"Du, jenseits dort am heilgen Strom," so kehrte
Sie jetzt der Rede Spitze gegen mich,
Nachdem die Schneide schon mich hart versehrte,
Fortfahrend ohne Säumen: "Sprich, o sprich,
Ist dieses wahr? Erkennst du deine Fehle?
Auf solche Klage ziemt die Beichte sich."
Die Stimme regte sich, doch in der Kehle
Erstarb das Wort; denn, statt gehoffter Huld.
Verwirrte finstre Strenge meine Seele.
Nur wenig hatte sie mit mir Geduld:
"Was sinnst du? Sprich! Noch tilgten nicht die Wogen
Der Lethe die Erinnrung deiner Schuld."
Furcht und Verwirrung, sich vermischend, zogen
Ein Ja! aus meinem Mund, das zwar erblickt
Vom Auge ward, allein dem Ohr entzogen.
Gleichwie zu scharf gespannt die Armbrust knickt,
Und, wenn sich Sehn und Bogen überschlagen,
Den Pfeil mit mindrer Kraft zum Ziele Schickt,
So brach, zu schwach, so schwere Last zu tragen,
Ich jetzt in Seufzer aus und Tränenflut
Und ließ den Ton sich nicht ins Freie wagen.
Drum sie zu mir: "In meiner Wünsche Glut,
Die einst dich jenes Gut zu lieben führte,
Das unserm Wunsch entrückt all andres Gut.
Welch eine Kette wars, die dich umschnürte,
Das auf den Fortschritt, mit verzagtem Sinn,
Die Hoffnung abzulegen dir gebührte.
Und welche Fördrung, welcherlei Gewinn,
Die lockend dir von andrer Stirne lachten?
Was führte dich zu ihrem Wege hin?"
Nach einem tiefen, bittern Seufzer machten
Sich Töne mühsam frei aus meiner Brust,
Die kaum als Wort hervor die Lippen brachten.
"Die Gegenwart, mit ihrer falschen Lust,"
So weint ich, "hat, als eure Blick entschwanden,
Rückwärts zu wenden meinen Schritt gewußt."
"Verschwiegst, vermeintest du, was du gestanden,"
Sprach sie, "nicht minder wärs dem Richter kund,
Vor dessen Blick die Lüge nie bestanden.
Doch wenn man sich verklagt mit eignem Mund.
So wird hier abgestumpft das Schwert der Rache,
Und Gnade macht des Sünders Herz gesund.
Drum, daß dein Wahn dich mehr erröten mache,
Und daß dein Herz zu jeder andern Zeit
Die Lockung der Sirenen kühn verlache,
Laß ab vom Weinen jetzt und Traurigkeit;
Vernimm vielmehr, welch andern Weg zu wallen
Dir ziemend war, als mich der Tod befreit.
Nichts ließ Natur und Kunst dir je gefallen,
Wie jenen Leib, in dem ich dort erschien,
Des schöne Glieder jetzt in Staub zerfallen.
Und sahest du die höchste Wonn entfliehn
Bei meinem Tod, was konnte dich besiegen?
Welch irdsche Lust dich fürder an sich ziehn?
Beim Reiz der Dinge, die das Herz betrügen,
Bei ihrem ersten Pfeil, wars ziemend, mir,
Die ich mein Sein verwandelt, nachzufliegen.
Nicht niederziehn sollt er die Schwingen dir,
Nicht harren solltest du der andern Pfeile,
Des Mägdleins nicht, nach andrer eitlen Zier.
Der junge Vogel harrt in träger Weile
Des zweiten Pfeils, doch der beschwingte flieht
Und schützt vor Netz und Pfeilen sich durch Eile."
Gleichwie ein Knabe schweigend niedersieht,
Wenn Vorwurf und Bewußtsein ihn verstören,
Und Reue sein Gesicht zur Erde zieht;
So stand ich dort: "Betrübt dich schon das Hören,"
Sie sprachs, "So sei emporgewandt dein Bart;
Das Schauen wird noch deinen Schmerz vermehren."-
In ihrem Widerstande minder hart,
Läßt ihrem Grund die Eiche sich entreißen,
Wenn sie von Nordsturms Macht durchschüttelt ward,
Als ich das Kinn erhob, da sies geheißen.
Auch fühlt ich, da sie Bart für Antlitz sprach,
Des Wortes Gift an meinem Herzen reißen.
Das Antlitz hob ich zögernd und gemach,
Und sieh, die schönen englischen Gestalten,
Sie ließen jetzt im Blumenstreuen nach.
Mein Blick, kaum fähig noch, ein Bild zu halten,
Erschaute sie, dem Greifen zugewandt,
In dem, dem einen, zwei Naturen walten.
Sie schien, verschleiert, jenseits dort am Strand,
Das, was sie einst war, jetzt zu überwinden,
Wie sie vordem die andern überwand.
Wie mußt ich da der Reue Schmerz empfinden!
Wie, was mich von ihr abgewandt, die Lust
Der eiteln Welt jetzt hassenswürdig finden!
So nagte Selbstbewußtsein meine Brust,
Daß ich hinsank—mit welchem innrem Beben,
Ihr, die es mir erregt, ihr ists bewußt.
Als äußre Kraft das Herz mir neu gegeben,
Sprach über mir sie, die mir erst allein
Erschienen war: "Mich fass, um dich zu heben!"
