Der Durst, den die Natur gegeben hat,
Den nur das Wasser stillt, um dessen Gnade
Die Samariterin den Heiland bat,
Verzehrte mich, und auf verengtem Pfade
Trieb Eile mich, dem Führer nachzuziehn,
Voll Gram, daß Schuld uns so mit Leid belade.
Und sieh, wie Kunde Lukas uns verliehn,
Daß Christus zween, die unterweges waren,
Erstanden aus dem Grabgewölb, erschien;
So uns ein Schatten—hinter uns, die Scharen,
Dort ausgestreckt, betrachtend, ging er fort
Und ließ sich sprechend erst von uns gewahren.
"Gott geb euch Frieden, Brüder!" war sein Wort,
Das plötzlich hin zu ihm uns beide kehrte;
Und ziemend dankt ihm mein getreuer Hort
Und sprach: "Zu denen, so der Herr verklärte,
Versetz er dich, zu jenem selgen Chor,
Des Frieden er auf ewig mir verwehrte."
Und jener sprach: "Wenn Gott euch nicht erkor,"
(Doch säumte nicht, indessen fortzugehen,)
"Wer leitet euch die heilge Stieg empor?"
Virgil darauf: "Sieh hier die Zeichen stehen,
Die diesem eingeprägt vom Engel sind,
Und daß er auserwählt ist, wirst du sehen.
Allein weil sie, die unablässig spinnt,—
Ihm noch nicht ganz den Rocken abgesponnen,
Den Klotho anlegt, wenn ein Sein beginnt,
Hätt er, allein, die Höhe nie gewonnen,
Weil seine Seele, Schwester dir und mir,
Noch nicht nach unsrer Art zu sehn begonnen.
Drum bin ich aus dem Höllenschlunde hier,
Und meine Schule wies und weist ihm alles,
Was sie gewähren kann der Wißbegier.
Doch sprich, was schwankte so gewaltgen Pralles
Vorhin der Berg? Was tönte bis zum Strand
Der allgemeine Ruf so lauten Schalles?"
Mein teurer Meister, also fragend, fand
So meiner Sehnsucht Ohr, daß mein Begehren,
Mein Durst durch Hoffnung Lindrung schon empfand.
Und jener sprach: "Den Berg, den heilgen, hehren,
Nichts trifft ihn sonder Ordnung, was es sei,
Und ewge Regel herrscht in diesen Sphären.
Stets ist er hier von jeder Störung frei;
Wenn einen Geist von ihm Gott aufgenommen,
Verkündens Erdenstoß und Jubelschrei.
Wer jene kleine Stieg emporgeklommen
Von dreien Stufen, sieht nicht Reif noch Tau,
Nicht Hagel mehr, noch Schnee, noch Regen kommen.
Kein Wölkchen trübt hier je des Himmels Blau,
Nie blinkt des Blitzes Schnell verschwundne Helle
Nie baut sich Iris Brück auf dunkelm Grau.
Kein trockner Dunst steigt über jene Stelle,
Von der ich sprach, auf der die Füße stehn
Des Pförtners von der diamantnen Schwelle.
Von Stürmen, die im Erdenschoß entstehn,
Mags sein, daß unten oft der Berg erdröhne,
Hier—wie, begreif ich nicht—ists nie geschehn.
Hier bebt er, wenn in neuer Rein und Schöne
Die Seele fühlt, sie woll erhoben sein.
Ihr Steigen fördern dann die Jubeltöne.
Der Reinheit Prob ist dieser Will allein;
Frei, treibt er sie, zum Zuge sich zu rüsten,
Und er verleiht ihr sicheres Gedeihn.
Erst will sie zwar, doch fühlt auch, mit Gelüsten
Nach längrer Qual, daß nach Gerechtigkeit,
Die, so einst sündigten, erst leiden müßten.
Ich lag fünfhundert Jahr in diesem Leid
Und länger noch und fühlte mir soeben .
Zum Aufwärtsziehn den Willen erst befreit.
Drum fühltest du den ganzen Berg erbeben,
Drum pries den Herrn die ganze fromme Schar,
In Hoffnung, bald sich selber zu erheben."
Sprachs, und je heißer die Begierde war,
Je mehr fühlt ich vom Tranke mich erquicken
Und fühlte mich gestärkt und frei und klar.
Virgil drauf: "Welche Netz euch hier umstricken,
Wie ihr entschlüpft, was durch den Berg gezückt,
Was Jubeltön empor die Seelen schicken,
Das hat dein Wort mir deutlich ausgedrückt.
Jetzt sage mir: Wer bist du einst gewesen?
Und was hat hier so lang dich schwer gedrückt?"
Drauf jener: "Damals, als das höchste Wesen,
Das Blut zu rächen, das für schnödes Geld
Judas verkauft, den Titus auserlesen,
Da lebt ich mit dem Namen, der bei Welt
Und Nachwelt gilt, geschmückt mit höchstem Preise,
Doch war noch nicht vom Glaubenslicht erhellt.
So süß war des klangreichen Geistes Weise,
Daß Rom mich Tolosanen rief und hoch
Mich ehrte mit verdientem Myrtenreise.
