Das Schwarz der Höll und einer Nacht, durchfunkelt
Nicht von des ärmsten Himmels bleichstem Schein,
Vom dichtesten der Nebel rings umdunkelt,
Nie schloß es mich in grobem Schleier ein,
Als jener Rauch, der dorten uns umflossen;
Nie schien es mir so schmerzlich rauh zu sein.
Nicht könnt ich stehn, die Augen unverschlossen,
Drum nahte sich, und seine Schulter bot
Mein Führer mir treu, weis und unverdrossen.
So wie der Blinde gern in seiner Not
Dem Führer nachfolgt, um nicht anzurennen
An was Gefahr bring und vielleicht den Tod,
So folgt ich ihm, ohn etwas zu erkennen,
Durch widrig bittern Qualm und horcht auf ihn,
Der sprach: "Gib Achtung, daß wir uns nicht trennen."
Ich hörte Stimmen dort, und jede schien
Um Gnad und Frieden zu dem Lamm zu stöhnen,
Ob des der Herr die Sünden uns verziehn.
Agnus Dei hört ich den Anfang tönen,
Wobei sich aller Wort und Weise glich,
Und voller Einklang herrscht in ihren Tönen.
"Dies sind wohl Geister, Herr!" so wandt ich mich
An ihn, und er: "Es ist, wie du entscheidest;
Sie lösen von der Zornwut Schlingen sich."
"Wer bist du, der du unsern Rauch durchschneidest,
Von dem man, wie du von uns sprichst, vernimmt,
Daß du die Zeit dir noch nach Monden scheidest?"
Die Rede ward von einem angestimmt,
Drum sprach mein Meister: "Stille sein Begehren
Und frag ihn, ob man hier nach oben klimmt."
"Geschöpf, das, um zum Schöpfer heimzukehren,
Sich reiniget und schön wird wie zuvor,
Begleite mich, dann sollst du Wunder hören!"
So ich, und er: "Ich schreite mit dir vor,
So weit ich darf, und, um uns nicht zu scheiden,
Führ uns im Rauch an Auges Statt das Ohr."
Drauf ich: "Obschon die Hüllen mich umkleiden,
Die nur der Tod löst, schreit ich doch hinauf
Und drang bis hierher durch der Hölle Leiden.
Und nahm der Herr mich so zu Gnaden auf,
Daß ich vermag zu ihm emporzustreben,
Ganz gegen dieser Zeit gewohnten Lauf,
So sage mir, wer warst du einst im Leben,
Und ob ich hier die rechte Straße hielt,
Denn unsre Richtung wird dein Wort uns geben."—
"Mark hieß ich einst, und was die Welt enthielt,
Ich konnt es wohl und strebte nach dem Preise,
Nach welchem jetzt auf Erden keiner zielt.
Grad vor dir ist der Weg zum höhern Kreise."
Er sprachs: "Noch bitt ich dich," So fügt er bei,
"Fürbittend denke mein am Ziel der Reise."
Und ich zu ihm: "Bei meiner Treu, es sei!
Doch wisse, daß ich einen Zweifel finde,
An dem ich berste, sag ich ihn nicht frei.
Er war einst einfach; doppelt jetzt empfinde
Ich ihn in mir, nach dem, was du gesagt,
Sobald ich mit dem Dort das Hier verbinde.
Wahr ists, die Welt, so wie du mir geklagt,
Ist öd an jeder Tugend, jeder Ehre,
Und ganz mit Bosheit schwanger und geplagt.
Doch daß ich sie erkenn und ändern lehre,
So bitt ich, deute jetzt die Ursach mir.
Der sucht sie dort, der in des Himmels Sphäre."
Ein bang gepreßtes Ach! entwand sich hier
Laut seiner Brust, und dann begann er: "Wisse,
Die Welt ist blind, und du, Freund, kommst von ihr.
Ihr, die ihr lebt, sprecht immer nur, es müsse
Der Himmel selber Schuld an allem sein,
Als ob er euch gewaltsam mit sich risse.
Wärs also, sprich, wo wäre nur ein Schein
Von freiem Willen? Wie entsprächs dem Rechte,
Daß Lust der Tugend folgt, dem Laster Pein?
Die Triebe pflanzen ein des Himmels Mächte,
Nicht sag ich all; allein auch dies gesetzt,
Ward euch Erkenntnis auch fürs Gut und Schlechte,
Und freier Will—und, wenn er, auch verletzt
Und müde, standhaft mit dem Himmel streitet,
So siegt er, wohlgenährt, doch stets zuletzt.
Die Urkraft, welche sich durchs All verbreitet,
Beherrscht die Freien und erschafft den Geist,
Den nicht der Himmel mehr als Vormund leitet.
Drum, wenn die Gegenwart euch mit sich reißt,
In euch nur liegt der Grund, liegt in euch allen,
Wie, was ich sage, deutlich dir beweist.
Es kommt aus dessen Hand, des Wohlgefallen
Ihr lächelt, eh sie ist, gleich einem Kind,
Das lacht und weint in unschuldsvollem Lallen,
Die junge Seele, die nichts weiß und sinnt,
Als daß, vom heitern Schöpfer ausgegangen,
Sie gern dahin kehrt, wo die Freuden sind.