Sie zog mich bis zum Hals den Fluß hinein,
Glitt, wie ein Webschiff, ohne sich zu senken,
Auf seiner Fläch und zog mich hinterdrein,
Um mich zum selgen Ufer hinzulenken.
Dort klangs: "Entsündge mich!" so süß—ich kann
Es nicht beschreiben, ja, nicht wieder denken.
Die schöne Frau erschloß die Arme dann,
Umschlang mein Haupt und taucht es in die Wogen,
Drob ich vom Wasser trank, das mich umrann.
Drauf, als sie mich gebadet vorgezogen,
Bot sie zum Tanze mich den schönen vier,
Die hold um meinen Hals die Arme bogen.
"Wir sind am Himmel Sterne, Nymphen hier.
Und als zur Welt Beatrix kam, so gingen
Als ihre Dienerinnen wir mit ihr.
Wir werden dich ihr vor die Augen bringen;
Dir schärfen dann, fürs holde Licht darin
Den Blick die drei, die schauend tiefer dringen."
Sie sangen diese Worte zum Beginn,
Worauf sie mich zur Brust des Greifen brachten.
Dort wandte sie nach uns das Antlitz hin.
Sie sprachen dann: "Hier darfst du frei betrachten,
Wir stellten dich vor der Smaragden Licht,
Woraus dich wund der Liebe Pfeile machten."
Mir weckt ein glühend Sehnen ihr Gesicht
Und band an ihrer Augen Glanz die meinen;
Die ihren wichen vor dem Greifen nicht.
Und drinnen sah ich den zwiefachen Einen,
Gleichwie die Sonn im Spiegel, schimmernd klar,
Als diesen bald, als jenen bald erscheinen.
Nun denke, Leser, selbst, wie wunderbar,
Das Abbild, sich verwandelnd, zu erblicken,
Obwohl das Urbild stets dasselbe war.
Indes die Seel in Staunen und Entzücken
Die Speise kostete, die größern Drang
Nach sich erweckt, je mehr wir uns erquicken,
Da sah ich jene drei vom höchsten Rang,
Dies zeigte die Gebärd, uns nahe kommen,
Den Engeltanz begleitend mit Gesang.
"Beatrix, laß den Blick, den heilgen, frommen,"
So sangen sie, "auf deinen Treuen sehn,
Der dich zu schaun so hoch emporgeklommen.
Enthüll aus Gnad ihm deinen Mund, wir flehnl
Die zweite Schönheit, die du noch verborgen,
O laß sie auf vor seinen Augen gehen!"
O Glanz lebendgen Lichts! o ewger Morgen!
Wer trank so tief aus des Parnassus Flut,
Wer ward so bleich in seinen Mühn und Sorgen,
Daß er vermag, mit freiem, kühnem Mut
Sich deiner Schilderung zu unterfangen,
Wenn du bei Himmelsharmonien in Glut
Den unbewölkten Lüften aufgegangen?
Zweiunddreißigster Gesang
Den zehenjährgen Durst zu löschen, hingen
An ihrem Reiz die Augen, so voll Gier,
Daß mir die andern Sinne ganz vergingen.
Seitwärts baut eine Mauer dort und hier
Nichtachtung auf, denn mit dem Netz, dem alten,
Zog mich ihr heilges Lächeln hin zu ihr.
Da wandten mir die himmlischen Gestalten
Mit Macht nach meiner Linken das Gesicht,
Mit diesem Ruf: Im Schauen Maß gehalten!
Nun stand ich dort wie einer, den das Licht
Der Sonne mit dem Flammenpfeil geblendet,
Und dem zunächst die Sehkraft ganz gebricht.
Doch als das wenge sie mir neu gespendet—
Nach jenem vielen wenig und gering,
Von dem ich mit Gewalt mich abgewendet—
Da sah ich, das ruhmvolle Kriegsheer fing
Sich rechts zu kehren an, indems den Lichten,
Den sieben, nach, der Sonn entgegenging.
Wie, wenn die Scharen auf den Sieg verzichten,
Sie unterm Schild sich mit der Fahne drehn,
Eh sie, geschwenkt, sich ganz zum Rückzug richten,
So war die Schar des Himmelreichs zu sehn,
Und eh sich um des Wagens Deichsel legte,
Sah man den Zug vor und vorübergehn.
Die sieben Frauen rechts und links, bewegte
Der Greif die heilge Last mit stiller Macht,
So daß an ihm sich keine Feder regte.
Ich, Statius, sie, die mich zum Furt gebracht,
Wir leiteten dem Rade nach die Schritte,
Das, umgeschwenkt, den kleinern Bogen macht.
So ging es durch des hohen Waldes Mitte,
Öd, weil der Schlang einst Eva Glauben gab,
Und Engelsang gab Maß für unsre Tritte.
Dreimal so weit nur, als ein Pfeil herab
Vom Bogen fliegt, war nun der Zug gekommen,
Und Beatrice stieg vom Wagen ab.
"Adam!" so ward ein Murmeln rings vernommen,
Und einen Baum, von Laub und Blüten leer,
Umringt im Kreise nun die Schar der Frommen.
Sein Haar verbreitet sich so mehr, je mehr
Er aufwärts steigt, hoch, daß er selbst den Indern
Durch seine Höhe zum Erstaunen war.