Mich, Statius, nennt man jenseits heute noch.
Von Theben hob ich, vom Achill gesungen,
Bis unterwegs ich sank dem zweiten Joch.
Auch meine Glut ist an der Flamm entsprungen,
Der göttlichen, die Funken ausgesprüht
Und Tausende mit ihrem Licht durchdrungen.
Sie, die Äneis, ists, die mich durchglüht,
Sie nur war Mutter, Amme mir im Dichten,
Und ohne sie war ich umsonst bemüht.
O hätt ich mit Virgil gelebt! Mit nichten
Schien mirs zu schwer, ein Jahr lang, noch im Bann,
Dafür auf die Befreiung zu verzichten."
Bei diesen Worten sah Virgil mich an
Mit einem Blick, der schweigend sagte: Schweige!
Doch weil die Kraft, die will, nicht alles kann,
Nicht hindern kann, daß sich die Seele zeige,
Und, wie durch sie die jähe Regung blitzt,
Trän oder Lächeln uns ins Antlitz steige,
So blinkt ich lächelnd mit den Augen itzt,
Drum sah mir jener, dem dies nicht entgangen,
Ins Auge, wo das Bild der Seele sitzt.
"So wie du mögst zum großen Ziel gelangen,"
Begann er drauf, mir zugewandt, "So sprich:
Was schwebt ein Lächeln jetzt um deine Wangen?"
Nun zeigen hier und dorten Schlingen sich.
Der heißt mich schweigen, jener, offenbaren.
Ich seufze nur, doch man ergründet mich.
"Du magst dir jetzt das längre Schweigen sparen,"
Begann Virgil, "sprich nur, denn er beweist
.Zu große Sehnsucht, alles zu erfahren."
"Vielleicht wohl wunderts dich, du alter Geist,"
Also begann ich jetzo, "daß ich lachte,
Doch will ich, daß du mehr verwundert seist.
Er, der mich aufwärts führt, wohin ich trachte,
Es ist Virgil, der Quell, der deinen Sang
Von Helden und von Göttern strömen machte.
Glaubst du, das andrer Grund des Lachens Drang
In mir erregt, magst du den Glauben lassen;
Es war dein Wort, das mich zum Lachen zwang."
Da neigt er sich, die Knie ihm zu umfassen,
Zu meinem Hort, der sprach: "Laß, Bruder, laß!
Wir sind ja Schatten beid und nicht zu fassen."
Und er stand auf und sprach: "Du wirst das Maß
Der Liebe, die mich an dich zieht begreifen,
Da ich der Körper Mangel ganz vergaß
Und Schatten sucht als Festes zu ergreifen."
Zweiundzwanzigster Gesang
Schon hinter uns geblieben war der Engel,
Der unsern Schritt zum sechsten Kreis gekehrt
Und mir getilgt ein Zeichen meiner Mängel.
Sie, deren Wunsch Gerechtigkeit begehrt,
Sie riefen: "Heil dem Dürstenden!" und schwiegen,
Und ohne weitres war ihr Sinn erklärt.
Ich, leichter als auf andern Felsenstiegen,
Ging aufwärts, den behenden Geistern nach,
Und sonder Mühe ward der Kreis erstiegen.
"An Lieb, entzündet von der Tugend," sprach
Mein Meister nun, "ist andre stets entglommen,
Wenn sichtbar nur hervor die Flamme brach.
Darum, seit Juvenal hinabgekommen
Zum Höllenvorhof, und mit uns vereint,
Von dem ich, wie du mich geliebt, vernommen,
War ich in Liebe dir so wohlgemeint,
Wie wir sie selten Niegesehnen weihen,
So, daß nun kurz mir diese Stiege scheint.
Doch sprich und wolle mir als Freund verzeihen,
Löst mir zu große Sicherheit den Zaum,
Und wolle Kunde mir als Freund verleihen:
Wie fand der Geiz doch—ich begreif es kaum—
Bei solcher Weisheit, wie dein eifrig Streben
Errungen hat, in deinem Busen Raum?"
Hier sah ich Lächeln jenes Mund umschweben,
Dann sprach er: "Jedes Wort aus deinem Mund,
Zeugts nur von Liebe, muß mir Freude geben.
Oft werden uns von außen Dinge kund,
Die falsche Zweifel in der Seel erregen,
Weil tief verborgen ist ihr wahrer Grund.
Du scheinst—die Frage zeigts—den Wahn zu hegen,
Daß mich der Geiz auf Erden einst geplagt,
Vielleicht weil ich in diesem Kreis gelegen.
Jetzt wisse, daß ich ihm zu sehr entsagt,
Und dieses Unmaß hab ich hier in Schlingen
So viele tausend Monden lang beklagt.
Dort unten müßt ich, Steine wälzend, ringen,
Hätt ich dein zürnend Warnen nicht gehört:
Zu was kannst du die Menschenbrust nicht zwingen.
Verfluchter Durst nach Gold, der uns betört!—
Die ernste Mahnung hört ich dich verkünden
Und ward aus eitlen Träumen aufgestört.
