»Harr se väle Kälen[5]?« fragte Peter.
»Och nee, de könn se god drägen. Se harr di so öwer alle Maten lew ...«
Dem Jungen lief es heiß über den Rücken.
»›Dat Kind, dat arme Kind! ... Wat schall ut Peter weern?‹ So güng dat jümmer wedder ... Ick möß ehr verspräken, ... dat ick jümmer god för di sorgen woll. De Hand heww ick ehr darup geben möst ... Da könn se starwen ... Ach Gott ja, twolf Jahr is dat nu all her ... Wenn'n so trügdenkt ... mannigmal ... ick woll man seggen ... ick harr mannigmal woll bäter för di sorgen könnt ... Ja, dat harr ick ... jawoll, jawoll ... aber glöw mi, ick harr't sülwst nich licht ... Trina is so ganz anners as din' sel' Mudder ... Wenn ick de beholen harr ... Djunge, Djunge! ... Du kennst de Welt noch nich, du weeßt nich, wat so 'n Frugensminsch 'n Keerl ruptrecken kann, wenn se darnah is, und wat se em rünnerrieten kann in'n Dreck ...«
Er blieb plötzlich stehen. Sie hatten eine Höhe erreicht. Vor ihnen im Tale lag ein Dorf. »Dat is Wehlen, nu finnst du woll hen, ick will ümkehren, adjes,« sagte der Vater hastig, gab dem Jungen unbeholfen die Hand, ohne ihn anzusehen, setzte das Bündel nieder, wandte sich um und ging mit langen, steifen Schritten den Hügel hinab.
Peter stand verwundert und sah ihm nach. Unter den Worten des Vaters hatte er mit Liebe seiner Mutter gedacht. Nun fühlte er auf einmal ein warmes Gefühl auch gegen den Vater in sich aufsteigen. Ja, der Mann, der dort hinabschritt, und er, der ihm nachblickte, sie gehörten doch zusammen, trotz allem. Der hatte seine Mutter auch liebgehabt. Und wenn sie bei ihm geblieben wäre ...? Im stillen bat Peter dem Vater ab, wenn er einmal Gedanken der Verachtung und Auflehnung gegen ihn gehabt hatte.
Der Vater war unten im Tale stehengeblieben und hatte sich umgewandt. Mit der Hand die Augen schirmend, schaute er zurück. Und Peter stand noch immer auf der Höhe und sah ihm nach. Sie winkten einander nicht zu, aber doch flog zwischen Vater und Kind ein leises, wehes Abschiedsgrüßen hinüber und herüber ...
Nun verschwand des Vaters Gestalt in einem Fuhrengehölz. Peter wischte sich schnell über die Augen und wandte sich entschlossen herum. Da lag es vor ihm, das Tal, in dessen Schoß ein Stück seiner Zukunft ruhte. Was er dort sah, gefiel ihm wohl. Das Dorf lag an einem Flüßchen, in Wiesen eingebettet. Rechts zogen sich ansehnliche Wälder hin, Tannen und auch etwas Laubwald. Peter, dessen Geburtsort auf einer trockenen, kargen Wasserscheide lag, war von der lieblichen Anmut der Gegend überrascht. Wenn die Menschen nur danach waren, sollte es ihm dort unten schon gefallen. So nahm er denn seine Siebensachen und machte sich munter auf den Weg. Die grünen Spitzen der Gräser wagten sich eben hervor, die Weidenkätzchen steckten vorsichtig die Sammetpfötchen heraus, Krähenscharen lärmten in der Luft, eine Amsel flötete von der Spitze einer Tanne ihr sehnsüchtiges Vorfrühlingslied. Alles ahnte an diesem kühlen, lichten Sonntagabend, daß ein Neues, Herrliches werden wollte, und nicht zum mindesten der junge Schulmeister, der mit langen, frohen Schritten in das Tal hinabstieg.
Nicht weit vom Dorfe begegnete ihm ein kleines Mädchen, dessen Alter er auf sieben Jahre schätzte. Da gab Peter sich einen Ruck und fühlte sich zum erstenmal als Schulmeister. Er machte sich recht gerade, um möglichst groß zu erscheinen, zupfte noch schnell sein Röckchen zurecht, hielt sein Bündel mehr hinter sich und redete das Kind an, freundlich und ein ganz klein wenig väterlich, erst hochdeutsch, dann platt. Aber er bekam aus dem kleinen Ding nichts heraus, weder dessen Namen noch Auskunft über die Lage des Schulhauses. Nach wiederholten Versuchen ging er kopfschüttelnd weiter. Wenn die Kinder hier alle so schwer von Begriff waren, würde er noch seine Last haben.
Bei den ersten Häusern sagte ihm eine Frau, zur Schule müßte er durch den ganzen Ort gehen.