Indem wir, einer so dem andern nach,
Am Rand hingingen, sprach mein treu Geleite:
"Gib acht und nütze, was ich warnend sprach."
Die Sonne schlug auf meine rechte Seite
Und übergoß, ein blendend Strahlenmeer,
Mit lichtem Weiß des Westens blaue Weite.
In meinem Schatten schien die Glut noch mehr
Hochrot zu glühn, drum sahn bei solchem Zeichen
Der Schatten viel im Gehen nach mir her.
Und dieses schien zum Anlaß zu gereichen,
Daß über mich sich ein Gespräch erhob:
" Der scheinet einem Scheinleib nicht zu gleichen."
Soviel sie konnten, richteten sie drob
Sich zu mir hin, doch immer wohl beachtend,
Daß nie ihr Fuß der Flamme sich enthob.
"Du, der du wohl, sie ehrerbietig achtend,
Und nicht aus Trägheit nachgehst diesen zwein,
Oh, sieh mich hier in Durst und Feuer schmachtend
Und sprich, uns allen Labung zu verleihn;
Denn wie wir jetzt nach deinem Wort verlangen,
Kann durstger nach dem Quell kein Libyer sein.
Wie machst dus doch, die Strahlen aufzufangen,
Gleich einer Wand, als wärest du dem Tod
Bis jetzt noch nicht, wie wir, ins Netz gegangen."
So rief der ein in seiner Flammennot,
Und eben wollt ich alles ihm verkünden,
Als meinem Blick sich etwas Neues bot.
Denn auf dem Weg, den Flammen rings entzünden,
Entgegen jenen, kam ein zweiter Hauf,
Drum späht ich hin, das Weitre zu ergründen.
Und die und jene machten schnell sich auf
Und küßten sich mit kurzer Lust und waren
Zufrieden schon und flohn im vollen Lauf.
So sieht man im Gewühl der braunen Scharen
Sich Äms und Ämse mit den Rüsseln nahn,
Vielleicht: Wies geht? Wes Weges? zu erfahren,
Sobald der Gruß der Freundschaft abgetan,
Hob, eh sie weiterzog, nach kurzer Weile
Die Schar wetteifernd laut zu schreien an.
"Sodom! Gomorra!" klangs von diesem Teile;
Von dort: "Pasiphae kroch in die Kuh,
Und also lockt an sich den Stier die Geile."
Wie Kranichscharen teils nach kurzer Ruh
Gen Libyen fliegen, scheu vor Frost und Eise,
Teils scheu vor Hitze den Riphäen zu,
So ziehn die hier-, die dortenhin im Kreise
Und singen dann ihr Lied mit Reu und Gram
Und schrein von ihrer Schuld nach alter Weise.
Doch jener, der vorhin mir näher kam
Und bat, blieb wieder mit den andern stehen,
Dem Ansehn nach herhorchend, aufmerksam.
Ich, der ich zweimal ihren Wunsch ersehen,
Begann: "O ihr, die Hoffnung aufrechthält,
Seis, wann es sei, zum Frieden einzugehen,
Nicht reif noch unreif ließ ich auf der Welt
Den Leib zurück und hob auf diesen Wegen
Mit Fleisch und Bein und Blut mich eingestellt.
Ich stieg empor, die Blindheit abzulegen,
Und geh—ein Himmelsweib erfleht es mir—
Mit dem, was sterblich ist, dem Licht entgegen.
Doch wie sich euch erfüllen mag, was ihr
So heiß ersehnt: zum Himmel euch zu Schwingen,
Dem lieberfüllten räumigen Revier;
So sprecht, ich wills zu aller Kunde bringen:
Wer seid dort ihr, um die die Flamme schwirrt,
Und wer sind die, die euch entgegengingen?"
So stutzt, erstaunt, verblüfft, der Bergeshirt,
Dem beim Umherschaun selbst die Worte fehlen,
Wenn, roh und wild, er sich zur Stadt verirrt,
Wie sie—ihr Ansehn könnt es nicht verhehlen—
Allein sobald ihr trübes Staunen schwand,
Das bald sich abklärt in erhabnen Seelen,
"Heil dir, des Fuß den Weg in unser Land,"
Sprach er, den ich aus frührer Frage kannte,
"Des Geist zur Besserung Erfahrung fand!
Vernimm, daß jene Schar im Trieb entbrannte,
Ob des man Cäsarn, so, daß ers gehört,
Einst beim Triumphe Königin benannte,
Drum schrien sie: Sodom!—was sie einst betört,
Voll Reue tadelnd, wie du jetzt vernommen;
So wird der Brand durch Scham noch aufgestört.
Im Zwittertriebe waren wir entglommen,
Doch weil wir menschliches Gesetz verlacht,
Von tierischen Gelüsten eingenommen.
Drum rufen wir, auf eigne Schmach bedacht,
Des Weibes Namen aus, wenn wir uns trennen,
Das sich im Viehgebild zum Vieh gemacht.
Nun hortest du mich unsre Schuld bekennen,
Doch unsre Namen kundzutun verbeut
Die Zeit; auch wüßt ich alle nicht zu nennen.
Wer ich bin, höre, wenn es dich erfreut.
