Stellen Sie sich, meine Herren, einen Menschen vor (denn zuweilen wird es so ungefehr eintreffen) der von den Gesetzen so viel als nichts versteht, beynahe ein geschworner Feind des gemeinen Besten ist, blos auf seine Gemächlichkeiten sieht, Wollüsten ergeben ist, Gelehrtheit, Freyheit und Wahrheit haßt, an nichts weniger als an die Wohlfahrt des gemeinen Wesens denkt, alles nach seiner Lüsternheit und seinem Eigennutzen abmißt; hängen Sie ihm dann eine goldene Kette um, das Zeichen der Übereinstimmung zusammenhängender Tugenden; setzen Sie ihm eine mit Edelsteinen bereicherte Kron auf, die ihn erinnern soll, er müsse an allen Heldentugenden jedermann übertreffen; versehen Sie ihn mit einem Zepter, dem Merkmahle der Gerechtigkeit und einer wider alle Bestechungen bewaffneten Seele; kleiden sie ihn endlich in Purpur, um anzudeuten, daß er für das Wohlseyn des Volkes eine inbrünstige Liebe habe. Wenn der Fürst solche Verzierungen mit seinem Leben zusammenhalten wollte, so deucht mich, er würde sich seines Putzes schämen, und fürchten, ein naseweiser Dollmetsch möchte dieses Theatergepränge spöttisch ins Gelächter ziehen.

Was soll ich von den vornehmen Hofschranzen sagen? gemeiniglich ist nichts abhänglichers, knechtischers, abgeschmackteres, niederträchtigeres zu finden, und doch bereden sie sich, daß ihnen nichts beykomme. Ja, in einer einzigen Sache sind sie überaus bescheiden: zufrieden, daß sie Geld, Edelgesteine, Purpur, und die übrigen Zeichen der Tugenden und der Weisheit an ihrem Leib umherschleppen können, lassen sie sichs großmüthig gefallen, daß Andere die bezeichneten Dinge sich anschaffen. Sie glauben sich überglücklich zu seyn, daß sie den König ihren Herren nennen dürfen; daß sie gelernet haben, ihn mit ein paar Worten sinnreich anzureden; daß sie es verstehen, wo die Titel, Eure Königliche Hoheit, Eure Majestät, und so weiter schicklich anzubringen seyn; daß sie das Gesicht in verschiedene Falten legen, und eine Schmeicheley artig anbringen können. Dieses, dieses sind die Künste eines Edelmannes, eines Hofmannes. Wenn man ihr übriges Leben genauer beym Lichte betrachtet, so findet man sie noch schöpsenmässiger, als es ehedem die Phäacier waren, oder die Freywerber der Penelope, oder — wenn Sie, meine Herren, noch mehrere wissen wollen, so schlagen Sie den Horaz nach, denn eben gefällts mir nicht, sein Echo zu spielen.

Der vornehme Mann schläft bis gegen Mittag. Beym Aufstehen kömmt der wohlbezahlte Caplan, und thut geschwind das, dazu er amtsmässig gedungen ist. Dann zum Frühstücke. Bald darauf zum Mittagsmahle. Hierauf Karten, Würfel, Possenspiele, Stocknarren, Spöttereyen, liebes Frauenzimmer. Etwas zum Abendbrode. Darauf zur Nachtmalzeit. Auch beym Nachtische giebts Abwechslungen. Also, ohne sich das Leben abzugrämen, verstreichen Stunden, Tage, Monate, Jahre, Jahrhunderte. Mir selbst ist es zuweilen so, als ob ich mich mit Vergnügen vollgepropft hätte, wenn ich diesem Hochleben zugeschaut habe. Jede der Nymphen meynt, den Göttern um so viel näher zu seyn, je länger die Schleppe ihres Rockes ist; die Hofleute zerstossen sich die Ellbögen gewaltig, um dem Fürsten näher zu kommen, und für den grössern Günstling angesehen zu seyn. Jeder schmeichelt sich um so viel mehr, je gewichtiger seine Halskette ist; als ob er nicht nur seinen Reichthum sondern auch seine Stärke zugleich aufzuweisen hätte.

Das Betragen der Fürsten hat schon seit langem, Päbste, Cardinäle und Bischöffe, zu unermüdeten Nacheiferern; und bald haben diese jenen den Vorzug abgelaufen. Was bedeutet das schneeweise Gewand? Ein durchgehends schuldloses Leben. Was die zweyhörnichte Inful? ein Band vereint die beyden Spitzen, und bezeichnet die Einsicht in das Alte und Neue Testament. Was die Handschue? die reine und vor aller irdischen Verunreinigung gesicherte Ausspendung der Sacramente. Was der Hirtenstab? rathsame Besorgung der anvertrauten Heerde. Was das vorhergetragene Kreuz? den Sieg über alle menschlichen Leidenschaften. Wer dieses, und vieles dergleichen bey sich erwägen wollte, der würde ein betrübtes und grämliches Leben führen? Aber herrlich haben sie die Sache eingerichtet: sie weiden sich selbst. Die Sorge für die Schafe empfehlen sie Christo, oder überlassen sie ihren Stellvertretern. Nicht einmal an ihren Titel denken sie; er würde sie an die Arbeit, Sorge, Bekümmerniß eines Bischoffs erinnern. Ja, wenn es um Geldsammlen zu thun ist, dann erinnern sie sich, Bischoff bedeute einen Aufseher, und sie haben die Augen ganz offen.

