»Meine lieben Kinder,« begann er bewegt.
Die Kinder machten verwunderte Gesichter. Diese Anrede war ihnen fremd, und noch mehr ihr Ton.
»Ihr seid mir vorgestern alle davongelaufen. Aber ich mache euch keinen Vorwurf daraus. Es war meine Schuld ... Des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist. Aber ihr werdet mich, will's Gott, nie wieder so sehen, wie ihr mich gesehen habt ... Wie sagt doch Gott zu dem Brudermörder Kain? ›Die Sünde ruhet vor der Tür. Aber laß du ihr nicht ihren Willen, sondern herrsche über sie.‹ So ist's bei mir, und bei euch, bei uns allen. Gott helfe uns, daß wir über sie herrschen können. Und wenn sie uns einmal überrumpelt, daß wir wieder aufstehen. Und nun laßt uns unseren Morgengesang singen: Aus meines Herzens Grunde, die ersten beiden Verse.«
Die Kinder setzten voll und kräftig ein, und Peter sang das Lied mit einem freudig bewegten Herzen, wie in seinem ganzen Leben nicht. Nur bei den ersten Strophen des zweiten Verses mußte er vor innerer Bewegung schweigen: »Daß du mich hast aus Gnaden in der vergang'nen Nacht vor Gefahr und allem Schaden behütet und bewacht.«
Und dann fing er an, zu unterrichten. Er hatte eigentlich gefürchtet, er würde nach solcher Nacht dafür zu müde sein. Jetzt wunderte er sich, wie ihm die Gedanken zu und die Worte von den Lippen strömten. So hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht unterrichtet, so hatten die Kinder noch nie an seinem Munde gehangen. Was er ihnen heute gab, das stand nicht in den Büchern, die er vor der Schule zur Vorbereitung schnell eingesehen hatte, das nahm er aus seinem Eigensten und Tiefsten. Zwar störten ihn einige Hustenanfälle. Aber wenn er sie überwunden hatte, war er gleich wieder voll Freudigkeit und Kraft, fortzufahren.
Als es Mittag war, entließ er die Kinder. Wie er den sich zur Tür Hinausdrängenden nachsah, fiel ihm plötzlich der Vers von Mignons Bilde ein: »So laßt mich scheinen, bis ich werde.«
Da jauchzte sein Inneres auf. Was er so lange geschienen, das war er heute geworden: ein Schulmeister, ein wirklicher Meister der Schule. All seine bisherige Schulmeisterei erschien ihm plötzlich als Scheinkram, Wortgeplärr, Karrendienst. In diesen drei Stunden erst war er der Herrlichkeit seines Berufes ganz inne geworden. Er hatte nicht nur kleine Finger gesehen, die Buchstaben schreiben lernen wollten, blaue Äuglein, die sie wiederzuerkennen sich mühten. Er, der Gewordene, hatte die Nähe junger Seelen gefühlt, die wachsen und werden wollten ...
Als er vom Mittagessen aus dem Dorf zurückkam, setzte er sich sofort hin, um dem Superintendenten zu schreiben. Er zeigte ihm an, daß er mit den betreffenden Hausvätern Rücksprache genommen habe und die Sache erledigt sei. Was die die Tochter des Schusters betreffende Forderung seines Vorgesetzten anbeträfe, schrieb er diesem ehrerbietig und bestimmt in dem Sinne, wie er sich schon in der Nacht darüber klar geworden war, daß er ihr nicht nachgekommen sei und nicht nachkommen werde. Den Brief schickte er gleich durch einen Jungen an seine Adresse.
Der Superintendent machte beim Lesen dieses Briefes seines jüngsten Schulmeisters verwunderte Augen. Aber seinem Lebensgrundsatz, sich vor aufwallenden, heftigen Gemütsbewegungen aus Pflichtgefühl gegen sich selbst zu hüten, blieb er auch in dieser Sache treu. Er verfolgte sie auch nicht weiter. Beim hohen Konsistorium war für den alten Landeskatechismus nicht mehr viel zu machen. Da hatte der Wind sich in den letzten Jahren auch gedreht. Außerdem verriet ihm der Ton des Briefes, daß er hier nicht einen servilen Kriecher und Jajabruder vor sich hatte, sondern einen aufrechten Menschen, einen, der über Nacht etwas wie ein Charakter geworden war. Dieses war sein erster Eindruck beim Lesen des Briefes. Bald ging ihm freilich ein besseres Licht auf. Der junge, ungefestigte Schulmeister war natürlich auch ein Opfer der Verführungskünste des pietistischen Schusters geworden.
Am Abend dieses Tages, um die Stunde, da gestern der Schuster bei ihm gewesen war, kam Peter auf den Gedanken, den Mann, gegen den er jetzt eine tiefe Dankbarkeit empfand, zu besuchen. Aber als er länger darüber nachdachte, unterließ er es doch. Was sollte er ihm sagen? Ihm saß das Herz nicht so auf der Zunge wie jenem. Er konnte über das, was er in tiefster Seele erlebte, nicht zu anderen Menschen sprechen.