem Schlausten haben.
Frei red ich. Sei der Horcher auch nicht weit,
Und gut wirds diesem sein, das zu behalten,
Was der wahrhafte Geist mir prophezeit.
Ich sehe deinen Neffen furchtbar schalten,
Der jene Wölfe so zu jagen weiß,
Daß sie vor grauser Todesangst erkalten.
Denn er verkauft sie lebend scharenweis,
Dann sticht er sie, gleich einem alten Schlachtvieh, nieder.
Das Leben raubt er vielen, sich den Preis.
Zuletzt verläßt er, blutbespritzt die Glieder,
Den Wald gefällt, und ringsum öd und tot,
Und tausend Jahr erneun sein Laub nicht wieder."
Wie bei Verkündigung zukünftger Not
Des bangen Hörers Züge sich umschatten,
Der sich gefährdet glaubt und rings bedroht,
So sah ich jetzo jenen andern Schatten,
Der zugehorcht, verstört und bange stehn,
Wie seinen Geist erfüllt die Worte hatten.
Was ich von dem gehört, von dem gesehn,
Mich reizt es, ihren Namen nachzufragen,
Und bittend ließ ich meine Frag ergehn.
Und den, der erst gesprochen, hört ich sagen:
"Du also willst, für dich tun soll ich dies,
Was du für mich zu tun mir abgeschlagen?
Doch kargen will ich nicht, denn herrlich ließ
Gott in dir strahlen seine Huld und Güte.
Drum wisse, daß ich Guid del Duca hieß.
Von Neid verbrannt war also mein Gemüte,
Daß, wenn ich sah, ein andrer sei erfreut,
Ich schwarz vor Gall in bitterm Ingrimm glühte.
Hier mäh ich Saat, die ich dort ausgestreut.
O Sterbliche, was müßt ihr das begehren,
Was Ausschluß der Genossenschaft gebeut!
Der hier ist Rainer, der zu Preis und Ehren
Das Haus von Calboli gebracht, des Mut
Und Kraft und Wert die Erben ganz entbehren.
Denn alle sieht man jetzt aus seinem Blut
Das Schlechte tun, das Rechte träg versäumen,
Und zwischen Po, Berg, Ren und Meeresflut
Sieht mans nur sprossen noch in giftgen Bäumen,
Und keinem Gärtner glückts, der schlechten Art
Wildwucherndes Gewürzel wegzuräumen.
Wo mag der wackre Licio, wo Manard,
Wo Traversar, wo Guid Carpigna bleiben?
Ist jeder Romagnol heut ein Bastard?
Ein Schmied muß in Bologna Äste treiben,
Und in Faenza jetzt ein Bernardin,
Der edle Sproß aus niederm Keim, bekleiden!
Nicht staune, Tuscier, daß ich traurig bin,
Wenn ich des Guid von Prata noch gedenke,
Und des, der mit uns war, des Ugolin.
Dann auf Tignoso die Erinnrung lenke,
Auf Traversars und Anastasens Haus,
Und über den enterbten Stamm mich kränke;
Auf Ritter, Fraun, auf Ruhe, Müh und Strauß,
Was wir aus Lieb und Edelsinn begannen,
Wo jetzt die Herzen sind voll Tück und Graus.
Brettinoro, fliehst du nicht von dannen,
Da, um zu fliehn Verderben, Schand und Hohn,
Die Guten allesamt aus dir entrannen!
Wohl dir, Bagnacaval, dir fehlt der Sohn!
Weh, Castrocaro, dir, da mit Verderben
Dich solche Grafen, wie du zeugst, bedrohen!
Gut handeln einst, wird erst ihr Dämon sterben,
Faenzas Herrn, doch nimmer werden sie
Des Ruhmes reines Zeugnis sich erwerben.
Dir, Ugolin von Fantoli, wird nie
Des edlen Namens reiner Glanz gebrechen,
Da dir das Schicksal keinen Sohn verlieh.
Doch jetzt, Toskaner, geh; denn nicht zum Sprechen,
Mich reizt zum Weinen nur mein armes Land,
Und preßt mein Herz durch Untat und Verbrechen."
Durchs Ohr ward jenen unser Gehn bekannt,
Drum wußten wir, da sie es schweigend litten,
Daß wir uns auf den rechten Weg gewandt.
Indem wir einsam nun von dannen schritten,
Scholl eine Stimm uns zu, eh wirs gedacht,
Gleich einem Blitze, der die Luft durchschnitten:
Mich tötet, .wer mich trifft! Sie riefs mit Macht
Und floh im schnellen Flug dann und verhallte,
Dem Donner gleich, der aus den Wolken kracht.
