Drittens berühren sie nur wie beyläufig und obenhin, gleichsam nur erzehlungsweise, etwas aus dem Evangelium; und doch wär es ihre Pflicht gewesen, sich einzig bey der Erklärung desselben aufzuhalten. Viertens fangen sie wieder eine ganz andere Rolle an, und nehmen eine Theologalfrage vor die Hand, die sich auf das vorhergehende so schicklich wie eine Faust auf das Auge reimt; denn auch dieses halten sie für kunstmässig. Nun fängt der Theolog sich erst recht zu brüsten an; er betäubt die Ohren der Zuhörer mit seinen solennen, subtilen, subtilsten, seraphischen, heiligen, irrefragablen Lehrern, und was dergleichen prächtige Töne mehr seyn mögen. Darauf prahlen sie ihre Syllogismen, Vordersätze, Hindersätze, Folgerungen, Corollarien, frostige Voraussetzungen, und mehr als scholastische Possen, dem tummen Pöbel vor.

Nun ists noch um den fünften Aufzug zu thun, in dem man sich als einen ganzen Meister dargeben muß. Hier ziehen sie ein närrisches und tummes Märchen, ich weiß nicht aus was für einem Historienspiegel oder aus Abentheuern der Römer hervor, das sie sodann allegorisch, tropologisch, und anagogisch behandeln. Und auf diese Weise bringen sie ein Wundergeschöpfe zu Stande, das weit lustiger anzusehen ist, als jenes, welches Horaz, gleich anfangs seiner Dichtkunst, vorzuspiegeln getrachtet hat. Weil sie, ich weiß nicht von wem, gehört haben, man müsse die Rede sanft und ohne Geschrey anfangen, so sind sie anfangs so leise, daß sie sich selbst nicht hören; als ob sie Dinge sagen müßten, die niemand verstehen dörfe. Man hat ihnen etwann gesagt, um die Leidenschaften rege zu machen, seyen Ausrüfe ein vortrefliches Mittel; sie daher, alldieweil sie ganz sanft reden, erheben unversehens die Stimme zu einem ganz rasenden Geschreye, wo sie es doch nicht im geringsten nöthig hätten. Man würde einen Eid ablegen, daß der Mensch, der nur schreyt, damit er schreye, der Nüßwurze benöthigt wäre.

Sie haben gehört, mit dem Fortgange der Rede müsse die Stimme sich erheben; nun, beym Anfange jedes Theiles der Rede sind sie ziemlich gelassen; bald aber fängt die Stimme gewaltig zu lermen an, wenn sie auch die frostigsten Dinge von der Welt sagen; und allemal beym Ende sinken sie so, daß man meynen sollte, von Athem sey nichts mehr in ihnen. Endlich haben sie bey den Redekünstlern gelernt, daß auch das Lachenmachen eine Kunst sey; sie sind daher auch beflissen, etwas Scherzhaftes einzumischen; aber, o huldreiche Venus! wie grazienmäßig, wie schicklich! ists nicht gerade so, wie da der Esel sich als Lautenschlager hervorthun wollte. Ja, beissig sind sie etwann auch; doch so, daß sie mehr kitzeln, als verwunden; wenn sie sich recht Mühe geben, frey von der Brust zu reden, so erweisen sie sich als leibhafte Schmeichler. Kurz, ihr ganzes Betragen ist so, daß man schwören sollte, sie haben Marktschreyer zum Muster gewählt, können aber dasselbe bey weitem nicht erreichen; doch sind sie in gewissem Verstande einander so ähnlich, daß niemand zweifelt, diese haben von jenen, oder jene von diesen, die Redekunst erlernt.