Daß nur zu offen meine Hände stünden,
Dies ward mir nun in meinem Geiste klar,
Mit Reu ob dieser und der andern Sünden.
Wieviel erstehn einst mit verschnittnem Haar,
Weil bis zum Tod sie nicht erkannt, daß Sühne
Durch Reu auch diesem Fehler nötig war.
Wisse, die Schuld, die auf des Lebens Bühne
Sich einer andern grad entgegensetzt,
Verliert zugleich mit ihr hier ihre Grüne.
Drum sahst du mich bei jenen Scharen jetzt
Der Reuigen, die einst der Geiz bezwungen;
Drum hat das Gegenteil mich herversetzt."
"Zur Zeit, da du der Waffen Graus gesungen.
Die Jokasten Gram zu Gram gefügt,"
Sprach jener, dem das Hirtenlied gelungen,
"War, wenn, was Klio aus dir singt, nicht trügt,
Nicht durch den Glauben noch dein Herz gelichtet,
Bei dessen Mangel keine Tugend gnügt.
Nun, welche Sonne hat die Nacht vernichtet,
Welch irdisch Licht, daß du an deinem Kahn
Die Segel dann, dem Fischer nach, gerichtet?"
Und er: "Du zeigtest mir zuerst die Bahn
Zu dem Parnaß und seinen süßen Quellen
Und warst mein erstes Licht, um Gott zu nahn.
Dem, der bei Nacht geht, warst du gleichzustellen,
Dem seine Leuchte selbst kein Licht verleiht,
Um hinter ihm die Straße zu erhellen,
Indem du sprachst: Erneuert wird die Zeit,
Ich seh ein neu Geschlecht vom Himmel steigen
Und Ordnung herrschen und Gerechtigkeit.
Durch dich ward mir der Ruhm des Dichters eigen,
Durch dich ward ich den Christen beigesellt;
Wie? Soll sich dir in klarem Bilde zeigen.
Vom wahren Glauben schwanger war die Welt
Schon überall; es streuten diesen Samen
Die Boten ewgen Reichs ins weite Feld.
Mit deinem oft berührten Worte kamen
Die neuen Predger sämtlich überein,
Drum folgt ich denen, die ihr Wort vernahmen.
Sie schienen mir so heilig und so rein—
Und als sie Domitian verfolgte, machten
Mich weinen ihre Klag und ihre Pein.
Und ihnen beizustehn war all mein Trachten,
Da mir so redlich ihre Sitt erschien;
All andre Sekten mußt ich drum verachten.
Eh dichtend, ich an Thebens Flüsse ziehn
Die Griechen ließ, hatt ich die Tauf empfangen,
Obwohl ich äußerlich als Heid erschien,
Und ein versteckter Christ verblieb aus Bangen;
Und ob der Lauheit hab ich mehr als vier
Jahrhunderte den vierten Kreis umgangen.
Sprich jetzo du, der du den Schleier mit
Gehoben hast vom Heile, das ich preise,
Denn Zeit genug beim Steigen haben wir:
Wo Freund Terenz, wo Varro ist, der Weise,
Cäcilius, Plautus?—sprich, ich bitte sehr,
Ob sie verdammt sind und in welchem Kreise?"
"Sie, ich und mancher sonst," erwidert er,
"Wir sind beim Griechen, jenem blinden Alten,
Den Musenmilch getränkt, wie keinen mehr,
Im ersten Kreis der blinden Haft enthalten;
Oft sprachen wir von jenem Berge schon,
Wo unsre süßen Nährerinnen walten.
Dort ist Euripides, Anakreon
Mit vielen Griechen, die der Lorbeer krönte,
Mit dem Simonides und Agathon.
Auch sie, von welchen einst dein Lied ertönte,
Antigone, Ismene, so gebeugt,
Wie einst, da sie um den Verlobten stöhnte.
Auch jene, die das Kind, das sie gesäugt,
Rückkehrend von Langia, tot gefunden,
Und Daphne, von Tiresias erzeugt."
Die Dichter schwiegen beide jetzt und stunden,
Vom Steigen frei und von der Felsenwand,
Und sahn umher, das Weitre zu erkunden.
Die fünfte Dienerin des Tages stand
Am Wagen schon, um seinen Lauf zu leiten,
Der Deichsel Flammenspitz emporgewandt.
"Wir kehren, denk ich, unsre rechten Seiten",
Begann mein Herr, "zum freien Rande hin,
Um, wie wir pflegen, um den Berg zu schreiten."
So ward Gewohnheit unsre Führerin;
Auch Statius winkte Beifall dem Genossen,
Drum gingen wir mit sorgenfreiem Sinn,
Sie mir voraus, ich einsam, unverdrossen,
Ging hinterdrein, den Reden horchend, fort,
Die meinem Geist der Dichtung Tief erschlossen.
Doch machte bald der Dichter süßes Wort
Ein Baum mit würzig duftgen Äpfeln schweigen.
Inmitten unsers Weges stand er dort;
Und wie die Tann aufwärts, von Zweig zu Zweigen
Sich enger abstuft, so von Sproß zu Sproß
Er niederwärts, erschwerend das Ersteigen.