"Heil dir, o Greif, mit deinem Schnabel plündern
Willst du nicht diesen Baum, der Süßes zwar
Dem Gaumen gibt, doch Marter dann den Sündern."
So rief rings um den starken Baum die Schar.
Und er, in dem sich Leu und Aar verbunden:
"So nimmt man jedes Rechtes Samen wahr."
Die Deichsel, wo ich ziehend ihn gefunden,
Schob er zum öden Stamm und ließ am Baum,
Aus ihm entnommen, sie an ihn gebunden.
Wie unsre Pflanzen, wenn zum Meeressaum
Das große Licht sich senkt, von dem umschlossen,
Das nach den Fischen glänzt am Himmelsraum,
Sich üppig blähn zu neuen jungen Sprossen,
Jede gefärbt nach der Natur Gebot, .
Eh Sol den Stier erreicht mit seinen Rossen;
So, mehr als Veilchen zwar, doch minder rot
Als Rosenglut, erneute sich die Pflanze,
Die erst verwaist erschien und kahl und tot.
Und wie sie nun erblüht im neuen Glanze,
Ertönt ein nie gehörter Lobgesang,
Doch nicht ertrug mein müder Sinn das Ganze.
Könnt ich euch malen, wie mit süßem Klang
Von Pan und Syrinx einst Merkur den Späher,
Den unbarmherzgen, zum Entschlummern zwang,
So zeigt ich, wie nach einem Urbild, eher,
Wie jener Sang in Schlummer mich gebracht,
Doch das Entschlummern sing ein bessrer Seher.
Ich springe bis zur Zeit, da ich erwacht,
Da mir ein Glanz zerriß den dunkeln Schleier,
Und eine Stimme rief: Steh auf, hab acht!
Wie zu der Blut des Baums, des Apfel teuer
Den Engeln sind, den nichts erschöpfen kann,
Der Speise gibt zur ewgen Hochzeitsfeier,
Geführt, Jakobus, Petrus und Johann
Aus ihrer Ohnmacht bei dem Wort erstanden,
Bei dessen Klang wohl tiefrer Schlaf entrann,
Und nun vermindert ihre Schule fanden.
Denn Moses und Elias waren fort,
Und ihren Herrn in anderen Gewanden;
So ich—und über mich gebogen dort
Stand jetzt die Schöne, wie um mein zu hüten,
Die mich geführt entlang des Flusses Bord.
"Wo ist Beatrix?" rief ich, und mir glühten
Vor Angst die Wangen. "Auf der Wurzel", sprach
Die Schöne, "sitzt sie unter neuen Blüten.
Sieh hin, wer sie umgibt. Dem Greifen nach
Entflohn empor die anderen, mit Sange,
Der süßer, tiefer klang, als dort am Bach.
Ob sie noch mehr gesprochen und wie lange,
Nicht weiß ich es, denn mir im Auge stand
Sie, die mein Ohr versperrte jedem Klange.
Sie saß allein auf jenem reinen Land,
Wies schien, zur Hut des Wagens dort gelassen,
Den an den Baum der Zweigestaltge band.
Die sieben Nymphen sah ich sie umfassen,
Im Kreis, die Lichter haltend, die vom Zwist
Des Nord- und Südwinds nie sich löschen lassen.
"Als Fremdling weilst du dort nur kurze Frist
Und wirst mit mir als ewger Bürger bleiben
In jenem Rom, wo Christus Römer ist.
Zum Heil der Welt mit ihrem bösen Treiben
Schau auf den Wagen, um, was du gesehn,
Zurückgekehrt, den Menschen zu beschreiben."
Beatrix sprachs—wie könnt ich widerstehn?
Ganz so, wies der Gebieterin gefallen,
Ließ ich voll Demut Geist und Auge gehn.
Nicht sah man je so schnell aus Himmels Hallen.
Aus dichter Wölk, ein flammendes Geschoß,
Den Blitz aus fernster Höhe niederfallen,
Als auf den Baum Zeus Vogel niederschoß,
Nicht wühlend bloß in Blüten und in Blättern,
Die Rind auch brechend, die sein Mark umschloß.
Dann sah man ihn zum Wagen niederschmettern,
Der bei dem Stoße rechts und links sich bog,
Gleich einem Schiff im Kampf mit wilden Wettern.
Dann war ein Fuchs, der jähen Sprunges flog,
Ins Innre selbst des Wagens eingebrochen,
Wohin ihn Gier nach beßrer Speise zog.
Doch mit dem Vorwurf des, was er verbrochen,
Trieb meine Herrin ihn so eilig fort,
Als laufen konnten seine magern Knochen.
Und nochmals stürzte von dem hohen Ort,
Wie schon vorhin, der Adler in den Wagen,
Und ließ ihm viel von seinen Federn dort.
Und wie aus banger Brust der Laut der Klagen,
Klang aus dem Himmel eine Stimm und sprach:
"Mein Schifflein, schlechte Ladung mußt du tragen!"
Und unten, zwischen beiden Rädern, brach
Der Erde Grund, ausspeiend einen Drachen,
Der nach dem Wagen mit dem Schwanze stach.
Dann zog er ihn zurück, wies Wespen machen,
Nahm einen Teil des Bodens mit und schien,
Von dannen eilend, des Gewinns zu lachen.