Bey allem dem müssen sie mir es verdanken, daß sie Zuhörer haben, die glauben, sie besitzen an ihnen mehr, als sie an einem Demosthenes oder Cicero würden besessen haben. Hieher gehören insonderheit Krämer und Weiber, denen die gedachten Redner vorzüglich die Ohren zu kitzlen trachten; denn die Erstern lassen ihnen etwann, für das besänftigende Schmeicheln, etwas weniges von ihrem zusammenbetrogenen Vermögen zukommen; und die Letztern sind, unter vielen andern Ursachen, diesem Orden besonders darum gewogen, weil sie den Grollen, den sie wider ihre Ehemänner haben, in den Schooß desselben auszuschütten pflegen. Man müßte also blind seyn, wenn man nicht sähe, wie tief diese Art von Menschen bey mir in der Schuld sey, da sie durch kleine Zeremonien, lächerliche Possen, und kein kleines Geschrey, die Sterblichen gewissermaßen beherrschen und sich mehr als ein Paulus und Antonius zu seyn einbilden. Genug aber von diesen Marktschreyern, die meine Wohlthaten so undankbar verkennen, und sich auf eine ruchlose Weise für fromm ausprahlen.

Es hat mich schon seit langem gelüstet, etwas von Königen und Hofleuten, die sich offenherzig für meine Verehrer angeben, nach Recht und Billigkeit zu berühren. Wenn sie auch nur eine halbe Unze gesunden Menschenverstandes hätten: was könnte traurigers und fliehenswürdigers seyn, als ihr Loos? Nein, derjenige wird sich gewiß nicht durch Meineid und Vatermord auf einen Thron schwingen wollen, der bey sich erwogen hat, welch eine Last auf den Schultern dessen liege, der die Rolle eines Fürsten ehrlich zu spielen gedenkt. Wer am Steuerruder sitzt, hat für das Allgemeine nicht das Eigenthümliche zu sorgen; auf jenes muß er alle seine Gedanken wenden; von Gesetzen, die er selbst gegeben hat, und die er handhaben muß, nicht eines Fingers breit abweichen; auf alles Thun und Lassen der Beamten und Richter ein wachsames Auge haben; denken, die Augen Aller seyen auf ihn gerichtet, wie auf ein günstiges Gestirn; durch ein schuldloses Betragen könne er das Wohlseyn der Menschen ungemein befördern; oder durch eine widrige Aufführung gleichsam zu einem verderblichen Cometen werden; wenn andere Leute Fehler begehen, so haben sie nicht so empfindliche und ausgebreitete Folgen; wenn der Fürst auch nur ein wenig von dem guten Weg abweiche, so schleiche sich sogleich eine Sittenpest in die Herzen vieler Menschen ein; die Glücksumstände eines Fürsten führen vieles bey sich, das geschickt ist, vom Guten wegzulocken; zum Exempel Wollust, Freyheit, Schmeicheley, Ueppigkeit; er könne nicht genug arbeiten, nicht zu sorgfältig wachen, um nicht irgendwo von seiner Pflicht weggeteuscht zu werden; endlich (um von Hinderlist, Haß, Furcht, Gefahr, nichts zu reden) er habe einen König über sich, der in kurzem Rechenschaft über jeden seiner Fehltritte von ihm fordern werde; und dieses um so viel schärfer, je grösser die ihm anvertraute Herrschaft gewesen.

Ja, wenn der Fürst dieses, und vieles dergleichen bey sich erwägen wollte (und erwägen würd er es, wenn er weise wäre) so würden ihm wohl weder Schlaf noch Speise schmecken. Nun aber, Dank sey mir, überlassen die Fürsten alle diese Sorgen den Göttern, thun sich gütlich und gönnen nur denen das Ohr, die es verstehen, ihnen angenehme Dinge vorzuplaudern, damit sich ja nichts von Bekümmerniß in ihr Gemüth einschleichen möge. Sie bereden sich, alle Obliegenheiten eines Fürsten redlich erfüllt zu haben, wenn sie fleißig auf die Jagd reiten; stattliche Pferde halten; obrigkeitliche Stellen und Statthalterschaften theuer verkaufen; täglich neue Handgriffe aussinnen, das Vermögen der Unterthanen zu schmälern, und in ihren Schatz zusammenzuscharren; dabey aber schützen sie verschiedene Dinge vor, um dadurch der ungerechtesten Sache einen Schein von Billigkeit zu geben; mit vielem Fleisse mengen sie etwas schmeichlendes ein, um ja das Herz des Volkes nicht ganz zu verlieren.