Guid Guinicell, zur Läutrung zugelassen,
Weil ich vor meinem Tod die Schuld bereut."—
Wie hergestürzt, die Mutter zu umfassen,
Die Söhne, da sein Schwert Lykurgus schwang,
So wollt ich tun, doch mußt ich mehr mich fassen,
Als meines Vaters Name mir erklang,
Des Vaters manches, der vom süßen Minnen
Besser als ich in holden Weisen sang.
Ich ging und sah ihn an in tiefem Sinnen
Und sagte nichts und hörte keinen Laut,
Auch ließ die Glut nicht weiter mich nach innen.
Doch als ich satt mich dann an ihm geschaut,
Erbot ich mich, in allem ihm zu dienen,
In solcher Art, der gern der andre traut.
Und er: "Wie du so freundlich mir erschienen.
Tilgt deine Spur in mir nicht Leibes Flut,
Und ewig wirst du meinen Dank verdienen.
Doch meinst dus wirklich denn mit mir so gut,
So sprich, warum? Sprich, weshalb eben wieder
So liebevoll auf mir dein Auge ruht?"
Und ich darauf: "Ob deiner süßen Lieder,
Die teuer sind den Herzen fort und fort,
Sinkt nicht der neuern Sprache ganz danieder."
"Ach, Bruder," sprach er, und bei diesem Wort
Zeigt er mit seinem Finger hin auf einen,
"Der Sprache bessrer Schmied war jener dort,
Der in Romanz und Liebesliedern keinen
Unüberwunden ließ; und Toren sind,
Die ihn von Giraut übertroffen meinen.
Nicht nach der Wahrheit—nach des Rufes Wind
Gerichtet werden Meinung und Gesichter;
So läßt Vernunft und Kunst sie taub und blind.
So machtens mit Guitton viel alte Richter,
Des Lob so viele schrien, weil andre schrien,
Bis Wahrheit ihn besiegt und andre Dichter.
Jetzt, wenn so weites Vorrecht dir verliehn,
Daß dirs erlaubt ist, zu dem Kloster droben,
Wo Christus selber Abt ist, hinzuziehn,
So bet ein Paternoster doch dort oben
Bei ihm für mich, soweits in dieser Welt
Noch not für uns, die wir der Sünd enthoben."
Drauf schwand er, jenem, der sich nah gestellt,
Vielleicht Platz machend, in der Flammen Röte,
Wie in der Flut ein Fisch, der niederschnellt.
Und dem Gewiesnen naht ich mich und flehte
Ihn inniglich um seinen Namen an,
Dem schon Willkommen! meine Sehnsucht böte.
Worauf er gleich mit frohem Mut begann:
"Die edle Frage weißt du zu verschönen,
Daß ich mich bergen weder will noch kann.
Ich bin Arnald und geh in Schmerz und Stöhnen,
Den Wahn erkennend der Vergangenheit,
Und singe, hoffend, dann in Jubeltönen.
Jetzt bitt ich dich, hast du die Herrlichkeit
Auf dieses Berges Gipfel aufgefunden,
Dann denke meines Leids zur rechten Zeit."
Hier war er in der Läutrungsglut verschwunden.
Siebenundzwanzigster Gesang
Wie wenn der erste Strahl vom jungen Tage
Im Lande glänzt, benetzt von Gottes Blut,
Wenn Ebro hinfließt unter hoher Wage.
Und Mittagshitz erwärmt des Ganges Flut,
So stand die Sonn itzt, drob der Tag entflohe,
Als uns ein Engel glänzt in heitrer Glut.
Er sang am Felsrand, außerhalb der Lohe:
"Beglückt, die reines Herzens sind!"—und mehr
Als menschlich war sein Ton, der mächtge, frohe.
Drauf: "Weiter nicht, ihr Heilgen, bis vorher
Die Glut euch nagte! Tretet in die Flammen,
Und seid nicht taub dem Sang von dortenher!"
Dies Wort ertönte jetzt, da wir zusammen
Uns ihm genaht, so schrecklich in mein Ohr,
Als hört ich mich zum schwersten Tod verdammen.
Ich sank auf die gefaltnen Hände vor,
Ins Feuer schauend—wen ich brennen sehen,
Des Bild stieg jetzt vor meinem Geist empor.
Die Führer nahten sich, mir beizustehen,
Und tröstend sprach zu mir Virgil: "Mein Sohn,
Du kannst zur Qual hier, nicht zum Tode gehen.
Gedenk, gedenke—konnt ich früher schon
Dich sicher auf Geryons Rücken führen
Wie jetzt, viel näher hier bei Gottes Thron?
War auch die Glut noch loher anzuschüren,
Und stündest du auch tausend Jahre drin,
Doch dürfte sie dir nicht ein Haar berühren.
Glaubst du, daß ich nicht treu der Wahrheit bin,
So nahe dich und halt, um selbst zu schauen,
Des Kleides Saum mit deinen Händen hin.
Leg ab, mein Sohn, leg ab hier jedes Grauen,
Dorthin sei sicher jetzt dein Fuß gewandt!"
Doch säumt ich, wider besseres Vertrauen.
Er, sehend, daß ich starr und stille stand,
Sprach, fast unwillig: "Wie, Sohn, noch verdrossen?
Von Beatricen trennt dich diese Wand!"