Sie schmeckt ein kleines Gut erst, fühlt Verlangen
Und rennt ihm nach, wenn sie kein Führer hält,
Kein Zaum sie hemmt, der Neigung nachzuhangen.
Gesetz, als Zaum, ist nötig drum der Welt,
Ein Herrscher auch, der von der Stadt, der wahren,
Im Auge mindestens den Turm behält.
Gesetze sind, doch wer mag sie bewahren?
Kein Mensch! Denn seht, ein Hirt, der wiederkaut,
Doch nicht gespaltne Klaun hat, führt die Scharen;
Daher die Herde, die dem Führer traut,
Der das verschlingt, wonach sie selber lüstert,
Nur dies verzehrt und nicht nach Höherm schaut.
Drum, was man auch von anderm Grunde flüstert,
Nicht die Natur ist ruchlos und verkehrt,
Nur schlechte Führung hat die Welt verdüstert.
Rom hatte, das zum Glück die Welt bekehrt,
Zwei Sonnen, und den Weg der Welt hatt eine,
Die andere den Weg zu Gott verklärt.
Verlöscht ward eine von der andern Scheine,
Und Schwert und Hirtenstab von einer Hand
Gefaßt im übel passenden Vereine.
Denn nicht mehr fürchten, wenn man sie verband,
Sich Hirtenstab und Schwert—du kannsts begreifen,
Denn an den Früchten wird der Baum erkannt.
Man sah im Land, das Etsch und Po durchstreifen
Eh man dem Kaiser Widerstand getan,
Stets edle Sitt und Kraft und Tugend reifen.
Jetzt finden, die den Guten sich zu nahn
Und sie zu sprechen, sich errötend scheuen,
In jenem Land vollkommen sichre Bahn.
Die alten Zeiten schelten dort die neuen
Noch durch drei Greise von der echten Art,
Die sich des nahen Todes harrend freuen.
Konrad Pallazzo ist es, und Gherard
Und Guid Castel, der besser heißen würde
Nach fränkscher Art: der ehrliche Lombard.
Roms Kirche fällt, weil sie die Doppelwürde,
Die Doppelherrschaft jetzt in sich vermengt,
In Kot, besudelnd sich und ihre Bürde"—
"Mein Marco," sprach ich, "klares Licht empfängt
Durch deine Rede jetzt mein Geist—ich sehe,
Was aus der Erbschaft Levis Stamm verdrängt.
Doch sage, welcher Gherard, meinst du, stehe
Als Trümmer noch versunkner guter Zeit,
So, daß er dieser Zeit Verderbnis schmähe?—
"Betrügst, versuchst du mich in meinem Leid?"
So er: "Du, Tuscisch sprechend, tust dergleichen,
Als kenntest du nicht Gherards Trefflichkeit?
Den Namen kenn ich, sonst kein andres Zeichen,
Wenn mans von seiner Gaja nicht entnimmt,
Gott sei mit dir, hier muß ich von euch weichen.
Sieh, wie in weißem Glanz der Rauch entglimmt.
Fort muß ich, denn schon ist der Engel dorten;
Ich scheid, eh er mich wahr hier sprechend nimmt."
Er sprachs und horchte nicht mehr meinen Worten.

Siebzehnter Gesang

Denk, Leser, wenn dich Nebel je umstrickte,
Auf Alpenhöhn, durch den, wie durch die Haut
Des Maulwurfs Auge blickt, das deine blickte,
Wie, wenn der feuchte Qualm, der dich umgraut,
Nun dünn wird und beginnt, sich zu erhellen,
Dann matt hinein das Rund der Sonne schaut;
Und doch vermagst du kaum, dir vorzustellen,
Wie ich die Sonn itzt wiedersah, die sich
Soeben senken wollt ins Bett der Wellen.
So, gleichen Schritts mit meinem Hort, entwich
Ich aus der Wolk, als wie aus dunkler Klause,
Zum Strahl, der sterbend schon am Strand erblich.
Phantasie, die du aus ihrem Hause
Weithin die Seel entrückst, daß mans nicht spürt,
Ob ringsumher Trompetenschall erbrause,
Was regt dich auf, wenn nichts den Sinn berührt?
Das Himmelslicht erregt dich, das hernieder
Von selber strömt, das auch ein Wille führt.
Die Arge sah ich, die sich im Gefieder
Des Vogels barg, der ewig Reu und Gram
Verhaucht im Klang der süßen Klagelieder.
Und ganz zurückgedrängt ward wundersam
Hier meine Seel in sich, zu nichts sich neigend
Und nichts aufnehmend, was von außen kam.
Darauf erschien, der Phantasie entsteigend,
Ein Mann am Kreuz, so trotzig-stolz wie er
Von Ansehn war, sich auch im Tode zeigend.
Ich sah dabei den großen Ahasver,
Esther, sein Weib, und Mardochai, den Frommen,
In Wort und Tat so ganz, rund um ihn her.
Und dieses Bild zersprang, kaum wahrgenommen,
Gleich einer Blase, die mit kurzem Schein
Im Wasser glänzt, wenn sie emporgeschwommen.
Dann zeigte mein Gesicht ein Mägdelein.
"O Fürstin, Mutter!" rief die Tränenvolle,
"Was wolltest du aus Zorn vernichtet sein!