Der Rest des Wagens blieb, doch sah man ihn
Mit Federn, die wohl reiner Sinn gespendet,
Wie üppig Land mit Gras, sich überziehn.
Und dieses Werk war so geschwind vollendet,
Und voll die Deichsel und das Räderpaar,
Bevor die Brust ein Oh! und Ach! beendet.
Und Häupter trieb, als er verwandelt war,
Der Wagen vor, an den vier Ecken viere,
Drei aber nahm man auf der Deichsel wahr,
Die letzten drei gehörnt wie die der Stiere,
Die ersten vier mit einem Horn versehn;
So glich er nie geschautem Wundertiere.
Und sicher, wie auf Bergen Schlösser stehn,
Saß eine zügellose Hure drinnen
Und ließ umher die flinken Augen spähn.
Und, gleich, als solle sie ihm nicht entrinnen,
Stand ihr zur Seit ein Ries, und diese zwei
Sah ich sich küssen und sich zärtlich minnen.
Allein, weil sie die Augen gierig frei
Auf mich gewandt, schlug sie der wilde Freier
Vom Kopf zum Fuß mit wütendem Geschrei.
Drauf löst er ab vom Baum das Ungeheuer,
Von Argwohn voll und wildem Zorn und Arg,
Und zog es durch den Wald, des dichter Schleier
Die Hure samt dem Wundertier verbarg.
Dreiunddreißigster Gesang
Herr, eingefallen sind die Heiden! fingen,
Abwechselnd drei und vier, mit süßem Klang,
Doch tränenvoll, die Frauen an zu singen.
Beatrix horchte schweigend dem Gesang,
Verwandelt wie Maria, die mit Grauen
Des Mutterschmerzes unterm Kreuze rang.
Doch als nun ihrem Wort die andern Frauen
Erst Raum gegeben, sah ich sie erstehn,
Grad, aufrecht, gleich dem Feuer anzuschauen.
" Über ein kleines sollt ihr nicht mich sehn,
Und wiederum, ihr Schwestern, meine Lieben,
Über ein kleines werdet ihr mich sehn."
Sie sprachs und stellte vor sich alle sieben,
Und hinter sich, durch ihren Wink allein,
Die Frau, mich und den Weisen, der geblieben.
Sie ging, doch mochtens kaum zehn Schritte sein,
Die sie gegangen und uns gehen lassen,
Da blitzt ins Auge mir des ihren Schein.
"Geh itzt geschwinder," sagte sie gelassen,
"Komm näher her, daß, red ich nun mit dir,
Du wohl vermögend seist, mein Wort zu fassen."
Kaum war ich, wie ich sollte, nah bei ihr,
Da sprach sie: "Bruder, bist mir nah gekommen,
Doch zu erfragen wagst du nichts von mir?"
Wie wenn von zuviel Ehrfurcht schwer beklommen
Mit seiner Obrigkeit ein niedrer Mann
Halblaut und stockend spricht und kaum vernommen,
So sprach ich jetzt, da ich zu ihr begann:
"O Herrin, Ihr erkennt ja mein Verlangen,
Und was ich brauch, und was mir frommen kann."
Und sie: "Mach itzt dich los von Scham und Bangen,
Ich wills, und rede sicher nun und klar,
Und nicht wie einer, der im Traum befangen.
Der Wagen, den die Schlange brach, er war,
Doch wer dies zu verschulden sich nicht scheute,
Er fürchte Gottes Rach auf immerdar!
Nicht immer sonder Erben wird, wie heute
Der Adler sein, der ihm die Federn ließ,
Drob er erst Ungeheuer ward, dann Beute.
Schon nahen Sterne sich—wie ichs gewiß
Im Geist erkannt, so sei es ausgesprochen—
Da kommt, von Schranke frei und Hindernis,
Fünfhundert fünf und zehn hervorgebrochen,
Ein Gottgesandter, der die Dirn erschlägt
Zusamt dem Riesen, der mit ihr verbrochen.
Und hab ich jetzt dir Worte vorgelegt,
Wie Sphinx und Themis, schwierig zu erraten,
Daher dein Geist im Dunkel Zweifel hegt,
So lösen bald dies Rätsel dir die Taten
Statt der Najaden auf, und unbedroht
Verbleiben drob die Herden und die Saaten.
Merk, was ich sagt, und höre mein Gebot:
Du sollst es dort den Lebenden erzählen,
Im Leben, das ein Rennen ist zum Tod.
Nicht sollst du, wenn du dorten schreibst, verhehlen,
Wie du den Baum gesehn. Erinnre dich:
Du sahst zu zweien Malen ihn bestehlen.
Wer diesen Baum bestiehlt und freventlich
Verletzt, kränkt Gott mit tätgen Lästerungen,
Denn er schuf heilig nur den Baum für sich.
Für solchen Raub hat qualenvoll gerungen
Fünftausend Jahr und mehr der erste Geist
Nach ihm, des Tod des Bisses Fluch bezwungen.
Wohl schlummert dein Verstand, wenn du nicht weißt,
So hoch sei jener Baum aus tiefen Gründen,
Wenn dir des Gipfels Bau dies nicht beweist.