Und wie sie kaum an uns vorüberwallte,
Braust eine zweite schon an unser Ohr,
Die schrecklich, wie ein zweiter Donner schallte:
Ich bin Aglauros, die zum Stein erfror!
Und als ich an Virgil mich drängen wollte,
Schritt ich vor großer Angst zurück, nicht vor.
Schon schwieg die Luft, kein dritter Donner rollte,
Da sprach Virgil: "Dies ist der harte Zaum,
Der auf der rechten Bahn euch halten sollte.
Doch winkt des alten Feindes Köder kaum,
So laßt ihr euch in seinem Hamen fangen,
Gebt nicht dem Rufe, nicht dem Zügel Raum.
Euch rufend, hält der Himmel euch umfangen,
Der, ewig schön, rings seine Kreise zieht,
Doch euer Blick bleibt an der Erde hangen,
Und deshalb schlägt euch der, der alles sieht."
Fünfzehnter Gesang
So viel, als bis zum Schluß der dritten Stunde,
Vom Tagsbeginn des Wegs die Sphäre macht,
Die wie ein Kindlein tanzt im ewgen Runde,
So viel des Weges halt, eh noch vollbracht
Ihr Tageslauf, die Sonne zu vollbringen;
Dort war es Vesperzeit, hier Mitternacht.
Auf jenen Pfaden, die den Berg umringen,
Schien uns die Sonne mitten ins Gesicht,
Weil wir jetzt grade gegen Westen gingen.
Da fiel ein Glanz mit lastendem Gewicht
Mir auf die Stirn, mich mehr als erst zu blenden.
Ich staunt, und was es war, begriff ich nicht.
Schnell deckt ich mir die Augen mit den Händen
Als wie mit einem Schirm, daß vor der Glut
Die schwachen Blicke Schutz und Ruhe fänden.
Gleich wie der Strahl vom Spiegel, von der Flut
Nach jenseits hüpft, und dann beim Aufwärtssteigen,
So wie vorher beim Niedersteigen tut,
Weil er von Linien, die sich senkrecht neigen,
So hier wie dort abweicht in gleichem Zug,
Wie uns die Kunst und die Erfahrung zeigen;
So ward mein Auge jetzt in jähem Flug
Getroffen vom zurückgeworfnen Lichte,
Drob ichs in Eile schloß und niederschlug.
"Was, süßer Vater, ist dies? Dem Gesichte
Will, was ich tue, nicht zum Schutz gedeihn.
Es scheint, als ob der Glanz hierher sich richte!"
Drauf er: "Nicht staune, wenn in solchem Schein
Noch blendend dir des Himmels Diener nahen.
Ein Bote kommt und lädt zum Steigen ein.
Bald wird, was erst die Augen tränend sahen,
Dir so zur Lust, als du nur Fähigkeit,
Sie zu empfinden, von Natur empfahen."
Der Engel sprach zu uns voll Freudigkeit:
"Geht dorten ein auf minder schroffen Stiegen,
Als jene sind, die ihr gestiegen seid."
Indem wir nun zusammen aufwärts stiegen,
Sangs hinter uns: "Heil den Barmherzgen, Heil!"
Und wieder klangs: "Sei froh in deinen Siegen!"
Und da wir beid allein, und minder steil
Die Treppen waren, dacht ich: Noch im Gehen
Wird Lehre wohl vom Meister dir zuteil.
"Was mochte Guido bei dem Gut verstehen,
Das Ausschluß der Genossenschaft gebeut?"
Ich sprachs, gewandt, ihm ins Gesicht zu sehen.
"Weil stets sein Hauptfehl ihm den Schmerz erneut"
Sprach drauf Virgil, "will er dich weiser machen
Und tadelt drum, was er nun schwer bereut.
Denn euer Sehnen geht nach solchen Sachen,
Die Mitbesitz verringert, die durch Neid
In eurer Brust der Seufzer Glut entfachen.
Doch möchten in des Himmels Herrlichkeit
Des Menschen Wünsch ihr rechtes Ziel erkennen,
War eure Brust von solcher Angst befreit.
Je mehrere dies Gut ihr eigen nennen,
Je mehr besitzt des Guts ein jeder dort,
Je stärker fühlt er sich in Lieb entbrennen."
"Noch fass ich nichts," versetzt ich meinem Hort,
"Und mindre Zweifel hat vorher das Schweigen
In meiner Seel erweckt, als jetzt dein Wort.
Kann höher je der Reichtum vieler steigen,
Wenn man ein Gut verteilt, als wenn es nicht
Gemeinsam wäre. Sondern einem eigen?"