Du starbst, daß dein Lavinia bleiben solle.
Bin ich nun dein? Nicht andrer Tod, es zwingt
Der deine mich zu bittrem Tränenzolle."
Gleich wie der Schlaf in jähem Schreck zerspringt,
Wenn Strahlen an des Schläfers Antlitz prallen,
Doch eh er ganz erstirbt, sich sträubt und ringt,
So sah ich jetzt mein Traumbild niederfallen,
Als mir ein Licht ins Antlitz schlug, so klar,
Wies nie zur Erde strömt aus Himmelshallen.
Ich wandte mich, zu sehen, wo ich war,
Als eine Stimm erklang: "Hier müßt ihr steigen!"
Und ich vergaß des andern ganz und gar.
Sie zwang den Willen, sich dorthin zu neigen,
Zu sehn, wer sprach, und ließ, bis ich belehrt,
Die Unruh nicht in meinem Innern Schweigen.
Wie von der Sonne, die den Blick beschwert,
Durch zuviel Licht ihr eignes Bild bedeckend,
Ward von dem Glanze meine Kraft verzehrt.
"Ein Himmelsgeist ists, uns den Weg entdeckend,
Der aufwärts führt, auch ohne daß wir flehn,
Und selber sich in seinem Licht versteckend.
Wie wir uns selber tun, ist uns geschehn,
Denn wer die Not erblickt und harrt der Bitte,
Ist böslich schon geneigt, sie zu verschmähn.
Auf! Solchem Rufe nach mit raschem Tritte!
Wir müssen aufwärts, eh das Dunkel naht,
Sonst löst der Tag erst die gehemmten Schritte."
Mein Führer sprachs, worauf zum Felsgestad
Wir, hingewandt nach einer Stiege, gingen,
Und wie ich auf die erste Stufe trat,
Fühlt ich ein Wehn, wie von bewegten Schwingen
Im Angesicht, und laut erklangs, mir nah:
"Heil den Friedfertgen, die den Zorn bezwingen."
Der Sonne letzte bleiche Strahlen sah
Ich über uns, gefolgt von nächtgen Schatten.
Und schon erschienen Sternlein hier und da.
"O meine Kraft, was mußt du so ermatten!"
So dacht ich still bei mir, denn ich empfand,
Daß sich entstrickt der Füße Nerven hatten.
Wir waren auf der höchsten Stufe Rand
Und standen fest, wie angeheftet, dorten,
Gleich einem Kahn in des Gestades Sand.
Aufmerksam lauscht ich erst nach allen Orten,
Ob nichts zu hören sei, und wandte nun
Zu meinem Meister mich mit diesen Worten:
"Mein süßer Vater, sprich, welch übles Tun
Führt uns zur Läuterung in diesem Kreise.
Laß nicht die Rede, gleich den Füßen, ruhn."
"Trägheit zum Guten", Sprach darauf der Weise,
"Zahlt hier die dort gemachten Schulden erst;
Hier wird der träge Rudrer schnell zur Reife.
Merk auf, damit dus deutlicher erfährst,
Weil ungenutzt sonst unser Stillstand bliebe—
Frucht bringt dein Weilen, wenn du dich belehrst.
Nicht Schöpfer, noch Geschöpf ist ohne Liebe,
Noch war es je. Du weißt, in der Natur
Und in der Seel entkeimen ihre Triebe.
Nie irrt die erste von der rechten Spur.
Die zweite kann im Gegenstande fehlen
Und bald zu stark sein, bald zu lässig nur.
Weiß sie zum Ziel das erste Gut zu wählen,
Ist sie beim zweiten nicht zu heiß, zu kalt,
Dann reizt sie nicht zu schlechter Lust die Seelen
Doch schweift sie ab zum Bösen, ist sie bald
Zum Guten lau, zu eifrig bald im Rennen,
So tut dem Schöpfer das Geschöpf Gewalt.
So muß die Liebe, wie du wirst erkennen,
In euch die Saat zu jeder Tugend streun,
Doch auch zu allem, was wir Laster nennen.
Nun, weil ob ihres Gegenstands sich freun
Die Liebe muß, an dessen Heil sich weiden,
Drum hat kein Ding den eignen Haß zu scheuen.
Und weil kein Sein sich kann vom Ursein scheiden
Und ohne dieses für sich selbst bestehn,
Muß dies zu hoffen jeder Trieb vermeiden.
Drum kannst du, folgr ich richtig, deutlich sehn:
Dem Nächsten gilt die Liebe nur zum Schlimmen
Und kann aus dreifach schmutzgem Quell entstehn.
Der hofft zur Herrlichkeit emporzuklimmen
Durch andrer Fall, und dieses muß zur Lust,
Die Größe zu erniedrigen, ihn stimmen.
Der Gunst, des Ruhmes und der Macht Verlust
Scheut der, wenn sich ein andrer aufgeschwungen,
Und liebt das Gegenteil mit banger Brust.
Der ist entrüstet von Beleidigungen,
Drob Durst nach Rach in ihm sich offenbart,
Bis ihm dem andern weh zu tun gelungen.
Ob dieser Liebe von dreifacher Art
Weint man dort unten—jetzt vernimm von Liebe,
Die nicht durch rechtes Maß geregelt ward.
