Der Morgen ahnte herauf. Im Osten zeigte sich ein fahles Rot; vor ihm her flog ein großer Vogel mit blauen Flügeln, wie ein solcher nie auf der Insel gesehen worden war, dem Ozean zu, ein eilender Verkünder der Sonne. Im Westen grollte die Ebbe ab, dumpf, als wenn sie sich in hunderttausend tiefe Abgründe stürze. Das Meer lag noch dunkel. Im Norden brannte in schauerlicher Größe die Hallig Buphever. Die schmutzigen, gelben Triele des in den Rinnen zurückgebliebenen Wassers, die Watten, die Bänke, die Muschelhaufen, alles war von rotgelben Tinten übergossen.

Der nächste Wagen war geholt. Die Leute hatten den Staller von den Watten aufgehoben. Er sah finster aus; Schaum stand ihm vorm Munde. Da er nur ganze kurze Zeit im Wasser gelegen hatte, so entfernte sich bald das Häßliche von seinem Körper, das sonst Wellenversunknen eigen zu sein pflegt.

Auf den Inseln aber und weit im ganzen Lande schwang sich bald von Ohr zu Ohr: der Staller Greggert Meinstorff ist ertrunken.

Schon zwei Tage nach dem Tode Greggerts war die Leiche in einem hölzernen Sarge, nachdem dieser dreimal nach altem friesischen, aus der Heidenzeit stammenden Gebrauch um die Kirche getragen, vor den Altar hingesetzt. Nach dem Gottesdienste hatte sich die Menge entfernt, und nur der Küster und seine Leute ordneten zum andern Morgen Blumen-Girlanden, stellten die großen Lichter in Bereitschaft, die die Nacht brennen sollten. Bei Tagesanbruch sollte der Sarg, getragen von den Angesehensten der Insel, auf ein königliches Schiff gebracht, nach dem Festlande abgehen, um in der Familiengruft, nachdem ein metallner Sarg ihn umschlossen, beigesetzt zu werden.

Frau von Meinstorff war noch immer nicht zu sich gekommen. Sie hatte in wildem Schmerz, als der Staller in die Kirche gefahren werden sollte, den Sarg umklammert. Mit sanfter Gewalt war sie endlich von den schwarzen Brettern entfernt worden.

Die großen Lichter brennen düster; sie knistern durch die Kirchenstille. Der Deckel der Truhe ist geöffnet: der Staller ruht feierlich mit über der Brust gekreuzten Händen, seine Augen sind geschlossen, es ist nichts Finsteres mehr in seinem Antlitz.

Frau von Meinstorff hatte den Küster bestochen, den Deckel zu öffnen: sie wollte in seiner Begleitung noch einmal ihren Mann diese Nacht sehen. Der Küster war ein alter, armer, schwacher Mann: er hatte ihren flehentlichen Bitten nachgegeben.

Die großen Lichter brennen düster; sie knistern. Ein verirrter Sperling, durch den Lichterschein schwer geängstigt, stößt gegen die Scheiben, fliegt durch die Gänge, über die Stühle, ruht sich auf dem Kelche aus. An seine kleine Brust klopft sichtbar das Herzchen.

Aus der Loge des Stallers, in der sie sich versteckt hatte, tritt Silk hervor. Das volle, schöne, lange Haar ist aufgelöst und hängt wirr um das süße, blasse Gesicht. Sie schleppt sich mühsam an den Sarg und fällt an ihm nieder. Die linke Hand versucht sich an seinem Rande aufzuhelfen. Sie sinkt zurück. Ihre schwere Stunde ist gekommen. Sie schenkt dem Toten einen Sohn. Aber das Kind, der letzte Meinstorff, stirbt bei der Geburt … und auch die Mutter schließt die lieben, treuen Augen für immer …

Die großen Lichter brennen düster; sie knistern durch die Kirchenstille. Der Sperling flattert noch immer in Todesangst umher.