Auf jener Seite, wo der Weg sich schloß,
Fiel klares Naß vom hohen Felsensaume,
Das auf die Blätter sprühend sich ergoß.
Da nahte sich das Dichterpaar dem Baume,
Aus dessen Zweigen eine Stimm erscholl:
"Die Speise hier wird teuer eurem Gaume."
"Der Hochzeit nur, um ganz und ehrenvoll
Sie auszurichten, galt Marias Sinnen,
Nicht ihrem Mund, der für euch sprechen soll.
Nur Wasser tranken einst die Römerinnen;
Nicht Königskost hat Daniel gewollt,
Um reichen Schatz der Weisheit zu gewinnen.
Die Urzeit war so schön wie lautres Gold,
Als Eichen noch dem Hunger leckre Speisen
Und Nektar jeder Bach dem Durst gezollt.
Heuschrecken hat und Honig einst zu speisen
Der Täufer in der Wüste nicht verschmäht,
Und hoch und herrlich ist er drob zu preisen,
Wies offenbart im Evangelium steht."
Dreiundzwanzigster Gesang
Indes ins Laubwerk meine Blicke drangen,
So scharf und spähend, wie sie einer spannt,
Der seine Zeit verliert mit Vogelfangen,
Rief er, der mehr als Vatersorg empfand:
"Sohn, komm. Die Zeit, die uns verliehn zum Reisen,
Sei eingeteilt und nützlicher verwandt."
Schnell wandt ich Blick und Schritt zu beiden Weisen,
Die also sprachen, daß zum leichten Gang
Die Mühe ward, den Felsen zu umkreisen.
Sieh, da erklangen Klagen und Gesang:
"Herr, meine Lippen," klangs mit einem Stöhnen,
Das mich zugleich mit Lust und Leid durchdrang.
"Mein süßer Vater, welche Stimmen tönen?"
Ich riefs, und er drauf: "Schatten sinds, die nun
Für einst versäumte Pflicht den Herrn versöhnen."
Wie unterweges eilge Wandrer tun,
Die Leut einholen, welche sie nicht kennen,
Und sich zwar umsehn, doch nicht stehn und ruhn;
So kam jetzt hinter uns in schnellerm Rennen
Ein frommer Haufe, lief vorbei und schaut
Uns staunend an, um schweigend fortzurennen.
Die Augen tief und hohl und nachtumgraut,
Erschienen sie, die Hagern, die Erblaßten,
Die Knochen alle sichtbar durch die Haut.
So mager, glaub ich, war nach langem Fasten,
So ausgetrocknet nicht Erisichthon,
Als nun sein eignes Fleisch die Zähn erfaßten.
Sie gleichen jenen, dacht ich, da sie flohn,
Die einst Jerusalem verloren haben,
Wo selbst die Mutter fraß den eignen Sohn.
Tief war das Aug in seinem Rund vergraben,
Das einem Ringe sonder Gemme glich,
Und Nas und rings die Knochen scharf erhaben.
Daß eines Apfels Duft so jämmerlich
Zurichten könn und Duft von einer Quelle,
Begier erzeugend, wer wohl dächt es sich?
Schon staunt ich, wie der Hunger sie entstelle,
Indem ich noch die Ursach nicht verstund,
Von ihrem magern Leib und traurgem Felle.
Da sah ich, wie aus seines Hauptes Grund
Ein Geist auf mich die Augen forschend richte,
Der ausrief: Welche Gnade wird mir kund?
Nie hätt ich ihn erkannt am Angesichte,
Doch durch die Stimme ward mir offenbart,
Wie Hunger Ansehn und Gestalt vernichte.
Und dieser Funke machte völlig klar
Mir die Erinnrung, daß ich sein gedachte,
Und sah, daß dies Foreses Antlitz war.
Und er begann nun flehend: "Ach, verachte
Die dürre Haut nicht, noch mein blaß Gesicht,
Ob auch die Schuld um alles Fleisch mich brachte.
Gib wahrhaft mir von deinem Los Bericht,
Und von den zwein, die bei dir sind—ich flehe!—
Verweigre mir erwünschte Kunde nicht."
"Dein Angesicht, bei dem mit tiefem Wehe,"
Begann ich, "als ichs tot sah, ich geklagt,
Betrübt mich mehr, da ichs so hager sehe.
Drum sprich, bei Gott, was so dein Laub zernagt.
Nicht wolle, daß ich, weil ich staun, erzähle,
Denn übel spricht, wen selbst die Neugier plagt."—
"Vom ewgen Rat", so sprach Foreses Seele,
"Sinkt eine Kraft, die Bach und Baum durchdringt,
Durch die ich hier mich abgemagert quäle.
Sie ists, die jeden, der hier weinend singt,
Zur Heiligkeit vom wüsten Schwelgerleben
Durch Hunger und durch Durst zurückebringt.
Der Duft, den jene Früchte von sich geben,
Der Quell auch, der sie netzt, entflammt der Brust
Nach Speis und Trank ein nie gestilltes Streben.