Nach einem Gute strebt mit dunkelm Triebe
Der Mensch und fühlt, daß seiner Wünsche Glut,
Erreicht ers nicht, ihm unbefriedigt bliebe.
Die träge Lieb ists zu dem wahren Gut,
Die säumt, es zu erschaun, es zu erringen,
Die hier nach echter Reue Buße tut.
Gut scheinen andre Güter, doch sie bringen
Nicht wahres Glück, sind Stoff und Wurzel nicht,
Aus welchen Früchte wahren Heils entspringen.
Die Lieb, auf solches Gut zu sehr erpicht,
Büßt in drei Kreisen oberhalb mit Zähren;
Doch wie sie dreifach irrt von Recht und Pflicht,
Das sollst du selbst dir suchen und erklären."

Achtzehnter Gesang

Mein hoher Lehrer hatte seiner Lehre
Ein Ziel gesetzt und blickt aufmerksam mir
Ins Angesicht, ob ich zufrieden wäre.
Ich, noch gereizt von frischem Durst nach ihr,
Schwieg äußerlich, doch sprach bei mir im stillen:
"Beschwert ihn wohl zu viele Wißbegier?"
Doch der wahrhafte Vater, der den Willen,
Den schüchternen, bemerkt, gab sprechend jetzt
Mir neuen Mut, des Sprechens Lust zu stillen.
Drum ich: "Dein Licht, mein teurer Meister, letzt
Mein Auge so, daß es an allen Dingen,
Die du beschreibst, klar schauend sich ergötzt.
Doch, süßer Vater, laß es tiefer dringen.
Was ist doch jene Lieb—ich bitte, sprich!—
Aus welcher gut und schlechte Werk entspringen?"
"Scharf richte deines Geistes Aug auf mich,"
Versetzt er, "und den Irrtum jener Blinden,
Die sich zu Führern machen, lehr ich dich.
Der Geist, geschaffen, Liebe zu empfinden,
Bewegt sich schnell zu allem, was gefällt,
Wenn Reize sich, ihn zu erwecken, finden.
Was Wirklichkeit euch vor die Augen stellt,
paßt der Begriff, um es dem Geist zu zeigen,
Der dann dorthin nur sich gerichtet hält.
Und diese Richtung, dies Entgegenneigen,
Lieb ist es, ist Natur, die dem, was schön
Und reizend ist, sich hingibt als ihm eigen.
Dann, wie die Flamm emporglüht zu den Höhn
Durch ihre Form bestimmt, dorthin zu streben,
Wo ihre Stoffe minder schnell vergehn,
So scheint der Geist der Sehnsucht nur zu leben,
Der geistigen Bewegung, die nicht ruht,
Bis, was er liebt, sich zum Genuß ergeben.
Drum sieh, wie not die Wahrheit jenen tut,
Die, lehren wollend, noch den Irrwahn hegen,
Jedwede Lieb an sich sei recht und gut.
Gut ist vielleicht ihr Grundstoff allerwegen;
Doch sei das Wachs auch echt und gut, man preist
Das Bild, drin abgedrückt, noch nicht deswegen."
Drauf ich: "Dein Wort und mein folgsamer Geist,
Sie lassen mich der Liebe Wesen sehen,
Obgleich der Geist noch zweifelschwanger kreist.
Denn, muß durch äußern Reiz die Lieb entstehen,
Lenkt die Natur die Seele, wie ists dann
Verdienstlich, ob wir krumm, ob grade gehen?"—
"Hör itzt, wie weit Vernunft hier schauen kann,"
So er, "dort stellt Beatrix dich zufrieden,
Denn jenseits fängt das Werk des Glaubens an.
Die wesentliche Form—sie ist geschieden
Vom Stoff und ihm vereint, und eine Kraft,
Die ihr nur eigen ist, ist ihr beschieden.
Sie kann, nicht fühlbar, bis sie wirkt und schafft,
Durch Wirkung nur sich zeigen und bewähren,
Wie durch das Laub des Baumes Lebenssaft.
Daher vermag der Mensch nicht, zu erklären,
Woher zuerst in ihm Begriff entstehn,
Woher das erste Sehnen und Begehren.
Denn wie den Trieb, dem Honig nachzugehn,
Die Bien erhielt, so habt ihr sie erhalten,
Die nicht zu loben ist und nicht zu schmähn.
Doch fühlt ihr auch die Kraft, die Rat gibt, walten,
Und sie, der andern Haupt und Herrscherin,
Soll Wach an eures Beifalls Schwelle halten.
Sie, des Verdienstes und der Schuld Beginn,
Nimmt, wie euch gut und schlechte Lieb entzündet,
Sie auf und lenkt zu eurer Wahl euch hin.
Drum haben jene, so die Sach ergründet,
Die angeborne Freiheit wohl bedacht,
Und euch die Lehren der Moral verkündet.
Mag wirklich nun im Innern, angefacht
Von der Notwendigkeit, die Lieb entbrennen,
So habt ihr doch auch sie zu zügeln Macht.
Die edle Kraft wird Beatrice nennen,
Wenn sie dir kund vom freien Willen tut,
Drum merk es, um des Wortes Sinn zu kennen."