Wie sterbend Ppyramus den Blick erschlossen,
Das: Thisbe! klang, gekehrt zum teuren Bild,
Als blutges Rot die Maulbeer übergossen;
So kehrt ich, nicht mehr hart, nein, sanft und mild,
Zum Führer mich, sobald der Nam erschollen,
Der ewig frisch in meinem Herzen quillt.
Drob schüttelt er das Haupt und sagte: "Sollen
Wir diesseits bleiben?" lächelnd, denn ich tat
Wie Knaben, die, besiegt vom Apfel, wollen.
Drauf trat er vor mir in die Flamm und bat
Den Statius, uns folgend, nachzukommen,
Der uns vorher getrennt den langen Pfad.
Ich folgt und hätt, um Kühlung zu bekommen,
Mich in geschmolznes Glas gestürzt. So war
Im höchsten Übermaß die Flamm entglommen.
Doch bot mir Trost mein süßer Vater dar,
Sprechend von ihr, und half mir weiter dringen,
Und sprach: "Ich seh im Geist ihr Augenpaar!"
Wir hörten jenseits eine Stimme singen,
Und dieser folgten wir, ihr horchend, nach,
Indem wir, wo man stieg, der Flamm entgingen.
"Gesegnete des Vaters, kommt!" so sprach
Die Stimm aus einem Licht, dort aufgegangen,
Bei dessen Anschaun mir das Auge brach.
"Die Sonne geht, der Abend kommt"—so klangen
Die Töne fort—"nicht weilt, beeilt den Lauf,
Bevor den Westen dunkles Grau umfangen."
Grad durch den Felsen ging der Weg hinauf,
Und, ostwärts steigend, hielt vor meinen Tritten
Ich die schon matten Sonnenstrahlen auf.
Und als wir wenig Stufen aufgeschritten,
Bemerkten wir am Schatten, der verging,
Sol, uns im Rücken, sei ins Meer geglitten.
Eh gleiches Grau den Horizont umfing
In allen seinen unermeßnen Teilen,
Eh Nacht um alles ihren Schleier hing,
Da mußt auf einer Stufe jeder weilen,
Die uns zum Bett ward, denn die Zeit benahm
Die Macht mehr, als die Lust, empor zu eilen.
Gleichwie die Ziegenherde, satt und zahm,
Im Schatten wiederkäut in stillem Brüten,
Die, hungrig, jähen Sprungs zur Höhe kam,
Wenn nun im Mittagsbrand die Luft entglühten,
Indes der Hirt den Stab zur Stütze macht,
Und dorten steht, gestützt, um sie zu hüten;
Und wie ein Hirt im freien Feld bei Nacht,
Damit kein wildes Tier der Herde schade,
Und sie zerstreu, entlang der Hürde wacht;
So jetzt wir drei auf engem Bergespfade,
Der Zieg ich gleich, den Hirten jenes Paar,
Umschlossen hier und dort vom Felsgestade.
Ob wenig gleich zu sehn nach außen war,
Doch sah ich durch dies wenige die Sterne
Weit mehr, als sonst gewöhnlich, groß und klar.
Indes ich staunt in unermeßne Ferne,
Befiel mich Schlaf, der öfters uns befällt,
Damit der Geist die Zukunft kennen lerne.
Zur Stunde, glaub ich, da vom Sternenzelt
Cytherens erster Strahl die Höhe schmückte.
Wie immerdar, von Liebesglut erhellt,
Sah ich im Traum, der mich mir selbst entrückte,
Ein schönes junges Weib, das hold bewegt,
Durch Wiesen ging und singend Blumen pflückte.
"Lea bin ich, dies wisse, wer mich fragt,
Ich liebe, Kränze windend, hier zu wallen,
Und emsig wird die schöne Hand geregt.
Ich will, geschmückt, im Spiegel mir gefallen.
Die Schwester Rahel liebt es, stets zu ruhn,
Und läßt dem Spiegel keinen Blick entfallen.
Und freut sie sich der schönen Augen nun,
So bin ich froh, mich mit den Händen schmückend,
Denn schaun befriedigt sie, und mich das Tun."
Des Tages Vorlicht, um so mehr entzückend,
Je mehr des Pilgrims Nachtquartier dem Ort
Der Heimat nah ist, scheuchte, höher ruckend,
Die Finsternis von allen Seiten fort,
Mit ihr den Traum; drum eilt ich, aufzusteigen,
Und sah schon aufrecht beide Meister dort.
"Die süße Frucht, die auf so vielen Zweigen
Voll Eifer sucht der Sterblichen Begier,
Bringt alle deine Wünsche heut zum Schweigen!"
Mit dieser Rede sprach Virgil zu mir,
Und nie empfand bei Erdenherrlichkeiten
Ein Mensch noch solche Lust, als ich bei ihr.
Hinauf! Mich triebs und triebs, hinauf zu schreiten!
So fühlt ich nun mit jedem Schritt zum Flug
Die Schwingen wachten und sich freier breiten.
Und wie er mich empor die Stufen trug,
Stand bald ich auf der höchsten dort mit beiden,
Wo fest auf mich Virgil die Augen schlug.
"Des zeitlichen und ewgen Feuers Leiden
Sahst du, und bist, wo weiterhin nichts mehr
Ich durch mich selbst vermag zu unterscheiden.