Und hätte nicht, wie Elsas Flut, mit Rinden
Von Stein dein Grübeln die Vernunft bedeckt,
Und war ihr Licht dir nicht getrübt von Sünden,
So hättest du, was das Verbot bezweckt,
Und wie darin der Herr gerecht erscheine,
Am Baum durch solche Zeichen leicht entdeckt.
Doch weil dein Geist verhärtet ist zum Steine,
Befleckt von Schuld, verworren und berückt
Und blöde bei der Wahrheit hellem Scheine,
So nimm, zwar nicht als Wort, doch ausgedrückt
Als Bild, in dir die Rede mit von hinnen,
Wie man den Pilgerstab mit Palmen schmückt."
Und ich: "So fest, als nur im Wachse drinnen
Das Bild sich hält, das drein das Siegel gräbt,
Trag ich, was ihr gezeichnet habt, hier innen.
Doch was, wenn sich so hoch mein Blick nicht hebt,
Fliegt eur ersehntes Wort in solche Sphären,
Daß er es mehr verliert, je mehr er strebt."
"Auf, daß du wissest, welcher Schule Lehren",
So sprach sie, "du gefolgt, und sehst, wie weit
Sie meinem Wort zu folgen sich bewähren;
Und wie ihr fern mit eurem Wege seid
Von Gottes Weg, so fern, wie von der Erden
Des höchsten Himmels Glanz und Herrlichkeit."
Und ich: "Nicht wills mir klar im Geiste werden,
Daß ich mich je entfernt von eurer Spur;
Nicht fühl ich im Gewissen drob Beschwerden."
"Entsinnst du dessen dich nicht mehr?" so fuhr
Sie lächelnd fort; "doch von der Lethe Fluten
Trankst du noch heute, des gedenke nur.
Und, wie man richtig schließt vom Rauch auf Gluten,
So siehest du durch dies Vergessen klar,
Daß du dich abgewandt vom wahren Guten.
Jetzt wahrlich stellt, von jeder Hülle bar,
Soviel, im engsten Kreise sich bewegend,
Dein Blick es fassen kann, mein Wort sich dar."
Und flammender, sich trägem Schrittes regend,
Betrat jetzt Sol des Meridians Gebiet,
Das stets ein andres ist in andrer Gegend.
Da standen still, wie, wer als Führer zieht
Vor einer Schar, sich schickt zum Stillestande,
Wenn er auf seinem Wege Neues sieht,
Die sieben Fraun an dichten Schattens Rande.
Wie grünbelaubt schwarzästig Waldgeheg
Auf kalte Flüss ihn fließt im Alpenlande.
Euphrat und Tigris schien vor ihrem Weg
Sich aus derselben Quelle zu ergießen,
Sich dann, wie Freunde, trennend, still und träg.
"O Licht, der Menschheit Ruhm, welch Wasser sprießen
Seh ich aus einem Ursprung hier und dann
Sich von sich selbst entfernend weiterfließen?"
Auf diese Bitte hob Beatrix an:
"Mathilden bitt,"—und diese sprach dagegen,
Wie wer vom Vorwurf leicht sich lösen kann:
"Dies und noch anderes ihm auszulegen,
Versäumt ich nicht, was, des bin ich gewiß,
Der Lethe Wässer nicht zu tilgen pflegen."
Beatrix drauf: "Die größre Sorg entriß,
Wies oft geschieht, dies seinem Angedenken
Und ließ sein geistig Aug in Finsternis.
Doch Eunoe sieh—eil, ihn dahin zu lenken,
Und, wie du immer pflegst, ihm durch die Flut
Mit Leben die erstorbne Kraft zu tränken."
Wie ohn Entschuldigung, wer, mild und gut,
Als eignen Willen fremden aufgenommen,
Der sich durch Wink und Wort ihm zeigte, tut,
So ging, nachdem sie mich am Arm genommen,
Die schöne Frau und sagte weiblich mild
Zu Statius: "Auch du sollst mit ihm kommen."
Hätt ich, o Leser, Raum zu größerm Bild,
So würd ich dir zum Teil die Wonnen singen
Des Tranks, der Durst erregt, wenn er ihn stillt.
Doch läßt sich nichts mehr auf die Blätter bringen,
Die ich zu diesem zweiten Lied erkor,
Drum hemmt der Zaum der Kunst mein Weiterdringen.
Ich ging aus jener heilgen Flut hervor,
Wie neu erzeugt, von Leid und Schwäche ferne,
Gleich neuer Pflanz in neuen Lenzes Flor,
Rein und bereit zum Flug ins Land der Sterne.
Das Paradies
Erster Gesang
Der Ruhm des, der bewegt das große Ganze,
Durchdringt das All, und diesem Teil gewährt
Er minder, jenem mehr von seinem Glanze.
Im Himmel, den sein hellstes Licht verklärt,—
War ich und sah, was wiederzuerzählen
Der nicht vermag, der von dort oben kehrt.
Denn, nahn dem Ziel des Sehnens unsre Seelen,
Das unsern Geist zur tiefsten Tiefe zieht,
Dann muß der Rückweg dem Gedächtnis fehlen.
Doch alles, was im heiligen Gebiet
Nur einzusammeln war von selger Schöne,
Der edle Schatz, sei Stoff jetzt meinem Lied.
Apollo, Gütger, leih mir deine Töne
Zum letzten Werk—mach ein Gefäß aus mir,
Wert, daß es dein geliebter Lorbeer kröne.