Der Mond, der fast bis Mitternacht geruht,
Kam itzt hervor, der Sterne Zahl beschränkend,
Gleich einem Kessel anzusehn von Glut,
Den Pfad dem Himmelslauf entgegenlenkend,
Den Pfad, den Sol, von Rom gesehn, durchglühe
Inmitten Sard und Cors ins Meer sich senkend.
Der edle Geist, ob des im Ruhme blüht
Pietola vor Mantuas andern Orten,
War jetzt nicht mehr durch meine Last bemüht.
Ich, der die Zweifel all in seinen Worten
Gelöset sah und alles hell und klar,
Stand wie ein Schläfriger hinbrütend dorten.
Doch plötzlich naht im Kreislauf eine Schar
Und scheuchte diese Schläfrigkeit des Matten,
Da sie bereits in unserm Rücken war.
Und wie Böotiens Flüss in nächtgen Schatten
Ein wild Gedräng an ihrem Strande sahn,
Wenn die Thebaner Bacchus nötig hatten,
So sah ich jen im Kreise trabend nahn,
Und alle trieb—so wollte mirs erscheinen—
Gerechte Lieb und wackrer Eifer an.
Und schon bei uns, denn zögern sah ich keinen,
War angelangt der ganze große Hauf,
Da riefen die zwei Vordersten mit Weinen:
"Rasch zum Gebirge ging Marions Lauf;
Und Cäsar, um Ilerda zu gewinnen,
Umschloß Marseill und brach nach Spanien auf."
"Rasch, laßt aus Trägheit nicht die Zeit entrinnen,"
Schrien alle nun, "es macht der rege Fleiß
Zum Guten neu der Gnade Lenz beginnen."—
"O ihr, in denen Eifer scharf und heiß
Das, was ihr dort aus Lauheit nicht vollbrachtet,
Was ihr versäumt, wohl zu ersetzen weiß,
Der, welcher lebt—nicht sag ich Lügen—trachtet
Emporzusteigen, eh der Morgen wach,
Drum sagt den Weg, den ihr den nächsten achtet."
Mein Führer sagte dies, und einer sprach:
"Wollt ihr zum Orte, wo der Fels, gespalten
Zur Schlucht, euch durchziehn läßt. So folgt uns nach.
Uns ist es nicht erlaubt, uns aufzuhalten,
Denn Eile treibt uns fort, drum mögt ihr nicht,
Was uns das Recht gebeut, für Grobheit halten.
Ich übt in Zenos Haus des Abtes Pflicht,
Unter des guten Rotbart Herrscherstabe,
Von welchem Mailand noch mit Schmerzen spricht.
Und einer, schon mit einem Fuß im Grabe,
Er weint, gedenkend jenes Klosters, bald,
Daß er gehabt dort Macht und Ansehn habe,
Weil er den Sohn, verpfuscht an der Gestalt,
Noch mehr verpfuscht an Geiste, schlechtgeboren,
Anstatt des wahren Hirten dort bestallt."
Ob er noch sprach? Ob schwieg?—vor meinen Ohren
Verklang, sich schnell entfernend, jener Ton.
Doch merkt ich dies und hab es nicht verloren.
Und er, in jeder Not mein Helfer schon,
Sprach: "Sieh dorthin, woher die beiden kommen,
Die Trägheit scheuchend und ihr selbst entflohn."
Sie riefen jenen nach: "Erst umgekommen
War jenes Volk, dem sich das Meer erschloß,
Bevor der Jordan seine Herrn bekommen.
Und jenes, das die edle Müh verdroß,
Bis an sein Ziel Äneen zu begleiten,
Es ward seitdem ein ruhmlos schlechter Troß."
Die Schatten schwanden kaum in fernen Weiten,
Als ein Gedank aufs neu in mir entstand,
Und dieser erste zeigte bald den zweiten,
Dem sich verwirrt der dritte, viert entwand,
Bis mir zuletzt die Augenlider sanken;
Und wie verschmelzend Bild um Bild verschwand,
Da ward zum Traum das Wogen der Gedanken.

Neunzehnter Gesang

Zur Stunde, da, vom Erdqualm überwunden,
Oft vom Saturn, den Nachtfrost zu durchlaun,
Der Tagesglut die Kraft dahingeschwunden,
Wenn in dem Osten vor des Frühlichts Grauen
Ihr größtes Glück die Geomanten sehen,
Wos kurze Zeit sich hält in nächtgem Braun,
Sah ich ein Weib im Traume vor mir stehen,
Kalkweiß, verstümmelt, stotternd, krummgebückt,
Und schielend sah ich sie die Augen drehen.
Ich schaut auf sie—wie der, den Nachtfrost drückt,
Gestärkt wird und belebt vom Blick der Sonnen,
So wurde sie von meinem Blick durchzückt.
Schnell sprang das Band, das ihre Zung umsponnen;
Sie richtete sich auf; ein roter Schein
Färbt ihr Gesicht, wie Hauch der Liebeswonnen.
Kaum fühlte sie die Zunge sich befrein,
Als sie ein Lied begann, so holden Sanges,
Daß ich auf nichts horcht, als auf sie allein.
"Ich, der Sirenen Süßeste," so klang es,
"Ich bins, durch die vom Weg der Schiffer schweift;
Denn wer mich hört, ist voll des Wonnedranges.