Durch Geist und Kunst geleitet ich dich her;
Zum Führer nimm fortan dein Gutbedünken;
Dein Pfad ist fürderhin nicht steil und schwer.
Sieh dort die Sonn auf deine Stirne blinken,
Sieh, durch des Bodens Kraft und ohne Saat
Entkeimt, dir Gras, Gesträuch und Blumen winken.
Bis sich dir froh ihr schönes Auge naht
Das mich zu dir einst rief mit bittern Zähren,
Ruh oder wandle hier auf heiterm Pfad.
Nicht harre fürder meiner Wink und Lehren,
Frei, grad, gesund ist, was du wollen wirst,
Und Fehler wär es, deiner Willkür wehren,
Drum sei fortan dein Bischof und dein Fürst.
Achtundzwanzigster Gesang
Begierig schon, zu spähn umher und innen
Im göttlichen, lebendgen, dichten Wald,
Der sanft den Morgen milderte den Sinnen,
Verließ ich das Gestad nun alsobald,
Um langsam, langsam in das Feld zu treten,
Auf einem Grund, dem ringsum Duft entwallt.
Von einem Lüftchen, einem sanften, steten,
Ward leiser Zug an meiner Stirn erregt,
Nicht mehr, als ob mich Frühlingswind umwehten.
Er zwang das Laub, zum Zittern leicht bewegt,
Sich ganz nach jener Seite hin zu neigen,
Wohin der Berg den ersten Schatten schlägt.
Doch nicht so heftig wühlt er in den Zweigen,
Daß es die Vöglein hindert, im Gesang
Aus grünen Höhn all ihre Kunst zu zeigen.
Nein, wie der Lüfte Hauch ins Dickicht drang,
Frohlockten sie ihr Morgenlied entgegen,
Wozu, begleitend. Laubgeflüster klang,
So klingts, wenn Zweig um Zweige sich bewegen
Im Fichtenwald an Chiassis Meergestad,
Sobald sich des Schirokko Schwingen regen.
Schon war ich mit langsamem Schritt genaht,
Und bald so dicht vom alten Hain umschlossen,
Daß nicht zu sehn war, wo ich ihn betrat.
Da sieh die Bahn durch einen Bach verschlossen,
Der links hin, mit der kleinen Wellen Schlag
Die Gräser bog, die seinem Bord entsprossen.
Das reinste Wasser hier am klarsten Tag,
Trüb scheint es und vermischt mit fremden Dingen,
Vergleicht mans dem, wo nichts sich bergen mag,
Obwohl, da Schatten ewig es umringen,
Es dunkel, dunkel strömt und nie hinein
Der Sonne noch des Mondes Strahlen dringen.
Es stand mein Fuß; doch jenseits in den Hain
Ließ übern Fluß ich meine Blicke schreiten,
Und sah dort mannigfache grüne Main.
Und mir erschien—so stellt dem Blick zuzeiten
Sich unversehn Erstaunenswertes dar,
Den Geist von allem andern abzuleiten—
Ein einsam wandelnd Weib, das wunderbar
Im Gehen sang, aufsammelnd Blüt um Blüte,
Womit vor ihr bemalt der Boden war.
"O Schöne, die du, zeigt sich das Gemüte,
Wies pflegt, im Äußern, mich zu glauben zwingst,
Daß an der Liebe Strahl dein Herz entglühte,
O käme Lust dir, daß du näher gingst,"
Ich sprachs zu ihr, den Fuß zum Bache lenkend,
"Daß ich verstehen könne, was du singst.
Dich seh ich jetzt, Proserpinens gedenkend,
Des Orts auch, wo die Mutter sie verlor,
Und sie den Lenz, sich in die Nacht versenkend."
Und wie die Tänzerin, die kaum empor
Die Sohlen hebt, mit engen Schritten gleitend,
Ein zartes Füßlein kaum dem andern vor;
So sah ich sie, durch bunte Blumen schreitend,
Jungfräulich bodenwärts den Blick gewandt,
Und Ehrbarkeit und Würde sie begleitend,
5o daß ich bald den Wunsch befriedigt fand,
Indem ich, wie sie näher hergezogen,
Den Sinn des süßen Liedes wohl verstand.
Sobald sie dort war, wo des Flusses Wogen
Den grünen Rasen am Gestad besprühn,
Erhob sie hold der Wimpern schöne Bogen.
Nicht mocht, als Amor, übermäßig kühn,
Die Mutter wund mit seinem Pfeile machte,
In solcher Lust Cytherens Auge glühn.
Am rechten Ufer stand sie dort und lachte,
Und pflückte Blumen von der Wiese Saum,
Die ohne Saat hervor die Höhe brachte.
Das Bächlein trennt uns um drei Schritte kaum,
Doch Hellespont, den Xexes überschritten,
Noch jetzt dem höchsten Menschenstolz ein Zaum,
Hat schärfer nicht Leanders Haß erlitten,
Indem er Sestos und Abydos schied,
Als meinen er, ein Hemmnis meinen Schritten.
"Ihr seid hier neu und weil in dem Gebiet,"
Begann sie nun, "das an der Menschheit Morgen
Zu ihrer Wiege Gott, der Herr, beschied,
Ich lächle, staunt ihr noch und seid in Sorgen.