Die Cardinäle sollten freylich denken: wir sind an die Stelle der Apostel gekommen; was sie thaten, wird auch von uns gefordert; wir sind nicht die Herren der geistlichen Gaben, sondern nur die Verwalter derselben; in kurzem werden wir darüber die genauste Rechenschaft abzulegen haben; was bedeutet unser weisses Gewand? die höchste und erhabenste Unschuld des Lebens. Was der Purpur darunter? die inbrünstige Liebe gegen Gott. Was der so weite Obermantel, daß er das ganze Maulthier Seiner Eminenz bedecket, ja ein Kameel, bedecken könnte? eine weit ausgedehnte Liebe, die sich jedermanns annimmt; lehrt, ermahnt, bestraft, erinnert, Streitigkeiten schlichtet, ruchlosen Fürsten widersteht, und willig nicht nur Reichthümer, sondern das Blut selbst zum Besten des Christenvolkes aufopfert. Aber wozu solche Reichthümer für Statthalter der armen Apostel? Ja, wenn sie diese Dinge bedenken wollten, so würden sie sich keine Mühe geben, diese Würde zu erhalten; oder sie würden sich ihrer mit Freuden entschlagen; oder sie würden nach der Weise der alten Apostel ein ganz arbeitsames und sorgenvolles Leben führen.

Wenn die Päpste, Christi Statthalter, seinem Leben nachzueifern trachteten, nämlich seiner Armuth, seinen Arbeiten, seiner Lehre, seinem Kreuze, seiner Verachtung des Lebens; wenn sie auch nur an den Namen Pabst, daß ist, Vater, oder an den Beynamen Allerheilichster, dächten: was würde dann auf Erden traurigers seyn? wer würde sein Vermögen zur Erkaufung dieser Stelle anwenden? wer würde Schwerdt, Gift, und jede Gewaltthat hervorsuchen, um sich auf der erkauften Stelle zu behaupten? wie viele Bequemlichkeiten würden wegfallen, wenn sie einmal der Weisheit Gehör geben! Der Weisheit, sage ich? Ja, wenn sie auch nur ein Körnlein des von Jesu gelobten Salzes in sich hätten! So viele Reichthümer, Ehren, Herrschaft, Siege, Pflichten, Verwaltungen, Zölle, Ablässe, Pferde, Maulthiere, Trabanten, Wollüste, Ergötzlichkeiten. O welch einen Reichthum von Herrlichkeiten hab ich in wenige Worte zusammengefaßt! einen ganzen Jahrmarkt, eine ganze Erndte!

An die Stelle dieser Dinge würden schlaflose Nächte kommen, Fasten, Thränen, Gebete, Predigten, Tiefsinnigkeiten, Seufzen, und tausenderley dergleichen jämmerliche Arbeiten. Hiezu kommen so viele Schreiber, Copisten, Notäre, Advocaten, Promotoren, Secretäre, Eseltreiber, Roßkamme, Schmarotzer, Unterhändler, Gelegenheitmacher; und ich hätte bald noch etwas schändlichers hinzugesetzt, wenn ich nicht die Ohren schonen wollte. Kurz, eine so grosse Menge von Menschen, die dem Sitze zu Rom zur Last fällt (nein, ich irre mich, Ehre macht) würde sich des Hungers nicht verwehren können. Ja, unmenschlich, abscheulich wäre dieses; aber noch weit verruchter, wenn man sogar die öbersten Fürsten der Kirche, diese wahren Lichter der Welt, an den Bettelstab bringen wollte. Jetzt aber wird alles, was nur ein wenig mühsam ist, einem Petrus und Paulus überlassen, die dazu Zeit und Musse genug haben. Was prächtig und angenehm ist, behält man weislich für sich selbst.

Also geschieht es durch meine Vermittlung, daß bald keine Art von Menschen weichlicher lebt, unbekümmerter. Sie glauben, ihrer Christenpflicht vollkommen zu entsprechen, wenn sie in einem mystischen und beynahe theatralischen Aufputze, mit Ceremonien, mit Titeln, die alles was heilig ist, in sich schliessen, und mit Segnen und Verwünschen, Bischoffe spielen. Wunder thun ist etwas veraltetes, und den heutigen Zeiten ganz und gar nicht angemessen; das Volk lehren, ist knechtische Arbeit; die Schrift erklären, schulfüchsisch; beten, Zeitverschwendung; weinen, elend und weibisch; arm seyn, schändlich; sich besiegen lassen, schimpflich, und dem unanständig, der kaum die grösten Könige zum heiligen Fußkusse läßt; sterben, unangenehm; sich ans Kreuz schlagen lassen, ein Schandfleck. Es bleiben ihnen keine andern Waffen und sanfte Segnungen übrig, als die, deren Paulus (Röm. 16. 18.) Meldung thut; und mit denselben sind sie gewiß sehr freygebig: Interdictionen, Suspensionen, Aggravationen, Anathematisationen, Verdammungsgemählde, und der entsetzliche Bannstrahl, der schon einig ein Stand ist, die Seelen der Sterblichen mit einem Winke bis in die unterste Hölle zu stürzen.