Mir folgt Ulyß, der lang umhergestreift,
Und wie Entzücken ihn und Wollust kirren,
Verläßt mich keiner, der mich ganz begreift."
Noch hört ich in der Luft die Töne schwirren,
Sieh, da erschien ein heilges Weib, mir nah,
Die Sängerin beschämend zu verwirren.
"Virgil! Virgil! sprich, wer ist diese da?"
Sie riefs mit Zorn, als sie dies Weib entdeckte
Indes er fest nur ihr ins Auge fah.
Sie aber riß das Kleid, das jene deckte,
Ihr vorn entzwei, daß mir der Bauch erschien,
Aus dem Gestank quoll, welcher mich erweckte.
Ich schlug die Augen auf und sah auf ihn.
"Schon dreimal rief ich dich," begann der Weise.
"Auf, laß uns jetzt zur Felsenöffnung ziehn."
Ich richtete mich auf, und alle Kreise
Des heilgen Bergs erfüllte Morgenpracht
Und leuchtet hinter uns zu unsrer Reise.
Ich folgt ihm nach und neigte, längst erwacht,
Die Stirn, wie einer, der in schweren Sinnen
Sich selbst zum halben Brückenbogen macht.
"Kommt, hier steigt auf!" So hört ichs nun beginnen,
Mit Tönen, wie sie nie im irdschen Land,
So huldvoll und so süß, das Herz gewinnen.
Die Flügel, wie des Schwanes, ausgespannt,
Winkt uns der Engel vor, und beide gingen
Wir durch des Felsens enge Doppelwand.
Er weht uns an mit den bewegten Schwingen
Und sprach: "Heil dem, der stark das Leid erträgt,
Denn reichen Trost wird seine Seel erringen."
"Was hast du, das dich immer noch erregt?
Was sinkt verworren noch dein Blick zur Erden?"
So sprach Virgil, als wir uns fortbewegt.
"Ein neu Gesicht—noch seh ich die Gebärden"—
Versetzt ich, "macht mich so in Zweifeln gehn!
Noch kann ich dieses Bilds nicht ledig werden."—
"Die alte Hexe—hast du sie gesehn,
Ob der man dorten klagt, wohin wir reisen,"
Sprach er, "und wie mans macht, ihr zu entgehn?
Doch weiter jetzt. Schau auf! In mächtgen Kreisen
Wird dort im klaren himmlischen Gebiet
Lockbilder dir der ewge König weisen!"
Wie erst der Falk auf seine Füße sieht,
Doch dann nicht säumt, sich nach dem Ruf zu wenden,
Sich streckt und fliegt, wohin die Beut ihn zieht.
So ich—so klomm ich zwischen Felsenwänden,
Soweit der Weg sich hebt im engen Schlund,
Bis wo die Stiegen auf dem Vorsprung enden.
Und als ich frei im fünften Kreise stund,
Da lagen Leute, die sich weinend plagten,
Das Auge ganz hinabgewandt, am Grund.
"Ach, meine Seele klebt am Staube!" klagten
Sie all, und ihrer Seufzer laut Getön,
Es ließ mich kaum vernehmen, was sie sagten.
"Ihr Gotterwählte, deren Angstgestöhn
Gerechtigkeit und Hoffnung mild versüßen,
O sprecht, wo ist die Stiege zu den Höhn?"
"Kommt ihr, gewiß, nicht liegend hier zu büßen,
So nehmt nur links den Felsen euren Lauf,
Dann liegt der Eingang bald vor euren Füßen."
So bat Virgil, und so versetzt es drauf
Nicht weit von uns, und, schnell erratend, klärte
Ich, was drin sonst verborgen war, mir auf.
Als ich den Blick nach dem des Führers kehrte, .
Stimmt er mit frohem Winke gern mir bei,
Ich möge tun, was mein Gesicht begehrte.
Kaum stand mir nun nach Wunsch zu handeln frei,
So sucht ich ihn, des Wort den Sinn verborgen:
Er wisse nicht, daß ich noch lebend sei.
Und sprach: "O Geist, für den des Heiles Morgen
Durch Tränen früher tagt, o laß für mich
Ein wenig ab von deinen größern Sorgen.
Wer warst du? Und was kehrt dein Rücken sich
Empor? Und dort, woher ich, noch im Leben,
Gekommen bin, dort bitt ich dann für dich."
"Wie wir hier liegen für verkehrtes Streben,
Bald hörst dus," sprach er, "doch vernimm zuvor:
Mir waren Petri Schlüssel übergeben.
Bei Siestri rollt aus einem Tal hervor
Ein schöner Fluß, den das Geschlecht der Meinen
Zu seinem ersten Titel sich erkor.
Ich fühlt als Papst fünf Wochen lang, daß einen,
Der rein die Stola hält, sie so beschwert,
Daß leicht, wie Flaum, all andre Bürden scheinen.
Und leider, ward ich nur zu spät bekehrt;
Doch als ich zu dem Heilgen Stuhl gelangte,
Da ward ich von des Lebens Trug belehrt.
Ich sah, daß dort das Herz nie Ruh erlangte,
Daß jenes Leben mir nichts Höhres bot,
Daher ich heiß nach diesem nur verlangte.