Sooft im Kreis wir dorthin ziehn gemußt,
Wird immer diese Pein in uns erneuert.
Ich sage Pein und sollte sagen: Lust,
Weil nach dem Baum uns jener Drang befeuert,
Der Christum froh dahin zum Kreuz gebracht,
Wo unsrer Schmach sein teures Blut gesteuert."
Drauf ich: "Forese, seit du jene Nacht
Vertauscht mit diesem bessern Leben, zählte
Man nur fünf Jahr, die kaum den Lauf vollbracht.
Wenn dir die Kraft zu sündgen eher fehlte,
Als du durchdrungen warst von gutem Leid,
Das stets die Seele neu mit Gott vermählte,
Wie stiegst du in so kurzer Frist so weit?
Dort unten dich zu finden mußt ich meinen,
Wo man verlorne Zeit ersetzt durch Zeit."
Und er: "Zum süßen Wermutstrank der Peinen
Hat mich befördert meiner Nella Fleiß
In frommem Flehn und ihr unendlich Weinen.
Denn ihr Gebet, ihr Stöhnen fromm und heiß,
Hat mich der Küste, wo man harrt, entzogen
Und mich befreit aus jedem andern Kreis.
Ihr. die ich so geliebt, ist Gott gewogen,
Weil sie, der nur der Tugend Reiz gefällt,
Sich ganz vom Pfad der andern abgezogen.
Der Sarden rohes Bergesland enthält
Mehr Scham und Sitte noch in feinen Frauen
Als das, wo ich sie ließ in jener Welt.
O süßer Bruder, soll ich dirs vertrauen?
Ich glaube schon die Zukunft, der das Heut
Nicht alt erscheinen wird, vor mir zu schauen,
Wo man den frechen Fraun, die ungescheut
Den Busen mit den Brüsten offenbaren,
Dies von der Kanzel in Florenz verbeut.
Wann mußten Fraun von Türken und Barbaren,
Um mit bedeckter Brust einherzugehn,
Von Staat und Kirche Rügen erst erfahren?
Doch könnten nur die Unverschämten sehn,
Was ihnen schon der Himmel vorbereitet,
Sie wurden heulend, offnen Mundes, stehn.
Sie jammern, wenn kein Wahn mich hier verleitet,
Eh auf des Wange, der jetzt eingelullt
Von Eipopeia wird, sich Flaum verbreitet.
Jetzt sprich von dir und zahle mir die Schuld.
Sieh alle, die dorthin die Augen lenken,
Wo du die Sonne deckst, voll Ungeduld."
Und ich versetzt ihm: "Willst du des gedenken,
Was du mit mir einst warst, und ich mit dir,
So wird noch jetzt dich die Erinnrung kränken.
Vor kurzem hat von dort er, der vor mir
Als Führer geht, mich mit sich fortgenommen,
Als rund euch schien der Bruder dieser hier."
—Die Sonne zeigt ich—"Mir zum Heil und Frommen
Bin ich durch wahren Todes tiefe Nacht
Mit ihm in diesem wahren Fleisch gekommen.
Er hat im Kreislauf mich emporgebracht
Zu diesem Berg, wo die sich grad erheben,
Die einst das Erdenleben krumm gemacht.
Er wird mir sein Geleit so lange geben,
Bis ich gelangt zu Beatricen bin;
Ohn ihn dann muß ich weiter aufwärts streben.
Es ist Virgil"—hier zeigt ich nach ihm hin—
"Sieh auch den andern und erkenne diesen
Als den, ob des der Berg gebebt vorhin,
Da euer Reich ihn von sich weggewiesen."
Vierundzwanzigster Gesang
Nicht hemmt uns Gehn im Reden, Red im Gehn;
Der Lauf ging beim Gespräch so rasch vonstatten,
Wie eines Schiffs bei guten Windes Wehn.
Und die, wies schien, zweimal gestorbnen Schatten,
Sie sogen Staunen durch die Augen ein,
Da sie bemerkt mein irdisch Leben hatten.
"Wohl eilger", sprach ich weiter, "würd er sein,
Zum Platz zu ziehn, der dort ihm angewiesen,
War er nicht aufgehalten von uns zwein.
Doch sprich, wo ist Piccarda? Wer von diesen,
Von welchen jeder Blick jetzt auf mir ruht,
Ward durch den Ruf im Leben einst gepriesen?"
"Sie, meine Schwester, einst so schön als gut,
Trägt dort, wo wir das ewge Licht erkennen,
Die Krone des Triumphs mit heiterm Mut."
Sprachs, und darauf: "Hier darf man alle nennen,
Denn, vom heilsamen Fasten abgezehrt,
Würd einer sonst den andern nimmer kennen.
Sieh dort"—er sprachs, den Finger hingekehrt—
"Den Buonagiunta; sieh dort den Erblaßten,
Vom Hunger mehr als jeden sonst, verheert,
Des Arme dort die heilge Kirch umfaßten.
Er war von Tours und büßt hier manchen Schmaus
Von weinersäuften Aal mit schwerem Fasten."