Mir gnügt ein Gipfel des Parnaß bis hier,
Doch, soll der Rennbahn Ziel der Sieger grüßen,
So fleh ich jetzt um beid empor zu dir.
Den Odem hauch in mich, den reinen, süßen,
Daß du hier stark, wie bei dem Wettkampf, seist,
Den Marsyas kämpft, um frevlen Stolz zu büßen.
O Götterkraft, wenn du dich jetzt mir leihst,
Den Nachschein von des selgen Reiches Glanze
Zu malen aus dem Bild in meinem Geist,
Dann siehest du mich nahn der teuren Pflanze
Und, durch den Stoff und dich des wert, geschmückt
Und reichgekrönt mein Haupt mit ihrem Kranze.
Wenn man ihr Laub, o Vater, selten pflückt,
Um Cäsars und des Dichters Sieg zu ehren,
Weil Schuld und Schmach den Willen niederdrückt,
Muß Freud es wohl dem freudgen Gott gewähren,
Den Delphos preist, kehrt nun mit kühnem Mut
Nach Daphnes Laub ein Herz all sein Begehren.
Und weckt ein kleiner Funk oft große Glut,
So fleht nach mir zu höherer Verkündung
Ein andrer wohl um deine Hilf und Hut.—
Den Sterblichen entsteigt aus mancher Mündung
Das Licht der Welt; allein in einer sind
Vier Kreise mit drei Kreuzen in Verbindung,
Wos bessern Lauf mit besserm Stern beginnt,
So daß der Erde Wachs in diesem Zeichen
Von ihm ein schöneres Gepräg gewinnt.
In ihm hieß Sol den Tag bei uns erbleichen
Und dort entglühn; und auf dem Halbkreis hier
Die schwarze Nacht sich nahn und dort entweichen.
Und links gewandt erschien Beatrix mir,
Und wie kein Aar je fest und ungeblendet
Zur Sonne sah, so blickte sie zu ihr.
Und wie der erste Strahl den zweiten sendet,
Der, ihm entflammt, hell auf- und rückwärts blitzt,
Dem Pilgrim gleich, der sich zur Heimat wendet,
So macht ihr Blick, der durch die Augen itzt
Mein Innres traf, zur Sonn auch meinen steigen,
Mit größrer Kraft, als onst der Mensch besitzt.
Viel darf man dort, was hier zu übersteigen
Die Kraft pflegt, die uns nimmer dort gebricht,
Am Ort, den Gott schuf als der Menschheit eigen.
Nicht lang ertrug ichs, doch so wenig nicht,
Um nicht zu sehn, daß, wie dem Feur entnommen,
Das Eisen sprüht, sie sprüht in Glut und Licht.
Und plötzlich schien ein Tag zum Tag zu kommen,
Als sei durch den, ders kann, am Himmelsrand
Noch eine zweite neue Sonn entglommen.
Fest schauend nach den ewgen Kreisen, stand
Beatrix dort, und ihr ins glanzerhellte
Gesicht sah ich, von oben abgewandt,
Und fühlte, da mir Lust das Innre schwellte,
Was Glaukus fühlt, als er das Kraut geschmeckt,
Das ihn im Meer den Göttern zugesellte.
Verzückung fühlt ich. Was sie sei, entdeckt
Die Sprache nicht, mags drum dies Beispiel Iehren,
Wenn je in euch die Gnade sie erweckt.
Ob ich nur Seele war?—Du magsts erklären,
O Liebe, Himmelslenkerin, die mich
Mit ihrem Licht erhob zu jenen Sphären.
Als nun der Kreis, der durch dich ewiglich
In Sehnsucht rollt, mein Aug an sich gezogen
Mit Harmonien, verteilt, gemischt durch dich,
Durchflammte Sonnenglut des Himmels Bogen
So weit hin, wie von Strom und Regenflut
Kein See noch je erstreckt die breiten Wogen.
Des Klanges Neuheit und die lichte Glut,
Sie machten, daß ich vor Begierde brannte,
Wie nimmer sie erweckt ein andres Gut;
Drob sie, die mich, wie ich mich selbst, erkannte,
Mir zu befriedgen den erregten Geist,
Noch eh ich fragte, schon sich zu mir wandte
Und sprach: "Ein Wahn ist Schuld, daß du nicht weißt,
Was du sogleich erkennen wirst und sehen,
Sobald du dich von seinem Trug befreist.
Du glaubst noch auf der Erde fest zu stehen,
Doch flieht kein Blitz aus seinem Vaterland
So schnell, wie du jetzt eilst, hinaufzugehen."
Kaum daß der erste Zweifel mir verschwand,
Durchs kurze Wort und ihres Lächelns Frieden,
Als wieder schon ein neuer mich umwand.
Ich sprach: "Vom Staunen ruht ich schon zufrieden;
Doch steig ich jetzt durch leichte Stoff empor,
Drum ist dazu mir neuer Grund beschieden."
Ein Seufzer weht aus ihrem Mund hervor,
Dann sah sie hin auf mich, wie auf den Knaben
Die Mutter blickt, die sagen will: Du Tor!
"Die Dinge sämtlich", so begann sie, "haben
Unter sich Ordnung, und das All ist nur
Durch diese Form gottähnlich und erhaben.