Bis dahin war ich arm, getrennt von Gott,
Und völlig machte mich der Geiz zum Sklaven,
Dafür sie mich bestraft mit dieser Not.
Die Läutrungsqualen, die mich hier betrafen,
Tun dir des Geizes Art und Wesen kund,
Und auf dem Berg gibts keine härtern Strafen.
Wie einst das Auge nicht nach oben stund,
Und nur gefesselt war von irdschen Dingen,
So drückts Gerechtigkeit hier an den Grund.
Und wie den Trieb, das Gute zu vollbringen,
Der Geiz erstickt und nimmer handeln läßt,
So hält Gerechtigkeit in festen Schlingen
Hier Hand und Fuß gebunden und gepreßt;
So liegen wir, bis uns der Herr die Glieder
Einst wieder löst, hier unbeweglich fest."
Antworten wollt ich ihm und kniete nieder,
Doch, da ich sprach und er durchs Ohr erkannt,
Daß Ehrfurcht mich gebeugt, begann er wieder:
"Was kniest du hier?" Und ich drauf: "Ich empfand
Ob deiner Würde Vorwürf im Gewissen,
Daß ich vor dir noch grad und aufrecht stand."
"Bruder, steh auf!"—so er—"du mußt ja wissen,
Dein Mitknecht bin ich nur von einer Macht,
Der du und ich und all uns beugen müssen.
Und hattest du des heilgen Spruches acht:
Sie freien nicht, so wirst du dir erklären,
Was ich bei meiner Rede mir gedacht.
Jetzt geh. Dein Weilen hemmt den Lauf der Zähren,
Die früher mir—denk an dein eignes Wort—
Das Morgenlicht des ewgen Heils gewähren.
Alagia, eine Nichte, hab ich dort,
Gut von Natur, reißt nicht zu schlechten Trieben
Sie der Verwandten übles Beispiel fort,
Und sie allein ist jenseits mir geblieben."

Zwanzigster Gesang

Schwer kämpft der Wille gegen bessern Willen,
Drum zog ich ungern jetzt vom Quell den Mund,
Weil er es wünscht, ohn erst den Durst zu stillen.
Wir gingen einen Weg, wo frei der Grund
Zum Gehen war, entlang dem Felsgestade,
Gleich engem Steg am Mauerzinnenrund.
Denn jene Schar, die sich im Tränenbade
Vom Übel, das die Welt erfüllt, befreit,
Versperrt uns mehr nach außen hin die Pfade.
Du alte Wölfin, sei vermaledeit!
Kein Tier erjagt sich Beute gleich der deinen,
Doch bleibt dein Bauch noch endlos hohl und weit.
O Himmel, dessen Kreislauf, wie wir meinen,
Der Erde Sein und Zustand wandeln soll,
Wann wird der Held, der sie vertreibt, erscheinen?
Wir gingen langsam fort und mühevoll
Ich, horchend, als aus jener Schatten Mitte
Ein jammervoller Klageton erscholl.
"Maria, Süße!" klangs vor meinem Schritte,
Und wie ein kreißend Weib zu jammern pflegt,
So kläglich schien der Ruf der frommen Bitte.
"Du warst so arm!" so sagt es dann bewegt,
"Der Armut sehn wir jene Kripp entsprechen,
In welche du die heilge Frucht gelegt."
"Fabricius, Wackrer!" hört ichs weiter sprechen,
"Tugend mit Armut schien dir mehr Gewinn
Als der Besitz des Reichtums mit Verbrechen."
Gar wohl gefiel mir dieser Rede Sinn,
Und um zu sehn, wer von den Felsenbänken
Sie ausgesprochen, wandt ich mich dahin.
Und weiter sprach er noch von den Geschenken,
Die Nikolaus gemacht den Mägdelein,
Um sie zum Weg der Ehre hinzulenken.
"O Geist, der du so wohl sprichst," fiel ich ein,
"Sprich jetzt, wer warst du und aus welchem Grunde
Erneust du hier so würdges Lob allein?
Nicht unbelohnt soll bleiben solche Kunde,
Kehr ich zurück zum Rest der kurzen Bahn
Des Lebens, das da eilt zur letzten Stunde."
Und er: "Nicht will von dort ich Hilf empfahn,
Doch red ich, denn mir strahlt im hellen Lichte
Die Huld, die Gott dir vor dem Tod getan.
Des Baumes Wurzel bin ich, der in dichte
Umschattung hüllt die ganze Christenheit,
Von dem man selten nur pflückt gute Früchte.
Doch wäre schon die Rache nicht mehr weit,
Wenn Macht Gent, Brügge, Lille und Douai hätten,
Auch bitt ich drum des Herrn Gerechtigkeit.
Hugo bin ich, der Stammherr der Capetten,
Philipp und Ludwige, die auf den Thron
Des schönen Frankreichs jetzt sich üppig betten.
Als ich lebt in Paris, ein Metzgersohn,
Erstarb der Königsstamm in allen Zweigen,
Und nur noch einer lebt in Schmach und Hohn;
Da macht ich mir des Reiches Zaum zu eigen,
Und so vermehrt ich meine Macht alsdann,
So sah ich sie durch Land und Freunde steigen,
Daß den verwaisten Thron mein Sohn gewann,
Von welchem nach dem Walten ewger Mächte
Die Reihe der Gesalbten dort begann.