Noch wählt er manchen von der Schar heraus
Und nannt ihn mir, was jeden sehr erfreute,
Und keiner sah drum trüb und finster aus.
Ich Sah den Bonifaz, der viel Leute
Mit Pfründenfett geatzt; den Ubaldin,
Der an den Zähnen selbst vor Hunger käute;
Sah den Marchese, den, trotz allem Ziehn
Aus seinem Krug, der Durst nur ärger brannte,
Und dem der Mund beständig trocken schien.
Doch wie, wer viel sah, eins nur wählt. So wandte
Ich mein Gesicht nun zu dem Buonagiunt,
Der, wie es schien, mich dort am besten kannte.
Er murmelt in sich, und von seinem Mund,
An dem sich hier der Schlemmer Sünden rächen,
Ward etwas wie das Wort Gentucca kund.
Ich sprach: "Der du das Schweigen abzubrechen
So lüstern scheinst, sprich so, daß mans versteht,
Und dich und mich befriedige dein Sprechen."
Drauf er: "Ein Weib, das noch entschleiert geht,
Gibt dir dereinst an meiner Stadt Behagen,
So sehr man diese Stadt auch immer schmäht.
Du wirst dorthin die Rede mit dir tragen,
Und trog mein Murmeln dich, in kurzer Zeit
Wird dir die Wirklichkeit er klarer sagen.
Doch sprich, erblick ich den in meinem Leid,
Der jene neuen Weisen fand, beginnend:
Ihr Fraun, die ihr der Liebe kundig seid."
Drauf ich: "Dem Hauch der Liebe lausch ich sinnend;
Was sie mir immer vorspricht, nehm ich wahr
Und schreib es nach, nichts aus mir selbst ersinnend."
"Die Schlinge, Bruder," sprach er, "seh ich klar,
Die von dem neuen süßen Stil gehalten
Mich diesseits hat, Guitton und den Notar.
Ich seh, ihr lasset nur die Liebe walten,
Und eure Feder folgt, wie sie gebeut,
Wir aber ließen sie nicht also schalten.
Wer, Beifall suchend, keck sie überbeut,
Gibt Schwulst, statt des, was euch Natur verliehen."
Er schwieg und schien befriedigt und erfreut.
Wie Vögel, die zum Nil im Winter ziehen,
Sich oft versammeln in gedrängtem Hauf
Und schneller dann in Streifen weiterfliehen;
So machten alle dort sich wieder auf,
Die, abgewandt, sich eilig fort begaben,
Durch Magerkeit und Willen leicht zum Lauf.
Und gleich wie einer, atemlos vom Traben,
Die andern läßt, um ganz gemach zu gehn,
Bis ausgeschnauft die heißen Laugen haben,
So war es mit Forese jetzt geschehn;
Er, hinter mir, ließ ziehn die heilge Herde
Und sprach: "Wann werd ich wohl dich wiedersehn?"
"Nicht weiß ich es. Doch glaub ich, daß der Erde",
Versetzt ich, "nicht so schnell mein Geist entfleugt,
Als ich nach diesem Strand mich sehnen werde.
Denn seh ich dort den Ort, der mich erzeugt,
Tagtäglich mehr vom Guten sich entblößen
Und jämmerlich bereits zum Sturz gebeugt!"
Und er: "Jetzt geh, den Stifter alles Bösen
Seh ich am Schweif des Pferds geschleppt zum Ort,
Von welchem Reu und Tränen nie erlösen.
Stets schneller geht der Lauf des Tieres fort,
Und endlich läßts den Leib des Jammervollen
Zerstampft, entstellt, ein widrig Scheusal, dort.
Nicht lange werden diese Kreise rollen"
—Zum Himmel blickt er auf—"und klar wird dir,
Was dämmernd nur mein Wort dir zeigen sollen.
Du bleibe jetzt; die Zeit ist teuer hier,
Und daß ich gleichen Schritts mit dir gegangen,
Dies kostet mich bereits zuviel von ihr."
Wie einer, wenn die Reiter vorwärts drangen,
Hervorsprengt aus der Reih, in der er ritt,
Den Ruhm des ersten Angriffs zu erlangen,
So trennt er sich von uns mit größerm Schritt,
Indes ich hinter ihm mit meinem Horte
Und mit dem andern Meister weiterschritt.
Schon war er vor uns an so fernem Orte,
Daß ihm mein Blick dahin durch weiten Raum,
Wie die Erinnrung folgte seinem Worte;
Als wir voll Obstes einen andern Baum
Mit üppigem Gezweig nicht fern entdeckten,
Da wir uns bogen um des Kreises Saum.
Und Leute, die hinauf die Hände streckten,
Schrien auf zum Laub, das in die Lüfte steigt,
Den Kindlein gleich, den gierigen, geneckten,
Die bitten, während der Gebetne schweigt,
Und, um zu schärfen die Begier, ihr Sehnen
Hoch hinhält und es frei und offen zeigt.
Dann gingen sie, geheilt vom eitlen Wähnen;
Wir aber schritten zu dem Baum heran,
Der alle Bitten abweist, alle Tränen.