Doch zeigt der Psalm: Herr, du erfreutest mich—
Euch klar das Licht, das Nebel noch verborgen.
Du, der du vorn stehst und mich batest, sprich;
Noch scheinst du einem Zweifel nachzuhängen,
Drum frage nur, und ich befriedge dich."
"Das Wasser," sprach ich, "samt des Waldes Klängen,
Sie müssen das, worauf ich kaum getraut,
Da sie ihm widersprechen, hart bedrängen."
Drum sie: "Vom Grunde des, was du geschaut,
Und was gehört, sei Kunde dir beschieden;
Sie scheucht den Nebel, welcher dich umgraut.
Das höchste Gut, allein in sich zufrieden,
Den Menschen schufs zum Guten gut, und wies
Dies Land ihm an, als Pfand für ewgen Frieden,
Aus welchem bald ihn seine Schuld verstieß,
Die Schuld, die süße Spiele mit Beschwerden,
Mit Zähren ehrbar Lachen wechseln ließ.
Damit, entqualmt dem Wasser und der Erden
Die Dünste, die der Hitze nach, so weit
Es möglich ist, emporgezogen werden,
Ihn nicht befehdeten mit ihrem Streit,
Stieg himmelwärts der Berg in solcher Weise,
Und ist vom Tor an ganz von Dunst befreit.
Nun, weil noch immerfort im ersten Gleise
Der Lüfte ganzer Zirkellauf sich dreht,
Wenn nichts ihn unterbricht in seinem Kreise,
Trifft diesen Gipfel, der frei ragend steht,
Die Lebensluft, die, jedes Blatt bewegend,
Den dichten Wald mit diesem Klang durchweht.
Die Pflanze, sich in ihrem Hauche regend,
Beschwängert dann die Luft mit ihrer Kraft,
Und diese streut sie aus in jede Gegend.
Die Länder, wie ihr Boden wirkt und schafft,
Ihr Himmelsstrich und ihre Lage, treiben
Dann Bäume von verschiedner Eigenschaft.
Nun wird dies fürder nicht ein Wunder bleiben,
Wie manche Pflanzen, wo man nicht bestellt,
Ja, ohne sichtbarn Samen doch bekleiben.
Und wissen sollst du, daß im heilgen Feld,
In dem du bist, die Samen alle sprießen,
Und Früchte, nie gepflückt in eurer Welt.
Den Fluß auch siehst du nicht aus Adern fließen,
Genährt vom Dunst, den Kälte niederpreßt,
Die bald vertrocknen, bald sich wild ergießen.
Ihm ward ein Quell, aus welchem, stät und fest,
Die Wässer, die dem Doppelarm entfluten,
Die Wille Gottes neu ersetzen läßt.
Der Arm hier hat die Kraft, daß in den Fluten
Jedweder Schuld Erinnerung versinkt;
Der andre dort erneuert die des Guten,
Der hier heißt Lethe; aber dorten winkt
Dir Eunoe—allein nur jenen letzen
Wird seine Kraft, der aus dem erstem trinkt.
Kein Wohlgeschmack ist seinem gleich zu schätzen;
Und wäre schon genügend, was ich sprach,
Vermöcht ich auch nichts weiter zuzusetzen,
Doch bring ich gern noch einen Zusatz nach,
Und deinen Dank vermein ich zu verdienen,
Wenn ich dir mehr erfüll, als ich versprach.
Den alten Dichtern, glaub ich, wenn von ihnen
Gepriesen ward das Glück der goldnen Zeit,
War dieser Ort im Traumgesicht erschienen.
Hier sproß die Menschheit ohne Schuld und Leid,
Hier jede Frucht in ewgem Frühlingsleben,
Hier schmeckst du noch des Nektars Lieblichkeit."
Und als sie noch mir solches kundgegeben,
Kehrt ich mich um, und sah ein Lächeln hier,
Bei diesem Schluß, der Dichter Mund umschweben,
Dann aber wandt ich wieder mich zu ihr.
Neunundzwanzigster Gesang
In Sang, nach liebentglühter Frauen Art,
ließ sie zuletzt der Rede Schluß verhallen:
"Heil, wem bedeckt jedwede Sünde ward."
Und gleichwie Nymphen, in der Waldnacht Hallen,
Hier vor der Sonne Strahlen fliehend, dort
Aufsuchend ihren Schimmer, einsam wallen;
Ging sie dem Strom entgegen hin am Bord,
Ich, folgend kleinem Schritt mit kleinem Schritte,
Ging sie begleitend gegenüber fort.
Kaum hundert waren mein und ihrer Tritte,
Da bog mit beiden Ufern sich der Bach,
Und ostwärts ging ich durch des Waldes Mitte.
Nicht lange zog ich dieser Richtung nach,
Da sah ich sich zu mir die Schöne wenden:
"Mein Bruder, halt itzt Ohr und Auge wach!"
Sie sprachs, und gleich durchlief von allen Enden
Ein schnell entstandner Glanz den großen Hain;
Ich glaubt, es möge mich ein Blitzstrahl blenden,
Doch weil, wie kommt, so geht des Blitzes Schein
Und dieser Glanz sich dauernd nur vermehrte,
So dacht ich still bei mir: Was mag das sein?