Die höhern Wesen sehn in ihr die Spur
Der Kraft, der ewgen, die zum Ziel gegeben
Vom Schöpfer ward der Ordnung der Natur.
Nach ihr nun sehn wir alle Wesen streben,
Ob hoch ihr Los, ob niedrig sei; ob mehr,
Ob minder nah sie ihrem Ursprung leben.
Sie treiben durch des Seins unendlich Meer,
Geleitet vom Instinkt, den Gott als Steuer
Jedwedem gab, auf mancher Bahn daher.
Er trägt zum Mond empor das rege Feuer,
Er ists, der rund den Bau der Erde drückt,
Er ist der Herzschläg Ordner und Erneurer.
Nicht nur auf Wesen, die vernunftlos, zückt
Er, wie ein Bogen, seine sichern Pfeile,
Auf die auch, die Vernunft und Liebe schmückt.
Die Vorsicht, die zum Ganzen eint die Teile,
Die durch ihr Licht des Himmels Ruh erhält,
In dem der Kreis sich dreht von größter Eile,
Läßt zum bestimmten Platz in jener Welt
Uns jetzo durch die Kraft der Sehne bringen,
Die, was sie treibt, nach heiterm Ziele schnellt.
Wahr ists, daß, wie oft Formen nicht gelingen,
Wie sie in sich des Künstlers Geist empfahn,
Wenn spröde mit der Kunst die Stoffe ringen,-
So das Geschöpf oft weicht von seiner Bahn,
Denn ihm ist von Natur die Kraft verliehen,
Trotz jener Kraft, sich anderm Ziel zu nahn,
Wenn erdenwärts es falsche Reize ziehen;
Wie aus der Wolke, wenn das Wetter grollt,
Zum Boden hin des Feuers Strahlen fliehen.
Nun staunst du, war ich klar, wie ich gewollt,
So wenig drob, daß du emporgestiegen,
Als daß der Bach vom Berg zur Tiefe rollt.
Bliebst du, von Hemmnis frei, am Boden liegen,
Erstaunenswerter wärs, als sähest du
Träg an den Grund sich lebend Feuer schmiegen."
Hier wandt ihr Antlitz sich dem Himmel zu.
Zweiter Gesang
O ihr, die ihr, von Hörbegier verleitet,
Des Nachens Fahrt nach meinem Schiff gewandt,
Das mit Gesange durch die Fluten gleitet,
Kehrt wieder heim zu dem verlaßnen Strand,
Schifft nicht ins Meer, denn, die mir folgen, wären
Vielleicht verirrt, wenn meine Spur verschwand.
Ich steure hin zu nie befahrnen Meeren;
Minerva haucht, Apoll ist mein Geleit,
Neun Musen zeigen mir am Pol die Bären.
Ihr andern wengen, die zur rechten Zeit
Ihr euch geneigt zum Engelsbrot, das Leben
Hienieden uns nie Sättigung verleiht,
Ihr könnt euch kühn aufs hohe Meer begeben,
Wenn ihr daher auf meiner Furche fahrt,
Eh wieder gleich das Wasser wird und eben.
Anstaunen sollt ihr, was ihr bald gewahrt,
Mehr als die Helden, die nach Kolchis zogen,
Anstaunten, daß zum Pflüger Jason ward.
So schnell fast, als des Himmels Kreise, flogen
- Wir fort, zum Reich, dem Gott die Form verlieh,
Vom angebornen, ewgen Durst gezogen.
Beatrix blickt empor und ich auf sie,
Doch kaum so lang, als sich ein Pfeil zu schwingen
Vom Bogen pflegt und fliegt und ruht—da sieh
Mich dort, wo mir der Blick von Wunderdingen
Gefesselt ward, schon angelangt mit ihr;
Und sie, gewohnt, mein Innres zu durchdringen,
Sie wandte sich so froh, wie schön, zu mir:
"Auf, bring itzt Gott des Dankes Huldigungen!
Wir sind durch ihn im ersten Sterne hier."
Mir schiens, als hielt uns eine Wolk umschlungen,
Von Glanz durchstrahlt, dicht, ungetrennt und rein,
Wie Diamant, vom Sonnenstrahl durchdrungen.
Die ewge Perle nahm uns also ein,
Gleichwie das Wasser, ohne sich zu trennen,
In sich aufnimmt des Strahles goldnen Schein.
Wenn ich nun Leib war, und wir nicht erkennen,
Wie sich in einem Raum ein zweiter fand,
So, daß im Körper Körper tauchen können,
Was sind wir drum nicht mehr vom Trieb entbrannt,
Das Ursein zu erschaun, in dem wir schauen,
Wie unserer Natur sich Gott verband.
Dort wird uns das, worauf wir gläubig bauen,
Nicht durch Beweis, nein, durch sich selber klar,
Der ersten Wahrheit gleich, auf die wir trauen.
"Ihm, Herrin," sprach ich, "der mich wunderbar
Der Erd entrückt, ihm bring ich jetzt, entglommen
Von frommer Glut, des Dankes Opfer dar.
Doch sprecht, woher die dunkeln Flecken kommen
Auf dieses Körpers Scheib, aus welchen man
Zur Kainsfabel dort den Stoff entnommen."