"Vorüber schreitet, denn ihr dürft nicht nahn!
Der Baum, der Even reizt, ist weiter oben.
Von ihm hat dieser seinen Keim empfahn."
So sprach, ich weiß nicht wer, vom Baume droben,
Weshalb Virgil mit Statius, engverschränkt,
Und mir hinging, wo sich die Felsen hoben.
"An die verfluchten Wolkensöhne denkt,"
Sprachs, "die dem Theseus mit den Doppelbrüsten
Im Kampf getrotzt, von zuviel Wein getränkt.
An die Hebräer denkt und ihr Gelüsten,
Und denkt, weshalb verschmäht hat Gideon,
Mit ihnen gegen Midian sich zu rüsten."
So gingen wir, dem Felsen nah, davon,
Und hörten aus des Laubs geheimer Regung
Des Gaumens Schuld und ihren schlechten Lohn.
Dann aber gings mit freierer Bewegung
Auf breitem Pfad an laufend Schritte fort,
Und jeder schwieg in sinniger Erwägung.
"Was geht ihr drei so ernst erwägend dort?"
Riefs plötzlich nun, ich aber fuhr zusammen,
Gleich einem scheuen Roß, bei diesem Wort.
Mein Haupt kehrt ich dorthin, woher zu stammen
Die Rede schien, und sah in rotem Schein
Glas und Metall nie so im Ofen flammen,
Wie einen hier, der sprach: "Hier geht ihr ein,
Wollt ihr empor zur freien Höhe kommen,
Und im Genuß des ewgen Friedens sein."
Mir hatte das Gesicht sein Glanz benommen,
Drum wandt ich mich zu meinen Führern hin,
Wie wer dem folgt, was er durchs Ohr vernommen.
Und wie des Morgenrots Verkünderin,
Die, Düfte raubend, in den Blüten wühlte,
Die Mailuft, weht, die süße Schmeichlerin,
So fühlt ich an der Stirn ein Wehn, so fühlte
Ich ein Gefieder, sanft bewegt, das mir
Das Antlitz mit Ambrosiadüften kühlte.
Und dann erklang dies Wort: "O selig ihr,
Die ihr die Gnad empfingt, daß unverdüstert
Des Geistes Licht euch bleibt von der Begier,
Indem euch nur, wies ziemt, nach Speise lüstert."
Fünfundzwanzigster Gesang
Die Stund erheischte rasches Steigen schon,
Nachdem die Sonne hier den Mittagsbogen
Dem Stier geräumt, dort Nacht dem Skorpion.
Drum, wie ein Mann, der, von nichts angezogen,
Was sich auch zeige, seines Weges zieht
Vom Drang der Not zu größter Eil bewogen,
So drangen wir ins höhere Gebiet
Durch eine Stiege, die uns so beschränkte,
Daß uns die Enge voneinander schied.
Und wie ein Störchlein, das die Flügel schwenkte,
Aus Luft zum Flug, dann aber, sonder Mut,
Vom Neste fortzuziehn, sie wieder senkte,
So ich, bald lodernd, bald verlöscht die Glut
Der Fragelust, das Antlitz also zeigend,
Wie der, der sich zum Sprechen anschickt, tut.
Da sprach mein Herr, obwohl voll Eifer steigend:
"Laß nicht der Rede Pfeil unabgeschnellt,
Die Sehne nur bis hin zum Drücker beugend."
Worauf ich, sicher durch dies Wort gestellt,
Den Mund erschloß: "Wie wird man hier so mager,
Hier, wo kein Leib ist, welchen Speis erhält?"
Drauf er: "Gedächtest du an Meleager,
Der eben, wie verzehrt ein Holzbrand ward,
Sich abgezehrt, du wärst kein solcher Frager.
Und dächtest du, wie gleich an Mien und Art
Sich euer Antlitz regt in Spiegelbildern,
Dann schiene lind und weich dir, was jetzt hart.
Allein um alles dir nach Wunsch zu schildern,
Sieh hier den Statius, welcher dir verspricht,
Weil ich ihn bitte, deinen Durst zu mildern."
"Entwickl ich ihm das göttliche Gericht,"
Sprach Statius drauf, "hier, wo du gegenwärtig,
So seis verziehn—du willst, drum weigr ich nicht."
Und dann: "Jetzt sei dein Geist bereit und fertig
Für meine Rede, Sohn—dann sei des Wie?
Das du erfragst, in vollem Licht gewärtig.
Das reinste Blut, das von den Adern nie
Getrunken wird, vergleichbar einer Speise,
Die über den Bedarf Natur verlieh,
Empfängt im Herzen wunderbarerweise
Die Bildungskraft für menschliche Gestalt,
Geht dann mit dieser durch der Adern Kreise,
Noch mehr verkocht, zu einem Aufenthalt,
Den man nicht nennt, von wos zu anderm Blute
In ein natürlich Becken überwallt.
Daß beides zum Gebild zusammenflute,
Ist leidend dies, und tätig das, vom Ort,
In dem die hohe Bildungskraft beruhte.