Und durch die Luft, die helle, lichtverklärte,
Zog süßer Laut, und eifrig schalt ich jetzt.
Daß Evas Frevelmut zu viel begehrte.
Wo Erd und Himmel nicht sich widersetzt,
Da fühlt ein Weib sich, kaum der Ripp entsprossen,
Vom Schleier, der ihr Aug umzog, verletzt.
O hätte sie sich fromm in ihm verschlossen,
Hätt ich die überschwänglich große Lust,
Wohl früher schon und länger dann genossen.
Nachdem ich zweifelnd, meiner kaum bewußt,
In diesen Erstlingswonnen fortgegangen,
Mit Drang nach größern Freuden in der Brust,
Da glüht, als war ein Feuer aufgegangen,
Die Luft im Laubgewölb—es scholl ein Ton,
Und deutlich hört ich bald, daß Stimmen sangen.
Hochheilge Jungfraun, wenn ich öfter schon
Frost, Hunger, Wachen treu für euch ertragen,
Jetzt treibt der Anlaß mich, jetzt fordr ich Lohn.
Laßt auf mich her des Pindus Wellen schlagen,
Urania sei meine Helferin,
Was schwer zu denken ist, im Lied zu sagen.
Ich glaubte sieben Bäume weiterhin
Von Gold zu schaun, allein vom Schein betrogen
War durch den weiten Zwischenraum mein Sinn.
Denn als ich nun so nahe hingezogen,
Daß sich vom Umriß, der den Sinn betört,
Gestalt und Art durch Ferne nicht entzogen,
Da ließ die Kraft, die den Verstand belehrt,
Anstatt der Bäume Leuchter mich erkennen,
Und deutlich ward Hosiannasang gehört.
Und oben sah ich das Geräte brennen,
Und heller ward die Flamm als Lunas Licht
In Monats Mitt um Mitternacht zu nennen.
Zum Führer wandt ich staunend mein Gesicht,
Doch nichts vermocht er weiter vorzubringen,
Als was ein tief erstauntes Antlitz spricht.
Da blickt ich wieder nach den hohen Dingen,
Die langsamer als eine junge Braut,
Sich stillbewegend, mir entgegengingen.
"Was bist du doch", so schalt die Schöne laut,
"Für die lebendgen Lichter so entglommen,
Daß nicht auf das, was folgt, dein Auge schaut?"
Und hinter ihnen sah ich Leute kommen,
Wie man dem Führer folgt, weiß ihr Gewand,
Weiß, wie man nichts auf Erden wahrgenommen.
Das Wasser glänzte mir zur linken Hand,
Worin, wenn ich in seinen Spiegel sähe,
Ich meine linke Seite wiederfand.
Als ich am rechten Platze war, so nahe,
Daß nur der Fluß mich schied, hemmt ich den Schritt,
Um besser zu erschaun, was dort geschahe.
Ich sah, wie jede Flamme vorwärts glitt,
Und hinter jeder blieb ein helles Strahlen,
Das, Pinselstrichen gleich, die Luft durchschnitt.
So sah man sieben Streifen oben strahlen,
Sie allesamt in jenen Farben bunt,
Die Phöbes Gurt und Phöbus Bogen malen.
Nicht ward ihr Ende meinem Auge kund,
Doch sah ich, daß an beiden äußern Grenzen
Zehn Schritt der erste von dem letzten stund.
Und wie ich also sah den Himmel glänzen,
Da zogen drunten, zwei an zwei gereiht,
Zweimal zwölf Greise her in Lilienkränzen.
Und alle sangen: "Sei gebenedeit
In Adams Töchtern! Herrlich und gepriesen
Sei deine Huld und Schön in Ewigkeit."
Und als nun die beblümten frischen Wiesen,
Die jenseits das Gestad des Bachs begrenzt,
Die Auserwählten nach und nach verließen,
Sah ich, wie Stern um Stern am Himmel glänzt,
Vier Tiere dort zunächst sich offenbaren,
Und jedes ward mit grünem Laub bekränzt
Und war versehn mit dreien Flügelpaaren,
Mit Augen ihre Federn ganz besetzt,
Wie die des Argus, als er lebte, waren.
Nicht viel der Reime, Leser, wend ich jetzt
Auf ihre Form, denn sparsam muß ich bleiben,
Da größrer Stoff mich noch in Kosten setzt.
Laß von Ezechiel sie dir beschreiben;
Von Norden sah er sie, so wie er spricht,
Mit Sturm, mit Wolken und mit Feuer treiben.
Wie ich sie fand, beschreibt sie sein Bericht,
Nur stimmt Johannes in der Zahl der Schwingen
Mir völlig bei und dem Propheten nicht.
Es stellt im Raum sich, den die Tier umfingen,
Ein Siegeswagen auf zwei Rädern dar,
Des Seil an eines Greifen Hälse hingen.
Und in die Streifen ging der Flügel Paar,
Die hoch, den mittelsten umschließend, standen,
So, daß kein Streif davon durchschnitten war.
Sie hoben sich so hoch, daß sie verschwanden;
Gold schien, soweit er Vogel, jedes Glied,
Wie sich im andern Weiß und Rot verbanden.