Bis der Provence Mitgift dem Geschlechte
Der Meinen nicht die heilge Scham entriß,
Galts wenig zwar, allein vermied das Schlechte.
Seitdem verübt es Tat der Finsternis,
Log, raubt und stahl, woraufs, aus Reu und Buße,
Die Normandie und Ponthieu an sich riß.
Karl kam nach Welschland, und, aus Reu und Buße,
Köpft er den Konradin und sandte drauf
Den Thomas heim zu Gott, aus Reu und Buße.
Bald bricht ein andrer Karl im vollen Lauf,
Denn besser sollt ihr seine Sitt erkennen
Und seines Stammes Art, aus Frankreich auf.
Zur Rüstung wird er nicht sich Zeit vergönnen,
Und nur mit Judas Lanze, so, daß dir,
Florenz, der Wanst platzt, in die Schranken rennen.
Nicht Land, nur Sünd und Schmach gewinnt er hier.
Und trägt er sie gar leicht und unbefangen,
So wird er einst noch mehr gedrückt von ihr.
Ein andrer Karl, im Seegefecht gefangen,
Verschachert, wie die Sklavin der Korsar,
Die Tochter, um das Kaufgeld zu empfangen.
Ach, was vermagst nicht du, o Geiz! Sogar
Sein eignes Fleisch beut, schmählich überwunden
Von deiner Macht, mein Blut zum Kaufe dar.
Doch ist der Frevel schon in nichts verschwunden;
Ich seh Alagna, wo die Lilie weht!
Seh im Statthalter Christum selbst gebunden.
Seh ihn drauf verspottet und geschmäht!
Seh ihn aufs neue Gall und Essig schmecken!
Seh ihn, der unter Räubern dann vergeht!
Den grimmigen Pilatus seh ich schrecken
Und, noch nicht satt, ihn, ohne Kirchenschluß,
Die gierge Hand nach Kirchengütern strecken.
Gott, was säumt dein Rächerarm? Was muß
So lang an mir gerechter Unmut nagen?
Die Frevler strafend, stille den Verdruß!—
Du hörtest mich vorhin von jener sagen,
Die einzig ist des Heilgen Geistes Braut,
Und dies beweg dich, nach dem Grund zu fragen.
Von ihr erklingt das Flehen leis und laut
Beim Tageslicht, doch von den Gegensätzen
Tönt unsre Klage, wenn die Nacht ergraut.
Dann denken wir Pygmalions mit Entsetzen,
Der ein Verwandtenmörder ward, ein Dieb
Und ein Verräter aus Begier nach Schätzen;
Des Midas, der so lang im Elend blieb,
Das jedem, der ihn sah, weils ihn nicht freute,
Als er die Gier gestillt, zum Lachen trieb;
Des tollen Achan auch, des Diebs der Beute,
Der, wie es scheint, noch hier nicht tragen kann
Des Josua Zorn, der ihm im Leben dräute.
Sapphiren tadeln wir und ihren Mann
Und loben den, der hinwarf Heliodoren;
Den ganzen Berg umkreist mit Schande dann
Polynestor, der totschlug Polydoren.
Zuletzt erklingt es: Crassus, sprich, wie schmeckt
Das Gold, das du zur Lieblingsspeis erkoren?
Der redet laut, der leis und unentdeckt,
Je wie der Drang des Leids, das wir erproben,
Uns minder oder mehr erregt und weckt.
Ich sprach vom Heil, das wir am Tage loben,
Hier nicht allein, nur daß zu lautem Klang,
Die mir hier nah sind, nicht die Stimm erhoben."
Wir richteten nun vorwärts unsern Gang,
Nachdem wir diesen Schatten kaum verlassen,
So schleunig, als es nur der Kraft gelang.
Da aber zitterten des Berges Massen,
Als stürz er hin, und Furcht erfaßte mich,
Wie sie den, der zum Tod geht, pflegt zu fassen.
Nicht schüttelte so heftig Delos sich,
Eh, beide Himmelsaugen zu gebären,
Dorthin zum sichern Nest Laton entwich.
Rings braust ein Ruf, um meine Furcht zu mehren,
Doch näher trat zu mir mein Meister da:
"Ich führe dichl—was magst du Sorgen nähren?"
Und könnt ich aus den Stimmen, die mir nah
Erklangen, recht das ganze Lied verstehen,
Klangs: Deo in excelsis gloria!
Wir blieben staunend, gleich den Hirten, stehen,
Die diesen Sang zum erstenmal gehört,
Und ließen Erdenstoß und Lied vergehen.
Doch dann, zum heilgen Weg zurückgekehrt,
Sahn wir die Schatten, die am Boden lagen,
Schon wieder vom gewohnten Leid beschwert.
Noch nie bekämpften sich mit solchen Plagen
In mir Unwissenheit und Wißbegier,
Mag ich auch forschend die Erinnrung fragen:
Wonach ich grübelnd je gespäht?—wie hier.
Nicht fragen dürft ich, denn er ging von hinnen,
Und nichts erklären könnt ich selber mir;
So ging ich schüchtern fort in tiefem Sinnen.

Einundzwanzigster Gesang