Sie lächelt erst ein wenig und begann:
"Irrt sich des Menschen Geist in solchen Dingen,
Die nicht der Sinne Schlüssel öffnen kann,
So solltest du dein Staunen jetzt bezwingen,
Erkennend, daß, den Sinnen nach, nicht weit
Sich die Vernunft erhebt mit ihren Schwingen.
Allein was meinst du selbst? Gib mir Bescheid!"
Und ich: "Von dünnern oder dichtern Stellen
Kommt, wie mir scheint, des Lichts Verschiedenheit."
Drauf sie: "Du wirst bald selbst das Urteil fällen,
Daß falsch die Meinung sei, drum gib wohl acht,
Was ich für Gründ ihr werd entgegenstellen.
Der achte Kreis zeigt vieler Sterne Pracht,
An Groß und Eigenschaften sehr verschieden,
Wie ihr verschiednes Ansehn kenntlich macht.
War dies durch Dünn und Dichtigkeit entschieden,
So gäbs in allen ja nur eine Kraft,
Dem mehr, dem minder, jenen gleich beschieden.
Doch der verschiedne Bildungsgrund erschafft
Verschiedne Kräft, und alle diese schwanden,
Nach deinem Satz, vor einer Eigenschaft.
Dann, wenn die Flecken durch die Dünn entständen,
So denke, daß entweder hier und dort
Sich durch und durch stoffarme Stellen fänden;
Oder, gleichwie im Leib an manchem Ort
Die Fettigkeit das Magre deckt, so gingen
Die Schichten durch den Mond abwechselnd fort.
Das Erste würd ans Licht die Sonne bringen,
Wenn sie verfinstert ist—es ward ihr Schein
Dann wie durch andre dünne Stoffs dringen.
Doch dies ist nicht, drum bleibt das Zweit allein,
Und wenn wir widerlegt auch dieses sehen,
Dann wird dein Satz als falsch erwiesen sein.
Kann durch und durch der dünne Stoff nicht gehen,
So muß wohl eine Grenze sein, und hier
Der dichte Stoff den Strahlen widerstehen.
Zurücke blitzt sodann der Strahl von ihr—
So wirft das Glas, auf seiner hintern Seite
Mit Blei belegt, zurück dein Bildnis dir—
Nun sagst du wohl, daß, weil aus größrer Weite
Der Strahl sodann auf dich zurückeprallt,
Er deshalb auch geringres Licht verbreite.
Doch diesen Einwurf widerlegt dir bald
Erfahrung, der, als seiner ersten Quelle,
Jedweder Strom der Wissenschaft entwallt.
Drei Spiegel nimm und zwei von diesen stelle
Gleich weit von dir—dem dritten gib sodann
Entfernter zwischen beiden seine Stelle.
Kehrst du dich ihnen zu, so stelle man
Drauf hinter dich ein Licht, das sich in allen
Zum Widerstrahl des Schimmers spiegeln kann.
Ins Auge wird der fernre kleiner fallen,
Doch wird auf dich von ihnen allzumal
Ein gleich lebendig Licht zurückeprallen.
Jetzt aber, wie beim warmen Sonnenstrahl
Des Schnees Massen in sich selbst zergehen,
Und Farb und Frost zerrinnt im lauen Tal,
So solls dem Wahn in deinem Geist geschehen,
Und durch mein Wort sollst du lebendge Glut
Vor deinem Blick in regem Schimmer sehen.
Im Himmel, wo der Frieden Gottes ruht,
Dreht sich ein Kreis, in dessen Kraft und Walten
Das Sein all des, was er enthält, beruht.
Der nächste Himmel, reich an Lichtgestalten,
Verteilt dies Sein verschiednen Körpern drauf,
Von ihm gesondert, doch in ihm enthalten.
Aus ändern Kreisen von verschiednem Lauf
Nimmt die verschiedne Kraft, in ihnen lebend,
Dann jeder Stern nach seinen Zwecken auf.
So siehst du diese Weltorgane schwebend,
In sich im Kreis bewegt von Grad zu Grad,
Von oben nehmend und nach unten gebend.
Betrachte wohl den Weg, den ich betrat,
Auf dem ich dir erwünschte Wahrheit weise,
Dann findest du wohl künftig selbst den Pfad.
Kraft und Bewegung nehmen jene Kreise
Von Lenkern an, die ewges Heil beglückt,
Wie Stein sich formt nach seines Künstlers Weise.
Den Himmel, den die Schar der Sterne schmückt,
Wird von dem Geist, durch den sie rollend Schweben,
Gepräg und Bildnis mächtig eingedrückt.
Und wie die Seele, noch vom Staub umgeben,
Durch Glieder von verschiedner Art beweist,
Was in ihr für verschiedne Kräfte leben,
So zeiget seine Huld der Weltengeist,
Der ewig einer ist, hier, vielgestaltet,
Im Sternenheer, das durch die Himmel kreist.
Daher verschiedne Kraft verschieden waltet
Im edlen Körper, welchen sie durchdrang,
In dem sie, wie in euch das Leben, schaltet.
Und da sie heiterer Natur entsprang,
Glänzt diese Kraft in jedes Sternes Lichte,
Gleichwie im Augenstern der Wonne Drang.
Durch sie also, und nicht durchs Dünn und Dichte,
Erhält verschiednen Glanz der Sterne Schar;
Daß sie ein Denkmal ihrer Huld errichte,
Schafft diese Bildnerin, was trüb und klar."