Nicht solchen Wagen zum Triumph beschied
Rom dem Augustus, noch den Afrikanen;
Ja, arm erschiene dem, der diesen sieht,
Sols Wagen, der, entrückt aus seinen Bahnen,
Verbrannt ward auf der Erde frommes Flehn
Durch Zeus gerechten Ratschluß, wie wir ahnen,
Man sah im Kreis drei Fraun sich tanzend drehn
Am Rande rechts, und hochrot war die eine,
Gleich lichter Glut der Flammen anzusehn.
Die zweite glänzte hell in grünem Scheine,
Gleich dem Smaragden, und die dritte schien
Wie frisch gefallner Schnee an Weiß und Reine.
Die Weiße sah man bald den Reigen ziehn,
Die Rote dann, und nach dem Sang der letzten
Die andern langsam gehn und eilig fliehn.
Links vier im Purpurkleid, die sich ergötzten,
Und, wie die eine, mit drei Augen, sang,
Nach ihrer Weis im Tanz die Schritte setzten.
Nach allen diesen kam den Pfad entlang,
Ungleich in ihrer Tracht, ein paar von Alten,
Doch gleich an Ernst und Würd in Mien und Gang.
Der erste war für einen Freund zu halten
Des Hippokrat, den die Natur gemacht,
Um ihrer Kinder liebste zu erhalten.
Der andre schien aufs Gegenteil bedacht,
Mit einem Schwert, und durch das scharfe, lichte,
Ward ich diesseits des Bachs in Angst gebracht.
Dann kamen vier daher, demütge, schlichte,
Und hinter ihnen kam ein Greis, allein
Und schlafend, mit scharfsinnigem Gesichte.
Die sieben schienen gleich an Tracht zu sein
Den ersten zweimal zwölf, doch nicht umblühten
Die Häupter Lilienkränz in weißem Schein,
Rosen vielmehr und andre rote Blüten,
Und wer vom weiten sie erblickte, schwor,
Daß oberhalb der Braun sie alle glühten.
Mir gegenüber fuhr der Wagen vor,
Worauf ein Donnerhall mein Ohr ereilte,
Und sich des Zugs Bewegung schnell verlor,
Der jetzt zugleich mit seinen Fahnen weilte.
Dreißigster Gesang
Sobald der Empyren Gestirn des Norden,
(Das nimmer aufgeht, noch sich wieder senkt,
Und das durch Sünden nur umnebelt worden;
Bei welchem jeder dort der Pflicht gedenkt,
Zu der es leitet, wie den Kahn hienieden,
Das, welches tiefer steht, zum Hafen lenkt),
Stillstand, da wandten, dies vom Greifen schieden,
Die zweimal zwölf und vier Wahrhaften, sich
Zum Wagen hin als wie zu ihrem Frieden.
Und einer, der des Himmels Boten glich,
Rief dreimal singend zu der andern Sange:
"Komm, Braut vom Libanon, und zeige dich!"
Wie bei des Weltgerichts Posaunenklange
Der Selgen Schar, mit leichtem Leib umfahn,
Dem Grab erstehen wird mit eilgem Drange,
So hoben von des heilgen Wagens Bahn
Wohl hundert sich bei solcher Stimme Schalle,
Des ewgen Lebens Diener, himmelan.
"Heil dir, der kommt!" so klangs im Widerhalle,
"Streut Lilien jetzt mit vollen Händen hin!"
Und Blumen warfen rings und oben alle.
Schon sah ich bei des Tages Anbeginn
Geschmückt den Osten sich mit Rosen zeigen,
Sah klar den Himmel und die Königin
Des Tages, sanft umschattet, höher steigen,
So daß, da ihren Schimmer Dunst umfloß,
Mein Blick ihn aushielt, ohne sich zu neigen.
Hier, durch die. Blumenflut, die sie umschloß,
Und niederstürzend um und in den Wagen,
Sich aus der Himmelsboten Hand ergoß,
Sah ich ein Weib in weißem Schleier ragen,
Olivenzweig ihr Kranz, und ums Gewand,
Das Feuer schien, des Mantels Grün geschlagen.
Mein Geist, dem schon so manches Jahr entschwand,
Seit er in ihrer Gegenwart mit Beben
Demütgen Staunens bange Lust empfand,
Fühlt, eh das Aug ihm-Kunde noch gegeben,
Durch die geheime Kraft, die ihr entquoll,
Die alte Liebe mächtig sich erheben.
Kaum war der hohen Kraft die Seele voll,
Der Kraft, durch die, bevor ich noch entgangen
Der Knabenzeit, mein wundes Herz erschwoll,
So wandt ich links mich hin, mit dem Verlangen,
Mit dem ein Kind zur Mutter läuft und Mut
Im Schrecken sucht und Trost im Leid und Bangen,
Um zu Virgil zu sagen: "Ach mein Blut!
Kein Tröpflein blieb mir, das nicht bebend zücke—
Ich kenne schon die Zeichen alter Glut."
Doch sein beraubt ließ uns Virgil zurücke,
Virgil, der väterliche Freund—Virgil,
Dem sie mich übergab zu meinem Glücke.
Was Eva einst verloren, da sie fiel,
Nicht half es mir, die Tränen zu vermeiden,
Wovon ein Strom die Wangen niederfiel.