Und er: "Weil, nur auf Erdengut erpicht,
Dein Geist noch nicht den höhern Flug gewonnen,
Drum schöpfst du Finsternis aus wahrem Licht.
Des Himmels unaussprechlich große Wonnen,
Sie eilen so ins liebende Gemüt,
Wie nach dem Spiegel hin der Strahl der Sonnen
Sie geben sich je mehr, je mehr es glüht,
Und reicher strömt die ewge Kraft hernieder,
Je freudiger des Herzens Lieb erblüht.
Erhebt die Seel erst aufwärts ihr Gefieder,
Dann liebt sie mehr, je mehr zu lieben ist,
Denn eine strahlt den Glanz der andern wieder—
Und gnügt mein Wort dir nicht, in kurzer Frist
Wird dort von dir Beatrix aufgefunden,
Durch welche du dann ganz befriedigt bist.
Jetzt sorge nur, daß bald von deinen Wunden
Die fünf sich schließen wie das erste Paar,
Das von der Stirn durch Reu und Leid geschwunden."
Schon wollt ich sagen: Deine Red ist klar!
Da war ich an des andern Kreises Saume,
Wo schnell mein Wort gehemmt durch Schaulust war.
In einen Tempel schien, von wachem Traume
Dahingerissen, meine Seel entflohn,
Und Leute sah ich viel in seinem Raume.
Am Eingang schien mit süßem Mutterton
Und zärtlicher Gebärd ein Weib zu sagen:
"Was hast du dies an uns getan, mein Sohn?
Wir suchten dich voll Angst seit dreien Tagen,
Ich und der Vater"—sprachs, und wundersam
Schien sie vom Wehn der Luft davongetragen.
Drauf vors Gesicht mir eine zweite kam,
Von Zähren naß, die—wohl wars zu erkennen—
Dem Aug entpreßte zornerzeugter Gram.
Sie rief: "Willst du den Herrn der Stadt dich nennen,
Ob deren Namen Götter sich gegrollt,
Wo Strahlen jeder Wissenschaft entbrennen,
Dann, Pisistrat, zahl ihm der Frechheit Sold,
Ders wagte, deine Tochter zu umfassen!"
Allein der Herr, der liebreich schien und hold,
Entgegnet ihr, die also rief, gelassen:
"Wird jener, der uns liebt, von uns verdammt,
Was tun wir dann an solchen, die uns hoffen?"—
Dann sah ich eine Schar, von Zorn entflammt,
Und einen Jüngling dort, von ihr gesteinigt,
Tod! Tod! so schrien sie wütend allesamt.
Er beugte sich, schon bis zum Tod gepeinigt,
Des Last ihn zu der Erde niederrang,
Doch seinen Blick dem Himmel stets vereinigt,
Und fleht empor zu Gott in solchem Drang:
"Vergib der Wut, die gegen mich entbrannte!"
Mit einem Blicke, der zum Mitleid zwang.
Als meine Seele sich von außen wandte
Zurück zu dem, was wahr ist außer ihr,
Und ich nun den nicht falschen Wahn erkannte,
Da sprach mein Führer, der, nicht weit von mir,
Mich gleich dem Schläfer, der erwacht, erblickte:
"Nicht halten kannst du dich! Was ist mit dir?
Bereits seit einer halben Stunde knickte
Dein Knie, du taumeltest, dein Auge brach,
Als ob dich Schlummer oder Wein bestrickte."
"O süßer Vater, hörst dus an"—dies sprach
Ich drauf zu ihm—"so will ich dir verkünden,
Was mir erschien, als mir die Kraft gebrach."
"Ob mir entgegen hundert Masken stünden,"
Entgegnet er, "und deckten dein Gesicht,
Doch würd ich, was du denkst, genau ergründen.
Das, was du sahst, du sahsts, damit du nicht
Dich ungemahnt verschlössest jenem Frieden,
Des Strom hervor aus ewger Quelle bricht.
Was ist dir? fragt ich nicht, wie der danieden
Zu fragen pflegt, des Auge nicht mehr schaut,
Sobald die Seel aus seinem Leib geschieden.
Die Füße dir zu kräftgen, fragt ich laut,
Denn treiben muß man so den wachen Trägen,
Den Tag zu nützen, eh der Abend graut."
Wir gingen beid in sinnigem Erwägen
Dem Abend zu und sahn, soweit man kann,
Der Sonne tiefem Strahlenglanz entgegen.
Und sieh, ein Rauch kam nach und nach heran,
Der, schwarz wie Nacht, sich bis zu uns erstreckte,
Und nirgends traf man Raum zum Weichen an,
Daher er bald uns Aug und Himmel deckte.
Sechzehnter Gesang