Drin angelangt, beginnts sein Wirken dort;
Geronnen erst, erzeugt es junges Leben
Und schreitet in des Stoffs Verdichtung fort.
Die Seel entsteht aus tätger Kräfte Streben,
Wie die der Pflanze, die schon stillesteht,
Wenn jene kaum beginnt, sich zu erheben.
Bewegung zeigt sich dann, Gefühl entsteht,
Wie in dem Schwamm des Meers, und zu entfalten
Beginnt die tätge Kraft, was sie gesät.
Nun beugt, nun dehnt die Frucht sich aus, beim Walten
Der Kraft des Zeugenden, die, nie verwirrt
Von fremdem Trieb, nur ist, um zu gestalten.
Doch, Sohn, wie nun das Tier zum Menschen wird,
Noch siehst dus nicht, und dies ist eine Lehre,
Worin ein Weiserer als du geirrt.
Er war der Meinung, von der Seele wäre
Gesondert die Vernunft, weil kein Organ
Die Äußerung der letztern uns erkläre.
Jetzt sei dein Herz der Wahrheit aufgetan,
Damit dein Geist, was folgen wird, bemerke!
Wenn Bildung das Gehirn der Frucht empfahn,
Kehrt, froh ob der Natur kunstvollem Werke,
Zu ihr der Schöpfer sich und haucht den Geist,
Den neuen Geist ihr ein, von solcher Stärke,
Daß er, was tätig dort ist, an sich reißt,
Und mit ihm sich vereint zu einer Seele,
Die lebt und fühlt und in sich wogt und kreist.
Und, daß dirs nicht an hellerm Lichte fehle,
So denke nur, wie sich zum edlen Wein
Die Sonnenglut dem Rebensaft vermalte.
Gebricht es dann der Lachesis an Lein,
Dann trägt sie mit sich aus des Leibes Hülle
Des Menschlichen und Göttlichen Verein;
Die andern Kräfte sämtlich stumm und stille,
Doch schärfer als vorher in Macht und Tat,
Erinnerung, Verstandeskraft und Wille.
Und ohne Säumen fällt sie am Gestad,
An dem, an jenem, wunderbarlich nieder,
Und hier erkennt sie erst den weitern Pfad.
Kaum ist sie nun auf sicherm Orte wieder,
Da strahlt die Bildungskraft rings um sie her,
So hell wie einst beim Leben ihrer Glieder.
Und wie die Luft, vom Regen feucht und Schwer.
Sich glänzend schmückt mit buntem Farbenbogen
Im Widerglanz vom Sonnenfeuermeer;
So jetzt die Lüfte, so die Seel umwogen,
Worein die Bildungskraft ein Bildnis prägt,
Sobald die Seel an jenen Strand gezogen.
Und gleich der Flamme, die sich nachbewegt,
Wo irgendhin des Feuers Pfade gehen,
So folgt die Form, wohin der Geist sie trägt.
Sieh daher die Erscheinung dann entstehen,
Die Schatten heißt; so bildet sich in ihr
Jedwed Gefühl, das Hören und das Sehen.
Und daher sprechen, daher lachen wir,
Und daher weinen wir die bittern Zähren
Und seufzen laut auf unserm Berge hier.
Der Schatten bildet sich, je wie Begehren
Und Leidenschaft uns reizt und Lust und Gram.
Dies mag dir, was du angestaunt, erklären."
Und schon als ich zur letzten Marter kam,
Indem wir, rechts gewandt, die Schlucht verließen,
Ward ich auf das, was dort war, aufmerksam.
Den Felsen sah ich Flammen vorwärts schießen,
Der Vorsprung aber haucht empor zur Wand
Windstöße, die zurück die Flammen stießen.
Wir mußten einzeln gehn am freien Rand,
Und ängstlich hört ich hier die Flamme schwirren,
Indes sich dort ein tiefer Abgrund fand.
Mein Führer sprach: "Hier laß dich nichts verwirren
Und halte straff der schnellen Augen Zaum,
Denn leicht ists hier, mit einem Tritt zu irren."
Gott höchster Gnade! hört ichs aus dem Raum,
Den jene große Glut erfüllte, singen
Und hielt den Blick an meinem Wege kaum.
Ich sah dort Geister, die durchs Feuer gingen,
Und sah auf meinen bald, bald ihren Gang
Und ließ den Blick von hier nach dorten springen.
Ich weiß von keinem Mann—dies Wort erklang
Mit lautem Ruf, als jenes Lied verklungen,
Und neu begannen sies mit leisem Sang,
Und riefen wieder, als sies ausgesungen:
"Diana blieb im Hain und jagt ergrimmt
Kalisto fort, die Venus Gift durchdrungen."
Dann ward die Hymne wieder angestimmt,
Dann riefen sie von keuschen Fraun und Gatten,
Die lebten, wies zu Eh und Tugend stimmt.
Und dies nur tun sie, ohne zu ermatten,
Wies scheint, solang die Flamme sie umfließt,
Bis solche Pfleg und Arzenei den Schatten
Zuletzt die Wund auf ewig wieder schließt.
Sechsundzwanzigster Gesang