"O Dante, mag Virgil auch von dir scheiden,
Nicht weine drum, noch jetzo weine nicht;
Zu weinen ziemt dir über andres Leiden!"
Und wie mit ernstgebietendem Gesicht
Ein Admiral, der, musternd seine Scharen
Vom hohen Bord, sie mahnt an ihre Pflicht,
So war sie links im Wagen zu gewahren,
Als ich nach meines Namens Klang mich bog,
Den hier die Not mich zwang, zu offenbaren;
Ich sah die Frau, die erst sich mir entzog,
Als sie erschien, in jener Engelfeier,
Wie nach mir her ihr Blick von jenseits flog.
Doch ihr vom Haupte wallend ließ der Schleier,
Der von Minervens Laub umkränzet ward,
Mir ihren Anblick nur noch wenig freier.
Stolz sprach sie nun mit königlicher Art,
Gleich einem, der erst mild spricht, anzuschauen,
Und sich das härtre Wort fürs Ende spart:
"Schau her, Beatrix bin ich! Welch Vertrauen
Führt dich zu diesen Höhn? Wie? Weißt du nicht,
Beglückte wohnen nur in diesen Auen."
Ich sah zum Bach hinab, sah mein Gesicht,
Sah auf die Blumen dann, die mich umgaben,
Gedrückt die Stirn von schwerer Scham Gewicht.
So stolz erscheint die Mutter ihrem Knaben,
Wie sie mir schien; denn ihr mitleidig Wort
Schien den Geschmack der Bitterkeit zu haben.
Sie schwieg, da sang der Engel Chor sofort
Den Psalmen: Herr, auf dich nur steht mein Hoffen,
Bis: Stellest meine Fuß auf weiten Ort.
Wie auf den Rücken Welschlands, welcher offen
Den Stürmen ragt, der Schnee, im Frost gehäuft,
Zu Eis erstarrt, vom slawschen Wind getroffen,
Dann, in sich selbst versickernd, niederträuft,
Wenn laue Wind aus Libyen ihn verzeihen,
So wie, dem Feuer nah, das Wachs zerläuft;
So war ich ohne Seufzer, ohne Zähren,
Bevor die Engel sangen, deren Sang
Nur Nachklang ist vom Lied der ewgen Sphären.
Doch als im Lied ihr Mitleid mir erklang,
Wohl heller klang, als hätten sie gesungen:
"Was, Herrin, machst du ihm das Herz so bang?"
Da ward das Eis, das fest mein Herz umschlungen,
Zu Hauch und Wasser bald und kam durch Mund
Und Auge bang aus meiner Brust gedrungen.
Sie, welche, wie zuvor, im Wagen stund,
Sie wandte sich dem Engelchor entgegen,
Und tat den heilgen Scharen dieses kund:
"Ihr wacht im ewgen Tag, und nimmer mögen
Euch einen Schritt entziehen Schlaf und Nacht,
Den das Jahrhundert tut auf seinen Wegen.
Drum ist die Antwort wohl für ihn bedacht,
Der drüben weint, damit sie klar beweise,
Daß große Schuld auch große Schmerzen macht.
Nicht durch die Kraft allein der ewgen Kreise,
Die jedes Wesen zu dem Ziele lenkt,
Das ihm sein Stern gesteckt für seine Reise,
Durch das auch, was die Gnade Gottes schenkt,
Sie, deren Regen solche Dünst umgeben,
Daß sich kein Blick in ihre Tiefen senkt,
War dieser einst in seinem neuen Leben
Gar hoch begabt, um sich zur Trefflichkeit
Durch rechte Sitte mächtig zu erheben.
Doch wilder wird in schnöder Üppigkeit
Jedweder schlechte Same sich entfalten,
Je kräftger ist des Bodens Fruchtbarkeit.
Wohl wußt ich einge Zeit ihn festzuhalten,
Indem ich ihm die jungen Augen wies;
Da ließ er gern als Führerin mich walten.
Doch hatt er, als ich kaum die Welt verließ,
Zum bessern Sein zu gehn, sich mir entzogen,
Indem er andern ganz sich überließ.
Als ich vom Fleisch zum Geist emporgeflogen,
Und höhre Tugend, höhern Reiz empfahn,
Da war er minder hold mir und gewogen.
Er wandte seinen Schritt zur falschen Bahn,
Trugbildern folgend schnöden Wonnelebens,
Den falschen Lockungen und leerem Wahn.
Im Traum und Wachen rief ich ihn vergebens,
Und Mahnung haucht ich ihm und Warnung ein,
Doch blieb er taub im Leichtsinn eiteln Strebens.
Ein Mittel könnt ihm nur zum Heil gedeihn,
So tief schon hatt er sich im Wahn verloren,
Und solches war der Anblick ewger Pein.
Deswegen drang ich zu der Hölle Toren
Und habe den, der ihn herauf geführt,
Mit Bitten und mit Tränen dort beschworen.
Nicht wärs, wie sichs nach ewgem Rat gebührt,
Wenn er durch Lethe ging und sie genösse,
Und nicht vorher, bußfertig und gerührt,
In Reuezähren seine Schuld ergösse.
Einunddreißigster Gesang